Ethnische Zusammensetzung von Anatolien zum Ende des ORs?

Dieses Thema im Forum "Das Osmanische Reich" wurde erstellt von grave_mungo, 1. Juli 2009.

  1. grave_mungo

    grave_mungo Neues Mitglied


    mit "Ende" meine ich den Zeitraum von 1850 bis 1918.

    Gab es damals irgendwelche Volkszählungen dazu?

    Über Quellenangaben würde ich mich auch sehr freuen!


    gru´ß

    grave_m.
     
  2. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Dunkel aus dem Kopf meine ich mich zu erinnern, dass nach dem 1. WK fast die Hälfte (?) der Bevölkerung aus Flüchtlingen des ehemaligen OR bestand. Schaue mal in den Thread hier im Subforum zu der "Migration im OR".

    Schau ebenso mal hierein und klicke dich durch das Suchwort "Population" weiter zur nächsten Stelle oder Tabelle:

    An economic and social history of ... - Google Books

    Turkey: a modern history - Google Books
    und die darüberliegenden Seiten

    The Ottoman state and its place in ... - Google Books
    und die Fußnoten

    Der osmanische Staat 1300-1922 - Google Books

    das gleiche Buch, aber mit z.T. anderen einsehbaren Seiten, z.B. die Tabelle auf S. 226:
    Oldenbourg Grundriss der Geschichte - Google Books
     
  3. grave_mungo

    grave_mungo Neues Mitglied


    Danke, aber in den von dir genannten Quellen wird nur nach Religionszugehörigkeit unterschieden und seltener nach Regionen wobei hier nur die größren Städte betrachtet werden. Ich wollte aber etwas über die größenmäßige Relation der Ethnien zueinander erfahren, ganz besonders interessiert mich hierbei die Bevölkerungszahl der Kurden.

    Ich meine mal gelesen zu haben, dass es dazu damals nur eine einzige Volkszählung gab, leider kann ich mich nicht mehr an die Quelle erinnern und kann auch nichts zu ihrer Zuverlässigkeit sagen, da ich es aus einem Armenierforum hatte.:grübel:

    Nichtsdestotrotz sind deine Linkssehr interessant, auch wenn sie meine Frage nicht beantworten, also nochmals Danke!
     
  4. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ohne Lynxxx ins Handwerk pfuschen zu wollen:

    1. Das Standardwerk ist wohl K. Karpat, Ottoman population 1830-1914: Demographic and social characteristics. (Habe ich aber nicht zur Hand.)

    2. Ethnische Daten aus dem 19. Jahrhundert sind offenbar Mangelware. In einem Magazin von 1854 fand ich diese Darstellung, über deren Zuverlässigkeit ich nichts zu sagen weiss:
    Merchants' Magazine and Commercial ... - Google Bcher

    3. Das Spektrum der Schätzungen zur kurdischen Population um diese Zeit ist ziemlich breit: Russegger hat um 1840 der kurdischen Nation eine Zahl von 3.000.000 zugeschrieben, Ritter von nur 800.000.
     
  5. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    In obigen Büchern sind einige Städte auch nicht nur die Städte, sondern ebenfalls die gleichnamigen Provinzen, wenn ich es nicht vergessen haben sollte.

    In der Encyclopaedia of Islam steht folgendes:

    Hier sind verschiedene Schätzungen aufgeführt, die z.T. 60 Jahre alt sind.

