Die Neolithische Revolution in Europa - Wie und warum?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von Pope, 21. Juni 2007.



  1. Pope

    Pope Neues Mitglied

    In Bezug auf den Strang zum Steinzeit-Experiment lege ich hier mal die Fragen nochmal verkürzt vor:

    Wieso kam es zur Übernahme der Sesshaftigkeit und wie kann man sich das Leben der ersten Bauern in Mitteleuropa vorstellen?
     
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  2. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Ich möchte dazu kurz meine Vorstellungen wiedergeben:

    Europa wurde nach dem Ende der Eiszeit für die auf die Herdenjagd in den Steppen spezialisierten Menschen immer unwirtlicher. Die natürliche Aufforstung des Lebensraumes erforderte neue Strategien, und die Menschen läuteten durch angepasste Gerätschaften das Mesolithikum ein. Die Großwildjagd an den Migrationsplätzen der Herden wurde durch die Pirschjagd und Fallenstellerei im Unterholz ersetzt. Zudem werden Fisch, Schalen- und Krustentiere zum unerlässlichen Zubrot für viele mesolithischen Gemeinschaften.

    Im Laufe der Zeit entwickeln einige Gruppen eine sesshaftere Lebensweise, bei der die Gemeinschaft den Mittelpunkt eines Reviers bildet. Dort werden über Generationen die Grundfertigkeiten zur Tierhaltung und Pflanzenkultivierung sowie der Vorratshaltung entwickelt. Diese Gemeinschaften kommen ab 6.000 v.Chr. nach und nach in Kontakt zu Gruppen, die mit fremden Tieren und Pflanzen zu wirtschaften gelernt hatten.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ist denn die Tierhaltung und die Sesshaftwerdung wirklich miteinander verknüpft? Gerade bei auf Tierhaltung spezialisierte Völker denke ich an Nomaden (Lappen, Mongolen, Beduinen, Abraham und Lot, Tuareg, Massai). Und auch die Vorratshaltung würde ich nicht grundsätzlich nur sesshaften Gruppen zuschreiben, man denke etwa an das Pemmikan der nordamerikanischen Indianer. Oder ist hier der Einfluss sesshafter Gruppen auf nomadische Gruppen zu konstatieren? Wenn man Tiere mit sich führt, dann ist es auch leichter, Vorräte mit sich zu führen, abgesehen davon, dass Tierhaltung an sich ja auch schon eine Art Vorratshaltung ist.
     
  4. Klaus

    Klaus Neues Mitglied



    Wenn die klimatischen Verhältnisse es zulassen, dass Bäume gedeihen können, heisst das noch lange nicht, dass die Landschaft völlig verwalden muss.


    Die Großtiere am Ende der letzten Eiszeit (wie auch schon bei den vorhergehenden Eiszeiten) waren zur Hälfte Steppentiere, die hätten schon dafür gesorgt, dass ein vernünftiger Anteil an Steppe erhalten bleibt.


    So fressen Rehe im Wald Baumtriebe und würden so, in einer menschenfreien Landschaft, ein Gegengewicht zu einer totalen Verwaldung aufbauen.


    Allerdings sind die Steppentiere am Ende der Eiszeit bevorzugt ausgestorben (worden), weil sie, wie z. B. das Mammut, eine attraktivere Beute sind als z. B. Rehe.


    http://www.lwf.bayern.de/imperia/md...tlichungen/lwf-wissen/27/lwf_wissen_27_06.pdf
     
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  5. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Zum Thema Wald:

    Ich finde das schon sehr plausibel, und die Daten scheinen ja auch dafür zu sprechen, dass es einen Zusammenhang gibt.

    Klimawandel -> einsetzende Verschiebung der Vegetationszonen nach Norden (Aufforstung) -> Rückgang der Steppentierpopulationen -> erhöhter Konkurrenzdruck der Jäger (Mensch, Wolf, Löwe, Hyäne, Leopard, ...) -> Artensterben -> Anpassung der verbliebenen Jäger auf die neue Flora und Fauna (= Mesolithikum)

    Zu Sesshaftwerdung und Nomadismus:

    Ich denke, dass die Sesshaftigkeit vor der nomadischen Tierhaltung "erfunden" wurde. Es gibt einige Argumente, die das logisch erscheinen lassen. Wissen tun wir es natürlich nicht ...
     
