Flottenpolitik des deutschen Reiches

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Stepanowitsch, 18. Oktober 2005.


  1. Die Sache mit der falschgelaufenen Flottenpolitik und der Provokation GBs hört man als Argumentation sehr oft.
    Nur kann ich dieses Argument eigentlich nicht nachvollziehen.

    Hatte den GB ein Monopol auf die weltgrößte Flotte?
    Durfte Deutschland als Industrienation nicht auch seine See-und Rohstoffwege schützen? Muss man dafür nicht auch eine Flotte haben die so groß ist, das sie jeden potentiellen Gegner abschreckt?
    Wie man am Ausgang des WK1 gesehen hat, wurde Deutschland durch die Seeblockade stark geschwächt. Eigentlich ein Argument für eine große bzw. schlagkräftige Flotte, wenn man es genau betrachtet.

    Warum dürfen die einen in akzeptierter Weise etwas haben und bei den anderen ist es gleich Größenwahn? Leuchtet mir nicht ein.
     
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  2. Arne

    Arne Premiummitglied

    Wenn du in deine Überlegungen noch einbeziehst, daß das Ziel nicht etwa eine größere oder nur eine gleichwertige Flotte war, sondern "nur" 40% der britischen Stärke um sich besser verteidigen zu können, kommst du mit Logik noch weniger weit...

    Nein, die Provokation und Unverfrorenheit lag wohl einfach darin, die Übermacht überhaupt infrage zu stellen. ;) GB baute halt seine Weltmacht auf die Flotte, das war deren wichtigster Garant für Einfluß.
     
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  3. Hallo Arne,

    wenn da nun so sein sollte, das diese Behauptung eher einen Mythos darstellt, warum hält sich das so hartnäckig und wird ständig wiederholt?
    Wenn ich mich nicht täusche wird dies ja auch oft im Fernsehen und in Büchern behauptet.
    Gibt es vielleicht nicht doch noch andere plausiblere Gründe, die für dieses Argument sprechen?

    Gruß Stepanowitsch
     
  4. Arne

    Arne Premiummitglied

    :rolleyes: Warum kommen Märchen und Mythen auf und warum halten sie sich oft für die halbe Ewigkeit? Ich kann dir das nicht beantworten, obwohl das eines meiner liebsten Hobbys ist, solchen Sachen nachzugehen. Oft hört es sich nur einfach spannend oder witzig an und wird weitererzählt. Manchmal liegt die Aufrechterhaltung von Gerüchten und Falschinformationen, bzw. -darstellungen aber auch in der Absicht mancher Lager. Es gibt viele Gründe dafür.
    Aber wie bereits gesagt: Deutschland hat ja Großbritannien durch die Flottenpolitik provoziert. Das ist kein Märchen, sondern Fakt. Aber deine Frage war m.E. schon berechtigt: Wodurch und warum fühlte sich GB so provoziert? Und war das berechtigt?

    Nenne mir welche, ich bin für Argumente aufgeschlossen.

    Gehen wir mal in die Neuzeit: Warum gibt es den Atomwaffensperrvertrag? Warum verbietet man "Schurkenstaaten" die friedliche Nutzung der Atomenergie? Grund wird doch wohl sein, daß man manchen Staaten die überlegte und bewußte Anwendung zuspricht, anderen aber nicht. Die Großmächte, die ihren Einfluß (auch) auf starke Waffen gründen, wollen nicht, daß andere Staaten auf ihre Ebene "aufsteigen". Dadurch würden sie ja an Macht verlieren. Ich denke, da liegt eine nachvollziehbare Logik drin, oder?
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Oktober 2005
  5. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Einige Gedanken:

    England sah das Gleichgewicht der Kräfte auch als friedenerhaltendes Moment. Eine deutsche Kolonial- und Seemacht hätte dieses Gleichgewicht zerstört. Dass Deutschland auch ohne Kolonien stark genug war, die Kolonialmacht Frankreich zu besiegen,hatte es in den Augen Englands 1870/71 gezeigt. Eine weitere Stärkung Deutschlands durch Kolonien hätte das Gleichgewicht noch stärker verschoben (Englands drohende Haltung hielt Bismarck ja auch davon ab, Frankreich durch einen weiteren Krieg zusätzlich zu schwächen: "Krieg-in-Sicht Krise" 1875).