    Numerical extent of the Kurds.
    As the Kurds are not ordinarily registered as such in the censuses of the population carried out by the different states where the Kurds are resident, it is impossible to have exact statistics of the total population of Kurdistan. Besides, statistics require delicate handling, and they risk being manipulated for political motives. Cf. for Irak, M. Durra, 1st ed. 1963, 210 and 2nd ed. 1966, 225; for Turkey, E. Esenkova, 1967, 29. Here are a few examples, whose divergences, which show the complexity of the question, may undoubtedly be explained by the fact that their authors do not apply the same criteria of ethnic adherence, religion and language. Hence the elimination of the Lurs. Account must also be taken of demographic progression, which works in favour of the Kurds, a fact which is at times equally forgotten. Here are a few figures, in thousands, supplied by: (1) B. Nikitine, Les Kurdes, 1956, 42; (2) S. I. Brouk, L'ethnographie, 1958, 30; (3) A. Ghassemlou, Kurdistan, 1965, 23; (4) I. C. Vanly, Le Kurdistan irakien, 1970, 30; (5) C. J. Edmonds, Kurdish nationalism, in Journal Cont. Hist. vi/1 (1971), 92:

    Eine Tabelle sieht so aus, in Spalten und Zeilen, Nr. siehe obige Bücher:

    1, 2, 3, 4, 5,
    Turkey, 4,500, 2,500, 4,900, 6,600, 3,200,
    Iran, 1,500, 1,800, 3,300, 4,250, 1,800,
    Irak, 500, 900, 1,550, 2,000, 1,550,
    Syria, 500, 300, 250, 500, 320,
    Transcaucasia, 250, —, 160, 150, 80,

    Total, 7,250, 5,500, 10,160, 13,500, 6,950


    Morgen kommt mehr, denn es ist unseriös, einfach Tabellen oder Zahlen zu posten, ohne dabei zu schreiben, wie sie zustande kamen, und was man bei deren Betrachtung bedenken muss.
     
  6. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Hi, statt hier die Daten und die Beschreibungen wie diese zustande kamen nun aus der Encyclopaedia of Islam zu kopieren (mit den ganzen Sonderzeichen), gebe ich dir diesen Populations-Ausschnitt des Artikels Anadolu lieber als PDF:

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    Auf Button "Free User" klicken, dann die Sekunden ggf. abwarten, downloaden.
     
  7. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Dies und das zum osmanischen Reich

    Ich nehme auch mal optimistisch an, dass diese Phase irgendwann abflaut.
    Ich habe mal Berichte gesehen/gelesen, dass z.B. auch die zwischenmenschliche Annäherung zwischen vertriebenen Türken und Griechen schon weiter sind, als man vielleicht gemeinhin denkt. So werden seit vielen Jahren Touristen-Fahrten angeboten, indem die Vertriebenen beider Seiten ihre jeweiligen Heimatorte besuchen, bzw. die der Eltern/Großeltern. Dabei werden nicht selten die Touri-Busse von dem jeweiligen Bürgermeister/Ortsvorsteher/Pastor/Imam freundlich empfangen, und gegenseitig Geschenke ausgetauscht.
    Dann besucht man das Geburtshaus der Großeltern, manchmal wird man von deren neuen Besitzern, sofern zuhause, empfangen, manchmal eher die Gardinen zugezogen.
    Wobei es mir in den Berichten so erschien, als wenn die Griechen eher ein Heimweh nach ihren alten anatolischen Stätten hätten, als die Türken nach der ehemaligen griechischen Heimat. Vielleicht eine Folge davon, dass zumindest die Großeltern im neuen Griechenland nicht selten Nachteile hatten, gelegentlich diskriminiert wurden, usw., was ich bislang von den griech. Türken nach der Vertreibung nicht hörte.

    Was ich nur sagen will ist, dass irgendwann auch der Balkan zur Ruhe kommt, spätestens wenn sie alle in der EU sind. Dazu könnte man so vorgehen, wie die Deutschen und Franzosen, die ihre "Erbfeindschaft" ebenfalls überwanden.
     
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  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Naja, immerhin saßen die griechischen Siedler an Kleinasiens Westküste auch schon seit 800 v. Chr., also seit 2800 Jahren.
     
