Jüdische Nachnamen

Dieses Thema im Forum "Judentum | Israel | Naher Osten" wurde erstellt von Robert Craven, 26. April 2005.

  1. Robert Craven

    Robert Craven Neues Mitglied


    Hallo zusammen, ich bräuchte nähere Informationen über die Entwicklung jüdischer Nachnamen. Warum und wann genau wurden diese "versachlicht"? Freue mich über Literaturangaben. Vielen Dank. :winke:
     
  2. Arne

    Arne Premiummitglied

    Ich habe nach einem Büchlein gegoogelt, das ich mal in einem Antiquariat in der Hand hatte, bin aber nicht fündig geworden. Aber im Internet findet sich so einiges zu dem Thema..zum Beispiel dies könnte etwas für dich sein:

    1)Ariane Huml / Monika Rappenecker (Hrsg.)
    "Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert-Literatur- und kulturgeschichtliche Studien"
    Band I. Kultur: Malerei, Musik, Theologie und Gesellschaft
    Christiane Esche-Ramshorn, Cambridge/England: Der Naziterror und die Folgen für die Kunst am Beispiel von Charlotte Salomon, Marc Rothko und Alberto Burri – Lydia Jeschke, Baden-Baden: Erschrecken der Ästhetik: Komponieren nach Auschwitz – Christian Wiese, Erfurt: „Wahr spricht, wer Schatten spricht...“ (Paul Celan) Die Herausforderung der literarischen Auseinandersetzung mit der Shoah für das theologische Denken der Gegenwart – Elisabeth Beck-Gernsheim, Erlangen: Der Name als Zeichen – Jüdische Namen und jüdische Identität im Wandel

    2) IDCIV Vortrag Nr. 2: MUTHSAM, Sr. Maria Pia, Jüdische Namen und ihre Bedeutung, Feber 1986.
    www.christenundjuden.org

    Einen besonderen "Bonbon" habe ich in einem Verschwörungsforum gefunden. Da empfiehlt jemand ein Buch von Max Golde "Jüdische Namen" von 1934. Das Buch ist scheinbar so geheim, daß ich es nirgendwo sonst im Internet (Antiquariatshandel/Bibliotheksserver) gefunden habe :rofl:
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. April 2005
  3. askan

    askan Neues Mitglied


    Welche Art Nachnamen meinst du? Marx, Spielberg, Kohn oder Levi usw?
     
  4. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    das führen von nachnamen setzt unter den deutschen juden mit beginn des 19. jahrhunderts im gefolge der sich entwickelnden emanzipation ein.
    bis dahin war zusätzlich zum vornamen lediglich ein verweis auf den namen des vaters üblich.

    josef ben jakob = josef sohn von jakob.

    einen literaturbeleg hierzu kann ich jetzt nicht aus dem ärmel schütteln, grundsätzlich fand ich aber wanda kampmanns buch "deutsche und juden" ganz brauchbar.

    ponzelar
     
  5. Arne

    Arne Premiummitglied

    Ich habe das Buch gefunden, das ich suchte:

    Zunz, Dr. NAMEN DER JUDEN. Eine geschichtliche Untersuchung. Leipzig L. Fort 1837 125 S., sehr selten ! <Bestellnr. 580> USD 180,-

    Bisschen teuer, aber es gibt einen Reprint vom Gerstenberg-Verlag, 1971. Aus den Bibliotheken in Hamburg oder Hannover auch per Fernleihe zu bekommen.
     
  6. Robert Craven

    Robert Craven Neues Mitglied

    Vielen Dank vorab. Das "Bonbon" von der Verschwörungssite habe ich auch entdeckt. Leider sind die vielen Pop Ups informativer als die eigentliche Seite. Hier kursieren Verschwörungstheorien der übelsten Sorte, von denen viele in die Schublade der Protokolle der Weisen von Zion gehören. Die anderen Buchempfehlungen werde ich mir morgen mal ansehen.
    @ Askan: Ja, u.a. vorallem Namen wie Rosenzweig, Goldberg, Apfelbaum usw. die auf gewisse Weise vergegenständlicht sind.
     
