Der Serbien-Feldzug 1914

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Solwac, 23. März 2015.



  1. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    An anderer Stelle hier wurden die diplomatische Vorgeschichte oder Kriegsverbrechen diskutiert, die militäre Seite hingegen kam meistens zu kurz.

    In den Jahren vor dem Krieg wurden immer wieder Forderungen nach einem k.u.k. Angriff auf Serbien laut, zuletzt 1913.
    Neben den Plänen zur Mobilmachung gab es zwei Pläne: B (Balkan) und R (Russland). Plan R hätte ca. 80% der Truppen gegen Russland gestellt und nur wenige Truppen auf dem Balkan gelassen. Bei Plan B wären etwa 50% der Truppen auf dem Balkan eingesetzt worden.

    Trotz der Diplomatie während der Juli-Krise und des geplant als nicht erfüllt bezeichnetem Ultimatum wurde die Mobilisierung Serbiens nur mit einer Teilmobilmachung beantwortet. Die Generalmobilmachung folgte erst sechs Tage später.

    Insgesamt wurden über 3,3 Mio. Soldaten mobilisiert, von denen 1,5 Mio. Feldtruppen waren. Bedingt durch die mangelnde industrielle Basis und die Bevorzugung der Landwehr durch die beiden Landesteile war nur das aktive stehende Heer gut ausgerüstet. Die mobilisierten Reserven hatten größere Mängel bei der Ausrüstung und auch die Landsturmeinheiten waren nur unzureichend für die Erfordernisse im Feld gerüstet.

    Da die Mobilisierung und erste Transporte mit der Eisenbahn nur langsam erfolgten, kamen mitten in den Aufmarsch gegen Serbien neue Anforderungen von der russischen Front. So wurde die 2. Armee vom Balkan nach Galizien verlegt und zur Entlastung Deutschlands ein Angriff auf die russischen Truppen befohlen. Für den Angriff auf Serbien blieben ca. 500.000 Mann, davon 380.000 Feldtruppen. Dem gegenüber standen ca. 420.000 Serben (250.000 Feldtruppen). Die serbischen Truppen waren schlechter ausgerüstet, aber auch bei den k.u.k.-Truppen war (Artillerie-) Munition knapp. Mitte August kam es zur Schlacht bei Cer. Die k.u.k. 5. Armee überquerten die Grenzflüsse, kamen aber aufgrund des schwierigen Geländes, wegen Nachschubschwierigkeiten und durch den unerwartet zähen Widerstand der Serben nur langsam vorwärts. Nach einigen Tagen und nur 35km Geländegewinn wurde der Befehl zum Rückzug gegeben. Insgesamt 12% Verluste und die Schmach, vom kleinen Serbien zurück gedrngt worden zu sein, standen Ende August zu Buche. Auch die beiden weiteren Schlachten an der Drina im September und an der Kolubara Ende des Jahres brachten keine Erfolge.

    Neben den materiellen Problemen zeigte sich, dass die nur schwache numerische Überlegenheit in schwierigem Gelände gegen motivierte Gegner scheitern musste. Die ursprünglich im Plan B zugedachten Truppen hätten sich wahrscheinlich ebensowenig mit Ruhm bekleckert, aber wohl mit ihrer Überzahl den Erfolg erzwingen können. So konnte Serbien deutlich länger als gedacht Widerstand leisten und die k.u.k.-Truppen an ihrer Südflanke binden. Erst der Eintritt Bulgariens brachte hier Entlastung.

    Vieles kann ich nachvollziehen, den Angriff ohne numerische Übermacht allerdings nicht. Gab es neben der Unterschätzung der Serben noch andere Gründe?
     