  9. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Solche Besuche gibt es. Von dem was ich weis, allesamt sehr freundschaftlich und friedlich. Die Menschen sind neugierig, was aus der alten Heimat ihrer Vorfahren geworden ist. Ganz konkret habe ich diverse Schilderungen von Reisen nach Kappadokien gehört, wo Griechen dort die Dörfer ihrer Vorfahren besucht haben. Besuche nach Istanbul sind sehr beliebt, oder auch zum Pontus/Schwarzes Meer. Gibt ja auch noch das eine oder andere erhaltene zum schauen, Antike oder auch von byzantinischen Zeiten. Die allermeisten Kirchen sind jetzt zwar Moscheen, aber dennoch gut erhalten. Die Menschen sind i.d.R. sehr freundlich und die Landschaften schön. Umgekehrt gibt es ebenfalls viele Besuche nach Hellas, wenngleich wohl auch nicht so viele. Was wohl eher an den finanziellen Möglichkeiten liegt.



    Die Vertriebenengeneration dürfte mittlerweile verstorben sein, die Nachfahren sind einfach nur neugierig. Heimweh kann ich mir nicht vorstellen, da die Heimat in Hellas oder alternativ andere Länder sind.

    Alles in allem könnte man sagen, dass im direkten persönlichen Kontakt -sofern man die Tagespolitik ausblendet- es selten größere Probleme
    gibt.
     
  10. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Da gehst du IMHO von einem (veralteten) statischem Kulturbegriff aus.
    Ist offtopic, aber ob die realen Vorfahren im konkreten Einzelfall in Westthrakien wirklich alle türk. Einwanderer waren, ist oft nicht mehr festzustellen, oder ob die jeweiligen Vorfahren ebenfalls seit Jahrtausenden dort lebten und im Bevölkerungsaustausch ihre Heimat verlassen mussten.
    Ist auch für den Einzelnen und sein Heimatgefühl nicht so wichtig, denn wie wir wissen, gibt es "imgagined communities" und "konstruiertes Nationalgefühl", insofern kann er gerne annehmen, dass er in ununterbrochener Linie von den Philosophen Milets abstammt, und davor von der Morea, und davor direkt dorthin aus Ostafrika hinwanderte oder wahlweise annimmt, dass er aus den dunklen Wäldern Sibiriens in die Steppen der Täler des Altai hinwanderte, um ein Steppenreich zu gründen, und später direkt nach Westthrakien zog...

    Will sagen, Legitimation, die ich aus deinen Worten entnehme, ist meist konstruiert.
    :devil:
     
  11. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Lynxxx, ich verstehe nur Bahnhof...
    Du liest hinter Dieters Aussagen, Dinge, die er vielleicht garnicht so gemeint hat, wie du glaubst. Es geht um Neugier auf die Heimat der Vorfahren.
    Nicht um Legitimation oder sowas.

    So wie nach Fall des eisernen Vorhangs hundertausende Deutsche in den Osten gefahren sind, um ihre alte Heimat oder die alte Heimat ihrer Vorfahren zu sehen. Wo ist das Problem ?
     
  12. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Na, Mike Hammer, es ging darum, dass in meiner Beobachtung die griech. Besucher der Türkei vielleicht mehr Heimweh als die türk. Besucher Griechenlands empfanden. Statistisch nicht belegt, eben nur aufgrund einiger griech. Aussagen, Tränen in deren Augen, usw.

    Dann kam Dieter damit, dass dieses Gefühl darin begründet scheinen mag, dass sie dort schon so lange waren, bzw. dass es ja auch "eigentlich ihr Land" sei.

    Dieses delegitimiert die Türken, was wir auch bei vielen anderen Diskussionen immer wieder (heraus-)hören können, dass sie eben keine "Erben" seien, dass sie Aggressoren seien, Eindringlinge, Türkensturm, Horden, sollen doch nach Zentralasien verduften, usw.

