Die Versorgung römischer Truppen in der Germania

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Hermundure, 27. Februar 2018.

  1. Hermundure

    Hermundure Aktives Mitglied


    Guten Morgen,

    lange Zeit glaubte man, dass die Germania die römischen Truppen nicht ernähren konnte. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Neuere Ausgrabungen in Mitteldeutschland ergaben, dass bereits in der Spätbronzezeit man begonnen hatte riesige Getreidedepots anzulegen. Beim Bau der A71 in Niederröblingen wurden nun solche Depots von der Spätbronzezeit bis in die römische Kaiserzeit ausgegraben. Die Lössböden eigneten sich hervorragend für den Anbau von Spelzgerste, Hafer, Emmer, Rispenhirse, Dinkel und Einkorn, welche man erfassen konnte.

    Zitat: "In den verkohlten Getreidemassenfunden sind die Funddichten ausgesprochen hoch. Sie betragen in Niederröblingen zwischen 2.000 und 15.000 Pflanzenresten pro Liter Ausgangsmaterial. Bei einem Gesamtprobenumfang von 250 l (ohne den insgesamt 900 l umfassenden Befund 4935) kann man in Niederröblingen daher von einer Gesamtmenge von weit über einer Million Pflanzenfunden ausgehen."

    Quelle: Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 14. 2011

    Warum wurden im Lager Marktbreit keine Getreidedepots wie in Haltern oder Anreppen von den Römern angelegt? Die Antwort ist einfach - das Umfeld von Marktbreit entsprach dem von Mitteldeutschland. Auch hier findet man den für den Getreideanbau benötigten Lössboden. Diese Bedingungen fehlen allerdings an der Lippe.

    Siehe dazu auch die Antwort von Bernd Steidl im Scan.

    Quelle: Zwischen Kelten und Germanen - Nordbayern und Thüringen im Zeitalter der Varusschlacht. 2009

    Wenn man sich die Verbreitungskarte der Massengetreidefunde ansieht, darf es nicht verwundern warum ausgerechnet das Lager in Hachelbich angelegt worden ist. Es befindet sich in der Nähe der "Kornkammer Deutschlands".

    Herodian schreibt zum Feldzug des Maximinus Thrax:

    "Er verheerte daher das Land, BESONDERS, WO DIE FELDER REIF WAREN, ließ die Dörfer in Brand stecken und überließ sie dem Heer zur Plünderung."

    Herodian VII 1, 5-2

    Gerade für solche großen Kontingente wie für Maximinus oder die 4 Legionen des Germanicus benötige ich gewaltige Lebensmittelmengen, um zu existieren. Der Transport von Lebensmitteln per Schiff hätte solche Massen nur wenige Tage ernähren können - keinesfalls aber Wochen und Monate. Die Münzen des Germanicus im Einzugsgebiet der Elbe und Saale zeigen um so mehr, dass umgedacht werden muss.
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 27. Februar 2018
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dass insbesondere Sachsen-Anhalt sehr fruchtbar ist, ist ja bekannt. Daraus resultiert natürlich auch, dass es eine der prähistorisch am dichtesten besiedelten Regionen Deutschlands ist. Solange allerdings Hachelbich als Marsch- und nicht als Standlager angesprochen wird sollte man da mit allzuweitreichenden Schlussfiolgerungen vorsichtig sein. Was dei Fruchtbarkeit des Lipperaums angeht: Der ist zwar bei weitem nicht so groß, dennnoch gibt es hier die Hellwegbörden und die Soester Börde.
     
