Islamisch/Arabischer Sklavenhandel

Dieses Thema im Forum "Der Islam und die Welt der Araber" wurde erstellt von Moagim, 27. Juli 2011.

  1. Moagim

    Moagim Gesperrt


    Der senegalesische Tidiane N'Diaye spricht in seinem Buch
    "Der verschleierte Völkermord" von bis zu 50 Millionen versklavten und davon 17 millionen verstorbenen Afrikanern infolge des Arabo-islamischen Sklavenhandels vom 7. bis ins 21. Jahrundert.

    Sind diese Angaben nicht ein wenig übertrieben?

    Die meisten Quellen sprechen doch von 10 bis 20 millionen versklavten.
     
  2. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Wer hat sie gezählt? Das kann nur eine willkürliche Schätzung sein.
     
  3. Moagim

    Moagim Gesperrt


    Gilt das auch für den Atlantischen Sklavenhandel?
    Sind das auch Schätzungen oder gibt es hierführ "besseres" Quellenmaterial?
     
  4. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Hochgerechnet auf 1.200 Jahren kommen natürlich Millionen Opfer zustande.

    Die besondere Brutalität der arabischen Sklaverei war die Kastration der männlichen Sklaven. (Bei den Militärsklaven/Mamluken wurden davon abgesehen, für den Krieg wollten sie offenbar vollständige Männer.) Den Sklaven wurden nicht nur Hoden sondern auch der Penis entfernt. Gerade die Entfernung des Penis war wegen der Schwellkörper und der Harnröhre sehr gefährlich und forderte sicher viele Opfer.
    Die Eunuchen wurde nicht nur im Harem eingesetzt, auch in Bergwerken und auf Plantagen arbeiteten Eunuchen.

    Zur Sache Völkermord:
    Nach der UN-Konvention von 1948 kann Kastration als Völkermord gewertet werden.
    Art. II
    In dieser Konvention bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:
    a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe;
    b) Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern
    der Gruppe;
    c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet
    sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;
    d) Verhängung von Massnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb
    der Gruppe gerichtet sind;
    e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.​
    Die Punkte b), c), d) und e) sind erfüllt.
    Ob sie jetzt aber in der Absicht entstanden die "Gruppe" ganz oder teilweise zu vernichten?
    Das Problem an der Sache ist, dass der Menschenraub und die Verstümmelung außerhalb des islamischen Herrschaftgebietes stattfanden. Die islamischen Herrschaften in Nordafrika forderten über Jahrhunderte schwarze Eunuchen von ihren südlichen Nachbarn als Tribut. Im Mittelalter wurden sogar in Mitteleuropa Kriegsgefangene kastriert um sie in die islamische Sklaverei zu verkaufen.
    Den Muslimen selbst war es verboten aus Männern Eunuchen zu machen.

    Die Kastration der Sklaven hatte natürlich Folgen. In den beiden Amerikas leben heute sehr viele Nachfahren von Afrikanern, Nachfahren der Sklaven. Im Irak ist dies jedoch nicht der Fall, trotz über Jahrtausenden langem Import.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Juli 2011
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  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich bin ja bei solchen Schätzungen immer sehr skeptisch. Demographisch sichere Bevölkerungsangaben gab es nicht, und oft genug ist der Hintergrund solcher Zahlenspiele recht unerfreulich, weil es oft nicht um Erkenntnisinteresse geht, sondern in eine gegenseitige Aufrechnung mündet, die nach dem Motto "tu quoque-Du doch auch) missbraucht wird für geschichtsrevisionistische Motive oder um bekannte Massaker und Genozide zu relativieren.

    Für den transatlantischen Sklavenhandel gibt es Schätzungen, die von 10-15 Millionen verschleppten Afrikaner
    in einem Zeitraum von Ende des 16. bis ins 19. Jahrhundert ausgeht.
    Bei den Kongogreueln gibt es Schätzungen, dass dabei zwischen 1885 und 1908 bis zu 10 Millionen Kongolesen Leben, Freiheit, Besitz, Gesundheit verloren, bis zu 50% der Bevölkerung.