  2. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Conrad war der erhöhte Kräftebedarf gegen Russland und dessen stark verbesserte Aufmarschgeschwindigkeit bekannt. Trotzdem glaubte er in dem kurzen Zeitfenster zwischen Erlangung der Operationsbereitschaft gegen Serbien und der eigentlich gegebenen Notwendigkeit des Abtransportes der 2.Armee nach Nordosten gegen Serbien zu einen militärisch entshiedenen Erfolg zu kommen. Potiorek hatte Conrad beispielsweise 1913 darüber informiert, dass eine nachhaltige Offensive erst in der dritten Mobilisierungswoche möglich sein dürfte.

    Die Realisierung von Conrads doch recht phantastischen Vorhaben hing natürlich vom Operationsplan gegen Serbien ab. Der litt aber wie der Aufmarschplan aber daran, das es eine erhebliche Diskrepanz zwischen Ziel, verfügbare kräfte und Zeitplan gab.

    Das war es auch schon.
     
  3. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Mit der 2. Armee wären mehr Truppen da gewesen, richtig. Aber schon während des Aufmarschs war klar, dass der Fall B nicht in Reinform möglich war. So wurde die 2. Armee zuerst nur zur Ablenkung eingesetzt, was aber den Serben schon einige Tage vor dem ersten Angriff klar wurde. Also auch ohne die Russen wurde schon die Zahl der Truppen für die Schlacht von Cer festgelegt.

    Aber der Angriff ohne Überzahl entsprach erstens nicht den Erfahrungen* und zweitens ergab sich so zwangsläufig kein schneller Sieg gegen Serbien. Sind die Planungen vor dem Krieg wirklich von so viel Hoffen zusammen gehalten worden?

    *Die ersten Angriffe in Galizien wurden auch ohne größere Überzahl gestartet und verliefen im Gegensatz zur serbischen Front erfolgreich. Allerdings sind die zeitliche Entwicklung des Aufmarschs und die Kampfbedingungen nicht einfach vergleichbar.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wie oben schon ausgeführt: Der Fehlschlag in Serbien 1914 ist auf operative Schnitzer, Chaos in der Mobilisierung und Folgefehler aus der Umdisposition der B-Staffel zurückzuführen.

    Der Kommandierende Oskar Piotorek betrieb Offensivpläne, für die er schon in seinen Arbeiten im Generalstab vor 1890 bekannt war. Die gedachte er mit seiner "Minimalgruppe Balkan", die temporär durch die 2. Armee aus der B-Staffel bis zum 18.8. verstärkt sein sollte, schnellstmöglichst auszuführen. Von Conrad war ihm auftragsweise nur als ein Ziel Deckung gegen eine gegnerische Offensive über die Donau nach Ungarn hinein vorgegeben, aber keine Untersagung, selbst offensiv zu werden, sozusagen begrenzte Offensive mit defensivem Ziel.

    "While worried about these shortcomings numerical weakness, Potiorek nonetheless indicated that he would conduct an offensive defense in case of
    war, a concept with which Conrad agreed." (siehe Tagebuch des FZM O. Potiorek, Nachlass-Sammlung, A-3, Rothenberg, S. 132).

    Den Aufmarsch begann er mit dem 26.7., und sandte die Operationspläne am 13.8. an Conrad. Die 2. Armee im Norden war dabei zeitlich begrenzt mit eingeplant, Grundlage war die Unterstellung der serbischen Pläne, mit den begrenzten schwachen Kräfte die größeren Städte ringförmig zu verteidigen. Daher lag eine Umfassung nahe. Die öu-Order Nr. 1 vom 4.8. gab vor, die 2. Armee (Potioreks Nordzange) ab dem 18.8. an die russische Front abzuziehen (früher war auch wg. der Transportverhältnisse nicht möglich), jedoch das VIII. Korps und eine weitere Division zurückzulassen. "Minimalgruppe Balkan" wurde in "Balkanstreitkräfte" umbenannt.

    Auf der Basis der zeitlichen Verfügbarkeit der stückweise abfließenden 2. Armee plante Potiorek seine Umfassungen mit 6. Armee im Süden, 5. Armee im Westen und Teilen 2. Armee im Norden.