    Ich will kein neues Thema aufmachen, deshalb nur kurz, denn ich habe nochmal geschaut, weil ich dunkel was erinnerte, und ich habe trotzdem überraschenderweise gelesen, dass Dieters Meinung, dass die Griechen in Westanatolien schon seit 2800 Jahren dort lebten falsch ist.

    Lt. Hütteroth, Wissenschaftliche Länderkunde Türkei, sind die größte anat. Gruppe vor dem WK 1 der orth. Griechen an der Ägäisküste nicht die Nachfahren der antiken Griechen, denn diese hat sich schon im Mittelalter und frühen Neuzeit turkifiziert.

    Nein, die Griechen Westanatoliens, die im Bevölkerungsaustausch nach Griechenland umsiedelten, waren fast alles selbst Einwanderer aus Griechenland, meist von den Inseln, die in osm. und in spätosmanischer Zeit (19. Jh.) erst als Arbeitskräfte geholt wurden, später als gleichberechtigte Osmanen Land kauften oder sich als Händler und Handwerker in den Städten niederließen.

    Und um die "andere Seite" zu betrachten, wenn Türken meinen, dass ja einige Türken unverkennbar zentralasiatische Elemente in ihren Gesichtern hätten, so stammen diese nicht etwa von den Türken, die um 1071 nach Anatolien einwanderten und meinetwegen direkt aus Zentralasien kamen, sondern sind meistens Nachkommen der Tataren, die im 19. Jh. aus Russland in das Osm. Reich flüchteten.

    Ich möchte aber nun diesen Exkurs nicht weiter ausdehnen, nur zwei falsche Annahmen korrigiert haben.
     
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  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich weiß nicht, woher du diese Weisheit nimmst!

    Im Zuge der griechischen Kolonisation, die du in allen Fachpublikationen ausführlich beschrieben findest, besiedelten die Griechen seit dem 8. Jh. v. Chr. die kleinasiatische Westküste. Im Norden saßen die Aioler mit den Städten Assos und Pitane, darunter zwischen Hermos und südlich des Maiandrois die Ionier mit ihren Städten Smyrna, Ephesos , Myos und Miletos, darunter die Dorier mit Rhodos, Halikarnassos und Knidos. Alle Stämme hatten ihre speziellen Heiligtümer und bildeten ein abgeschlossenes schmales Siedlungsgebeiet entlang der ägäischen Küste.

    Dieses griechische Westkleinasien bestand fort bis zum Untergang von Byzanz im 15. Jh. und darüber hinaus bis zur Vertreibung durch die Türken - die sich die Griechen bedauierlicherweise selbst zuzuschreiben hatten.

    Dass also die an die Ägäis grenzende Westküste Kleinasiens uraltes griechisches Siedlungsgebiet ist (bzw. bis zu Beginn des 20. Jh. war), ist eine allbekannte Tatsache, die unbestritten ist.

    Du kannst das alles hier nachlesen, denn angesichts der unzweifelhaften Tatsache bin ich zu faul, meine griechische Fachliteratur hervorzukramen.

    Griechische Kolonisation ? Wikipedia
     
  14. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Habe ich doch oben gepostet! Hütteroth, eines der Standardwerke zur Türkei!

    Mir ist es egal, wer was zu welchem Zeitpunkt erobert hatte. Ich bin nur an den historischen Ereignissen interessiert, und bemühe mich dabei möglichst wertneutral alles anzuschauen, auch wenn ich weiß, dass z.B. Timurs Eroberungen Anatoliens ein schwerer Schlag für die Orthodoxen waren. Ob nun "leider" oder "bedauerlicherweise", so ist es eben! Obwohl, ganz emotionslos bin ich denn wohl doch nicht, wenn ich da den Brand der konstantinopolitanischen Bibliothek als Kunsthistoriker betrachte...

    Wiki kann man in diesen Dingen meistens (!) vergessen. Voller Philhellenen! (Ohne jetzt obigen Artikel gelesen zu haben, denn darum geht es gar nicht, da führst du eine Phantomdiskussion.)