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  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Im Gegensatz zu deiner Vermutung drang der Wald während des Mesolithikums vor, sodass der Raum des heutigen Deutschland zu Beginn des Neolithikums von dichten Wäldern bedeckt war. Hier eine entsprechende Aussage dazu:

     
  7. Klaus

    Klaus Neues Mitglied


    Meine Vermutung ist eine andere und zwar :

    Es ist nicht der "natürliche" Zustand, dass sich zu Beginn einer Warmzeit die eiszeitliche Tundra vollständig in eine Waldlandschaft verwandelt. Der natürliche Verlauf würde eher zu einer Mischvegetation aus Wald, Steppe, Aue... führen, da es für jede dieser Landsxhaftsformen spezialisierte Tierarten gibt. So muss es bei allen ca. 20 Eiszeiten seit Beginn des Quartärs vor 2,4 Mio Jahren gewesen sein, denn alle diese Tierarten haben im Prinzip alle diese Zyklen überlebt.

    Alle...bis auf den letzten. Denn da war eine neue Art nach Europa (und später nach Amerika) immigriert : Der Homo Sapiens.

    Da diesmal durch dessen Ernährungsgewohnheiten die meisten Arten der Megafauna ausstarben, entwickelte sich auch die Landschaft anders als gewohnt, nämlich hin zu einem geschlossenen Wald.

    Ich bezweifele also lediglich die These, dass die völlige Durchsetzung des Waldes ein zwangsläufiger Prozess wäre, dass Europa also ohne das Auftreten des Menschen eine geschlossenen Waldlandschaft wäre.
     
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Während des Mesolithikums lebten nur wenige zehntausend Menschen in Europa und zu Beginn des Neolithikums waren es nach Schätzungen von Prähistorikern nur etwa 350 000 im Raum des heutigen Deutschland (heute 82 Millionen Menschen!).

    Diese wenigen Jäger, Sammler, Fischer und Bauern haben die Vegetation so gut wie nicht verändert. Das kam erst sehr viel später!
     
  9. Tekker

    Tekker Gast

    Mmh, ich habe jetzt keine gegenteiligen Informationen vorliegen, würde aber trotzdem wissen, wie du auf diese These kommst, lieber Klaus?! Ich denke eher, daß die Flora die Fauna bestimmt und nicht umgekehrt. Auch hab ich grad nicht die Daten der Ausbreitung des Menschen im Kopf, aber taucht er tatsächlich erst während der letzten Eiszeit in Europa auf?

    Die Frage, ob zuerst Bauern oder Hirten entstanden, geht imho fehl. Vielmehr sehe ich hier eine zeitgleiche Entwicklung, ausgehend von Jägern und Sammlern, in die jeweilige Richtung. Vielleicht folgten die einen den Herden und zähmten sie alsbald,währen die anderen zurückblieben und sich mit dem entstehenden Wald auseinandersetzen mußten...
     
  10. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Lieber Tekker, siehe Link in meinem Beitrag um 13:51 h
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Populationen von Homo erectus und später dem Neandertaler gab es einige hunderttausend Jahre vor dem Eintreffen des modernen Menschen in Europa. Dessen Einwanderung schätzt man anhand von Sklettefunden auf etwa 40 000 v. Chr., d.h. also noch während der letzten Eiszeit.
     
  12. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Wie viele braucht man denn Deiner Meinung nach ?

    Randbedingungen :
    1. Es gibt in der eiszeitlichen Tundra nicht anderes zu essen als das Fleisch grasfressender Tiere.
    2. Man muss das Viech auch erwischen (Elefanten haben übrigens keinen Fluchtinstinkt). Wenn man es nicht erwischt, stirbt man, man muss es also verfolgen, bis man es hat. Welche Beute wird wohl bevorzugt ausgewählt ?
    3. Elefanten vermehren sich nicht besonders schnell (insbesondere, wenn die Babies eine besonders leichte Beute sind).
    4. Das Land ernährt nicht besonders viele Mammuts. Wie viel Gras braucht ein Mammut am Tag und wie schnell wächst das Gras bei solchen Temperaturen ?