    Der Plan - obwohl optimistisch - machte durchaus Sinn. Durch den stückweisen Abzug der 2. Armee würde Potioreks Nordflanke entblößt, was er dadurch auszugleichen trachtete, bis zu diesem Zeitpunkt über Drina und Donau vorzustoßen und Valjewo einzunehmen, die Nordflanke damit abzusichern. Der Plan wurde somit durch den Abzug der 2. sogar förmlich forciert. Ambitionen, Serbien komplett auszuschalten, lagen nicht im Bereich dieser "offensiven Defensive" - Flucht nach vorne. Insofern ist eine Relativierung der Beurteilung der Pläne Potioreks geboten. Warum scheiterte nun auch diese begrenzte Offensive?

    Problem war dabei, dass

    - die drei öst. Armee getrennt voneinander operierten, ohne gegenseitige Unterstützung
    - der ab 12. beginnende Vormarsch wegen fehlendem Brückengerät aus der Mobilisierung stockte und sich erheblich verzögerte (insbesondere gelang der 2. nicht der glatte Flussübergang)
    - die serb. Kräfte sich auf die 5. Armee im Zentrum ohne Sorgen um die Flanken konzentrieren konnten (mit 9 Divisionen)
    - die öst. Divisionen im engen Zeitplan teilweise aus der Eisenbahn heraus mit 48 Stunden Marsch, unsortiert, geschwächt, ins Gefecht geworfen wurden.

    Mit den lokalen Fehlschlägen bei Cer und auch im Süden bei der 6. wurde der Rückzug auf die Ausgangsterritorien befohlen, die Truppen hatten rund 10% der Ausgangsstärke und den Abzug bestimmter Teile der 2. Armee zu verzeichnen.

    Es schlossen sich dann die Fehlschläge der serbischen Offensivversuche, befeuert durch den Ausgangserfolg vom August, an. Dem folgenden österr. Offfensivversuch nach Ersatzzuführungen an die 5. und 6. Armee schloss sich wieder eine serbische Gegenoffensive an. Der Teil ab September ist ein situatives und verlustreiches "Hin und Her" jeweils ohne Ambition, die völlige Entscheidung zu suchen (was auch nicht im Bereich des Möglichen lag).

    Das ist alles natürlich arg komprimiert dargestellt. Detailliert hier:

    Günther E. Rothenberg: The Austro-Hungarian Campaign against Serbia in 1914, JoMH 1989, S. 127-146
    James M. B. Lyon: "A Peasant Mob": The Serbian Army on the Eve of the Great War. JoMH 1997, S. 481-502
    Wawro: A Mad Catastrophe: The Outbreak of World War I and the Collapse of the Habsburg Empire, 2014.

    und eher im atmosphärischen Überblick, den Schwierigkeiten der Mobilisierung, als in operativen Details des Serbienfeldzugs gut:
    Rauchensteiner, Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger Monarchie.
     
  5. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Danke für die Zusammenfassung!

    Wann wurde der Befehl an Piotorek gegeben? Denn wenn der Aufmarsch schon am 26. juli begonnen wurde, standen ja zunächst nur Teile der Armee zur Verfügung (waren das die Truppen für den Balkan?) und noch konnten keine Erkenntnisse über die Bewegungen des Gegners einbezogen werden.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bzgl. Serbien hatte man bis zum Start nichts Konkretes, sondern nur die Vermutung der ringförmigen Verteidigung im Rückraum um die größeren Städte.

    Das Datum wird nicht genannt, es muss zwischen dem 30.7.1914 (Potiorek sendet seine Pläne an Conrad) und dem 4.8.1914 (Allgemeiner Operationsbefehl Nr. 1) liegen, also vor dem 12.8.1914.

    Auch nach dem 12.8. rollten österr. Regimenter noch direkt vom Zug über 48-Stunden-Märsche heran.
     
  7. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    @silesia

    Der Aufmarsch soll am 26.07., also schon zwei Tage vor der eigentlichen Kriegserklärung, Österreich-Ungarns an Serbien begonnen haben?