    Aber du solltest nochmal meinen Post oben lesen, denn du hast ihn offenbar nicht verstanden!

    Altes Siedlungsgebiet hat niemand bestritten! Es ging darum, wer diejenigen Griechen waren, die im Bevölkerungsautausch ihre Heimat verließen, und diejenigen waren eben nicht die alten seit antiken Zeiten 2800 Jahre lang dort lebenden Hellenen, sondern neue, vor allem im 19. Jh. dort eingewanderte Griechen vom Westen her. Also war es ihre konkrete Heimat, "ihr" Dorf, "ihr" Ort vor der Umsiedlung "erst" seit z.B. 70-100 Jahren, nicht 2800 Jahre!
    Wenn du heute z.B. in Ayvalik griechische Häuser siehst, dann siehst du die Architektur frühestens vom 19. Jh...

    Die antiken Griechen der Ägäis wurden nämlich schon viele Jahrhunderte vorher turkifiziert, kämpfen also quasi im Unabhängigkeitskrieg der Türkei zusammen und allen möglichen anderen Türkischsprechern zusammen gegen die griechischen Invasoren. (Genauso, wie die ursprünglichen Anatolier, die nach den antiken Eroberungen hellenisiert wurden, gegen andere Anatolier oder Perser kämpften, sie hatten ihre Herkunft lange vergessen).

    So! Nun habe ich auch mal, wie du es so gerne tust, einige Ausrufezeichen verwendet! Wird es dir dadurch nun klarer?
    Ich glaube kaum!

    Also bin ich dafür, dass wir in unseren Unterhaltungen das Ausrufezeichen künftig unterlassen, denn ich finde es bringt nichts, ausser eine gewisse Schärfe....

    :friends:
    :winke:
     
  15. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

    Timurs Eroberungen war vor allem für die Türken ein schwerer Schlag, die Christen wurden m.W. im wesentlichen verschont. Byzanz hatte m.W. ein Bündnis mit Timur, auch wenn sie es aufgrund interner Wirren nicht nutzen konnten, um ihre Gebiete wieder zurück zu erobern.


    Woher weisst du so genau, wann und wieviele Hellenen einwanderten ?

    Meines Wissens, waren das keine Einwanderer aus dem damaligen kleinen griechischen Königreich (seit 1829 existent). Dieses Königreich war nach den ganzen Kriegen, Aufständen und insbesondere der genozidartigen Invasion ägyptischer Truppen ab 1825, stark entvölkert. Da gab es nicht viel Bevölkerung abzugeben.

    Der Bevölkerungszuwachs der Hellenen in der Westküste Kleinasiens erfolgte vor allem durch die dort ansäßige griechische Bevölkerung selber.
    Insbesondere ab Mitte des 19., Jahrhunderts genossen sie mehr Freiheiten als die vielen Jahrhunderte zuvor und schafften es durch harte Arbeit einen gewissen Wohlstand -im Gegensatz zu ihren muslimischen Nachbarn- zu erlangen. Dies, gemeinsam mit einer besseren Gesundheitsvorsorge, hatte zur Folge, dass bei den Hellenen einfach mehr Kinder überlebten als bei ihren muslimischen Nachbarn.

    Es gab Einwanderung, aber diese war nicht so groß, dass innerhalb von wenigen Jahren plötzlich die hellenische Bevölkerung sich vervielfachte. Woher hätten denn diese vielen Einwanderer kommen sollen ?

    Vielleicht ja, vielleicht nein. Es kann genauso gut sein, dass die meisten Hellenen bei der Eroberung durch die türkischen Nomaden einfach vertrieben bzw. umgebracht wurden. Wieviele tatsächlich zwangs- oder auch freiwillig islamisiert wurden, kann doch kein Mensch nachvollziehen.

