Die Hekatomniden - Ursprünge und Geschwisterehe

Dieses Thema im Forum "Das Reich der Perser" wurde erstellt von Blinky, 20. Juni 2018.

  1. Blinky

    Blinky Neues Mitglied


    Hallo ihr Lieben,

    ich interessiere mich schon lange für die Hekatomniden, warum kann ich eigentlich gar nicht sagen. Hat glaube ich zu Zeiten meiner Maturareise angefangen, wo es in die Türkei ging und ich einen Ausflug zum Grab des Nikolaus machte. Hintennach bin ich draufgekommen, dass auch Bodrum, und somit eines der sieben Weltwunder in der Nähe gewesen wäre. Das hat mich sehr gewurmt. Und ich glaube seit damals habe ich mein Interesse für diesen kurzen, sehr speziellen Abschnitt der dortigen Geschichte entdeckt.

    Ich habe versucht, meine Fragen etwas zu gliedern und zu sortieren, ich will euch ja nicht erschlagen damit oder nerven.

    Ein Block, der vielleicht ganz gut zusammenhängt ist:

    - wie kam es, dass die Hekatomniden als nicht Perser Satrapen wurden? (Und was waren sie, wenn nicht Perser? Griechen?)
    - was hat es mit diesen wenigen - mir völlig unerklärlichen - Geschwisterehen auf sich?

    Ich habe ja schon selbst einiges an Recherchen gemacht und bin dabei auf etwas gestoßen, was zur ersten Frage passen würde.

    Dorothy King schreibt auf ihrem tollen Blog phDiva (muss ich hier eigentlich Quellenangaben machen?) dass eine gewisse Aba (sie bezieht sich auf Inschriften auf Sarkophagen) die Frau von Hekatomnos und somit Mutter der fünf Kinder Mausolus, Artemisia II, Ada, Idrieus und Pixodarus war.
    Nun schreibt King weiter, dass Aba ein persischer Name ist und vielleicht Hekatomnos durch seine Heirat mit einer Perserin an den Satrapentitel gekommen ist. Des weiteren spekuliert sie, dass Aba nicht nur Hekatomnos Frau, sondern auch Schwester war und der persische Einfluss in die Familie schon über deren Mutter, also Hyssaldomos Frau kam. Über Hyssaldomos Frau konnte ich bis jetzt keine Informationen finden. Wie King darauf kommt, dass Aba Hekatomnos Schwester-Frau ist, muss ich nochmal nachschauen, irgendwelche Anhaltspunkte muss sie ja haben.

    Wenn wir nun dieses Argument von King hernehmen, dass Aba die Schwester von Hekatomnos war, dann leitet das direkt zu Punkt zwei über: WOZU?

    Sowohl Hornblower als auch King schreiben, dass es eigentlich keine starken matriarchalischen Strukturen gab; dass immer klar die Männer die Herrscher waren, obwohl die Frauen schon auch starke Rollen und Einflüsse hatten. Eine Heirat der Schwester wegen Erbschaften, Machtansprüche etc würde somit wegfallen.
    Zudem waren Geschwisterehen wohl ziemlich verpönt (Überraschung, Überraschung^^) und auch, dass keine Kinder aus den gesicherten Geschwisterehen (Mausolus&Artemisia II und Idrieus&Ada) hervorgegangen sind, spricht gegen eine herkömmliche Ehe im Sinne der Fortsetzung einer "reinen Blutlinie", oder was auch immer Argumente für sowas sein mögen.
    Auch für Polygamie gibt es keine Anhaltspunkte oder Überlieferungen, sprich dass zB Artemisia II als pro forma Hauptfrau geheiratet wurde und Kinder mit Nebenfrauen gezeugt (und auf den Thron gesetzt) wurden.
    Hornblower schreibt, dass laut griechischer Geschichtsschreiber Mausolus zu seinem Tod als kinderlos bezeichnet wurde.
    King hat wieder wild spekuliert: Es wurde ein Sarkophag gefunden, auf dem mehr Personen abgebildet sind als es überlieferte Namen gibt. Es sind zwei Kinder zu viel.
    King vertritt die Meinung, es wären Artemisias und Mausolus‘ Kinder, die aber vor ihren Eltern verstorben sind. Ich gehe aber davon aus, dass Kinder, die ein gewisses Alter erreicht haben - und nicht Fehl oder Totgeburten waren - schon irgendwo schriftlich erfasst worden wären. Oder nicht?
    Außerdem war der Sarkophag mutmaßlich der von Hekatomnos (wenn ich mich nicht ganz irre) und um Kinder in diesem Alter zu haben, hätten Mausolus und Artemisia II VOR dem Tod ihres Vaters heiraten müssen und das halte ich dann doch für unwahrscheinlich. Vor dem Tod ihres Vaters gab es politisch gesehen überhaupt keinen (mir ersichtlichen) Grund für Mausolus und Artemisia II zu heiraten. Die meisten Quellen legen ihre Hochzeit auf das Jahr des Todes von Hekatomnos und der Beginn der Herrschaft von Mausolus.