    Bei Jerabek steht zu lesen, das Potiorek am 30.07.die Versammlung des Gros der Truppen der 6.Armee bei Sarajewo und östlich davon anordnete.
    Mir diesem Aufmarschbefehl bereitete Potiorek die von ihm in jedem Fall beabsichtigte aktive Verteidigung der Grenze vor, indem er die Masse der 6.Armee nach Norden zog, um zur Offensive auf Uzice antreten zu können. Ein umfassender Angriff sollte nach einem Entwurf vom 31.07. den Hauptangriff der 5. und 2.Armee unterstützen.

    Doch die Ausweitung des Krieges, von der Potiorek noch am 31.07. erfahren hatten verunsicherten des Feldzeugmeister. In seinem Tagebuch steht unter dem Datum des 01.08.14: "Ich bin mometan in meiner operativen vordenkenden Geistesarbeit gehemmt, daß ich nicht weiß, ob beabsichtigt ist, trotz des eingetretenen Falls R. zumnächst mit der für den Fall B. mobil gemachten Kraft einen Schlag gegen Serbien zu führen und sich dann erst mit ganzer Macht gegen Rußland zu wenden, ober ob im Südosten von Anfang nur das 15., 16. und 13.Korps gelassen bleiben werden."

    Die Lage spitzte sich bekanntermaßen zu, als am 31.07. auch das Deutsche Reich mobil machte und Wien bedrängte nun alle kräfte gegen Rußland aufzubieten. Entsprechende Besprechungen am 31.07. und am 01.08. ergaben die Unmöglichkeit den großen B-Aufmarsch abzubrechen, obwohl nunmehr nur noch die 5. und 6.Armee im Süden verbleiben sollte.Allerdngs hatte Conrad mit Datum des 31.07. auch auf das zur B-Staffel gehörende VIII.Korps bereits verzichtet und damit die minimalen Balkankrafte auf vier Korps vermehrt.

    Mittags am 31.07.erhielt Potiorek Kenntnis davon, dass vorerst alles drei Armeen am Balkan aufmarschieren würden. Potiorek rechnete mit einer Operationsbereitschaft am 13.08.14 .
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. März 2015
  8. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Irgendwie gehen für mich gerade ein paar Daten quer...

    Ich versuche es für mich noch einmal aufzudröseln:
    -vorher: Pläne B und R mit unterschiedlichen Schwerpunkten
    - 25.7.: Teilmobilmachung (welche Truppenteile waren dadurch als erste kriegsbereit, dazu kam ja noch das stehende Heer?)
    - 26.7.: Aufmarschbeginn (dies muss im Rahmen der Mobilmachung abgelaufen sein, denn die Pläne waren starr und die Transportwege überlastet)
    - 13.8.: Operationspläne gingen an Conrad (aber doch schon am 12.8. wurden die Grenzen überschritten?)
    - 18.8.: Große Teile der k.u.k. 2. Armee wurden an die russische Front abgezogen, dies stand schon länger fest

    Richtig?
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Am 26.7. wurde die Mobilmachung gegen Serbien unterschrieben:
    "Am 26. Juli waren zugleich mit der Weisung zur Mobilmachung gegen Serbien auch die kaiserlichen Entschließungen über die Suspendierung der staatsbürgerlichen Rechte unterschrieben worden"
    Rauchensteiner, S. 155.

    Potiorek bereitete den Aufmarsch mit der Ausruf des Alarmzustandes an alle Einheiten am 26.7. vor. Entsprechend der Kriegsvorbereitungsphase heißt das Rückruf der Truppen in die Kasernen, Sicherung von Plätzen und Grenzen etc.

    Die Proklamation gegen Serbien hing (Rauchensteiner) am 27.7. überall aus.

    Am 29.7. rollten die Transportzüge aus den MOB-Bereichen nach Süden.