    Ansonsten kann es schon sein, dass viele Türken vielleicht hellenische Vorfahren hatten, aber was spielt das für eine Rolle ? Viele Deutsche hatten im WWII mit Sicherheit auch slawische Vorfahren, dennoch kämpften sie problemlos als Deutsche. Es kommt nicht aufs "Blut" an, sondern auf die kulturelle Identität eines Menschen. Nur die ist wirklich wichtig, aber das weisst du ja :)
     
  16. Mike Hammer

    Mike Hammer Neues Mitglied

  17. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Große griechische Koloniastion ist ein fester terminus technicus, den du in sämlichen fachhistorischen Werken über Griechenland findest. Der Wiki-Artikel stellt das korrekt dar, sodass ich diesen Link eingefügt habe.

    Die kleinasiatische Westküste war seit undenklichen Zeiten - genau seit der Koloniastion etwa 800 v. Chr. - griechisch besiedelt und blieb das auch bis in die Neuzeit. Dass es immer wieder Zuwanderungen aus dem griechischen Mutterland gab, ändert daran nichts.

    Niemand wird erwarten oder vermuten, dass eine griechische Familie im Ephesos des 19. Jh. noch in einem Megaron-Haus saß, das ihr Urahn Agamemnon 2800 Jahre zuvor gebaut hatte. :D
     
  18. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Ich gebe nun das wörtliche Zitat, vielleicht wird es danach verständlicher:

    Hütteroth, W.-D. (1982): Türkei. (Wissenschaftliche Länderkunden Band 21) Wissenschaftl. Buchgesellschaft, Darmstadt. S. 281.:

    Kapitel VIII. Die Bevölkerung der Türkei. c) Nichtislamische Gruppen:
    "Orthodoxe Griechen gab es vor dem Ersten Weltkrieg vor allem in drei Gebieten, wo die Geschichte dieser Minderheit jeweils ganz verschieden war. Die größte Gruppe fand sich an der Ägäis, und sie war zugleich die jüngste. Das antike Griechentum hatte hier die türkische Eroberung der Gazizeit nicht als ethnische Gruppe überstanden (vgl. Kap. VI, 2, d). Diese Masse der Griechen Westanatoliens waren also Einwanderer, meist von den Inseln der Ägäis, die teils als Arbeitskräfte in früherer osmanischer Zeit hereingeholt worden waren, teils als rechtlich gleichberechtigte osmanische Bürger (seit der Tanzimatzeit) an verschiedenen Stellen der Westküste Land kauften oder sich in Städten als Händler und Handwerker niederließen.
    Eine zweite Gruppe von Orthodoxen - Griechen kann man hier eigentlich kaum sagen - lebte bis zum Ersten Weltkrieg in den Provinzen Zentralanatoliens, und zwar kontinuierlich seit der türkischen Eroberung und der Praktizierung des Milletsystems durch die Seldschuken im 12./13. Jahrhundert. Sie sind also echte Anatolier gewesen, die vorher hellenisiert worden waren. Im Lauf der osmanischen Zeit gingen sie sprachlich immer mehr zum Gebrauch des Türkischen über, schrieben aber die türkische Sprache mit griechischen Buchstaben. Man nannte sie nach dem Namen, des alten Fürstentums und der späteren osmanischen Provinz >Karamanli<. Sie waren gewissermaßen orthodoxe Türken. ...
    Die griechische Minderheit verhielt sich wahrend des Ersten Weltkrieges überwiegend loyal und war dementsprechend auch kaum Pressionen ausgesetzt. Im Lauf des türkischen Freiheitskrieges engagierte sie sich natürlich weitgehend für die nationalgriechische Annexionspolitik und mußte demzufolge 1922 flüchten"

    Dazu kommen noch im Text die Pontosgriechen, die tatsächlich auf eine kontinuierliche ununterbrochene Besiedlung zurückblicken konnten, also die Bewohner des 19./20. Jh. Nachfahren derjenigen sind, die vor 2800 Jahren einwanderten. Also hier eine gewisse Kontinuität vorliegt.