    Ob objektiv richtig oder nicht, eine Seemacht Deutschland bedrohte aus englischer Sicht nicht nur englische Interessen, sondern England direkt. Als Seemacht lag der einzige Schutz Englands in der Insellage und der englischen Marine. Einem Deutschland, das als Kontinentalmacht in Europa mit an erster Stelle stand und das nun auch noch eine Seemacht aufbaute, hätte sich aus englischer Sicht wohl niemand mehr in den Weg stellen können - eine dt. Hegemonie stand zu befürchten.

    Und: Die englische Flotte war über geraume Zeit "gewachsen"/entstanden. Viele Schiffe waren nach modernen Gesichtspunkten veraltet. Eine völlig neu geschaffene Flotte hätte - auch wenn sie nur 30% der Stärke der englischen erreichte - wegen der Modernität aller Schiffe durchaus eine Bedrohung darstellen können.
     
  6. Arne

    Arne Premiummitglied

    Sehe ich auch so. Aber im Ergebnis war dieser Frieden auch der Status Quo, in dem England mit seiner Flotte jeder anderen Flotte so überlegen war, daß sie eine Feindliche vernichtend geschlagen hätte. Eine Flotte, die so stark gewesen wäre, daß sie erfolgreich Widerstand hätte leisten können, hätte Englands Machtposition geschadet.

    Meine Kenntnisse über den genauen Marineaufbau beider Länder sind beschränkt. Ich weiß, daß zwar auf beiden Seiten die Werften auf Hochtouren arbeiteten, aber du wirst Recht haben, daß die britischen Schiffe im Durchschnitt älter waren - ganz einfach von der zu ersetzenden Masse her.

    Ich kann mir auch gut vorstellen, daß sich viele Engländer durch eine starke deutsche Flotte nicht nur weltweit, sondern tatsächlich auch "Zuhause" bedroht fühlten. Real vorhanden, war diese Bedrohung nach meiner Einschätzung aber nie, weil der deutsche Flottenaufbau immer nur darauf abzielte, so stark zu sein, dass es für England ein Risiko bedeuten würde, sich auf einen bewaffneten Konflikt mit Deutschland einzulassen (Stichwort "Risikoflotte"). Für einen Angriff - gar eine "Invasion" Englands wäre eine erhebliche Übermacht nötig gewesen, die es nie gab und auch nie geplant war.

     
  7. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Aus britischer Sicht bestand die Herausforderung in der Flottenfrage darin, dass Großbritannien nur wegen seiner Flotte eine Großmacht war und diese zur Verteidigung der globalen Interessen Großbritanniens über die Weltmeere verteilen musste. Die mit der Flottennovelle 1912 erklärte deutsche Absicht bei den Schlachtschiffen ein Stärkeverhältnis von 2:3 anzustreben, bedeutete für die Briten, dass sie sich in der Nordsee einem massiven Aufgebot der deutschen Flotte gegenübersehen würden, dem sie nur dann etwas entgegensetzen konnten, wenn sie Schlachtschiffe aus anderen Gebieten abziehen würden. Die deutsche Flottenrüstung, insbesondere deren Tempo, die angestrebte Personalverstärung und Wintereinsatzbereitschaft, ließ also die britische Macht schrumpfen und stellte das Empire in Frage. Wie sollten die Briten künftig ihre Interessen in Indien verteidigen, wenn sie ihre Schlachtschiffe in der Nordsee, dem Kanal und dem Nordatlantik zusammen ziehen mussten, um die Deutschen in Schach zu halten?

