Deutsche Kriegsziele im Frühjahr 1918

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Neddy, 27. Oktober 2018.

  1. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied


    Auf was für merkwürdige Ideen man beim abendlichen Sch...Pferdeäpfel Schaufeln kommt: Möglicherweise sind das jetzt einfach nur uninformierte Fragen von mir, da ich mit der aktuellen Literatur zum WK I nicht vertraut bin. Allerdings ist mir bislang nichts untergekommen, was sich mit diesen beschäftigt htäte. Die Suche hier gab auch nichts her. Nun denn:

    Hatte die deutsche Reichsleitung im Vorfeld ihrer Frühjahrsoffensive 1918 in irgendeiner Form abgestimmte und dokumentierte Kriegsziele? Also Kriegsziele wenigstens der 3. OHL, die ggf. sogar mit Kaiser und/oder Reichsregierung und/oder Reichstag vereinbart waren?
    An welcher Stelle einer erfolgreichen Offensive wollte man versuchen, die Ententemächte politisch zum Aufgeben zu bewegen?

    Welche Friedensbedingungen hatte man vor, ihnen aufzuerlegen bzw. vorzuschlagen?
    War ein Frieden zum Status quo ante auf Grund auch der deutschen Erschöpfung ernsthaft angedacht? Oder war man so von den eigenen Fähigkeiten überzeugt, dass man immer noch einen Siegfrieden mit Zugewinnen anstrebte?

    Womit sollte das britische Empire, womit die USA zu einem Friedensschluß bewegt oder wenigstens an den Verhandlungstisch gelockt werden?

    Hatte man ernsthaft damit gerechnet, dass, selbst bei einem durchschlagenden Erfolg der Frühjahrsoffensive - Nachhaltige Zerschlagung der Front, Marsch auf bzw. Umzingelung bzw. Einnahme von Paris, meinetwegen Kapitulation Frankreichs bzw. Sonderfrieden mit Frankreich - Briten oder Amerikaner bereit gewesen wären, ebenfalls Friedensverhandlungen aufzunehmen?

    Oder hat man mit der Offensive einfach mal angefangen nach dem Motto: "Tun wir ihnen nochmal so richtig weh und schauen, wofür das dann reicht?"

    Hintergrund der ganzen Fragebatterie ist u. a. auch die - nun etwas spekulative - Frage, ob eine vom Deutschen Reich dominierte Friedensordnung nach Betrachtung der aktuellen deutschen Kriegsziele nachhaltiger geworden wäre, als der Frieden von Versailles. (Ich vermute(!): keineswegs)

    Oder hätte man sich deutscherseits - ähnlich wie in Brest-Litowski - ebenfalls auf Kosten der unterlegenen Mächte derart ausgetobt, dass man sich auch nach einem Erfolg der Mittelmächte in Frankreich innerhalb der nächsten 20 Jahre wieder auf europäischen Schlachtfeldern getroffen hätte?
     
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  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Als Einstieg der kurze Artikel von Löffelbein in der Weltkriegs-Enzykl.
    https://encyclopedia.1914-1918-onli...aims_discussions_germany-2017-09-06.pdf#page6

    Aus dem Aufsatz von Roger Chickering, Strategy, Politics, and the Quest for a Negotiated Peace, The German Case, 1914–1918 (aus Afflerbach: Der Sinn des Krieges)

    The German quest for a compromise peace had a coda, in which Ludendorff himself played a bizarre role. For a brief moment in the spring of 1918 it appeared that the general’s ferocious resistance to a compromise peace would be vindicated – and this with the support of the Reichstag. Late in 1917 his armies won the war in the east. The ensuing negotiations at Brest-Litovsk resulted in a draconian treaty that not only documented Ludendorff’s understanding of a compromise peace. The ratification of the treaty by a majority in the Reichstag also threw a revealing light on this institution’s understanding of the same concept.

    Ludendorff thereupon set out in the spring of 1918 to win the war in the west. The initial success of the great German offensives in France, towards which his strategic and political thinking had been oriented since the summer of 1916, raised prospects that the war would end in a magnificent German military triumph and a peace that would, like Brest-Litovsk, reward the most ambitious visions of a Siegespreis. By July, however, with the Allied counteroffensives, the collapse of these hopes became undeniable.


    Das steht also im Kontext von Deutscher Vaterlandspartei und "Siegespreis"-Debatte 1917. Soweit militärisch dominiert, bestand das politische Kriegsziel im Frühjahr 1918, konträr zu den Realitäten, nicht einem operativen (ordinären) militärischem Triumph, der etwa lediglich nur einen Kompromißfrieden beschleunigen sollte.
     
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  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Wie wenig die operativen Ansätze zu dem unveränderten Ansatz einer Vernichtungsschlacht ...

    (Ludendorff, konträr unten zu Hindenburgs Nachkriegs-Resümee, dass eher darauf zielte, man hätte die Hinterland-Logistik entscheidend treffen müssen und die strategische "Naht" der Ententefronten aufrollen können - operativ mit Durchbruch an der Naht und weiträumig ganz im Stil der Roten Armee 1942/44) ...

    passten, zeigt die folgende Passage zur Aresens-Konferenz im Januar 1918.