    Wir müssen Behauptungen auch empirisch belegen, und wenn wir z.B. sagen, die Griechen im Bevölkerungsaustausch Anfang des 20. Jh. in Westanatolien waren die Nachfahren der 2800 Jahre vorher eingewanderten Griechen, dann sitzen wir der Historiographie von jungen Nationen auf.

    Nachmal Hütterroth, S. 201. (VI. 2. d): Die Wandlung zum islamisch-türkischem Land):
    "Viel später, im 16. Jh., zeigen die ersten greifbaren statistischen Daten, daß christliche Bevölkerung zwar noch weithin vorhanden ist, aber regional in ganz unterschiedlicher Dichte, und diese Verteilung muss sich schon in vorosmanischer Zeit ausgebildet haben. Fast die Hälfte der Bevölkerung im Gebiet des alten Kaiserreichs Trapezunt ist noch orthodox, Istanbul und einige Marmaraorte haben stattliche orthod. Minderheiten, und in Zentralanatolien machen sie um 10% aus. Hingegen ist das Griechentum des westlichen Kleinasien verschwunden. Erst sehr viel später bildeten sich wieder griechische Gemeinden. Das aber waren keine Anatolier, sondern meist inselgriechische Einwanderer."

    Wer mehr lesen möchte, kann sich auch das Kapitel Empire and Population im folgenden Link reinziehen, inkl. konkreter Zahlen:
    An economic and social history of ... - Google Books


    Zu Timur, ich habe in der Encyclopaedia of Islam 2 (Artikel Anadolu) folgendes gelesen: "Christianity in Anatolia was hard hit by Timur, who — as everywhere else he appeared — let the Christian population feel his hardness and cruelty with a special severity."

    Aber das ist ein noch weiter entfernteres Thema...
    :winke:

    PS: Vergessen wir das Thema Wikipedia, ich habe den Artikel nicht gelesen, und er mag vollkommen richtig sein, aber ich habe nie die Große griechische Kolonisation bestritten oder thematisiert.Ich ging nur darauf ein, ob diejenigen, die nach Griechenland umsiedelten, nun in Westanatolien seit 2800 Jahren lebten oder nicht.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 22. Juli 2009
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Hierzu fand ich eben folgenden Text:



    Leider ist mir der Urheber entglitten, doch versuche ich noch andere Quellen zu finden, die die Tatsache erhärten, dass die Westküste Kleinasiens eine bis ins 19. Jh. weisende griechische Kontinuität besitzt.
     
  20. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    @Dieter, diesen Text habe ich selber hier gepostet:
    http://www.geschichtsforum.de/f42/die-kleinasiatische-katastrophe-ein-unbew-ltigtes-trauma-16379/
    :D

    Ich bin auch der Meinung, dass wohl nicht die ganze Ägäisküste zu einer bestimmten Zeit komplett ohne Griechen wäre, aber die Masse an Griechen, die Anzahl, die signifikant für Einträge in Chroniken, etc. sein sollte, die ist wohl sehr gering gewesen.

    Die osmanischen Steuerlisten erfassten zu bestimmten Zeiten recht zuverlässig die steuerpflichtigen Bewohner, erst recht die Nichtmuslime, und wenn dort keine größere Anzahl Griechen mehr auftaucht, dann muss man das doch zur Kenntnis nehmen und nicht in einer romantischen Verklärung einer Propyläen Weltgeschichte von 1950 verharren?

    Ich dachte bis vor wenigen Tagen ja auch noch, dass die Ägäisgriechen die Nachfolger von Brad Pitt und Eric Bana gewesen wären... ;) Nur dunkel erinnerte ich mich, dass die Historie da einige Brüche in der Kontinuität in dieser Region aufzuweisen hatte.

     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 22. Juli 2009

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