Die "Kleinasiatische Katastrophe" - Ein unbewältigtes Trauma

Dieses Thema im Forum "Das Osmanische Reich" wurde erstellt von lynxxx, 20. Juni 2007.

  1. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied


    Die «Kleinasiatische Katastrophe»
    Ein unbewältigtes Trauma der neueren griechischen Geschichte

    Von Ekkehard Kraft
    (Neue Zürcher Zeitung. Literatur und Kunst, 6. Oktober 2001, Nr. 232, Seite 83)


    Vor etlichen Jahren machte der Schreibende auf zwei Reisen zwei ähnliche Beobachtungen. In dem Dorf Krinides nahe dem antiken Philippi im Norden Griechenlands war er von einer Bauernfamilie zum Kaffee eingeladen worden; der Grossvater, sein Enkelkind auf dem Schoss, sprach mit diesem auf Türkisch. Einige Jahre später war beim Geldwechseln auf einer Bank in Ayvalik an der türkischen Westküste zu hören, wie sich eine junge Bankangestellte mit einem Mädchen in griechischer Sprache unterhielt. In beiden Fällen handelte es sich um Menschen, die aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben worden waren, bzw. deren Nachkommen. Der ältere Herr in Krinides war zu Beginn des Jahrhunderts mitten in Anatolien geboren worden, seine Muttersprache war Türkisch, aber als orthodoxer Christ galt er als Grieche und musste als solcher nach 1922 seine Heimat verlassen. Die griechischsprachige Familie der Bankangestellten in Ayvalik stammte aus Kreta; als Muslime mussten sie ebenfalls ihre Heimat verlassen. In ihrer neuen Heimat sprechen sie nun weiterhin die Sprache jener, an deren Stelle man sie angesiedelt hatte.
    ...

    weiter:
    Die «Kleinasiatische Katastrophe»


    Passend dazu auch die Weiterentwicklung der griechischen Beziehungen zur Türkei vor diesem historischen Hintergrund mit weiteren Infos der Selbstreflexion und Beziehungen im Laufe der (Zeit-)Geschichte (hatte ich hier auch schon mal verlinkt):

    Prof. Dr. Panos Kazakos - Dr. Gerda Kazakos
    Die Türkei-Debatte im griechischen Parlament 1996-2003
    Griechischer Beitrag zum Forschungsprojekt
    „Europäische Integration und kulturelle Denk- und Wahrnehmungsmuster.
    Kulturelle Aspekte des EU-Erweiterungsprozesses anhand der Beziehungen EUTürkei“


    Inhaltsverzeichnis

    1. Fragestellung und methodologische Grundentscheidungen
    1.1. Die griechische Fragestellung im Gesamtkonzept der Untersuchung
    1.2. Auswahl des Basismaterials der quantitativen Analyse
    1.3. Herangezogene Kontexte der Interpretation
    2. Methodisches Vorgehen: Periodisierung, Kategorienbildung, Codierung und
    elektronische Verarbeitung des Untersuchungsmaterials
    2.1. Periodisierung
    2.2. Kategorienbildung
    2.3. Kodierung
    2.4. Das Programm „Orion“
    3. Der Bezugsrahmen der quantitativen Analyse
    3.1. Entwicklung der Beziehungen im Dreieck Griechenland-Türkei-EU
    3.1.1. Die Beziehungen EU-Türkei
    3.1.2. Die griechisch-türkischen Beziehungen
    3.2. Der griechische öffentliche Diskurs über einen EU-Beitritt der Türkei und die griechisch-türkischen Beziehungen
    3.2.1. Die politische Debatte um die europäische Perspektive der Türkei
    3.2.2. Die akademische Debatte
    3.2.3. Der Wandel des politischen Islam
    3.3. Zusammenfassung
    4. Die parlamentarische Debatte. Ergebnisse der quantitativen Inhaltsanalyse, unter Berücksichtigung qualitativer Aspekte
    4.1. Das allgemeine Bild
    4.2. Divergenzen und Konvergenzen der großen griechischen Parteien
    4.3. Die seltenen Aussagen über Religion, Kultur und Identität. Eine Erklärung
    4.4. Muslimische Minderheiten in Europa und Griechenland
    4.4.1. Exkurs: Die religiöse Dimension und der europäische Zwiespalt gegenüber der Türkei
    4.5. Das Verhältnis der Geschlechter
    4.6. Die Dominanz der außen- und sicherheitspolitischen Aspekte
    4.7. Wandlung und Kontinuität im außenpolitischen Denkmuster
    4.8. Die Einstellung der EU-Institutionen und der USA zur Türkei
    4.9. Die Türkei vis à vis der EU: Gibt es Alternativen?
    4.10 Die interne Situation. Die Minderheitenfrage in der Türkei
    4.11. Die innere Situation: Demokratie und Menschenrechte in der Türkei
    4.12. Die Ökonomie wird wenig beachtet
    5. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
    ANHANG


    http://www.uni-konstanz.de/FuF/SozW...opoulos/EU/berichte/KAZAKOS Bericht Final.pdf


    und zum Schluss meines EDITS hier noch ein kürzerer Artikel, der den historischen Vorlauf beschreibt, und auch bezugnimmt auf den "griechischen Traum":