  3. Hermundure

    Hermundure Aktives Mitglied


    Hallo ELQ,

    schon richtig - das reichte aber nicht aus, um die Legionen an der Lippe aus dem Land zu ernähren. Das Getreide musste aus Gallien herangekarrt werden, daher auch die Depots in den Lagern. Sehr wahrscheinlich erfolgte die Ernährung der Legionen jenseits der Leine/Werra aus dem Land. Nur bei Tiberius ist einmal von copia die Rede, wobei "Versorgung" alles mögliche sein kann. Das bisher östlichste von den Römern angelegte Depot ist in Hedemünden. Hachelbich braucht auch kein Standlager zu sein, da die Legionen sich dort aus dem Land ernähren konnten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Februar 2018
  4. Hermundure

    Hermundure Aktives Mitglied

    Bei Cassius Dio steht im Buch 56-19 folgendes:

    "So hielt denn Varus seine Heeresmacht nicht, wie es sich in Feindesland gehörte, beisammen, sondern überließ die Soldaten schaarenweise hilfebedürftigen Leuten, die darum baten; bald um irgend einen festen Platz zu bewachen, bald um Räuber einzufangen, bald um GETREIDETRANSPORTE zu sichern."

    Wir erinnern uns - Varus war da, um Steuern zu erheben. Bereits Vegetius macht darauf aufmerksam, dass ein Heer in fremden Ländern ohne sichergestellte Versorgung verloren ist. Germanische Subsistenzwirtschaft kann zwischen Weser und Rhein und der Küstenregion angenommen werden - nicht jedoch für Mitteldeutschland und Unterfranken. Daher denke ich auch kommen die Unterschiede bei den Lagern zu Stande.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich denke, dass die Unterschiede in den Lagern eher der Dauer der Belegung und ihrer jeweiligen Funktion geschuldet sind. Die Getreidetransporte, von denen Dio schreibt, sind ja nicht näher spezifiziert. Dass beispielsweise Lippelager (obwohl bei den Hellwegbörden gelegen) versorgt wurden ist gut nachgewiesen (Prahmen aber auch einheimische Keramik). Ein getreidelter Prahm konnte gut 30 t +/- transportieren, damit ließ sich eine Legion in Vollstärke gut vier bis fünf Tage versorgen. Der überlandtransport ist viel schwieriger. Einem Maultier kannst du 150 kg aufbürden.
     
  6. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Auch wenn im Umfeld massenhaft Getreide wächst, erspart das nicht die Anlage von Getreidedepots. Man kann die Truppen ja nicht dreimal täglich zur Selbstverpflegung auf die Felder der näheren Umgebung schicken.

    Denn das Getreide wird nur einmal im Jahr reif, dann muss es geerntet werden.

    Und dann lässt man es auch nicht draußen auf den Feldern liegen, sondern was macht man dann damit?

    Man lagert es ein. Und zwar am besten da, wo es a) am sichersten ist und wo es b) auch gebraucht wird.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Februar 2018
  7. Hermundure

    Hermundure Aktives Mitglied

    @ Sepiola

    die Depots waren doch schon da (bei den Germanen ! - siehe z.B. Niederröblingen und die Karte). Herodian z.B. sagt, dass die Germanen in den Ebenen nur ihr nötigstes Hab und Gut (Vieh) mit in die Wälder nahmen. Das Getreide musste man den Truppen Maximinus überlassen. Warum fanden die meisten Schlachten des 30-jährigen Krieges auf Mitteldeutschen Boden statt ???

    Diercke Weltatlas - Kartenansicht - Bodentypen - - 978-3-14-100700-8 - 55 - 2 - 0
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Falls die Römer mal Getreide aus germanischen Depots (Gerste, Hafer, Hirse) verwerteten, haben sie es höchstens an ihre Maultiere verfüttert. Schon Gerste essen zu müssen, war für einen Legionär eine Strafe.

    Um römische Ansprüche zu befriedigen, musste die einheimische Landwirtschaft erst einmal umgestellt werden. Das ging nicht von heute auf morgen.


    Wo soll das stehen?
    Herodian schreibt, dass man die Getreidefelder verwüstete und das Vieh an die Truppen verteilte.
     
  9. Hermundure

    Hermundure Aktives Mitglied

    @Sepiola

    erst lesen, dann antworten. Was ist Dinkel ? - richtig Urweizen ! Das hat man sicher nicht zum Verfüttern der Pferde gegeben; genauso wenig wie Emmer. Sorry, auf der Basis diskutiere ich nicht mehr mit dir. Andere belehren wollen richtig zu lesen - das sind mir die Liebsten.

