Die Kolonialgreuel der "zivilisierten" Staaten als Vorboten der Greuel in Europa?

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von Gandolf, 25. Mai 2010.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Anderes Beispiel: Der spanische Bürgerkrieg. Franco griff mit der Kolonialarmee aus Marokko an. Dabei auch die moros also die Regulares-Regimenter, die sich aus Einheimischen des Spanischen Protektorates Marokko rekrutierten. Diese moros waren unter den republikanischen Milizen/der Bevölkerung in den republikanisch beherrschten Gebieten besonders gefürchtet, weil sie als besonders brutal galten. Historiker erklären diese besondere Brutalität der regulares mit deren Erfahrungen aus den Kolonialkriegen in Marokko, wo man auch keinerlei Barmherzigkeit mit der einheimischen Bevölkerung zeigte. Die regulares kannten es nicht anders und sahen womöglich jetzt auch mal die Chance, sich an einem Teil der spanischen Bevölkerung für vorherige Kolonialgreuel zu rächen.
     
  2. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Dass die moros dabei gerade den wohl eher "kolonial orientierten" Nationalisten, Falangisten und Carlisten halfen, die Republikaner, Anarchisten und Sozialisten zu besiegen, darf dann wohl einmal mehr als Ironie der Geschichte angesehen werden - mamita mia !
     
  3. beorna

    beorna Neues Mitglied


    Ich hatte vor Tagen mal ein posting geschrieben, aber dann gelöscht. Dein posting hier betrifft aber jetzt etwas, daß ich ansprechen wollte.
    Vor fast genau 166 Jahren verübte Jonker Afrikaner in Okahandja ein Massaker an den Herero. Genau 30 jahre später rächten sich die Herero im Blutbad von Otjimbingwe. man könnte auch andere Völker nennen, so die Irokesen und Huronen in Nordamerika. genauso könnte man sich mal die geschichte Europas anschauen, gräuel gab es immer wieder und überall. Vielleicht sollte man nicht fragen, ob die Kolonialgräuel für Gräuel in Europa im 20. Jahrhundert verantwortlich waren, sondern ob Gräuel zum krieg einfach dazu gehören und auf eine Mehrzahl von faktoren zurückzuführen sind?
     
  4. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Das läuft auf die These von Robert Bartlett hinaus, wonach das, was wir Europa nennen, "aus dem Geist der Gewalt" geboren ist. Zitat (S. 520):
    Die europäischen Christen, die im 15. und 16. Jahrhundert an die Küsten Nord- und Südamerikas, Asiens und Afrikas segelten, kamen aus einer Gesellschaft, die bereits einschlägige Kolonialerfahrungen hatte. Jenes Europa, das einen der größten Eroberungs-,Kolonisierungs- und kulturellen Transformationsprozesse der Welt initiierte, war seinerseits schon das Produkt eines solchen Prozesses.
    Als "anthropologische Konstante" sozusagen? Ein weites Feld, das hier im Forum schon an vielen Stellen beacktert wurde.
     
  5. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Das Massaker der Orlam-Afrikaner an den Herero ist auf besonders schwer einzuordnen.
    Das Volk der Afrikaner war stark von den Buren beeinflusst und hatte Sprache, Schrift, Religion usw. von den Europäern übernommen. Die Afrikaner können daher kuluturell als Europäer gelten, wenn man die ohnehin verworfenen Rassentheorien ignoriert.
    1861 war das Gebiet zwar noch nicht unter europäischer Herrschaft, aber die Einwanderung der Orlam-Afrikaner ins heutige Namibia und die Unterwerfung der dortigen Herero erfolgte vor allem deswegen, weil sie die Afrikaner der Herrschaft der Buren entziehen wollten.
    Die Überlegenheit der Afrikaner basierte in erster Linie auf dem Gebrauch von Schusswaffen. Es ist eine interessante Frage, ob sie auch weitere Aspekte der europäische Kriegsführung in Afrika übernommen haben und imgrunde noch vor der deutschen Kolonisierung einen Kolonialkrieg gegen die Herero führten.




    Jenseits von Afrika spricht man selten von Kolonialismus. Doch und während und kurz nach dem 1. Weltkriegs führten deutsche Freikorps mehr oder weniger eigenmächtig Feldzüge im Baltikum - je nach Lesart zur Abwehr des Bolschewismus oder zur Eroberung von Lebensraum im Osten.
    Mit der erzwungenen Rückkehr der Baltikumer ins Deutsche Reich wurde auch die Gewalt importiert. Frühere Baltikumer wurden zur Niederschlagung der Ruhraufstände eingesetzt, beteiligten sich am Kapp-Putsch und später in der NSDAP.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. August 2016
    Shinigami und thanepower gefällt das.
  6. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Der französische Schriftsteller Aimé Césaire argumentierte, der Nationalsozialismus sei im wesentlichen die Umsetzung kolonialer Idee in Europa. Für die Europäer liege das Unverzeihliche an Hitler darin, dass er koloniale Praktiken in Europa angewendet und Weiße wie Araber oder Afrikaner habe. Der Nationalsozialismus sei daher nur eine Sonderform von Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus.
    Ähnlich argumentiere Rosa Amelia Plumelle-Uribe. Sklaverei, Rassentrennung und Eroberungsfeldzüge seien eine Form der "weißen Barbarei", die von den Nazis nach Europa zurückgebracht wurden.

