Evangelische Gemeinden in Erz-Katholischen Ländern

Dieses Thema im Forum "Religionsgeschichte" wurde erstellt von Alpha, 11. Juni 2018.

  1. Alpha

    Alpha Mitglied


    Ich hab in letzter Zeit öfter davon gehört, das es in vielen stark katholisch geprägten Ländern einzelne evangelische Gemeinden gibt. Z.B. in Rom und ich glaube auch in Südamerika. Gibt es eine konkrete Erklärung für solche Phänomene oder ist das schlicht Zufall?
     
  2. Alfirin

    Alfirin Aktives Mitglied

    So ganz verstehe ich die Frage nicht, um ehrlich zu sein. Tatsächlich sind Länder mit 100% Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion bzw. Konfession die absolute Ausnahme. Eine Übersicht gibt's z.B. in der englischsprachigen Wikipedia, wenn auch mit ein paar seltsamen Einträgen (35% der Albaner seien Christen, heißt es dort, und gleichzeitig seien 80% der Albaner Moslems...). Da wird zwar nicht nach christlichen Konfessionen unterschieden, aber warum sollten katholisch geprägte Länder mit der Akzeptanz protestantischer Gemeinden mehr Schwierigkeiten haben als mit muslimischen, buddhistischen oder hinduistischen?
     
  3. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied


    Wahrscheinlich müsste jede dieses Phänomen einzeln betrachtet werden, um ihm gerecht zu werden, wobei natürlich auch aufschlussreich ist, seit wann diese Gemeinden bestehen und wie sie entstanden sind.

    Beispiel 1:
    Katholischer Fürst heiratete evangelische Fürstin, die nach Heiratsvertrag ihren Glauben behalten darf. In ihrer neuen Heimat errichtet sie eine evangelische Kirche für sich und ...

    Beispiel 2:
    Ein katholischer Staat beansprucht die Herrschaft über ein strategisch wichtiges Gebiet, das evangelisch ist und muss sich mit Konkurrenz auseinandersetzen. Um die entscheidenden Leute dort für sich zu gewinnen und zu halten, ist es wohl sinnvoller, ihnen in religiöser Hinsicht entgegen zu kommen.

    ...
     
  4. Alpha

    Alpha Mitglied

    Natürlich gibt es heutzutage keine Länder mehr mit komplett einheitlichem Glauben. Mir geht es eher um die historischen Grundlagen. Evangelische Gemeinden werden ja nicht einfach so gegründet. Und klassische Zuwanderung spielt wohl auch eine untergeordnete Rolle. Seit dem Ende der europäischen Religionskriege gab es kaum noch Verfolgungen von Protestanten. Wie sind die also da hin gekommen?
     
  5. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Also im Falle von Rom führen (nahezu) alle Wege dorthin.
     
    Carolus gefällt das.
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Zufall eher nicht. Beim Augsburger Religionsfrieden von 1555 einigte man sich darauf, dass die Landesfürsten die Religion ihrer Untertanen nach dem Prinzip cuius regio eius religio (Wessen Herrschaft dessen Religion) zu bestimmen. Dieses Rechtsprinzip galt im Prinzip bis zum Westfälischen Frieden und darüber hinaus. Um qualifizierte Fachkräfte ins Land zu locken und sie zur dauerhaften Ansiedelung zu motivieren, gestatteten aber absolutistische Herrscher Ausländern gelegentlich Religionsfreiheit, um ihnen den Entschluss, sich in fremden Territorien niederzulassen zu erleichtern. In Russland z. B. nahm sich Zar Peter I. vor, Russland zu modernisieren und Anschluss an Westeuropa zu finden. Peter war weder der erste, noch der letzte Zar, der diese Linie verfolgte. Als junger Mann ging Peter gerne in die sogenannte deutsche Vorstadt (Nemezkaja Sloboda) und entwickelte dort Interesse für europäische Sitten und Technologie. Peters Beispiel ahmte auch Katherina II. nach, und ähnliches galt auch für andere europäische Herrscher.