    Den Operationsplan reichte Potiorek am 30.7.1914 ein, wie oben dargestellt, und nicht am 13.8. Der Vormarsch der 5. Armee begann am 12.7. über die Drina und Sava. Am 31.7. hatte Conrad den Aufmarsch nach altem Schema Potiorek bestätigt, der Abzug von Teilen der 2. Armee bis auf VIII. Korps war ab 18.8. angekündigt.
     
  10. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Das ist aber dann doch etwas anders als diese Ausführung von dir.:winke:

    Der tatsächliche Aufmarsch begann dann also wie Jerabek ausführt am 30.07. .
     
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Folgt man Rauchensteiner, so lag ein Problem beim Gelingen des Feldzugs auch in der Person Potioreks.

    (Als der Thronfolger Franz-Ferdinand mit seiner Gattin nach Sarajevo reist will er den von Potiorek geführten Manövern beiwohnen. Nachdem Franz Conrad von Hötzendorf auf Sicht abgelöst werden soll, will Franz-Ferdinand seinen persönlichen Favouriten der Nachfolge, nämlich Potiorek, in näheren Augenschein nehmen. Nun ist Potiorek aber auch für die mangelhaften Sicherheitsmaßnahmen zum Schutze des hohen Besucherpaares verantwortlich. Die Ermordung des Thronfolgers und seiner Gattin traf Ptiorek also zumindest gleich doppelt.)

    „Potiorek wollte einen Rachefeldzug führen. Er war voll bitterer Hassgefühle“ (Seite 180)
    „Potiorek empfand nun zwar einen eine Befriedigung darüber, dass ihm das Kommando über „seinen“ Krieg übertagen worden war.....
    „Das sollte „sein“ Krieg werden, seine Strafexpedition, mehr noch: seine Rache für Sarajevo. Denn natürlich trug er schwer an dem Vorwurf einer Mitschuld an der Ermordung des Thronfolgerpaares.“ (Seite 181)

    Anders als etwa Conrad, dessen Urteil und Handeln gem. Rauchensteiner sich „aus kühler Berechnung“ speiste, war Potiorek im Gegensatz dazu in seinem Handeln stark emotional bestimmt.
    „Da [bei Conrad von Hötzendorf] kam Rache nicht vor. Bei Potiorek wohl. Und das machte die … Ernennung des Feldzeugmeisters zum Oberbefehlshaber der k.u.k. Balkanstreitkräfte so problematisch“ (gleiche Seite)

    Zitiert: Rauchensteiner, Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger Monarchie.


    In der Folge wird sich Potiorek nicht nur als sperrig bezüglich Gesamtstrategie der Monarchie erweisen, sondern auch seine Truppen über die Grenze der körperlichen Erschöpfung in die Offensive treiben.
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Es liegt natürlich nahe, für das August-Desaster an der Balkanfront einen Sündenbock zu suchen, und Potiorek bietet sich dafür aufgrund seiner persönlichen Beziehung zum Sarajewo-Attentat wie geschildert an.

    Rauchensteiner folgt hier vermutlich der Jerábek-Biographie zu Potiorek (die ich nicht kenne).

    Einiges ist aber nicht stimmig. Nimmt man Hackl, Der Offensivgeist des Conrad ..., so wird zB mit Bezug auf Jerábek ausgeführt:

    "„In wichtigen Zeiten kommunizierte er direkt mit dem Kaiser (de facto mit Bolfras, dem Chef der Militärkanzlei des Kaisers) und nütze diese Verbindungen in Wien aus“ um seinen Willen durchzusetzen. „Conrad stimmte schließlich zu, dass Potiorek das VIII. (Prager) Korps behalten dürfe, das Tausende tschechische Soldaten umfasste, die er nicht unbedingt gegen Russland aufstellen wollte; dieser Großverband schloss sich Rhemens XIII. (Agramer) Korps in der 5. Armee an.“

    Hier wird deutlich, wie Conrads Verantwortung in der Nachkriegsdiskussion um die Verantwortung für das Desaster relativiert wird, während Potioreks Intrigen betont werden.