    Und die Fälle, in denen Leute freiwillig ihre Geschwister heiraten und sich fortpflanzen gehen wohl gegen 0...

    Ich konnte bisher also absolut keinen glaubhaften oder sinnvollen Grund für diese beiden Geschwisterehen finden. Da ja auch Idrieus und Adas Ehe kinderlos blieb.
    Wie konnte ein Herrscher in der damaligen Zeit es überhaupt zulassen kinderlos zu sterben und niemanden seinen Thron vermachen zu können?
    Hätte Mausolus nicht sinnvollerweise selbst einen Erben produziert (mit wem auch immer), damit dieser nach ihm Satrap wird und nicht sein Bruder und seine Schwester; die dann wiederum beide keine Erben haben und das Amt an den letzen Bruder geht? Also das macht ja keinen Sinn. Versteht ihr was ich meine?

    Liebe Grüße,
    Blinky
     
  2. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Der Grund dürfte darin liegen, dass die Königslegitimation am stärksten war, wenn der König das "Blut" zweier königlicher Eltern, also eines königlichen Vaters und einer königlichen Mutter, in sich trug. Die Garantie dafür bot eine königliche Geschwisterehe, da beide Partner vom gleichen König abstammten. Der daraus hervorgehende Thronerbe war auf diese Weise zu 100 % legitimiert, statt nur zu 50 % wie bei einer konventionellen Ehe. Ägyptische Könige, die in diesem Punkt noch weiter gingen, waren Amenhotep III. und Ramses II, die nicht nur ihre Schwestern, sondern auch die eigenen Töchter heirateten. Eine Geschwisterehe soll bei auch bei 7 von 13 ptolemäischen Königen der Fall gewesen sein. Es dürfte sich bei solchen Regelungen um eine Übergangsphase, also eine Kompromisslösung, zwischen matrilinearer und patrilinearer Denkweise handeln.
     
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  3. Blinky

    Blinky Neues Mitglied


    Hallo Chan,

    vielen Dank für deine interessante Antwort.
    Den erhöhten Anspruch auf den Thron verstehe ich.
    Da keine der beiden Geschwisterehen aber Kinder hervorgebracht hat, hatte ich den Eindruck, dass es vielleicht an etwas anderem liegt.
    Interessant dazu fand ich auch, dass Archäologen ja der Meinung sind, das Grab von Ada von Karien gefunden zu haben, darin das Skelett einer 38-50 jährigen Frau, die mindestens zwei Kinder geboren hat.
    Dazu fand ich merkwürdig, dass das gefundene Skelett nur zu Ada gehören kann, wenn sie tatsächlich mindestens 50 war, sonst geht sich das mit dem Tod ihres Vaters und ihrem eigenen nicht aus. Auch gibt es keinerlei Anhaltspunkte, das Ada Kinder hatte. Soweit ich weiß adoptierte sie ja Alexander den Großen, um ihre Position wieder zu stärken.
    Biologisch gesehen ist es absolut machbar, dass Geschwister gesunde Kinder zeugen, dass zwei Paare hintereinander es versäumt haben, hat in mir den Eindruck erweckt, dass diese Ehen nicht unbedingt des Erbrechts wegen geschlossen wurden.
    Pixodarus zum Beispiel, hatte eine Tochter mit einer nicht verwandten Frau.