    Die Argumentation klingt für mich durchaus stimmig.
    Ähnliche Anmerkungen finden sich auch bei der Bundeszentrale für Politische Bildung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. September 2016
  7. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Aimé_Césaire mit Zitat.
    Cesaires "Discours sur le colonialisme" stammt von 1955.
    Näheres dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Amelia_Plumelle-Uribe. [/QUOTE]

    Die Argumentation ist insoweit defizitär, als "Sklaverei, Rassentrennung und Eroberungsfeldzüge", bevor sie in der "weiten Welt" stattfanden, ja auch in Europa gang und gäbe waren. (Siehe oben #44).
     
  8. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Trotzdem wurde diese Traditionslinie zum Teil auch von Hitler gezogen. So findet sich etwa im 25-Punkte-Programm die Forderung nach Kolonien und die Argumenation für den "Lebensraum im Osten" ist mit der Begründung des Wilhelminischen Kolonialismus teilweise identisch. Das Reich benötigt Raum, um seinen Bevölkerungsüberschuss dort anzusiedeln.

    An anderer Stelle argumentierten die Nazis jedoch ganz anders und sah viel mehr eine Kontinuität ihrer Expansions- und Ausrottungspolitik zur mittelalterlichen und spätantiken Geschichte Europas. Konkret bezog man sich auf die mittelalterliche Ostkolonisation und die germanische Völkerwanderung. So konnten die Nazis Russland sowohl als deutschen Indien betrachten, aber auch als alte Gotenheimat.

    Das ändert nichts an der schlichten Tatsache, dass Gräueltaten an nichteuropäischer Bevölkerung Anfang des 20. Jahrhunderts kaum tabuisiert waren, während eine annähernd gleichartige Behandlung von Europäern als absoluter Ziviliationsbruch empfunden wurde.
    Sehr anschaulich wird dies, wenn den italienischen Abessinienkrieg (1935 bis 1941) mit dem deutschen Überfall auf Polen (1939) oder dem Spanischen Bürgerkrieg vergleicht. Die Liste der Verbrechen der Faschisten in Äthiopien ist lang: Massenerschießungen, Giftgaseinsätze, Konzentrationslager ...
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In dieser Diskussion geht es erneut um die Frage der Position Deutschlands in Europa. Und eines der zentralen ungeklärten Punkte war, auf welche Art sich für das Land in der Mitte Europas, also Deutschland, die Möglichkeit bieten würde, seine geographische Position in Kombination mit einer entsprechenden Wirtschaft und Militär in eine hegemoniale Position zu erweitern.

    Bei Bismarck lag die Anknüpfung noch stark auf der Konsolidierung der Position nach 1871 und man kann ihn noch als einen "kontinentalen" Vertreter identifizieren. Auch implizit und ohne das Konzept zu kennen noch im Sinne der "Heartland-Theorie" von MacKinder.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Heartland-Theorie

    Diese Sicht wurde durch KWII und Tirpitz reformuliert und man orientierte sich stärker am "Blue-Wather" Imperailismus und dem "Navalismus eines Mahan.

    Das Thema "Volk und Raum" und das Konzept des Lebensraums im Osten greift die Idee eines kontinentalen Reichs wieder auf.

    Und in diesem Sinne ist die Darstellung von Maglor, der die Osterweiterung des 3. Reichs als "kolonialen Feldzug" deutet, durchaus strukturell für mich nachvollziehbar. Und es gibt ebenfalls eine Reihe von Publikationen, die es ähnlich sehen.

    Wenngleich es natürlich doch deutlich Unterschiede zwischen den traditionellen indigenen Kolonialvölkern gab und der Population im Osten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. September 2016
  10. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Abessinien - Polen

    Der Abessinienkrieg ist ein interessantes Thema, das ich aber hier ungern "verbrauchen" würde. Er hat mit dem Polenkrieg gemeinsam, dass man beide als "späte koloniale Feldzüge" – hier nach Süden, dort nach Osten – bezeichnen könnte und dass es in beiden Fällen zu einer Entgrenzung von Gewalt kam.
    Allerdings wurde ich die These, der Abessinienkrieg sei (gestern oder auch heute?) grundsätzlich anders bewertet worden, etwas genauer unter die Lupe nehmen wollen.