    - bereits das Verbleiben des VIII. Korps hat nichts mit Intrige zu tun, und ist auch nicht so spät abgerungen worden (am 18.8.), sondern lag bereits zwischen 30.7. mit Einreichung des Offensivplans und dem 4.8. (Operationsbefehl Nr. 1).

    - Conrad gab den Planungen freie Hand. Das ist Kompetenz und Verantwortlichkeit des vorgeordneten Kommandos, und offensichtlich gab es keinen Widerstand gegen das rasche Vorgehen. Wenn aber das Oberkommando dieses überhaupt "genehmigt", muss es zugleich für die notwendigen "Mittel" sorgen. Hier war das nicht der Fall, durch die verzögerte Flankierung der 2. Armee über die Donau, und deren (operativ nutzlosen, wie sich dann erweist) - Abzug.

    Ganz so einfach wie es sich Rauchensteiner auf der zudem dürftigen Quellen- und Literaturbasis (Stone, Redlich, Jerábek, Peball) macht, ist es also nicht. Der Fehlschlag ist mE nicht allein dem Ehrgeiz oder persönlichen Ambitionen eines Einzelnen zuschreibbar, - auch wenn dies durch die Person und ihre "Verstrickung" in das Sarajewo-Atttentat eine gewisse Faszination aufweist - sondern kollektives Versagen.

    Hier wird außerdem wieder das Forschungsdesiderat zur ÖU-Operationsgeschichte im Ersten Weltkrieg (ebenso wie zur deutschen) im Ersten Weltkrieg deutlich (analog zum Mehrteiler DRZW). Stand der Dinge ist immer noch - völlig unzureichend und tendenziös - das Generalstabswerk "Österreich-Ungarns letzter Krieg 1914-18", daneben gibt es nur grobe Überblicke wie Stones "Eastern Front" etc.
     
  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    Silesia,

    ich wollte nicht den Eindruck erwecken Rauchensteiner so verstanden zu haben, dass er in der Person Potioreks den eigentlichen Grund des Scheiterns sah.
    Ein nicht unwesentlicher Aspekt, so verstehe ich es, aber ist, gem. Rauchensteiner, in der mangelnden emotionalen Distanz eines Mannes zu vermuten, der eine sehr persönliche Rechnung zu begleichen hatte.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das kann man operationsgeschichtlich mit Rauchensteiner vermuten, obgleich man dazu in der Vorgehensweise von Potiorek keinen wirklichen Beleg findet.

    Zum Vergleich dazu einmal die Quintessenz der militärischgeschichtlichen Analyse von Rothenberg:

    "Accepting that the Austro-Hungarian strategy was flawed, the fact remains that the basic cause for the defeat in Serbia was the general unpreparedness of the Habsburg army for war. The politics practiced in Vienna and Budapest, the result of mutual nationalist aspirations as well as the continued alienation between the military and the rising liberal parties, all contributed to an unwillingness to spend enough to maintain effective armed forces. And when the danger finally became clear, it was too late to be remedied. As a result, the Habsburg army went to war in 1914 with a dozen fewer divisions and without the trained reserves and the modern material which would have been available if more funds had been allocated and more men had been called up before 1912. It seems possible that even better commanders than Conrad and Potiorek could not have solved this problem."

    siehe oben, JoMH 1989, S. 145.
     
  15. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Ich habe eine Frage zum chaotischen Aufmarsch der k.u.k. Armee.


    Im Winter 1913/14 hatte ein Eisenbahnkriegsspiel stattgefunden. Teilnehmer waren aus dem Operations- und Eisenbahnbüro sowie den zivilen Eisenbahnverwaltungen Österreichs und Ungarns.
    Zugrunde gelegt wurde die Annahme, dass am 8.Mobtag gegen Serbien Russland in den Krieg eintreten würde. Der 9.Mobtag würde also den 1.Mobtag gegen Russland darstellen und ein Abdrehen der B-Staffel nach Norden zwingend notwendig machen.
    Die Vorschläge des Operationsbüros wurden als unrealistisch abgelehnt und die Eisenbahner stellten fest, dass aus eisenbahntechnischen Gründen das Abbrechen des reinen B-Aufmarsches zugunsten des R-Aufmarsches unmöglich sei!

