Die Frucht vom Baum der Erkenntnis und mittelalterliche Interpretationen.

Dieses Thema im Forum "Das Papsttum" wurde erstellt von El Quijote, 3. Dezember 2016.



  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei dieser Irrtum zwischen malum 'Böse' und malum 'Apfel' nicht grundsätzlich bestand.

    Auf der Suche nach einer ganz bestimmten Darstellung stieß ich gerade im Codex aus San Millán de la Cogolla (Codice Emilianense) auf folgende Darstellung von Adam und Eva und dem Baum der Erkenntnis:

    codiceemilianense.jpg

    Deutlich zu erkennen an der Form der Blätter und noch deutlicher an der Beischrift (lignum fici), handelt es sich hier bei dem Baum der Erkenntnis in dieser Interpretation um einen Feigenbaum.
     
  2. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Eine mindestens genauso alte Darstellung zeigt das Urpaar unter einer Palme, vom Stil her sehr ähnlich, um nicht zu sagen, gleich. (Abb. unten, aus: es. Wikipedia) Auch wenn die vorgehaltenen Blätter auf beiden Darstellungen eher Feigenblätter sind, scheint der Autor, bzgl. der Baumart flexibel gewesen zu sein. Diese Unbeständigkeit wahrscheinlich eines und desselben Malers hilft auch die Darstellungen des ›verbotenen Baumes‹ als riesige Pilze zu verstehen: worauf sich immer die Schlange schlängelte, waren üble Verlockungen, egal ob die gezeigte Art tatsächlich Äpfel produzieren konnte. Der Feigenbaum hier kann also o.w. als Sinnbild der Lüsternheit gesehen werden, was möglicherweise der Auto auch im Sinn hatte, sodass er hier Eva sogar ausnahmsweise Brüste hinhängte und bei Beiden auch den Bauchnabel herausstrich. Mit anderen Worten: die Interpretation von »malum« wird mit dem Bild nichts zu tun haben.
    Für äußerst bemerkenswert halte ich hingegen Adams Fußschmuck. Ob die Ringe auf seine zukünftige Gefangenschaft hinweisen sollen?
     

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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eine andere HSS desselben Textkorpus.

    Selbstverständlich. Deshalb schrieb ich "in dieser Interpretation".


    Die Darstellungen sehen zwar tatsächlich wie Pilze aus, dürften aber nicht als solche gemeint sein.

    Das ist ja der Punkt. In der Bibel ist der Baum der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, in der lateinischen ÜS bonum et malum. Erst durch die lateinische ÜS kommt gewissermaßen der "Apfel" überhaupt ins Spiel, weil malum (das Böse) und malum (der Apel) verwechselt oder wenigstens wegen des (urpsrünglich nicht vorhandenen) Gleichklangs verknüpft werden.

    Die Figuren sind ja doch recht unbeholfen gezeichnet... das sind vermutlich schlicht seine Knöchel.
     
  4. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Da wird sicherlich nicht vor dem Pilzesammeln gewarnt, soviel ist auch mir klar.

    Schön und gut, aber was hat das mit dem Bild zu tun? Auf Abbildungen steht der Baum für die Verführung, … nicht einmal zum »Bösen«, sondern zum irdisch Lasterhaften, gar zum irdisch notwendig Lasterhaften. Durch den Biss in die Frucht des Baumes wird der Mensch irdisch, im Sinn der damaligen Kirche: schlecht. Schlecht durch Gier.(Erkannt wird lediglich, dass es auch Schlechtes gibt) Die Story mit dem Apfel diente für viele Darstellungen als ein Gleichnis, die halt öfters transponiert wurde. Oder willst Du darauf hinaus, dass Eva vor 1000 AD nicht in einen Apfel biss, bzw. dies quasi als u.A. lief?


    Hast Du denn beide Bilder angeschaut? Übrigens, nein, die Bilder sind gar nicht so unbeholfen gezeichnet. Ich glaube, dass der Maler absichtlich hampelmannartige Figuren haben wollte, ersichtlich an den separierten Körperteilen. Wie wichtig ihm die Darstellung der Fügsamkeit war, zeigt auch der Halsband an der Schlange (auch hier auf beiden Bildern); das Haustier des Teufels, während Adam und Eva quasi das Spielzeug Gottes sind. Dass es auch bei den Fußringen um Abhängigkeit geht, kann als gewiss abgehakt werden.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich will darauf hinaus, dass Frucht vom Baum der Erkenntis in ihrer Interpretation als Apfel rezent ist und dass man den Apfel dafür lange nicht auf dem Schirm hatte.


    Die Bilder sind ja nicht isoliert. Sie gehören zu einem Apokalypse-Kommentar des Mönchs Beatus von Liébana, der in Spanien im 10. und 11. Jhdt. recht verbreitet war. Die vorromanische und romanische Kunst ist immer etwas schlicht und perspektivlos. Was du als "hampelmannartig bezeichnest, ist die Darstellung der Scham, die Darstellung, dass Adam und Eva, sich ihrer Nacktheit plötzlich bewusst, ihre Körperteile schützen. Die anderen Bilder des Beatus sind ähnlich naiv.
     
  6. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Dass es ursprünglich keinen Apfel und keinen Apfelbiss gab, sondern einen rein positiv geladenen »Lebensbaum«, wurde bereits herausgefunden, wie dies 2014 auch Die Welt berichtete.