    Nachdem dann auch noch der Versuch der Briten, sich mit dem Deutschen Reich in der Flottenfrage zu verständigen (Haldane-Mission, 1912), am Widerstand des Kaisers und von Admiral Tirpitz scheiterte, zog Großbritannien seine Schlachtschiffe aus dem Mittelmeer in den Atlantik ab UND - welch günstige Gelegenheit für die Franzosen sich England gegenüber als treu und verständig zu erweisen - die Franzosen zogen sechs Schlachtschiffe in das Mittelmeer ab. Auch wenn es kein offizielles Bündnis hierüber gab: die britischen Interessen in Ägypten wurden also künftig von französischen Schlachtschiffen geschützt und die französische Atlantikküste (vor wem wohl?) von den Briten!

    Der deutsche Druck in der Flottenfrage erreichte lediglich,
    • dass sich London und Paris näher kamen und nun auch in der Flottenfrage zusammen arbeiteten und
    • dass die deutsche Landmacht sich ausgerechnet in der Flottenfrage als Herausforderer ins Abseits stellte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2005
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Der Witz bei der ganzen Flottengeschichte ist noch, das "Rückgrat" der dt. Hochseeflotte, die Linienschiffe, konnten nur soviel Kohle bunkern, dass sie einen Aktionsradius bis ca. Mitte Nordsee hatte. Die Seekriegsleitung "Tirpitz" hatte eine Nahblockade erwartet. Als die Engländer dann die Fernblockade verhängten, war die Sache eigentlich gegessen. Die deutsche Flotte war nicht zu schwach um die Blockade zu brechen, sie war überhaupt nicht im Stand.

    Dass sich die Engländer 1916 zur großen Seeschlacht stellten, war einerseits ein Versehen, andererseits stand dort die Flottenleitung auch unter öffentlichem Druck. Ein bißchen was wollten die schon machen, die große Schlacht entwickelte sich aber ungewollt.

    Ein Kreuzerkrieg, wie er im 2. WK eine Zeitlang geführt wurde, war mangels geeigneten Schiffen gar nicht möglich. Daher die Verzweiflungstat U-Boot-Krieg.

    Rechnet man die Feindschaft Englands, den Kriegseintritt der USA und die Revolution aufgrund der Meuterei der Flottenleitung Anfang November 1918 (die Revolution verschlechterte die Verhandlungsposition bei den Waffenstillstandsverhabdlungen entscheiden)zusammen, ergibt sich eine mehr als dramatisch unglückliche Rolle der deutschen Flotte.

    Grüße
    Repo
     
  9. Hallo Repo,

    ich glaube das die ersten zwei Ereignisse nicht Ergebnis der deutschen Flottenpolitik waren, und wenn es da überhaupt einen Einfluss gegeben hat, dann nur einen minimalen.

    1. Feindschaft Englands
    Englands - zugegebermaßen sehr erfolgreiche - Europapolitik bestand doch seit Jahrhunderten immer darin, auf dem Kontinent keine Nation die Vorherschaft erringen zu lassen. Da Deutschland zu dieser Zeit ein Anwärter auf diese Position war, bestand Englands Feindschaft von vornherein.

    2. Kriegseintritt der USA
    Auch das hat sehr wenig mit der deutschen Flottenpolitik zu tun, außer vielleicht um als Vorwand zu dienen. Die USA traten aus wirtschaftlichen und politischen Gründen in den Krieg ein, da eine Niederlage der Entente für die USA ausgeschlossen war.

    3. Meuterei.
    Ja, dazu kann ich nicht viel sagen, aber da klingen Deine Argumente sehr einleuchtend.

    Gruß

    Stepanowitsch
     
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Es ist hinterher immer so eine Sache "wenn, dann" zu spekulieren.
    Max von Baden sieht den Kriegseintriit der USA jedenfalls explizit als Antwort auf den U-Bootkrieg, wobei er noch schreibt, man müste sich das erstmal vorstellen, wenn England/Frankreich im Herbst 1917 ohne Verbündete dagestanden wären....

