Deutungen von Ritualen?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von silesia, 12. Februar 2017.



  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wie schwierig diese Thematik ist, zeigt hier ein neuer Bericht zu den archäologischen Arbeiten in Caverna delle Arene Candide.

    Es geht um Bestattungsrituale und "zerbrochene Kieselsteine", die Deutung als "Tötung" von Objekten, um deren "rituelle Kraft" zu zerstören bzw. zu beenden.

    Von Spekulation oder plausiblen Begründungen (nebenbei geben die Arbeiten interessante Einblicke!) kann man sich hier selbst ein Bild machen:

    Broken pebbles offer clues to Paleolithic funeral rituals | Popular Archaeology - exploring the past
     
  2. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ein paar hypothetische Überlegungen zum gegebenen Problem.

    Der Ausdruck ´symbolic power´ ist hier ein theoretischer Begriff, der die angesprochene Handlung, das Zerstören der Steine, anachronistisch interpretiert, also nicht korrekt. Symbole sind Zeichen, die auf etwas verweisen, das mit dem Zeichen überhaupt nichts zu tun hat. So ist das Christenkreuz ein Symbol für Auferstehung und eine Nationalflagge ein Symbol für eine bestimmte Nation. Abstrakte Assoziationen dieser Art waren steinzeitlichen Menschen mit Sicherheit fremd. Sollte der Zweck des Zerbrechens also wirklich ein ´Töten´ gewesen sein, dann das Töten einer dem Objekt konkret immanenten Kraft, die im Tylor´schen Sinn als ´soul´ oder im Sinn von Robert Marett als ´mana´ bezeichnet werden kann, letztere eine Art unsichtbare dem Objekt einwohnende Energie, die im polynesischen Glauben alle Lebewesen und Naturobjekte, auch Steine, belebt. Schon der Ausdruck ´kill´ zeigt ja, dass die Wissenschaftler besagte ´symbolic power´ eigentlich gar nicht symbolisch, sondern (aus Sicht der Paleolithiker) als konkret und sehr lebendig ansehen.

    Ich sehe die ´Tötungs´-Interpretation also viel näher an Tylors oder auch Maretts Theorie als an Bird-Davids anti-spiritualistischer relationaler Theorie, die dem paläolithischen Menschen die Unterscheidung zwischen Körper und ´Seele´ abspricht. Auch die Hypothese, der Grund für das ´Töten´ könne eine ´Verunreinigung´ des Steins durch Kontakt mit einem Leichnam gewesen sein, spricht eher für die Seelen- bzw. Mana-Theorie als für Bird-Davids Theorie, da im Denken jener Menschen die vermeintliche Verunreinigung kaum den Stein als materielles Objekt, sondern seine seelische oder geistige Essenz betroffen haben dürfte, und zwar nicht, weil sie mit dem materiellen Leichnam in Kontakt geraten war, sondern mit einer dem Leichnam noch anhaftenden Restsubstanz der Seele bzw. des Mana des Verstorbenen. Ein besonders ausgeprägtes Beispiel dafür liefert der traditionelle hawaiianische Glaube an die Belebtheit eines Leichnams bis zum Moment seiner vollständigen Skelettierung.

    Folgende im Artikel zitierte Hypothese würde aber klar gegen die Verunreinigungshypothese sprechen:

    Diese zweite beißt sich mit der ersten Hypothese: Wenn denn nun das Objekt als verunreinigt galt und sogar ´getötet´ werden musste, welchen Sinn macht es dann, eine der Hälften als Talisman, der doch Glück bringen oder Unglück verhindern soll, zu behalten und womöglich am Körper zu tragen? Wenn das Objekt ´tot´ war, konnte es solche Dienste doch nicht mehr leisten. Die Souvenir-Hypothese macht auch keinen Sinn. Warum sollte jemand einen Teil von einem Objekt zur Erinnerung bewahren, das mit Tod und Unreinheit assoziiert wird, ohne darüber hinaus einen Zweck zu erfüllen?

    Wenn also die erste Hypothese (Tötung einer dem Stein innewohnenden Kraft, weil diese verunreinigt wurde) zutreffen soll, dann logischerweise unter Verzicht auf die zweite. Alternativ könnte man vermuten, dass die fehlenden Hälften möglichst weit entfernt gleichfalls vergraben wurden, um zu verhindern, dass die aus dem Objekt entfernte verunreinigte Seele/Mana ihre Kraft noch behielt und sich woanders einnistete.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Februar 2017

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