    From Trauma to Self-Reflection:
    Greek Historiography meets the Young Turks ‘Bizarre’ Revolution

    http://www.let.leidenuniv.nl/tcimo/tulp/Research/vk.pdf



    Viel Spass beim Schmökern, und bei Antworten nicht politisch werden... ;)
    LG lynxxx
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Juni 2007
    1 Person gefällt das.
  2. Tekker

    Tekker Gast

    Danke lynxxx, dieser Aspekt war mir so bislang gar nicht bewußt.
     
  3. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied


    Hallo Lynxxx,
    der Text ist mir seit längerem bekannt. Er beleuchtet allerdings nur einen Teil der Geschichte und läßt die Ereignisse während des WWI -aber auch davor- im Osmanischen Reich außer acht. Dir ist klar, dass man diese nicht außer acht lassen darf, wenn man diesen Artikel verstehen will ?
     
  4. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Logo. :) Ich habe auch schon einen weiteren Text aus einem anderen Thread hierein verlinkt.
    Ansonsten haben wir in unserem Forum schon oft über die Situation in SO-Europa, die Balkankriege, den Bevölkerungsaustausch, usw. diskutiert...

    Immer her mit zusätzlichen Infos... ;)
     
  5. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Ich lese mir erstmal diese Untersuchung von Prof. Kazakos durch, für 147 Seiten brauche ich ein wenig.
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der Zusammenbruch des griechischen Heeres in Kleinasien 1922 stellt nach dem Unabhängigkeitskrieg 1821-1830 die tiefste Zäsur in der neueren Geschichte der Griechen dar, deren in die Antike zurückreichende kleinasiatische Siedlungs- und Kulturtradition zerbrach. Den neuen Tatsachen musste es durch den am 30.01.1923 vereinbarten obligatorischen Bevölkerungsaustausch Rechnung tragen, von dem nur die etwa 70 000 in Istanbul vor 1918 etablierten Griechen und die Türken im griechischen Westthrazien ausgenommen waren.

    Über 1,2 Millionen Griechen aus Kleinasien, dem Pontusgebiet und Ostthrazien ließen sich in Griechenland nieder; mehr als 330 000 Türken verließen ihre mazedonische, thessalische oder epirotische Heimat. Dadurch und infolge des freiwilligen Bevölkerungsaustauschs mit Bulgarien veränderte sich die ethnische Struktur der in den Balkankriegen eroberten "Neuen Länder" zugunsten der Griechen. Ab hier datiert übrigens auch der heutige Zwist zwischen Mazedonien und Griechenland im Hinblick auf eine mazedonisch-slawische Vertreibung oder auch nur Verdrängung, die in einem anderen Thread bereits diskutiert wurde.

    Allen großgriechischen Plänen, die noch im 19. Jh. die Außenpolitik geprägt hatten, war jetzt der Boden entzogen und die griechischen Ansprüche richteten sich auf die von Italien besetzten Inseln des Dodekanes, auf Südalbanien (d.h. Nordepirus) und das britische Zypern, jedoch nicht mehr gegen die Türkei.

    Man kann also sagen, dass der zäh ausgehandelte Friede von Lausanne (24.07.1923), in dem Griechenland die türkischen Reparationsforderungen im Prinzip anerkannte, das jahrhundertelange Ringen der beiden sowohl durch die Geschichte miteinander verbundenen als auch verfeindeten Völker abschloss.
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In Südanatolien habe ich schon wahre Geisterstädte gesehen. Die griechischstämmige Bevölkerung mußte in den 1920er Jahren emmigrieren, und seit dem hatte sich niemand in dem historischen Ort niedergelassen.
     
  8. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Welche denn? Kaya Köy?
    Oder waren es Reste des Erdbebens aus den 50er Jahren?
     
  9. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Wo genau ?
     