    Das Vieh habe ich in Klammern gesetzt, weil man das mitnehmen konnte.

    "Die Herden, die ihnen (den Römern) in die Hände fielen, überließ er (Maximinus) seinen Soldaten."

    Damit ist klar, dass man nicht alles Vieh erwischt hatte. Leuchtet wohl ein, oder ?
     
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Wenn Du gelesen hast, was ich geschrieben habe, dann hast Du bestimmt gelesen, dass ich von Gerste, Hafer und Hirse geschrieben habe. Gerste und Rispenhirse wurden überall angebaut - Hirse wahrscheinlich in größeren Mengen, als die archäologischen Befunde anzeigen, denn die winzigen Körner werden gern übersehen. Hafer war in kleineren Mengen fast überall dabei - wahrscheinlich wuchs es als "Unkraut" mit und wurde mitgeerntet.

    Wenn Du nun mit Weizendepots argumentieren willst, musst Du auch darlegen, wo es denn riesige Weizendepots gab. Meinetwegen auch Dinkeldepots, aber Dinkel und Weizen ist nicht dasselbe. Dinkel muss im Gegensatz zu Weizen erst umständlich entspelzt werden.


    Getreide kann man auch mitnehmen, natürlich nur wenn man welches vorrätig hatte. Das ungeerntete Getreide auf dem Feld kann man nicht mitnehmen.

    Ob es Vieh gab, das entwischt ist, geht aus der Stelle nicht hervor. Es geht nur daraus hervor, dass man ganze Viehherden erwischt hat.

    Also halten wir fest: Herodian spricht nur von Vieh, das man an die Truppen verteilt hat. Nicht von Getreide, das man an die Truppen verteilt hat.

    Zum Thema "Versorgung römischer Truppen in der Germania" ist also nur die Information zu gewinnen, dass man die Verpflegung durch erbeutetes Vieh aufgebessert hat, wenn sich die Gelegenheit bot.
     
  11. Hermundure

    Hermundure Aktives Mitglied

    Guten Morgen,

    @Sepiola

    aus Niederröblingen haben wir für die RKZ vorrangig Ur-Weizen (Massendepot Nr. 4935)! Die Getreidedepots insgesamt umfassen eine Zeitspanne von 1500 Jahren(!).

    Tacitus Germania:

    "Sie pflegen auch unterirdische Höhlen (Gruben) aufzutun und beschweren sie oben mit viel Mist als Zuflucht für den Winter und zur Aufbewahrung der Feldfrüchte, weil derartige Orte die starre Kälte mildern und ein Feind, wenn einmal einer ins Land kommt, nur, was offen daliegt, plündert; was versteckt und begraben ist, bleibt entweder unerkannt oder entzieht sich eben dadurch, dass man es suchen muss."

    Durch Tacitus war den Römern sogar bekannt, wie die Germanen das Getreide versteckt hielten.

    "Die Ländereien werden nach der Anzahl der Anbauer von der Gesamtheit abwechselnd in Besitz genommen und dann später unter die einzelnen nach ihrem Rang verteilt. Die Weite der Felder erleichtert ihre Verteilung. Die Saatfelder wechseln sie alljährlich und es bleibt noch Brachland über. Denn sie ringen nicht mit der Ergiebigkeit und Ausdehnung des Bodens mit Arbeit, so dass sie Obstpflanzungen anlegten, Wiesen absonderten, Gärten künstlich bewässerten: nur Getreide wird der Erde abverlangt."

    Mit solchen riesigen Getreide-Vorratsgruben kann das Ems-Lippe-Gebiet nicht mal ansatzweise aufwarten. Es passt alles haargenau wie es Tacitus beschreibt.
     