    Auf jeden Fall ist das Verhalten der Flottenführung Ende Oktober 1918 beispiellos in der Weltgeschichte: auf massives Drängen der Heeresleitung beginnt die politische Führung Waffenstillstandsverhandlungen, und die Flottenführung gibt Angriffsbefehl, ohne Wissen der politischen und militärischen Führung.
    Wenn die Matrosen da das Auslaufen nicht verhindert hätten, was da Deutschland geblüht hätte, dagegen ist Versailles ein äußerst glimpflicher Frieden.
    Bei so einem Verhalten in der britischen Marine, da hätten ein paar Admirale am Hals an einem Masten gebaumelt.


    Grüße Repo
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2005
  11. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Diesen Aspekt kannte ich noch gar nicht. Er passt aber ins Bild. Die deutschen Flotten-Vorstellungen waren unausgegoren und mit der Gesamthaushaltslage nicht abgestimmt:
    • Im Vorfeld der Haldane-Mission (1912) wurde den Deutschen von London für ein Entgegenkommen in der Flottenfrage die Förderung der deutschen Kolonialpolitik und die Abgabe beiderseitiger Erklärungen an keinen aggressiven Bündnissen gegeneinander teilzunehmen in Aussicht gestellt. Mehr konnte Berlin von England nicht erwarten. Bereits in der Krieg-in-Sicht-Krise (1875) – Bismarcks „Lehrstück für die Zukunft“ - hatte sich gezeigt, dass sich England in einem Konflikt auf die Seite Frankreichs schlagen wird, um dessen Existenz als Großmacht zu sichern, es sei denn Frankreich stellt diese durch einen unprovozierten Angriff auf Deutschland selbst in Frage. Doch die Haldane-Mission scheiterte am Widerstand des Kaisers und von Tirpitz. Nach dem Scheitern dieser Mission kam es zur Zusammenarbeit Englands und Frankreichs bei der Frage der Flottenstationierung: britische Schlachtschiffe werden vom Mittelmeer in den Atlantik verlegt und französische vom Atlantik ins Mittelmeer.
    • Anfang 1913 machte Tirpitz auf einmal einen Schwenk. Nun war er bereit, den britischen Vorschlag zur Flottenbegrenzung anzunehmen. Die Landmacht Deutschland brauchte das Geld für die Verstärkung des Heeres.:rolleyes:
    Man muss sich diese Wankelmütigkeit mal aus britischer Sicht vorstellen:
    • 1912 lehnte Berlin die detente mit London ab. London entscheidet sich daraufhin für eine maritime Zusammenarbeit mit Frankreich.
    • 1913 soll England die Zusammenarbeit mit Frankreich fallen lassen, weil Deutschland Haushaltsprobleme hat und nun doch auf die britischen Vorstellungen eingehen will.
    Irrationaler geht es kaum noch!

    An dieser Stelle möchte ich Repo ausdrücklich zustimmen.

    Diese Sichtweise halte ich für falsch. Deutschland hatte zwar nach der Annexion von Elsass-Lothringen (1871) eine halbhegemoniale Stellung inne und es durfte diese Stellung nicht – durch weitere Eroberungen - ausbauen. ABER ansonsten war das Deutsche Reich von London akzeptiert.