  10. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    hier mal zwei Infos zu Kayaköy, der einzigen größeren "Geisterstadt", die ich mal besucht habe:
    Kayakoy.Net
    und
    Die Geisterstadt Kayakoy (Levissi oder Nea Makri)bei Fethiye, Tuerkei
     
  11. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Das kann ich nur bestätigen! Meine Eltern haben in Sarimsakli ca. 8km von Ayvalik entfernt ein Ferienhaus. Ich kenne Ayvalik sehr gut, mit seinen engen Gassen und den alten romaischen Häusern - die inzwischen sehr begehrt und darum teuer sind. Mein Vater kennt auch einige griechische Bankangestellten aus Ayvalik, also kann ich diesen Bericht nur bestätigen. Im übrigen sind in Kücükköy - zu dem Sarimsakli gehört - irgendwann sehr viele Bosniaken (Bosnak genannt) angesiedelt worden.

    Ayvalik besticht durch seine sehr Oxygen-haltige Luft und ist für Astmathiker ein wahres Paradies auf Erden.
     
  12. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Moin scorpio:
    Magst du hierauf nochmal antworten, wenn du online bist?
    Danke schön. :winke:
     
  13. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Falls heute jemand die Phoenix Doku zum Thema gesehen hat: Die fand ich mehr als fad.

    Ich bin ja schon einseitige Berichterstattung im Fernsehen gewohnt, wenn es um die Türkei oder deren Geschichte geht, WENN denn mal überhaupt mal was kommt, (Außer Antike!), aber hier waren auch noch Falschinformationen, die man so einfach, selbst durch die in diesen Dingen besonders unzuverlässige Wikipedia hätte recherchieren können.

    Jaja, ist ja so schön einfach, die Türken waren die Barbaren [sic!], und die lieben Griechen haben Anatolien mit Blumenkränzen angegriffen.... Ich hör lieber auf, bevor ich mich richtig aufrege, über die Verwendung meiner GEZ-Gebühren...
     
  14. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Habs nicht gesehen. Was war daran nicht gut ?
     
  15. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    So, als wenn man den 2. Weltkrieg alleine damit einem unkundigen Publikum im Film darstellt, nur ostdeutsche Flüchtlingsströme zu zeigen und diese dann interviewt.

    (Wer Angreifer und wer Angegriffene war, wurde teilweise so suggeriert, als wenn es andersrum gewesen wäre.)

    Außerdem hätte man ruhig mal einen Musikwissenschaftler interviewen können, was der zu der Herkunft der Melodien und Rhythmen zu Rembetiko sagt (nicht zu den Texten!).
    Das wäre so, als wenn man den amerikanischen Jazz eigentlich als genuin schwarzafrikanische Musik bezeichnet, obgleich alles, was den Jazz als Jazz charakterisiert eine amerikanische Entwicklung war, und nur ein paar Einsprengsel afrikanischer Rhythmen es noch nicht zu afrikanischer Musik macht.

    Die ständige Negationsrhetorik der Nachkommen der ehemaligen osmanischen Provinzen aufrund mangelndem Selbstbewußtseins und zwei jahrhundetelanger Abgrenzungspolemik geht mir zunehmend auf die Nerven. Was ist denn so schlimm daran, eine Musiktradition anderer zu nehmen, und mit eigenen Texten damit was neues zu schaffen? Machen Fanta4 mit dem Hiphop auch, und sagen auch nicht: "Nein, Hiphop ist eigentlich afrikanische Musik", nur weil Fanta4 Amerika blöd finden...
    sorry...Die Schnittmengen der Kulturen sind nach 400-500 Jahren immer noch wesentlich größer, als die Differenz, die in den letzten Jahrhunderten so betont wurde.

    Ich finde Dokus immer ein bischen wenig lehrreich, wenn z.B. Leute interviewt werden und aus dem Off kein korrigierender einordnender Kommentar das Gesagte zurecht rücken. Somit wird mit den (ungebildeten/Stammtisch-) Interviews ein Bild erzeugt, das bei den unkundigen Zuschauern eine eigene Realität schafft, die fern den eigentlichen Tatsachen ist, außer, dass man nun als Zuschauer weiß, was an Stammtischen gelabert wird.
    Ich hör mal lieber auf, sonst steiger ich mich noch mehr hinein. Ich sollte mal El Quijote fragen, ob ich nicht seinen Namen haben kann, denn der passt viel besser für mich....

    Siehe diese Threads für persönliche Erfahrungen von mir mit Griechen und Türken, und Befragungen von Freunden des Bevölkerungsaustausches
    http://www.geschichtsforum.de/f40/schicksal-der-griechen-kleinasiens-14710/
    und
    http://www.geschichtsforum.de/f42/ethnogenese-der-tuerken-15756/index2.html

    Die anderen Dokus, z.B. über Arkadien, usw. waren aber ganz gut. Ansonsten schöner Griechenlandnachmittag bei Phoenix.

    PS: Soooo schlecht war die Doku auch nicht, aber diese Voreingenommenheit der Macher fand ich beknackt...
     

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