    Wie gesagt, demographische Aufzeichnungen und einigermaßen belastbare Schätzungen der Bevölkerung existieren nicht. Es geht auch um ein riesiges Gebiet von der Sahara bis zum Kongobecken, vom Indischen Ozean bis zum Atlantik. es ist dazu auch zu bedenken, dass die Zahl der Versklavten auch nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Ein weitaus größerer Teil von Menschen wurde bei den Sklavenrazzien arabischer Händler und Warlords getötet, weil sie als "Handelsartikel" noch nicht interessant waren wie kleine Kinder und Alte, die häufig sofort getötet oder ihrem Schicksal überlassen wurden. Ein weiterer Teil der Opfer überlebte die weiten Märsche vom Tatort bis zu den Faktoreien und Niederlassungen nicht. Noch einmal eine große Zahl von Opfern, denen vielleicht zunächst die Flucht gelang, fiel Hungerkatastrophen zum Opfer, da durch die Razzien arabischer Händler Ernten vernichtet wurden, Felder nicht mehr bestellt werden konnten und notwendige Arbeiten nicht mehr verrichtet werden konnten, weil durch die geschilderten Umstände qualifizierte Arbeitskräfte nicht mehr zur Verfügung standen.

    Afrika war bis Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend Terra incognita. Die Küstengebiete waren teilweise kolonisiert, vom Landesinneren war nicht viel bekannt. Es gab außer Sklaven nicht allzuviel in Afrika zu holen. Von Ende des 15. bis Ende des 18. Jahrhundert konnten die Europäer kaum genug bekommen vom Handelsartikel Sklaven die "Ware" Mensch wurde verschämt begehrlich "schwarzes Elfenbein" genannt, und erhaltene Pläne für die Zwischendecks von Schiffen zeigen, dass man sich Gedanken machte, wie viele Menschen sich zusammenpferchen ließen. Anfang des 19. Jahrhunderts verbot allerdings GB die Sklaverei und versuchte diese Politik auch anderen Mächten aufzuzwingen. In den USA, Brasilien und Kuba züchtete man daher die benötigten Arbeitskräfte für die Baumwoll-, Tabak- und Zuckerrohrfelder und Reisplantagen. Mit dem Einbruch des Sklavenhandels erlosch auch zunächst das Interesse an Afrika, was sich erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als der Wettlauf um Afrika einsetzte und die Europäer innerhalb weniger Jahrzehnte ganz Afrika mit Ausnahme von Äthiopien und Liberia kolonisierten. Die Kolonialisierung geschah offiziell, um den Sklavenhandel arabischer Händler zu beseitigen. Bei den Europäern hieß das vornehmer Zwangsarbeit. Mitunter arbeiteten die Kolonialmächte mit Warlords und Sklavenhändlern zusammen. Einer der schillerndsten Vögel in einer Voliere schräger Vögel war Tibbu Tib, Sohn eines Arabers und einer Afrikanerin. Er baute sich ein riesiges Kolonialreich in Ostafrika auf, unterstützte Henry M. Stanley bei seiner Expedition von Sanzibar bis an die Kongomündung, arbeitete eine Zeit als Gouverneur am Oberlauf des Kongo im Dienst Leopold II. und kooperierte dann eine Zeit mit den Deutschen zusammen und zog sich ca. 1890 nach Sanzibar zurück, wo er seine Memoiren schrieb.

    Insgesamt halte ich die Zahl von 50 Millionen Opfern durchaus nicht für völlig aus der Luft gegriffen. Forscher wie Mungo Park und david Livingstone beschrieben anschaulich die Razzien arabischer Händler, deren Hauptsitz sich meist in Sanzibar befand. es dürfte aber sehr schwierig sein, Zahlen aufzustellen, die über bloße Schätzungen hinaus gehen. Schätzen lassen sich einigermaßen plausible Angaben, sie sicher zu beweisen dürfte schwerer fallen, immerhin erscheinen die Schätzungen nicht völlig aus der Luft gegriffen, wenn man sie mit Opferzahlen aus dem transatlantischen Sklavenhandel und Zahlen aus König Leopold II. Privatkolonie vergleicht.
     