    Bismarcks Außenpolitik hat man in London zwar nicht immer unterstützt. Aber man hatte deren friedenserhaltende Funktion geschätzt. Grundlegende Probleme stellten sich im deutsch-britischen Verhältnis erst unter Wilhelm II. ein. Ärgerlich waren sicherlich dessen antibritische Ausfälle wie zum Beispiel die Krüger-Depesche oder die Daily-Telegraph-Affäre. Aber ernster waren die Versuche der deutschen Regierung in den Marokkokrisen zu nehmen, die Position Frankreichs weiter zu schwächen und dessen Großmachtrolle weiter in Frage zu stellen und die englisch-französische Annäherung in Kolonialfragen (entente cordiale) aufzuspalten. Der deutsche Druck ließ die Briten nur näher an die ihnen bedrängt vorkommenden Franzosen heranrücken. Und obwohl die Deutschen die Briten in der Flottenpolitik herausforderten und sich kompromisslos zeigten (Scheitern der Haldane-Mission, 1912) versuchte London 1914 zunächst den Frieden zu retten, in dem es Paris über die britische Unterstützung im Unklaren ließ und Berlin vor einem Kriegseintritt zu Gunsten Frankreichs warnte. Doch auch die britischen Versuche den Frieden in Europa 1914 mit Hilfe der Diplomatie zu retten, wurden vom Deutschen Reich sabotiert, welches ja mal wieder die Festigkeit der Bündnissysteme ausloten wollte.

    Der amerikanische Kriegseintritt in den Ersten WK hatte verschiedene Gründe. Das deutsche Reich hatte Wilsons Friedensbemühungen mit dem unbeschränkten U-Boot-Krieg beantwortet und hierdurch zum Ausdruck gebracht, dass Berlin auf die amerikanischen Interessen keine Rücksicht nehmen wird. Zudem wurde aus der Zimmermann-Depesche deutlich, dass Deutschland auch vor feindlichen Maßnahmen wie die Überredung Mexikos zu einem Kriegseintritt gegen die USA nicht zurückschreckte. Und als dann im Gefolge der Märzrevolution auch noch der deutsche Sieg im Osten in greifbare Nähe rückte, konnte man in Washington nicht tatenlos zusehen, wie der deutsche Kaiser zum Herrn von Europa aufsteigt und als nächstes nach Frankreich, England und den USA greift.

    Der Kriegseintritt wurde also aufgrund einer Gesamteinschätzung der deutschen Politik beschlossen. ABER der unbeschränkte U-Boot-Krieg war ein Faktor, der diese Einschätzung sehr stark verdunkelte. Zudem hatte Wilson bereits 1915 mit dem amerikanischen Kriegseintritt für den Fall, dass der U-Boot-Krieg unbeschränkt wieder aufgenommen wird, gedroht. Auch rechnete die deutsche Regierung und die Heeresleitung mit dem amerikanischen Kriegseintritt für den Fall, dass der U-Boot-Krieg aufgenommen wird. Die deutschen Militärs gingen allerdings davon aus, dass England infolge des U-Boot-Krieges ganz schnell zusammenbrechen wird und auch die amerikanischen Truppentransporte und Hilfslieferungen versenkt werden ...
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Oktober 2005
  12. Hallo Gandolf,

    bei Punkt 1 muss ich eine grobe Vereinfachung eingestehen.
    Auf den 2. Punkt komme ich noch zurück.
    Habe jetzt leider keine Zeit mehr darauf zu antworten, da ich jetzt für einige Tage nach Polen fahre. Antworte aber noch.

    Gruß

    Stepanowitsch
     
  13. Arne

    Arne Premiummitglied

    Das Problem mit den Kohlestationen schleppte sich seit Jahrzehnten hin. Deswegen kam ja eigentlich auch ein Stützpunkt in China (Kiautschou) auf die Tagesordnung. Deutschland suchte krampfhaft nach weltweiten Versorgungsstationen und war in dieser Frage sehr oft von den Engländern abhängig.
     
  14. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Auf das Problem der Seeausdauer gehe ich später gern noch mal ein.

    Ich will aber nochmals darauf hinweisen, dass das Verhängnis Deutschlands darin lag, dass die Politik dem Militär zu dienen hatte. Während es in anderen Ländern exakt umgekehrt war. Das wird im Verhalten der Marineleitung im Oktober 1918 sehr deutlich.