    Passage aus Zabecki, The German 1918 Offensives, A case study in the operational level of war:

    By striking at the British at their juncture with the French, the Germans would be following the Napoleonic formula for defeating a coalition: Attack the weakest member at its weakest point, and then defeat the other members in detail. With the German troops trained for infiltration tactics, the shattered ground of the Somme area, with its maze of trenches, ditches, craters, and cellars, actually worked to the advantage of the attacking infantry—but not of course to the advantage of the following artillery and logistical support. The critical flaw in the German plan was that it was still conceived as a force-on-force operation—a Vernichtungsschlacht—rather than a wedge between the coalition partners and a focused attack on the very vulnerable logistics system of the numerically weaker but more resilient partner. Ironically, Hindenburg in his post-war memoirs clearly identified the logistics vulnerability that Ludendorff never seemed to recognize:
    'Had we reached the Channel coast, we would have touched Great Britain’s very life-cord. By so doing, we not only would have been in the most favorable position for interfering with her communications, but we would also have been able thence, by means of our heaviest calibers, to bombard a portion of Great Britain’s southern coast.'


    Beides, Ludendorffs Vernichtungsschlacht und Hindenburgs Aufrollen der Naht und der Logistik bis zum Kanal*, zielte jedoch auf nichts weniger als den angepeilten Kollaps der Entente-Westfront.

    * interessant vergleichend Mansteins Sichelschnitt 1940 (Ressourcen passend zum operativen Ziel) und Hitlers Ardennenoffensive 1944 (Ressourcen völlig -irrational- unzureichend zum operativen Ziel)
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Interessantes und komplexes Thema. Zwei Aspekte auf die Schnelle

    1. In der Einleitung zu obigem Titel (vgl. Silesia "The Purpose....) hält Afflerbach fest, dass die Kriegsziele auf fast allen Seiten erst während des Konflikts formuliert wurden. Vor dem Krieg gab es keine ausformulierten Kriegsziele, die durch einen Krieg hätten erreicht werden sollen, wobei es natürlich indirekte - meist defensiver Status-quo-erhaltender - Ziele gab.

    2. Mit Verlauf des Krieges wurde der "Burgfrieden" brüchig, da zunehmende Teile - vor allem - der SPD den Glauben an einen "Verteidigungskrieg" angesichts der zunehmend schrillen und aggressiven Kriegszieldiskussion - "Siegfrieden" - aus dem Umfeld der "Vaterlandspartei" verlor. Und führte in deutlicher Abgrenzung zu dem Kurs der OHL/Vaterlandspartei zu der "Friedensresolution" vom Juli 1917, die von der Mehrheit im Reichstag (SPD, Zentrum und Fortschrittliche Volkspartei)

    An der Diskussion über Kriegsziele und Friedensinitiativen ist die enge Beziehung zwischen dem Erfolg auf dem Schlachtfeld und den zu erwartenden innenpolitischen Friktionen bei einem nicht erfolgreichen Ende eines - in diesem Fall - "Totalen Krieges". Eine gute grundsätzliche Diskussion findet sich bei Goeman.

    Das betrifft eine zentrale außenpolitische Diskussion über die Lage der Deutschen Reichs und seine politische Position gegenüber seinen Nachbarn. Vor diesem Hintergrund hatte z.B. Hildebrand und auch Hildebrand mit der semi-hegemonialen Position des Deutschen Reichs in Europa argumentiert. Und die beiden Weltkriege in diesem Kontext als den Versuch angesehen, die unangreifbare Hegemonie in Europa zu erlangen.

    (vgl. S. 27)
    https://books.google.de/books?id=fzy0qiyKd7AC&pg=PA27&lpg=PA27&dq=hildebrand+semi+hegemoniale+position&source=bl&ots=YTBgFEiZVg&sig=3Wy6_N6gpZMsXMRXH4fj_ApXpVQ&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjS_fr0gKneAhUOJ1AKHcfnBIoQ6AEwBnoECAMQAQ#v=onepage&q=hildebrand semi hegemoniale position&f=false

    Einer meiner ersten Beiträge im Forum hatte sich mit dem Thema beschäftigt, den ich heute wohl anders schreiben würde

    http://www.geschichtsforum.de/thema...aeufigkeit-von-ww1-und-ww2.27544/#post-419984

    Insofern verläuft die Diskussion über die Kriegsziele auf der einen Seite auf der Grundlage der formulierten Ziele und auf der anderen Seite über die - auch sozialdarwinistische - Interpretation, wie Großmächte interagieren und ihre Interessen durchsetzen.

    Goemans, H. E. (2000): War and punishment. The causes of war termination and the First World War. Zugl.: Chicago, Ill., Univ., Diss.
    Hildebrand, Klaus (2008): Das vergangene Reich. Deutsche Aussenpolitik von Bismarck bis Hitler, 1871-1945. Studienausgabe. München: Oldenbourg.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Oktober 2018
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