    Durch gezielte Einwanderung, aber auch durch Flucht und Vertreibung oder Eroberungen kam es zu Einwanderungs- und Auswanderungsbewegungen, und so entstanden Diasporagemeinden. Friedrich II. eroberte Schlesien, und da gab es in einigen Landesteilen Gebiete, die mehrheitlich katholisch waren und denen der Preußenkönig gestattete, ihre Religion zu behalten, um zu vermeiden, dass die Katholiken außer Landes flohen, wie die Salzburger Emigranten, die als Protestanten außer Landes gehen mussten und u. a. in Preußen Aufnahme fanden. Ein anderes Beispiel waren die Hugenotten, die französischen Protestanten, die aus Frankreich fliehen mussten, als Ludwig XIV. 1685 das Edikt von Nantes widerrief. Länder wie Hessen-Kassel, Brandenburg u. a. profitierten von der Einwanderung der Hugenotten. Insgesamt versuchten absolutistische fürsten zwar schon, dass ihre Territorien religiös möglichst konform waren und blieben, aber bei Ein- und Auswanderern, die liquide und qualifiziert waren, drückte man auch ein Auge zu. Friedrich II. von Hessen war der einzige Fürst der zum Katholizismus konvertierte. Das kam ihn teuer zu stehen. Er musste 1754 noch als Erbprinz die Assekurationsakte unterzeichnen, die die protestantische Religion des Landes garantierte und seinem Sohn Wilhelm die Herrschaft über die Grafschaft Hanau überlassen, und seine Frau Maria, die Tochter Georg II. trennte sich von ihm. Das focht ihn allerdings weniger an, da er zahlreiche Mätressen hatte. Viele Franzosen, aber auch Offiziere, die im Siebenjährigen Krieg in der österreichischen Armee gedient hatten, versprachen sich Chancen in der hessischen Armee, und die behielten die katholische Konfession. Trotz alledem gab es bis zum Ende des 2. Weltkriegs noch viele deutsche Länder, in denen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung protestantisch oder katholisch war. Das änderte sich aber durch die Verwerfungen, die der 2. Weltkrieg mit sich brachte und während des Wirtschaftswunders brachten Gastarbeiter aus der Türkei, Griechenland, Jugoslawien und Italienauch ihre Religion mit und blieben in den deutschen Ländern. Weniger zahlreich waren die Juden, die nach dem Krieg wieder jüdische Gemeinden gründeten. Es gibt viele Landstriche, wo vor dem Krieg starke jüdische Gemeinden existierten, wo heute keine oder nur wenige Juden leben. Einige kamen in den 1990er Jahren mit der Einwanderungswelle der Spätaussiedler aus der Sowjetunion.

    Zur religiösen Zusammensetzung Europas wäre noch viel zu sagen, aber ich denke, dass damit zumindest einige deiner Fragen beantwortet werden konnten.
     
    Alpha und Chan gefällt das.
  7. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Die Schätzungen über den Anteil von Muslimen in Albanien schwanken erheblich. Die Angabe im englischen Wiki (80 %, angeblich für 2010) entstammt wohl einer Erhebung des albanischen Statistikamts für das Jahr 2005, während eine schweizerische Statisik für 2005 einen Anteil von 65 % angibt. Die gleiche schweizerische Metadatabase gibt für 2010 einen Anteil von 53 % an.

    Im Wiki "Islam in Albanien" wird das statistische Chaos so zusammengefasst:

    Die Angaben zur heutigen Zahl der Muslime sind widersprüchlich. Weder die islamischen Gemeinschaften noch die albanischen Behörden führten eine Konfessions-Statistik. Verschiedene Schätzungen und Untersuchungen gehen von 40 bis 45 Prozent[1], rund 60 Prozent [2] oder sogar 70[3] bis 79,9 Prozent[4] der Gesamtbevölkerung aus.

    Dass die albanischen Behörden keine Konfessions-Statistik führen, widerspricht allerdings folgender Aussage im Wiki "Religion in Albanien", auf die ich mich oben bezogen habe:

    Eine Studie des albanischen nationalen Statistikamts Instituti i Statistikës von 2005 stellte einen Anteil von 79,9 Prozent Muslime an der Gesamtbevölkerung Albaniens fest.
     
  8. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Ganz interessant ist das bei Kondominaten, also Gebieten,in denen mehrere Landesherren nebeneinander zuständig waren. Gehörten die noch verschiedenen Konfessionen an kam es zu mehr oder weniger religiösem Pluralismus
    Als Beispiel seien hier die südhessischen Gebiete genannt,die ursprünglich fürstbischöflich wormsisch waren und durch die Bergsträsser Pfandschaft ein churmainzisch-churpfälzisches Kondominat bildeten
    Da Mainz erzkatholisch und die Pfalz erzprotestantisch waren kam es hier zu einer Koexistenz beider Konfessionen,die auch nach Einlösung der Pfandschaft durch Churmainz garantiert wurde und fortdauerte.-schon deshalb weil der Erzbischof zu Mainz seine Untertanen in dem Gebiet nicht verlieren wollte.
     