    Man kann deren Verhalten nur mit einer belagerten Festung vergleichen, die am Haupttor unter Parlamentärflagge verhandelt, und durch die Hintertür kommt der Großangriff. Nach althergebrachtem Kriegsbrauch springen die alle über die Klinge. Dass die Herren Scheer, Hipper usw. sich das getraut haben... Gott sei Dank waren die Matrosen klüger als die Admirale.

    Hier liegt die Schuld Wilhelms, dass er diese Verhaltensmuster aufkommen ließ. Daily Telegraph, Krüger-Telegramm, das sind doch alles Peanuts. Den Militärs, egal ob sie graue oder blaue Uniformen trugen, hätte Jahrzehnte vor 1914 klar gemacht werden müssen, dass sie wie zu Bismarcks Zeiten unter dem Priorat der Politik stehen, und nicht umgekehrt.

    Dass sich die Herren Admirale in ihren Memoiren über den "Makel der seither über der Flotte lastet" (mit dem Makel meinen die keineswegs ihr Verhalten, sondern die Verweigerung ihrer verbrecherischen Befehle durch die Matrosen)ausgiebig auslassen durften, statt dass man sie eingesperrt oder aufgehängt hat, ist die Schuld der Republik, hier beginnt der gerade Weg zum 2. Weltkrieg!

    Grüße Repo
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Oktober 2005
  15. Arne

    Arne Premiummitglied

    Interessanter Denkansatz :grübel:..das Militär als gelobtes und gepäppeltes Kind, ohne "richtige" Chance sich zu beweisen, bekommt 1914 die Zügel in die Hand und trabt heftig los. Am Ende kann man ihnen nicht mehr Einhalt gebieten.
    Die Geister, die ich rief....

    So in der Art meinst du das doch, oder?
     
  16. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ja. nur würde ich das "Zügel in die Hand bekommen" lange vorher ansetzen, so ca. 1900.
    Wie Gandolf richtig schreibt, die Haldane Vorschläge, die muss man doch einfach annehmen. Sowieso nach den Marokkokrisen, man musste den "Schwanz einziehen" weil sich England auf die Seite Frankreichs stellte.

    Aber es geht weiter, die Seektsche Reichswehr, das ist doch auch nichts anderes, die haben sich aus allem rausgehalten, weil es mit 100000 Männchen nicht anders ging, haben auf "bessere" Zeiten gewartet, die dann auch kamen.

    Die Dolchstoßlegende, ja sogar noch die Generals-Memoiren der 50er Jahre mit ihren "Verlorenen Siegen". Die Karre voll in den Dreck fahren und dann sind andere schuld...

    Das meinten die Alliierten mit dem "preußischen Militarismus", und damit hatten sie recht. Das große Verhängnis des 20. Jahrhunderts für ganz Europa.

    Grüße Repo
     
  17. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Die Deutsche Reichsverfassung von 1871 sah eine Trennung von Zivil- und von Militärverwaltung vor und ab erklärter Kriegsgefahr unterstand die Zivilverwaltung inklusive Kanzler dem Militär. Es war die Aufgabe des Kaisers die Politik zwischen Regierung und Generalstab zu koordinieren. So gesehen war das Reich als Militärstaat organisiert. Die damals Verantwortlichen, inklusive Bismarck, hielten diese Struktur für angemessen und notwendig. Ihrer Vorstellung nach konnte das Land in der Mitte Europas nur dann überleben, wenn das Militär die Zügel in der Hand behielt und die fachfremde, unkundige Politik sich aus dem Kriegshandwerk und dem Militärwesen heraushielt.