    Bekannt ist auch, dass sich der Apfel aus der Doppeldeutigkeit des lat. malum ergab. (Ute Neumann-Gorsolke, Apfel /Apfelbaum, Deutsche Bibelwissenschaft, 2005; und Andreas Michel, Baum der Erkenntnis / Baum des Lebens, ebd., 2015.)


    Die zwei verbleibenden Fragen sind also:

    1. Ab wann genau ist die Frucht als Apfel interpretiert worden?

    2. Kann jeder Feigenbaum, Dattelpalme, ›Pilzbaum‹ aus dem Mittelalter als Rückgriff auf die ursprüngliche Unbestimmtheit des Baumes der Erkenntnis interpretiert werden, oder handelt es sich um eine Umdeutung des Apfelbaumes, um warnende Botschaften zu vermitteln?
    Mit anderen Worten: hat ein Maler um 1000 AD noch voraussetzen können, dass die Unbestimmtheit des Baumes jedem Betrachter bekannt sei (d.h. in der Darstellung veränderbar), oder ging er lediglich vom Wissen über die Schädlichkeit des Verzehrs vom Baum aus, dessen Identität als Apfelbaum so sehr verankert war, dass die Art o.w. mutiert werden konnte?
    Da ist beides möglich, wobei ich annehme, dass Du auf die erste Variante hinaus willst, während ich dazu keine Antwort weiß, obwohl auch mir eine allzu feste Verankerung des Apfelbaumes um 1000 noch wenig ausgeprägt erscheint, wie dies die Variationsfreude der Abbildungen nahelegt.

    Die Antwort auf die erste Frage, sofern man sie mit »durchgehend« ergänzt, wird irgendwo im MA sein; ich vermute im Spätmittelalter, ohne ausführlich nachgeschaut zu haben.

    Ein weiteres Beispiel mit Feigenbaum befindet sich auf dem Boden der Kathedrale Santa Annunziata in Lecce, das Bodenmosaik aus dem 12. Jh. (Abb.) Hier isst allerdings auch Adam eine Frucht.

    Ebenfalls aus dem 12. Jh. stammt ein Mosaik in der Cappella Palatina in Palermo, Adam auch hier essend. Die Früchte erinnern an Äpfel. (@ dt. Wikipedia)
     

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  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Leider nicht jedem. Wir mussten hier im Forum schon recht abenteuerliche Argumente, die auf dem Apfel basierten, lesen.


    Der Bibeltext ist - auch in der lateinischen ÜS eigentlich deutlich, deshalb betonte ich das mit dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse immer wieder: lignum scientiæ boni et mali. Man kann das natürlich auch als "Holz der Erkenntnis von Gut und Apfel" übersetzen. Dass das nicht sinnvoll ist, bedarf eigentlich keiner Erwähnung.
     
  8. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    In der apokryphen Apokalypse des Moses ist explizit von einem Feigenbaum die Rede.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Leben_Adams_und_Evas

    Der Apfel hat in den früheuropäischen Kulturen einen anderen Stellenwert als die Feige - auch dies wäre eine Möglichkeit, weshalb man die unbekannte Frucht vom Baum der Erkenntnis als Apfel interpretierte. Das Urteil von Paris wird mit dem "Zankapfel" und nicht mit einer "Zankfeige" vollstreckt und Herakles muss die goldenen Äpfel der Hesperiden und nicht goldene Feigen suchen.
    Vermutlich heisst deshalb auch das männliche Halszäpfchen "Adamsapfel" und nicht "Adamsfeige". :O
     
  9. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Es sei auch an die Feigenblätter erinnert.
     
  10. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Unter dem Link kann ich zwar was von einem Feigenbaum lesen, aber »explizit« eigentlich nur als Spender für den Lendentuchersatz… Ansonsten sei die Entstehungszeit fraglich. :grübel:


    Jetzt greifst Du aber tief in die ›früheuropäische‹ (Wort-)Schatztruhe… da gibt es übrigens auch noch den Ausdruck »Ohrfeige«*, etwa gleich alt, wie »Zankapfel«.
    (*: in Österreich auch »Dachtel« genannt; manche sagen, aus »Dattel«, doch für mich klingt es, als habe der Dachtel zum Nachdenken anregen sollen)
     
  11. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Das mit der Ohrfeige ist ein gutes Argument - daran habe ich jetzt nicht gedacht.

    Der Hinweis im Wikipedia steht unter dem Titel "Bericht Evas vom Sündenfall (Kap, 15-30)"
    Ich hatte das mit dem Feigenbaum in der apokryphen Apokalypse des Moses früher schon mal woanders gelesen, weiss aber nicht mehr wo. Deshalb der Verweis auf Wikipedia. Als Quellenbeleg ist im Wiki weiter angegeben:


     
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Ohrfeige hat mit der Frucht nichts zu tun. Das -feige bedeutet Schwellung und ist abgeleitet von einem veralteten, vor allem in den niederdeutschen Zonen gebräuchlichen Wort (Ficke) für 'Tasche'.
     
  13. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Falls die Übersetzung hier https://de.wikisource.org/wiki/Apokalypse_des_Moses korrekt ist, heißt es gleich darauf, dass Eva von diesem Baum, von dem sie die Blätter für den Schurz nahm, also dem Feigenbaum, gegessen hatte.
     

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