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  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Zwangsweise Kastration, häufig ohne Betäubung, bei der mit großer Sicherheit viele Betroffene ums Leben kamen, war natürlich übel. Ob man das als besonders brutal betrachtet, ist Ansichtssache. Bei Sklavenrazzien arabischer Händler und Warlords wurden in der Regel nur die Stärksten und Kräftigsten zu den Faktoreien getrieben. Kleine Kinder und Alte, die nicht flüchten konnten, wurden sofort,nachdem man ein Dorf überfallen hatte, niedergemacht. Es gibt Berichte von David Livingstone und Mungo Park, die berichten, dass Babys und Kleinkinder ins Feuer der brennenden Hütten geworfen wurde, da man Munition sparen wollte.

    Manche Händler wie Manyema von Ipoto nahmen nur Frauen und Mädchen gefangenen wie Henry M. Stanley in seinem Buch über die Rettungsexpedition zugunsten von Emin Pascha berichtet. Mädchen und Frauen wurden entweder an arabische Händler als Sexsklaven verkauft oder zum "Eigenbedarf" verwendet. Aus den Nachkommen rekrutierten die Händler ihren Nachwuchs, den sie als Kindersoldaten ausbildeten und wenn sie 12-14 Jahre alt waren, nahm man sie auf Beutezüge mit. Männer, die waffenfähig waren, wurden niedergemacht, Alte und Kinder ins Feuer geworfen oder ihrem Schicksal oder Raubtieren überlassen. Sicher kann man einwenden, dass Livingstone oder Parks kaum persönlich bei solchen Beutezügen dabei waren und vielleicht auch das ein oder andere übertrieben, um ihre Zuhörer zu Spenden zu motivieren. Allerdings finden sich solche Beschreibungen unabhängig voneinander in vielen zeitgenössischen Berichten, und insgesamt wird man durchaus die Authentizität der Berichte von Park, Livingstone und anderen bestätigen müssen.
    Der schon mehrfach erwähnte Tippu Tib, dem Stanley das Benehmen eines vollendeten Gentlemans attestierte, erzählte Stanley einiges von seinen Geschäftspraktiken. Durch Späher und Informanten erfuhr er häufig von Stammesfehden und -Kriegen. Tippu Tib bot dann immer der unterlegenen Seite seine Waffenhilfe an. Im Gegenzug mussten seine "Verbündeten" ihm alle Gefangenen abtreten. Mit der Hilfe von Feuerwaffen gewann dann natürlich immer die Seite, die Tippu Tib unterstützte. War der Sieg errungen veranstaltete der Warlord dann eine große Siegesparty und knauserte nicht mit Alkohol. Waren dann die Sieger vollständig betrunken und kampfunfähig, kam auch die Reihe an sie, und sie wurden wie ihre Gegner versklavt.
    Besonders hatte es Tippu Tib auf Stämme im Landesinneren abgesehen, die Elefanten jagten, aber keine Ahnung vom Handelswert von Elfenbein hatten. Oft benutzten solche Stämme Stoßzähne um Zäune zu bauen, und der Profit der Händler vermehrte sich.
    In Afrika kursierten vor der Kolonialisierung durch die Europäer recht eigentümliche Währungen. In Nordafrika wurden Maria Theresien-Taler verwendet. Afrikaforscher wie Gerhard Rohlfs und Heinrich Barth berichteten, dass die Silbermünzen eigenartigerweise nur akzeptiert wurden, wenn sie das Todesdatum der Kaiserin trugen. Maria Theresias wurden auch von der französischen Kolonialverwaltung eine Weile eingesetzt. Wie diese eigenartige Währung nach Nordafrika gelangte und warum weiß ich nicht.