    Der machtbewusste Reichskanzler Bismarck mischte sich in alle Bereiche der Politik ein. Faktisch trug er die Gesamtverantwortung für die Reichspolitik. Wenn ihm die Militärplanung nicht passte oder seiner Außenpolitik in die Quere kam, hat er sich sehr kritisch über diese geäußert. Aufgrund seiner Autorität, aber auch aufgrund seiner diplomatischen Fähigkeiten, die weder vor Schmeicheleien noch vor dreisten Drohungen noch vor Rücktrittsdrohungen halt machte, konnte er sich häufig durchsetzen. Am Ende seiner Amtszeit stand eine Bündnispolitik, der die Friedenserhaltung wichtiger war, als die Kriegsführung. Doch freilich wurde die Verfassung diesem Ergebnis Bismarckscher Politik (Priorität politischer Ziele) nicht angepasst.

    Unter Wilhelm II. kam dann die Wende. Er war nicht bereit, die Gesamtverantwortung an einen fähigen Kanzler zu delegieren und er selber war leider nicht in der Lage, diese Verantwortung auszufüllen. So fiel die kaiserliche Kontroll- und Koordinierungsfunktion schlicht und ergreifend aus - mit fatalen Folgen für die Politik und das Militär: die linke Hand wusste nicht, was die rechte Hand tat. Das Militär igelte sich gedanklich ein, verdrängte (mangels Kontrolle) die Realitäten, der Einfluss der Kanzler auf das Militär schwand und auch die Regierung entwickelte keinen Sinn für die Realitäten (wie auch?).

    Interessant ist zum Beispiel, dass Moltke der Jüngere Zweifel an der Vorstellung vom kurzen Krieg hatte, die nach außen hin mit dem offensiven Schliefenplan genährt wurde. Er beurteilte den Schliefenplan skeptisch und rechnete mit einem lang andauernden Volkskrieg. Zugleich aber unternahm er recht wenig, um die Armee auf diesen Krieg vorzubereiten. Er rechnete für diesen Fall mit dem massiven Widerstand des preußischen Kriegsministeriums, welches die Armee vor parlamentarischen und sozialistischen Einflüssen bewahren wollte. Dieser Widerstand wäre aber zu überwinden gewesen, wenn er sich hätte dazu entschliessen können, die militärische Lage in aller Offenheit mit dem Kanzler und dem Kriegsministerium zu erörtern. Doch dem stand entgegen, dass der Generalstab die gesamte Kriegsführung zur ausschließlichen Domäne seines eigenen Denkens und Handelns gemacht hatte. Vor diesem Hintergrund ist nicht nachvollziehbar, weshalb sich Moltke in der Julikrise 1914 für das "je eher, desto besser" entschied, bei all den Zweifeln, die er am Erfolg der deutschen Planung hatte.

    Die veränderte Natur des Krieges erforderte schon lange vor 1914 die Überwindung der Ressortgrenzen. Der Schliefenplan zum Beispiel ging von einem raschen Aufmarsch der deutschen Truppen aus, der mittels der Eisenbahn erfolgen sollte. Dieser Aufmarsch setzte voraus, dass am Tage X eine bestimmte Anzahl von Eisenbahnen und Waggons zur Verfügung stand. Im Generalstab kümmerte sich mangels Zuständigkeit niemand um deren ausreichende Beschaffung. Für die Beschaffung von Eisenbahnen und Waggons waren andere Stellen zuständig, diese kannten aber die militärische Planungen (insbesondere die benötigten Zahlen) nicht. Also haben diese Stellen die benötigten Eisenbahnen und Waggons auch nicht beschafft. Es war - glaube ich - General Groener, der diese Problematik rein zufällig erkannte und sich in einem nervenaufreibenden Kleinkrieg darum kümmerte, dass die deutsche Großoffensive nicht schon auf dem deutschen Eisenbahnnetz zum Erliegen kam. Freilich wäre es für Deutschland und Europa besser gewesen, wenn diese Peinlichkeit den Krieg schon im August 1918 beendet hätte. Wie mein Beispiel zeigen sollte, war schon die Überwindung der Ressortgrenzen mangels Kommunikation zwischen politischer und militärischer Führung äusserst schwierig.