    Wurde Conrad dieser an Wichtigkeit kaum zu überschätzender Befund Conrad eigentlich in aller Deutlichkeit vorgestellt?
    Immerhin hatte Conrad die Eisenbahnfachleute ja bereits 1909 angewiesen, dass die Verbände der 2.Armee jederzeit aus dem laufenden B-Aufmarsch auszugliedern sein und zu dem nördlichen Hauptkriegsschauplatz zu transportieren sind.
     
  16. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Christopher Clark reisst die Thematik in den "Schlafwandlern" mehrmals kurz an.

    Bei einer Ministerratssitzung in Wien am 7. Juli 14 warf Kriegsminister Krobatin die Frage auf, wie sich ein Eingreifen Russlands nach Anlaufen des Plan B (Balkan) auswirken würde. Conrad erwiderte, dass dann ein grosser Teil der Armee nach Nordost verlagert werden müsse. Clark schreibt erstaunt, dass Conrad nicht erklärte, wie "das logistisch hochkomplexe Unterfangen ... zu bewerkstelligen sei". Und das auch keiner der Minister nachfragte (S. 545, deutschsprachige Ausgabe 2013).

    Später schreibt Clark (S. 550 f.) "Die folgenschwere Option einer russischen Generalmobilmachung ... wurde von den österreichischen Entscheidungsträgern ... mit Sicherheit wahrgenommen." Um dann wieder verwundert anzufügen: Aber sie wurde nie in den Entscheidungsprozess (Krieg gegen Serbien) einbezogen.

    Und auch bei einer Sitzung am 19. Juli (S. 580) wurde die Möglichkeit einer russischen Intervention nur oberflächlich erörtert. "Conrads Kommentare ... konzentrierten sich ausschließlich auf den Plan B(alkan)" ... statt auf Plan R(ussland)" Auch hier hakte keiner der Minister nach.

    In dem Buch geht es natürlich nicht um militärische Details. Aus den wenigen Fundstücken würde ich auf deine Frage antworten:

    Der Idiot hat es gewusst und komplett ausgeblendet.
     
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  17. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Ist diese Frage eigentlich nach dem Krieg angegangen worden?
     
  18. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Es geht ja noch weiter.

    Unter der Leitung von Potiorek wurde vom 16.04 bis 18.041914, nicht zum ersten Male, ein Kriegsspiel, quasi die Generalprobe für den August, welches den österreichischen Angriff gegen Serbien zum Gegenstand hatte, statt.

    Sehr zum Missfallen Potioreks war das Ergebnis ein serbischer Sieg. Der 6.Armee unter Appel war es nicht gelungen, die über die untere Drina liegende 5. Armee zu unterstützen. Schon vorher hatte Krauss Conrad eindringlich geraten von einem Angriff über die Drina Abstand zu nehmen.

    Konsequenzen wurden keine gezogen und das verheerende Ergebnis ist bekannt.
     
  19. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das erstaunt mich echt.
    Ich versuch mir das mal vorzustellen:
    Knapp ein halbes Jahr vor der Kriegserklärung an Serbien machen die sowas mit dem Ergebnis?

    Gibt es Link dazu?

    P.S.: schön dass Du mal wieder da bist.:winke:
     
  20. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Ein Link habe leider nicht, dafür aber Literaturhinweise.:winke:

    Rudolf Jerabek: Potiorek, S.105 der sich auf

    Norman Stone: Die Mobilmachung der österreichisch-ungarischen Armee, S.73 bezieht.



    Ich finde das auch alles sehr erstaunlich.
     

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