    Anhänge:

  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Och, solche Erdsilos und Vorratsgruben hast du mindestens seit der Jungbronze auch in Haltern, Bielefeld, Paderborn oder - ganz in der Nähe von Kalkriese ;) - in Alfhausen; das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Saaleraums. Vor allem aber beschreibt Tacitus zunächst recht allgemein Verhaltensweisen germanischer Gruppen vom Rhein bis zur Weichsel, bevor er zu den einzelnen Stämmen kommt. Die Beschreibung der Erdsilos findet sich im allgemeinen Teil.
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Zu den wirtschaftlichen Grundlagen der Provinz Niedergermanien gehörte eine gut organisierte und ertragreiche Landwirtschaft. Im Bereich der fruchtbaren Lößböden fanden die Römer bei ihrer Ankunft bereits einen entwickelten Ackerbau vor und behielen somit die einheimischen Flur- und Feldformen bei. Die vom Feldherrn M. Vipsanius Agrippa vermutlich um 38 v. Chr. durchgeführte Landvermessung (limitatio) bestimmte die künftige Orientierung und den Zuschnitt. Es handelte sich dabei um annähernd quadratische Raster; eine solche centuria umfasste eine Fläche von etwa 50 ha.

    Die zahlreichen und gut organisierten landwirtschaftlichen Betriebe (villae rusticae) stellten die Versorgung sowohl der Provinzbevölkerung als auch des Militärs mit Nahrungsmitteln sicher. Erst nach den verheerenden fränkischen Einfällen im 4. Jh. und der Aufgabe vieler Gutshöfe musste zuweilen Getreide aus Gallien importiert werden.

    Das römische Heer verfügte über eine ausgezeichnete Logistik, die die Verteilung von Ausrüstungs- und Versorgungsgütern aller Art garantierte. Zum Teil besaßen die Truppen eigenes militärisches Nutzland, auf dem sowohl Ackerbau als auch Viehzucht betrieben wurden. Aber die Masse der benötigten Nahrungsmittel musste angekauft werden. Die Nahrungsmittel, die die Soldaten brauchten, waren Getreide, Fleisch. Käse, Gemüse, dazu Salz und Olivenöl. Als Getränk gab es einen sehr sauren zweitgekelterten Wein. Getreide, Gemüse, Fleisch und Käse konnten die rheinischen Gutshöfe in ausreichender Menge liefern, anderes wurde von weither importiert.

    Die meisten Gutshöfe bauten Getreide an, mit Dinkel, Einkorn und Emmer vor allem Weizenarten. Paläobotanische Funde in Aachen, Bonn, Neuss und Xanten belegen aber auch Gerste, Roggen, Hafer und einige Hirsearten. Die Erträge wurden erhöht durch intensive Feldbestellung mit geeigneten Geräten und eine Verbesserung der Bodenqualität durch Mist- und Mergeldüngung.

    Die Gutshöfe produzierten aber auch andere wichtige Grundnahrungsmittel wie Bohnen, Erbsen und Linsen. In den Gärten wuchsen u.a. Möhren, Rüben, Feldsalat, Knoblauch, Amarant, Dill, Koriander, Kümmel, Sellerie und Thymian. Funde weisen auf regelrechte Obstplantagen hin, in denen Kirsch-, Pflaumen-, Pfirsich-, Apfel- und Nussbäume standen. Hinzu kamen an Rhein und Mosel Weingärten. Viehzucht gab es vor allem auf schlechten Böden, z.B. in der Nordeifel und am Niederrhein.

    Man muss sich diese Gutshöfe als ganzheitliche Wirtschaftssysteme und autarke Betriebe vorstellen. Zur Bewirtschaftung seines Hofes benötigte der Gutsbesitzer oder Pächter selbstverständlich Arbeitskräfte, denn die Familienangehörigen reichten dazu meist nicht aus. Also wurde einheimisches Gesinde beschäftigt, dazu saisonbedingt Tagelöhner. Dennoch war der Wohlstand der Landbevölkerung bescheiden und nur größere villae rusticae boten einen städtischen Luxus. Dazu zählten dann bemalte oder marmorinkrustierte Wände, Fußböden aus Marmorplatten oder belegt mit Mosaiken, einige beheizbare Räume und eine Badeanlage.

