Der Münzfund (600 kg!) von Tomares

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von El Quijote, 29. April 2016.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    In Tomares, Provinz Sevilla, Spanien, hat man gestern bei Kanalarbeiten eine Reihe von 19 Amphoren gefunden, die mit 600 kg Kleinmünzen aus Bronze (3./4. Jhdt.) gefüllt waren. Hauptsächlich der Kaiser Maximinian und Konstantin.
    Bei den Ausschachtungsarbeiten für einen Kanal wurden zehn der 19 Amphoren beschädigt (dabei kamen die Münzen zum Vorschein), die übrigen neun Amphoren sind noch versiegelt.

    Es scheint sich dabei um prägefrische Münzen, teils Pseudo-Denare zu handeln:
    "Asimismo, la mayoría está en flor de cuño, es decir, que no estuvo en circulación por lo que no tiene desgaste"

    Sinngemäße ÜS: Die Münzen, insbesondere solche mit Silberüberzug (Aunque la mayoría de las monedas es de bronce, los arqueólogos también han encontrado algunas bañadas en plata.) sind in der Blüte ihrer Prägung, sie sind also noch nicht im Umlauf gewesen und daher noch nicht abgegriffen.
    Leider sind bisher nur spanische Pressetexte zum Thema zu finden.
    600 kilos de monedas romanas descubiertas en Tomares (Sevilla) | Cultura | EL PAS
     
  2. Agricola

    Agricola Aktives Mitglied

    Interessant. Kann das unser Bild von der Qualität des Denar (Silberüberzug) im 3./4. Jhdt. verändern?
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Dass es hin und wieder mal Epochen gab, in denen sich die Münzqualität verschlechterte (ein Grund, warum die Germanen laut Tacitus die republikanischen bigati und serrati den zeitgenössischen Münzen bevorzugten, wobei fraglich ist, ob das wirklich eine Beschreibung der germanischen Geflogenheiten war oder nicht eher ein Seitenhieb auf das römische Währungssystem) ist ja zunächst einmal nichts Neues.
    Ohne diesen Fund in seiner Bedeutung schmälern zu wollen, so nehme ich doch zunächst einmal an, dass die Qualität der Münzen des 3./4. Jhdts. (im Guten wie im Schlechten) für die Numismatiker kein unbekanntes Feld ist.
     
  4. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Der Fund tauchte heute auch im SPON auf:
    Spanien: Archäologen heben riesigen Schatz römischer Münzen - SPIEGEL ONLINE

    Erstaunt war ich, dass man die Münzen in Amphoren verstaut hat. Normalerweise würde ich eher an Schüttgut (Getreide oder Flüssigkeiten denken).

    Anscheinend waren das aber spezielle Amphoren:

    (aus dem von El Q. oben genannten Artikel aus El País.)

    Anscheinend handelt es sich dabei um staatliche Amphoren.

    Interessant wäre auch der Fundkontext: wurden diese einfach "irgendwo" aufgrund von unruhigen Zeiten vergraben oder befanden sie sich in einem Schatzamt. Ich bin gespannt, was die Archäologen noch herausfinden.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das sind Beschreibungen der Münzen, nicht der Amphoren.

    Die Frage habe ich mir auch gestellt.
    Da es sich um wohl ungelaufene Münzen handelt, würde es mich nicht wundern, wenn ein "Beamter" oder eine Gruppe von "Beamten" sie über Jahre "zur Seite" gebracht hat.
     
  6. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    ähm, absolutamente correcto, mea (mi) culpa :rotwerd:.

    Da steht ja auch im Satz vorher: antes de describir las monedas::red: Wieder mal "tomates ante ojos":D

    Möglicherweise sind wir hier einem Korruptionsskandal auf der Spur:devil:.
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Fleißige hispanophone Wikipedianer haben zum Schatzfund schon einen Wiki-Artikel auf Spanisch erstellt:

    https://es.wikipedia.org/wiki/Tesoro_de_Tomares

    Is' noch ein bißchen dünn, aber warten wir ab, was noch an Informationen kommt.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich frag mich gerade, ob Constantinus oder evtl. Constantius gemeint ist. Im Text steht Constantino (Constantinus), dabei würde Constantius besser passen, da in der Tetrarchie Maximinian Augustus des Westreiches und zeitgleich Constantius Caesar des Westreiches war. Damit würde auch meine Hypothese des über Jahre beiseite Schaffens fallen. Wenn es sich aber tatsächlich um Münzen Maximinians und Constantinus' handelt, dann würde meine Korruptionshypothese stehen, wobei die Menge des beiseite geschafften Materials dann doch extrem hoch wäre und auf eine ziemliche Raffgier hindeuten würde. Daher auch meine obige Aufweichung der Hypothese, dass es sich womöglich nicht um einen einzelnen Beamten sondern um eine ganze Gruppe handelte.