    Auch innerhalb des Zweibundes gab es vor 1914 keine Gesamtkriegsplanung. Man erstellte keinen Plan, der die Kräfte des Zweibundes auf allen zu erwartenden Fronten ausreichend verteilt hätte. Stattdessen verfolgte der deutsche Generalstab auch mit dem zu Gunsten der Ostfront abgeänderten Schliefenplan im Westen einen - nach Moltkes Auffassung - zweifelhaften Offensivplan, der im Osten die Österreicher im Stich ließ und das Risiko eines Fronteinbruchs in Kauf nahm.

    Dafür aber vereinbarten die Generalstabchefs des Zweibundes, dass der Zeitpunkt der österreichischen Generalmobilmachung auch der Zeitpunkt der deutschen sein soll. Aus der Sicht des Schliefenplans war dieser Zusammenhang logisch. ABER der defensive Zweibund wurde durch diese Abrede faktisch zu einem aggresiven Bündnis. Bismarck ging dieses Bündnis ein, um Österreich-Ungarn Sicherheit vor einem russischen Angriff zu geben, also um den Frieden zu erhalten und nicht um einen Krieg zu führen. Nun wurde dieses Bündnis - von den Militärs - in ein Bündnis umfunktioniert, welches koordiniert in den Krieg zu ziehen hatte mit der fatalen Folge für die Politik, dass künftig die in worst-case-Kategorien denkenden Militärs über den Kriegszeitpunkt bestimmten und nicht die Regierung und dass die Entschiedung über Krieg und Frieden unabhägig von der Frage fiel, ob die Regierung noch die Chance einer friedlichen Konfliktbeilegung sehen wird.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Oktober 2005
  18. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Ich habe gerade mal die 1871 Verfassung überflogen, woraus leitet sich das Priorat der Militärverwaltung über Zivilverwaltung und Kanzler ab?

    http://www.documentArchiv.de/ksr/verfksr.html, Stand: 21.10.2005.

    Ich konnte auf die schnelle nix entsprechendes finden.

    Grüße Repo
     
  19. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Wenn ich mich richtig erinnere, sieht die Verfassung vor, dass im Reich die preußische Militärverfassung einzuführen ist und diese wiederum sah für den Fall des erklärten Kriegsgefahrzustandes bzw. Kriegszustandes vor, dass die Zivilverwaltung dem Militär unterstellt wurde. Wenn Du an den genauen Rechtsvorschriften interessiert bist, müsste ich diese nächste Woche mal in der Bibliothek nachschauen.
     
  20. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Zu den "Kohlestationen" gibt es noch ein interessantes Detail:
    Als die Russen im Japanisch/russ. Krieg ihre Ostseeflotte nach Fernost verlegten, hatten sie genau dieses Problem auch, die Hapag löste es für die Russen, indem sie die Schiffe unterwegs bekohlte. Wilhelm wollte diese Tatsache und die dem Zaren zugesicherte Rückendeckung ausnutzen indem er einen Ausgleich mit Russland anstrebte. Börkö!
    Letztlich vergeblich.
    Aber die Feindschaft Japans hatte man sich zu allen anderen auch noch eingehandelt.

    Die maritime Politik des Kaiserreichs stand unter einem Unstern!

    Wobei auch erwähnt werden muss: Das Jahr 1905 wäre natürlich der Punkt für einen Präventiv-Krieg gewesen.
    Russland im Osten engagiert, anschließend Aufstände.
    Die Problematik eines Zweifrontenkriegs war bekannt, der Schlieffenplan ist aus diesem Jahr.

    Wenn die Politik des Kaiserreichs wirklich derart aggressiv gewesen wäre, hätte man diese Chance genutzt, und nicht dem möglichen Gegner Russland den Rücken gestärkt und logistische Hilfe geleistet.

    Grüße
    Repo
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Oktober 2005
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