  9. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ein anderer katholisierter Fürst war schon lange vorher Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg zu Beginn des 17. Jahrhunderts, bei dem die ´cuius regio´-Regel keineswegs glatt funktionierte. Sehr zur Verstimmung seines lutheranischen Vaters trat er 1613 heimlich - und aus strategischen Gründen - zum Katholizismus über und heiratete einige Monate später, offiziell als Lutheraner, die katholische Magdalene von Bayern. 1614 machte er seinen Übertritt allgemein bekannt. 1615, wenn ich nicht irre, übernahm der Prinz die Regierung über ein lutheranisches Fürstentum. Erst ab 1620 begann er schrittweise und keineswegs mit durchschlagendem Erfolg eine Re-Katholisierung des Landes. Allein um eine lutheranische Kirche in Düsseldorf zu schließen, brauchte es 20 Jahre... Ein quasi automatischer Massenkonfessionswechsel, wie ihn das ´cuius regio cuius religio´ fordert, hat nach seinem Amtsantritt also nicht stattgefunden.

    Schon vorher waren frühe exemplarische Versuche in der Oberpfalz, den Grundsatz zu konkretisieren, fehlgeschlagen, allerdings in bezug auf einen inner-protestantischen Konfessionswechsel. Die Bemühungen calvinistischer Fürsten, dem lutheranischen Land ihren Glauben aufzuzwingen, scheiterten lange am Widerstand des lutheranischen Adels, Bürgertums und Bauernstandes.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2018 um 01:36 Uhr
  10. Alpha

    Alpha Mitglied

    @Scorpio: Danke für deine so ausführliche Antwort.

    @Chan: Und dann war da natürlich noch August der Starke, der zum Katholizismus konvertierte um König von Polen werden zu können.
     
  11. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Eine besondere Rolle spielten die freien Reichsstädte:

    und Fragen zum Augsburger Religionsfrieden
     
  12. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Hier muß man wohl jeden Fall einzeln betrachten. Im übrigen gibt es zwar die eine römisch-katholische Kirche, aber bei den evangelischen Kirchen (im Plural) gibt es verschiedenste Ausprägungen. Ein niederländischer Kalvinist, ein deutscher Lutheraner und ein englischer Anglikaner sind zwar alle evangelisch, aber die Organisation ist bei diesen drei Kirchen ganz unterschiedlich, und sie unterscheiden sich wohl auch theologisch.

    Die deutsche, evangelische Gemeinde in Rom ist im frühen 19. Jhdt. entstanden. Das dürften in erster Linie zugewanderte Deutsche gewesen. Bei den evangelischen Christen in Südamerika denke ich in erster Linie an protestantische Einwanderer. Es gibt wohl dort auch zahlreiche Mennoniten, die im 19. oder 20. Jahrhundert dort eingewandert sind. Eher neueren Datums sind mE evangelikale Gruppen, die aus der angestammten Bevölkerung zu diesen Gruppen übergetreten sind (meistens wohl vom Katholizismus).

    Natürlich werden/wurden evangelische Gemeinden "einfach so" gegründet. Suche bitte nach Zwingli, Jean Calvin etc. Im Rahmen der Reformation ist die Bevölkerung in einigen Gebieten zum neuen Glauben gewechselt. Einige blieben insgeheim dem alten (katholischen) Glauben treu. Sei es im Geheimen (falls verboten) oder mehr oder weniger offen bei toleranten Verhältnissen. Dann gab es Gebiete, in denen die Reformation durchgesetzt wurde, dann aber bei geänderten Herrschaftsverhältnissen wieder katholisiert wurden (z. B. Gegenreformation). Einige blieben dann dem reformierten Bekenntnis treu (im geheimen oder im verborgenen).

    Aber auch die klassische Zuwanderung hat eine gewisse Rolle gespielt. Oben wurden schon die Beispiele der Hugenotten und der Salzburger Exilanten erwähnt.
     
    Alpha gefällt das.

Diese Seite empfehlen