    Und wie schon in meinem Anfangspost geschrieben, ein Herrscher, der sich nicht um einen Erben kümmert (und das gleich 2x hintereinander) ist doch sehr ungewöhnlich. Mausolus wird sich nicht gedacht haben: Ich habe zwei Brüder, ich brauche keine Kinder.
    Zumindest fände ich das eher abwegig.

    Vielleicht gab es Kinder, die früh verstorben sind? Wie war denn das damals? Es wurde wohl nicht jede Geburt erfasst, wie bei uns jetzt. Wenn die Kinder also als Säuglinge oder im frühen Kindesalter verstorben wären, würde es dann wirklich keine Aufzeichnungen geben?

    Liebe Grüße,
    Blinky
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wir sind als Historiker sehr abhängig von unseren Quellen und deren Überlieferung. Es gibt Zeiten und Ort, über die sind wir gut informiert und eben solche, über die wir nicht gut informiert sind. Das liegt eben auch daran, ob es jemanden gab, der die Dinge aufzeichnete oder auch nicht. Und wir wissen von antiken Quellen, deren Existenz in der Antike bekannt war, die aber bereits damals nicht habhaft waren. Sprich: Wenn die Quellen nicht verbreitet wurden und der Autograph* (also das Schriftstück, welches der Verfasser oder sein Schreiber selber geschrieben hat) verloren ist, dann ist die Quelle schlicht "futsch". In den meisten Fällen unwiederbringlich. Die Alexander zeitgenössischen Alexanderhistoriker sind, bis auf wenige Fragemente, die wir teilweise als Zitate aus anderen Werken kennen, alle nicht erhalten.

    *Dass der Autograph erhalten ist, kommt eher selten vor, es gibt dafür Beispiele aus dem Mittelalter, aus der Antike eher von nichthistoriographischen Quellen, also Zufallsüberlieferungen, die nicht für die Nachwelt produziert wurden.
     
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  5. Blinky

    Blinky Neues Mitglied

    Hallo El Quijote,

    dein Beitrag hat mich beinahe etwas betroffen gemacht. Ich war tatsächlich der Annahme, irgendwo würde es alles Wissen geben, das ich gerne hätte, und ich würde es ganz schlicht und einfach nicht finden.
    Daran, was du mit deinem Beitrag aufgezeigt hast, dass es vermutlich einfach wirklich nicht mehr Überlieferungen gibt, habe ich nie gedacht.
    Vielleicht ist es in der Historik so wie in der Physik: man reimt sich aus dem was man hat etwas zusammen, das den gegebenen Punkten entsprechend Sinn macht und wartet darauf, dass etwas Neues kommt, das die alte Theorie wiederlegt.

    Liebe Grüße,
    Blinky
     
  6. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Gerade wenn es um die Erstellung von Genealogien (egal ob antike Dynastien oder mittelalterliche Adelsgeschlechter) geht, gibt es tatsächlich oft mehr Spekulation als (durch literarische, inschriftliche oder urkundliche Quellen belegte) Fakten. Da wird dann mit Namensähnlichkeiten, Leitnamen und (meist auch bestenfalls sehr ungefähr bekannten) Lebensdaten o. ä. versucht, aufgrund von Wahrscheinlichkeiten Abstammungen, Verwandtschafts- und Eheverhältnisse zu rekonstruieren.
     

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