    Dummerweise haben wir - abgesehen von Inschriften und archäologischen Zeugnissen - für die hispanischen Provinzen recht wenig Information zwischen dem augusteischen Zeitalter und der Völkerwanderungszeit. Historiographisch waren diese Provinzen doch abgesehen von einem Einfall aus Mauretanien im 3. Jhdt. und den Bagaudenaufständen gegen Ende des 4. Jhdts. recht langweilig. Aus den historiographischen Quellen dürfte es also schwieirg sein, einen Grund zu finden, warum die 19 Amphoren versteckt und nicht wieder geborgen wurden, wenn es darum ging, das Geld einfach zu schützen (also kein Korruptionsskandal).
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. April 2016
  9. Hermundure

    Hermundure Aktives Mitglied

    Hier handelt es sich nicht um "Pseudo-Denare", sondern um Silvered Follis. Denare wogen nur im Schnitt 3,5 gr. bzw. spätere Doppeldenare (Antoniniane) ca. 4-5 gr. und darunter (Münzinflation). Die Folles hingegen wurden unter Diocletianus im Rahmen der Münzreform eingeführt. Diese wogen im Schnitt ca. 10 gr. Das nur mal so am Rande.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Sammlerwert der Münzen wird auf 70 €/Stück beziffert, die Finder sollen davon die Hälfte erhalten. Also 35 €/Münze. Bei 50.000 Münzen (Schätzwert) ca. 1,75 Millionen €, die da auf die Arbeiter verteilt werden. Für die städtischen Arbeiter aber sicher ein willkommenes Zubrot. Ich frage mich allerdings, aus welchem Topf das ganze bezahlt werden soll.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Mai 2016
  11. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Maximinian war im Übrigen vermutlich gar nicht so weit von Tomares entfernt. In Cercadilla (Bahnhofsviertel von Córdoba, extramuros) vermutet man in römischen Ruinen den Palast von Maximian, der sich in Andalusien aufhielt, um der Piraterie im Umfeld der Straße con Gibraltar Herr zu werden. Im Zusammenhang mit der Piraterie könnte auch die Verbergung der 19 Amphoren stehen.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die bei uns als Soldatenkaiserzeit bekannte Phase des römischen Reiches im 3. Jhdt. wird in der spanischen Geschichtswissenschaft als Anarquía Militar (ÜS wohl nicht notwendig, oder?) bezeichnet. In diese Phase fallen die maurischen* Überfälle auf die Baetica (Baetis = Guadalquivir, Baetica ~ Andalusien (im Osten etwas abgeschnitten, dafür etwas weiter nach Norden reichend)).
    Dies hatte dazu geführt, dass die andalusischen Städte befestigt wurden. die Städte in Zentral- und Nordhispanien dagegen waren eher nachlässig behandelt worden. Hispania lag einerseits an der Peripherie des Reiches, andererseits aber ohne Außengrenzen. Daher war eine Befestigung der hispanischen Städte seit Augustus nicht mehr notwenig gewesen. Im 3. Jhdt. aber gab es mehrere Rheinüberschreitungen von Franken und Alamannen (258, 276). Die Alamannen zogen 258 und 276 erneut durch das Rhonetal Richtung Pyrenäen überschritten diese und zerstörten v.a. entlang der Küste viele hispanische Städte. Die Franken kamen 258 die andere Route, über die Maas, eher entlang der Atlantikküste und zerstörten zunächst Pamplona und landeten schließlich in Lusitanien (Portugal u. Extremadura). Aus dieser Zeit finden sich neben Zerstörungshorizonten auch viele Münzhorte, die nicht mehr geborgen wurden.
    In Gallien selbst kam es kaum zu Zerstörungen, weil es hier - im Gegensatz zu Hispanien - Truppen gab.
    Die Frage ist nun, ob die maurischen und germanischen Invasionen in die Hispania, wovon die letzte 276, also neun/zehn Jahre vor dem Regierungsantritt Diokletians/Maximians stattfand, eine Erklärung für die Verbergung der 19 Münzamphoren sind. An die Invasionen wird man sich noch gut erinnert haben. Aber gab es einen konkreten Anlass.


    *Wir reden hier vom 3. Jhdt., also bitte nicht mit den Ereignissen von 711 ff. verwechseln.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wer zufälligerweise heute noch schnell nach Sevilla fliegt: Heute gibt es im archäologischen Museum einen Vortrag zum Münzschatz von Tomares.
     
    Carolus gefällt das.

Diese Seite empfehlen