    In den ersten Jahrzehnten des 5. Jh. brach dieses landwirtschaftliche System unter dem Ansturm der Franken zusammen, nachdem es bereits zuvor schwer unter Plünderungs- und Raubzügen gelitten hatte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. März 2018
    jchatt gefällt das.
  14. jchatt

    jchatt Aktives Mitglied

    Ich glaube wir können davon ausgehen, daß überall dort, wo in Germanien Salz im grösseren Maßstab abgebaut oder produziert wurde, auch schon Getreideüberschüsse für diese Salz-Zentren produziert und geliefert wurden. Das wird zwar für ein römisches Feldheer mit ca. 25-30.000 Mann wahrscheinlich nicht ausgereicht - die zusätzlich zu beschaffende Getreidemenge aber wirksam reduziert haben. Wir können ebenfalls davon ausgehen, dass diese Salz-Zentren nicht links liegen gelassen wurden, sondern gezielt angesteuert wurden.

    Wenn ich die Quellen richtig erinnere, dann wird für die Germanienexpeditionen nur an einer Stelle von Getreidemangel berichtet. Drusus musste an der Weser den Rückmarsch antreten da sich Mangel an Getreide einstellt. Dies betrifft also die frühe Phase der Expansion. Schon wenig später überschreitet Drusus nicht nur die Weser, sondern stößt bis zur Elbe vor.
    Wenn die Römer also an der Weser Probleme mit der Getreideversorgung hatten, dann haben sie diese Probleme in den folgenden Jahren gelöst. Ich glaube aber nicht, dass sie Ihr Getreide komplett mit Maultieren von der Lippe bis an die Elbe transportierten. Eine Versorgung durch unterworfene oder befreundete Stämme scheint mir da plausibler.

    Die Getreideversorgung ins Innere Germaniens über die Lippe sehe ich auch nicht als nachgewiesen an. Wenn man den römischen Abtransport germanischer Produkte ins Reich nachweisen möchte, kann man das mit den selben archäologischen Funden begründen. Man sieht einem Prahm nicht an, in welche Richtung er was transportiert hat. Das Lagerhaus in Haltern wurde zudem nachträglich in einer Lagererweiterung errichtet. Es kann genauso gut als Reaktion auf eine Belagerung (Aliso!) als strategische Reserve für die Besatzung gedacht sein.

    Eine weitere Möglichkeit die Getreideversorgung zu optimieren ist der gezielte Einsatz von Genozid und Vertreibung. Man reduziert also konkurierende Getreideverbraucher zugunsten römischen Bedarfs. Die Umsiedlung der Sugambrer durch Tiberius könnte genau diesem Zweck gedient haben. Das ehemalige Siedlungsland der Vertriebenen diente womöglich dann zur vielleicht schon römischen Überschussproduktion für die vorgeschobenen Truppen bei verkürzten Transportwegen.

    Gruß
    jchatt
     
    Biturigos gefällt das.
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kannst du ja errechnen. Trageleistung enes Maultiers 150 kg, Bedarf einer Legion in Vollstärke ca 5.000 kg/Tag. Macht 34 Maultiere. Wenn du das *8 rechnest (acht Legionen), bist du schon bei 272 Maultieren. Nehmen wir jetzt noch eine Woche Feldzugdauer (*7) an, bist du bei 1.904 Maultieren. Dass das nicht funktioniert, liegt auf der Hand.

    Warum ist man entlang der Lippe oder des Main ins Innere Germaniens vorgestoßen? Natürlich um die Versorgung der Lager zu gewährleisten. Zudem wissen wir anhand von Produkten, die in unseren Regionen nicht vorkommen (Olivenkerne, Traubenkerne, Feigenkerne) sowie Transportkeramiken (Amphoren) aus dem Mittelmeerraum (z.B. für eingelegte Früchte, Garum und Öl), dass die Lager Lieferungen bekamen. Bzgl. des wissenschaftlichen Standes der Versorgung der Lippelager empfehle ich die Lektüre von Kathrin Jaschke, Tonnenweise Getreide. Die Versorgung der römischen Legionslager an der Lippe, in Imperium, Konflikt, Mythos. 2000 Jahre Varusschlacht, Bd. I Imperium, S. 196 - 2002 sowie Bettina Tremmel, Horacio González Cesteros, Torsten Mattern & Patrick Monsieur, Die Amphoren aus den römischen Militäranlagen in Haltern in Archäologie in Westfalen Lippe 2011, S. 225 f.
     