    Ausgangspunkt der "Kontinuitätslinie"

    Zur Beantwortung der Frage, wo die von Europäern entfesselte Gewalt ihren Ausgangspunkt hatte, kann der Abessinien-Polen-Vergleich allerdings nichts beitragen.

    Die These des Themen-Titels lautet: In den Kolonien begangene Gräueltaten und die mit ihnen einhergehende Brutalisierung und Entmenschlichung wiederholen sich letztlich im 20. Jh. in Europa selbst.

    Dagegen habe ich These Bartletts gestellt, das die Entfesselung von Gewalt ihren Anfang auf der europäischen Landkarte (A) nahm. Die europäische Gewalt-Praxis wurde in der frühen Neuzeit sozusagen "exportiert" (B) und durch bestimmte (vor allem rassistische) Faktoren noch verstärkt und im 20. Jh., 200 Jahre nach der Aufklärung, "reimportiert" (C).

    Wer in A und B die entscheidenden Beiträge geleistet hat, d.h. wer aus dem Europäer den Homo rapiens (Gray) gemacht hat, bedarf weiterer Analyse. [1]


    [1] Siehe auch Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. München 2016, der ebenfalls bei A ansetzt.
     
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich bin nun wirklich kein Fan von Henry M. Stanley, aber ein bloßer Abenteurer war er nicht. Manche Forscher zogen tatsächlich wie Gerhard Rohlfs aus Abenteuerlust los, das diskreditiert aber nicht ihre Verdienste. Gerhard Rohlfs war Arzt in der Fremdenlegion und erforschte ohne Auftrag und Forschungsgelder die Sahara. Er reiste unter dem Pseudonym Mustafa el Tohib, gab sich als Konvertit zum Islam aus. wenn ihm das Geld ausging, verdingte er sich als Karawanentreiber, bereiste den Fezzan und wurde einmal ausgeraubt und schwer verletzt. Später sollte er im Auftrag der Geographischen Gesellschaft das Schicksal der deutschen Forscher Vogel und Beuermann klären.

    Stanley war Journalist, eignete sich aber große geographische Kompetenz und Astronavigation an. Er kartographierte den Victoriasee, und seine Karten waren so professionell, dass sie teilweise bis zum Weltkrieg vollauf genügten. Er verlangte von sich selbst und seinen Expeditionsteilnehmern viel, vielleicht zu viel. Die Durchquerung Afrikas und die Erforschung des Kongo war eine beachtliche physische und geographische Leistung. Dass er dabei mit Warlords wie Mirambo und Sklavenhändlern wie Tippu Tib zusammenarbeitete, mit Mirambo schliss er sogar Blutsbrüderschaft kann man kritisieren, aber die Kartographierung des Victoriasees und des Oberlaufs des Kongo waren geographische Meisterleistungen, mit denen ein bloßer Abenteurer überfordert gewesen wäre. Bei der Emin Pascha-Rettungsaktion erforschte er das Ruvenzori-Gebirge und löste das Geheimnis der Quellen des Nils. Wegen seiner Energie, aber auch seiner Rücksichtslosigkeit bekam er den Namen Bula Matari, der Felsenbrecher.

    Viele seiner Verdienste wurden durch die Verwicklung in die Kongo-Greuel geschmälert, aber nur ein Abenteuer war er nicht, auch wenn er kein Studium absolviert hatte.
     
  12. Shinigami

    Shinigami Neues Mitglied

    Das geht, meine ich, in eine recht interessante Richtung. Wo fängt der Begriff "Kolonie" denn in unserem Verständnis eigentlich an?
    Analog zu den deutschen Freikorpsverbänden im besonderen in Kurland, könnte man darüber hinaus vielleicht auch darüber nachdenken, den russischen Bürgerkrieg, der ja mitunter auch den Charakters einer Auseinandersetzung der Metropole mit der "kolonialen" Peripherie des ehemaligen Zarenreiches annahm stärker unter kolonialpolitischen Aspekten zu betrachten?

    Ob die Verhältnisse in der heutigen Ukraine und in Weißrussland dem Ettikett "kolonial" in irgendeiner Weise gerecht werden, halte ich für eine ziemlich komplizierte Auseinandersetzung, weil da die zeitgenössischen Ansichten darüber, was russisches Kernland sei und was nicht, sicherlich ziemlich auseinander gingen (und das offensichtlich mit Hinblick auf die Krim bis heute tun).
    Im Hinblick aber jedenfalls auf den Kaukasus und Zentralasien, halte ich das für durchaus angemessen.

    Literarischer Aufhänger wäre für mich hier vor allen Dingen Baberowskis "Verbrannte Erde, Stalins Herrschaft der Gewalt" (München, 2012), dass die Übergänge und Verzahnungen inklusive der Personellen zwischen der Periode des russischen Bürgerkriegs und dem stalinistischen Terror ziemlich deutlich (für mich ein bisschen überdeterminiert, aber nichtsdesto weniger lesenswert) herausstellt.
     

Diese Seite empfehlen