    Südlich der Sahara wurden andere "Währungen" bevorzugt: Die Gehäuse von Kaurimuscheln und sogenannte Dotis, bunte Stoffbahnen aus Baumwolle. In seinen Büchern über die Suche nach dem verschollenen David Livingstone und über seine zweite Expedition, bei der er als erster Europäer Afrika von
    Ost nach West von der Insel Sanzibar bis zur Mündung des Kongo in den Atlantik durchquerte, gibt Henry M. Stanley Auskunft über die Preise für Grundnahrungsmittel und Sklaven. Ein Doti, eine Stoffbahn aus einem Baumwolle-Leinen-Gemisch war 60 cm breit und 90 cm lang.
    Ein Junge von 10-13 Jahren kostete 16 Dotis
    Ein Junge von 13-18 Jahren 16-50 Dotis
    Ein Mädchen von 10-13 Jahre 50-80 Dotis
    Ein Mädchen von 13-18 Jahren 80-130 Dotis
    Eine Frau von 18-30 Jahren 80-130 Dotis
    Eine Frau von 30-50 Jahren 10-140 Dotis
    Ein Mann von 18-50 Jahren 10-50 Dotis

    Kleinere Kinder und ältere Frauen oder Männer wurden nicht gehandelt, da sie die Märsche zu den Faktoreien und Handelsposten nicht überlebt hätten. Man entledigte sich ihrer bei den Sklavenrazzien sofort auf die beschriebene Art.
    Als die Europäer Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wieder größeres Interesse an Afrika entwickelten, war das Hauptargument für die Kolonialisierung, dass man den Aktivitäten arabischer Sklaven- und Elfenbeinhändler Paroli bieten und den Afrikanern-ob sie wollten oder nicht-die Zivilisation und das Christentum bringen müsse. Einige Forscher wie Livingstone, der sicher nicht frei von Vorurteilen seiner Zeit war, aber aufrichtige Sympathie für Afrika und seine Bewohner hatte, waren ehrlich davon überzeugt, dass die Kolonialisierung zumNutzen der Afrikaner sein würde. Was sich nur wenige Jahre später in der Privatkolonie Leopold II. abspielen würde, hat er nicht mehr miterlebt. Einige Missionare und Forscher mögen diese Ansichten geteilt haben, aber diese Rechtfertigung war doch recht zynisch. Jahrhundertelang haben Briten, Holländer, Franzosen und Portugiesen gar nicht genug Sklaven bekommen können. Die fingen sie zwar nicht selbst, sondern tauschten sie von einheimischen Stämmen und arabischen Händlern ein.
    Englische Sklavenhändler, deren Haupsitz meist Liverpool oder Bristol war exportierten von 1680-1786 2, 13 Millionen Sklaven 192 Schiffe dienten dem transatlantischen Sklavenhandel. 1791 gab es an der westafrikanischen Küste 49 Faktoreien, von denen 14 den Engländern, 15 den Holländern, 4 den Portugiesen und ebensoviele den Dänen und Franzosen gehörten. im Jahre 1791 exportierten die Briten 38.000, die Franzosen 20.000, die Portugiesen 10.000, die Holländer 4000 und die Dänen 2500 Menschen, insgesamt 74.500 Menschen. Zwischen 1700 und 1786 wurden 610.000 Afrikaner nach Jamaika verschifft.
    Die Angaben stammen aus der Enzyklopedia Britannica von 1962. Die damalige Schätzung von illegalen Sklaven in Saudi-Arabien wurde auf 500.-700.000 geschätzt, die Zahlen dürften auch heute noch zutreffen.

    Literatur: Henry Morton Stanley How I found Livingstone 1871
    Derselbe Through the Dark Continent 1875
    Derselbe In Darkest Afrika dt Im dunkelsten Afrika- Aufsuchung, Rettung und Rückzug Emin Paschas
    Mungo Park Reisen ins innerste Afrikas 1795-1806
     
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  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich muss mich korrigieren. Folgende Preise sind überliefert:

    Für ein Mädchen von 13-18 Jahren 80-200 Dotis
    Für eine Frau 18-30 Jahre alt 80-130 Dotis
    Für eine Frau im Alter 30-50 Jahre 10-140 Dotis
    Für einen Mann 30-50 Jahre 10-50 Dotis


    Aus der Differenz und den wesentlich höheren Preisen lässt sich nachvollziehen, weshalb manche Sklavenjäger wie die Manjewa von Ipoto überhaupt keine männlichen Gefangenen machten, die man schärfer bewachen musste.
     

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