  16. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das ist in der Tat bemerkenswert.
    Gibt es in der Publikation Angaben
    - zum Unkrautanteil?
    - zur Gesamtgröße des Depots 4935?
    - zur genaueren Zeitstellung?


    Und Marktbreit?
     
  17. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Die von Hermundure genannten Literzahlen (250 und 900l) sind nun nicht besonders beeindruckend, vielleicht ist es das Alter des Getreidefundes. Kleinere Kegelstumpfgruben von 3 Kubikmeter haben einen Inhalt von 3000 l Getreide (mit Beifunden, Ackerunkräutern usw.) - aus der zitierten Stelle oben ist nicht zu entnehmen, welche Funde in welcher Form gemacht wurden - Pflanzenreste spricht eigentlich für Makroreste, und nicht für Pollen. Ich finde es sehr schwierig anhand eines Fundes in Niederröblingen eine Hypothese aufzustellen, dass die landwirtschaftliche Nutzung in Thüringen und Sachsen-Anhalt Überschüsse produziert hatte, die die militärische Versorgung römischer Legionen sicherstellen konnten.
    Eine solche Hypothese würde ich auch nicht für den westfälischen Raum stellen, und auch die Latifundienwirtschaft in Niedergermanien setzt erst nach der Expansions- und Feldzugsphase ein.
    zur Problematik der Kegelstumpfgruben siehe Text -> Anmerkungen zu den Kegelstumpfgruben der Eisenzeit. In: B. Herring/E. Treude/M. Zelle (Hrsg.), Römer und Germanen in Ostwestfalen-Lippe. Untersuchungen zu kulturhistorischen Entwicklungen von der Mittellatènezeit bis zur jüngeren römischen Kaiserzeit
    Ich zitiere hier aus einer Dissertation, die die Niederheinische Bucht und das Mitteldeutsche Trockengebiet
    anhand geologischer Befunde (Erosion, Kolluvienbildung-Sedimentierung-Anschwemmungen) vom Neolithikum bis zur Gegenwart vergleicht.

    "Mitteldeutsches Trockengebiet
    Eine landwirtschaftliche Nutzung der Untersuchungsgebiete in Mitteldeutschland kann während der römischen Kaiserzeit nur in geringem Umfang nachgewiesen werden. Möglicherweise datiert eine unterste geringmächtige kolluviale Ablagerung im nördlichen Hangfußbereich des Oechlitzer Höhenrückens in einen spätrömischen bis frühmittelalterlichen Kontext (siehe Kap. 6.1). Weitere Hinweise auf eine Nutzung des Gebietes während der römischen Kaiserzeit zeigten sich nicht. Einzig in Profen wurde eine kolluviale Ablagerung in der Senke am Übergang von Eisenzeit zu römischer Kaiserzeit datiert, die auf eine flächenhafte Bewirtschaftung, wahrscheinlich weiterhin zur Holzgewinnung, der Böden auf den Kuppen und den Hängen zu dieser Zeit bedeuten. Auf der untersuchten Fläche bei Osterweddingen zeigten sich keine archäologischen Befunde aus dieser Zeit.
    Niederrheinische Bucht
    Die Übernahme des Rheinlands durch die Römer ging in der Region mit einer flächendeckenden ländlichen Besiedlung und einer stark entwickelten Infrastruktur, technischen Neuerungen sowie einer intensiven Bewirtschaftung der Landschaft mit weiteren Rodungen einher (Knörzer et al., 1999), die das Vegetationsbild nachhaltig veränderten. Die bisher praktizierte Subsistenzwirtschaft geht in eine Latifundienwirtschaft mit der Versorgung von Militär und Städten über, die sich hauptsächlich auf den Getreideanbau stützte (Meurers-Balke et al., 1999; Schamuhn und Zerl, 2010; Wendt und Zimmermann, 2008)...... Zum Ende der römischen Kaiserzeit kam es zu einem starken Rückgang aller landwirtschaftlichen Aktivitäten mit gleichzeitiger Wiederbewaldung der Gebiete (Becker, 2005)."