    Da sind 350 000 hungrige Jäger schon ganz schön viele Feinde.
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Gemessen an der heutigen Bevölkerung betrug die Bevölkerunsrate damals nur etwa 0,7%, d.h. das Land war äußerst dünn besiedelt.

    Was die Menschen an Wild töteten, konnte die Herden in keiner Weise erschöpfen und auch die Rodungen der wenigen winzigen Siedlungen (etwa 50-80 Menschen in 8-12 Häusern) störten in keiner Weise das natürliche Gleichgewicht. Wenn man Brandrodung annimmt, so blieben die Siedler etwa 10-15 jahre an einem Ort, zogen dann weiter, und in wenigen Jahren deckten wieder Wälder und Buschwerk die aufgegebenen kleinen urbar gemachten Bodenstücke (als "Äcker" kann man sie kaum bezeichnen).
     
  14. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Die Frage ist vielleicht nicht sehr wichtig, aber ich werde meine Argumente mal kurz darlegen:

    1. Nicht jedes Tier lässt sich domestizieren. Zähmen, ja. Aber domestizieren ist etwas anderes. Erst kürzlich wurde festgestellt, dass alle europäischen Hausrinder aus Asien stammen, und so ist es mit der Mehrzahl der Haustierarten. Der englische Wikipedia-Artikel ist recht lesenswert. Domestication - Wikipedia, the free encyclopedia

    Es mussten also ersteinmal Tiere gefunden und "geschaffen" werden, die sich problemlos halten liessen und mit denen man ohne Weiteres von Ort zu Ort ziehen konnte.

    2. Wer Tierhaltung, Landbau, Fischen, Sammeln und Jagen verbinden konnte, hatte gleich fünf Standbeine. Wenn z.B. Hagel die Felder zerstörte oder eine Krankheit die Rinder befiel, dann hatte man Ausweichmöglichkeiten. Wer alleine auf seine Herde angewiesen war, hatte sicherlich schlechte Karten. Ich halte den nomadischen Tierhalter daher für eine spätere Spezialisierung. Als die Gemeinschaften und Herden größer wurden, teilte man einzelne Personen zum Treiben und Hüten der Rinder und Schafe zu. Diese stellten sich so allmählich auf das Leben abseits der Gemeinschaften ein.

    3. Tiere, wie Ziege, Schaf und Rind waren lange Zeit nur als tote Tiere verwertbar. Erst mit der Laktose-Toleranz wurde die Milch zum idealen Nahrungsmittel - und für die Wolle musste auch ersteinmal ein Verwendungszweck gefunden werden.

    4. Auch Nomaden haben idR Bedürfnisse an Gütern, die ihre Herden ihnen nicht liefern können. Holz, Waffen und Werkzeuge, Seile, Körbe, Kräuter und Medizin, uva.. Diese können aber nur dann im Tausch erworben werden, wenn es sesshafte Gemeinschaften gibt, die diese in ausreichender Zahl produzieren oder vorrätig halten. Ich denke, die Spezialisierung auf den Herdentrieb "lohnt" sich erst in Verbindung mit dem Tauschhandel.
     
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nur als ins offtopic führender Hinweis: es gibt auch, wenn auch seltener, den umgekehrten Fall. Der toro bravo, der spanische ~"Kampfstier"~, ist zwar domestiziert (Auerochse), lässt sich aber i.d.R. nicht zähmen.

    Holz und Kräuter kann man sammeln, daraus lassen sich dann Waffen, Werkzeug und Medizin, aber auch Körbe herstellen, wobei zuzugeben ist, dass in europäischen Breiten extra Weiden(alleen) angelegt wurden, um Material zur Korbherstellung zur Verfügung zu haben. Seile (siehe Lassos oder boleadoras) können sehr wohl von Nomaden hergestellt werden, da sie aus Lederstreifen bestanden (Flachs- oder Hanfseile dagegen die Varianten sesshafter Bevölkerungen). Auch ein Nomade zieht ja nicht nur durch die Gegend, sondern bleibt auch mal ein paar Tage oder Wochen an einem Ort und hat dann die Gelegenheit zu handwerklichen Tätigkeiten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juni 2007
  16. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Bezugnehmend auf das, was ich in dem Steinzeitexperiment-Thread schrieb, einige Thesen:

    1. These: Der Ackerbau wurde von (aus-)wandernden Bauern nach Mitteleuropa (Linienbandkeramische Kultur); es ist keine mitteleuropäische Eigenentwicklung, sondern entstand im Nahen Osten und verbreitete sich von dort aus. Nach Deutschland bzw. Mitteleuropa kam er wie gesagt mit einwandernder Bevölkerung, nicht als Übernahme dieser Techniken durch vorher hier ansässige Kulturren.

    2. These: Die mesolithische Bevölkerung übernahm diese neolithische Lebensweise nicht bzw. erst nach Jahrhunderten des Nebeneinanderbestehens. Viele Regionen Deutschlands wurden gar nicht den Linienbandkeramikern bewohnt (Norddeutschland, einige Mittelgebirge, Alpenraum); hier lebten bis zum Eintreffen späterer Ackerkulturen Jäger und Sammler. Auch Mischformen gab es.
    Grund für dieses Nebeneinander ist mE die Ablehnung der neuen Lebensweise durch die mesolithische Urbevölkerung.
     
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  17. Ostrogotha

    Ostrogotha Aktives Mitglied

    Wo fängt bzw. hört bei Dir Norddeutschland auf? Ich bezeichne mich in Niedersachsen noch als Norddeutsche. Und dort gab es sehr wohl Linienbandkeramik (z. B. Gräberfeld Wittmar, Lkr. Wolfenbüttel).
    Linienbandkeramische Siedlungsplätze gibt es z. B. in Esbeck (Schöningen), Diemarden (Gleichen) und Rosdorf.

    Wie beweist man eine Ablehnung einer neuen Lebensweise aus jener Zeit?
    In Südniedersachsen z. B. lebte man bereits im 6. Jahrtausend im Neolithikum, im norddeutschen Tiefland setzt man den Beginn in die 2. Hälfte des 5. Jahrtausend mit der in Nordeuropa und im nördlichen Mitteleuropa sogen. "Erteböllekultur" (nach einem Fundort in Jütland).
    Dieser Unterschied dürfte eher daher rühren, dass die Böden unterschiedlich waren. Fruchtbarer Lößboden "lädt" eher zu einer Annahme bäuerlicher Lebens- und Wirtschaftsweise ein, als das Norddeutsche Tiefland mit seiner damaligen licht bewaldeten Landschaft mit ausgedehnten Mooren, geringwertigeren, sandigen Böden.
     
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  18. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Der Stand der Genforschung ist allerdings, dass die Ackerbauern nur in geringer Größenordnung (10-20 %) zur DNA-Ausstattung der heutigen Europäer beigetragen haben, die Mehrheit von uns stammt von also von Cro Magnon & Co ab.

    Demnach hätten die Jäger & Sammler die Technik und die Sprache der Immigranten übernommen, wären aber nicht physisch von ihnen verdrängt oder gar ausgerottet worden.
     
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juni 2007
  20. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Hier noch ein paar Quellen:

    spektrumdirekt
    Die Erfindung der Landwirtschaft

    Und zwei Grafiken:

    neolithische revolution.JPG
    Bandkeramiker Haustiere Europa.JPG

    Aus: http://laoek.botanik.uni-greifswald.de/lehre/ss06/Lebensraeume-PDF/Acker.pdf

    Bei der unteren Grafik ist erkennbar, wie selten die Bandkeramiker auf Jagdwild zurückgriffen. Bis auf die beiden alpennahen Lokalitäten betrug der Anteil von Wildtierenknochen an den gefundenen Tierknochen weit unter 20%. Wenn etwa die Hälfte der Ernährung aus Fleisch bestand, dann haben die ersten Bauern wohl wirklich nicht mehr viel gejagd.
     
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