    „Prähistorische Mensch-Umwelt-Interaktionen im Spiegel von Kolluvien und Befundböden in zwei Löss-Altsiedellandschaften mit unterschiedlicher Boden- und Kulturgeschichte (Schwarzerderegion bei Halle/Saale und Parabraunerderegion Niederrheinische Bucht)“,Julia Gerz, 2017 -> Prähistorische Mensch-Umwelt-Interaktionen im Spiegel von Kolluvien und Befundböden in zwei Löss-Altsiedellandschaften mit unterschiedlicher Boden- und Kulturgeschichte (Schwarzerderegion bei Halle/Saale und Parabraunerderegion Niederrheinische Bucht) - Kölner UniversitätsPublikationsServer

    Aufgrund dieser eher pessimistischen Aussagen dieser Untersuchung bezogen auf Mitteldeutschland würde ich umgekehrt jedoch nicht den Schluß ziehen, dass dort während der römischen Kaiserzeit keine Landwirtschaft betrieben wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. März 2018
    silesia, El Quijote und flavius-sterius gefällt das.
  18. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Die betreffen den Befund - das ausgegrabene und untersuchte Material.
    Davon zu unterscheiden ist, wie groß die Depots eigentlich waren. Das würde mich vor allem interessieren.

    (900 Liter ist natürlich nichts. Damit kann man eine Kleinfamilie über die Runden bringen. Wenn wir es mit einer Legion zu tun haben, reicht das noch nicht einmal für ein einziges gemeinsames Frühstück.)
     
  19. jchatt

    jchatt Aktives Mitglied

    Ich schrieb "Die Getreideversorgung ins Innere Germaniens über die Lippe sehe ich auch nicht als nachgewiesen an".
    Es ging Hermundure, so meine ich, um die Feldzugslogistik. Wenn Du die Versorgung der Lippe-Winter-Lager ins Spiel bringst, dann sind das zwei verschiede Schuhe. Die Versorgung eines stationären Heeres über die Wintermonate mit Lebensmitteln verursacht ganz andere logistische Probleme als die Versorgung eines mobilen Feldheeres in unbekannten womöglich feindlichen Terrain, zu einer Jahreszeit in der Mensch und Tier sich aus der Natur zu grossen Teilen quasi umsonst bedienen können.
    Was ich bezweifel ist die implizite Unterstellung, daß die Feldzüge jenseits der Weser auch primär über Main und Lippe versorgt wurden. Das dem eben nicht so ist, schreibt ja auch Tacitus, der die Insel der Bataver als logistisches Zentrum für die Germanicus-Feldzüge erwähnt. In diesem Fall könnte sogar Getreide von den Quellen der Lippe flussabwärts(!) transportiert worden sein. Aus meiner Sicht definieren die "Vormarschtrassen" Lippe und Main deshalb auch nur das Gebiet in denen römische Winterlager zu erwarten sind. Aber nicht nur weil sie gut über den Fluss zu versorgen waren, sondern weil sie auch beste Möglichkeiten zur Selbstversorgung boten. Diese Gebiete waren schon vor den Römern wirtschaftlich erschlossen und aufgesiedelt, und wenn Main und Lippe nicht schiffbar gewesen wären, wären die Römer trotzdem durch diese Gebiete gezogen. Es ging Rom schliesslich nicht primär darum Legionslager zu versorgen, sondern das Land, die Bevölkerung und den Handel zu beherrschen.

    Gruss
    jchatt
     
    Hermundure gefällt das.
  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Okay, dann habe ich dich falsch verstanden. Dass Legionen in Regionen jenseits der Weser nicht wirtschaftlich über die Lippe oder den Main zu versorgen waren, ist klar.
     

Diese Seite empfehlen