  7. Arie-Ben-Kanaan

    Arie-Ben-Kanaan Neues Mitglied

    "jüdische" Namen gibt es eigentlich nicht zumindestens in Deutschland nicht, da vile der Namen die Juden trugen auch Nichtjuden trugen das war nicht wirklich unterscheidbar, das mußten die nazis selbst indirekt eingestehen als sie veranlaßten das jeder jüdische Mann als Zweitnamen den Namen "Isarel" und jede jüdische Frau als Zweitnamen den Namen "Sara" tragen mußte, Juden konnten an den Namen nicht identifioziert werden und am Ausehen schon far nicht auch da mußten die Nazis eingestehen das ihre gesamte "Rassenideologie" eine Pseudoideologie war, denn sie zwangen uns den gelben Stern zu tragen als Identifizierungsmerkmal, wenn man Juden aber wie die Nazis immer behauptet haben an ihrem äußeren Erscheinungsbild erekennen könnte, wieso mußten Juden dann den gelben Stern tragen?
     
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  8. Albatros

    Albatros Neues Mitglied

    Soweit richtig, das liegt aber vor allem daran, dass die "jüdischen" Nachnamen i.d.R. transparent waren, d.h. ihre Bedeutung klar war.

    In diesem Zusammenhang möchte ich noch auch die Arbeiten von Dietz Bering hinweisen, vor allem sein Buch: "Der Name als Stigma - Antisemitismus im deutschen Alltag 1812 - 1933. " (1988). Da wird das Problem eingehend behandelt.
     
  9. udaipur99

    udaipur99 Neues Mitglied

    Ich erinnere mich dunkel dran mal gelernt zu haben, dass einigen Juden verunglimpfende Namen von den Nazis aufgezwungen wurden.
    Stimmt das ? Kennt jemand Beispiele ?
     
  10. Rüdiger

    Rüdiger Neues Mitglied

    Das waren wohl nicht in erster Linie die Nazis, wie folgender Auszug aus Salcia Landmanns Buch "Der jüdische Witz" vermuten läßt:


    "Eine Abart des antisemitschen [also nicht im eigentl. Sinne jüdischen] Witzes sind, wenn man so will, auch die lächerlichen Familiennamen Altösterreichs. Kein Mensch heißt freiwillig "Pulverbestandteil" oder "Treppengeländer"- und es gab Namen, die nicht nur komisch, sondern sogar unappetitlich waren. Die Namensbehörden der Donaumonarchie erlaubten sich solche Scherze gern mit mittellosen Juden- wer Geld hatte, konnte sich durch Bestechung zur Wehr setzen."
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nur um Missverständnisse zu vermeiden, Du meinst jetzt nicht die Vornamen Sarah und Israel, die alle Juden seit dem 17.8.1938 zu tragen hatten, sofern sie nicht erkennbar jüdische Namen trugen, oder?
     
  12. ning

    ning Gesperrt

    Falls du Nachnamen meinst: In Österreich ist diese Geschichte sozusagen ins "triviale Geschichstbuch" eingeflossen: die österr.-ungarischen Standesbeamten hatten die Befugnis*, die vermutlich assimilierungswillige Juden auch wünschten: ihre Namen einzudeutschen. (Vielleicht weiß das wer besser, ob dies nicht auch behördensseits zwingend vorgegeben wurde) Vor allem Gallizien-Lodomerien war diesbezüglich eine reiche Namensgebungsstätte. Kam ein jüdischer Einwanderer in Czernowitz mit diesem Wunsch zum Beamten, wurde sein Name übersetzt und recht typisch dürften schon die Ashkenasim-Wortstämme gewesen sein: Rosenzweig, Grünbaum, Morgenthau, aber auch einfach (Stefan) Zweig, (Joseph) Roth, Blau, Weiß, Grün. Weiters erzählt man, dass sich manch (boshafter und gewiss nicht judenfreundlicher) Beamte diebisch freute, wenn die "korrekte" Übersetzung "Liebesbaum" oder "Hundertwasser" ergab. (* = auch die Freiheit zum bösen Sarkasmus)

    Anders, viel weiter zurückreichend aber die authentische :)winke:) NAmensgeschichte, die mir mein Freund I. erzählte: im 16. Jhdt. waren seine Vorfahren sogen. "Hausjuden" des Grafen von Ellenbogen, in die Donaumonarchie eingewandert wurde "Ellbogen" ihr Familienname, der Urgroßvater schließlich, assimiliert und bekannter Arzt ließ diesen Namen auf das feinere "Ellbau" kürzen.
    Also, auf eigenen Wunsch hin (den man sich wohl was kosten lassen musste), wurden viele Eindeutschungen und darunter auch Veräppelungen später geändert.

    ps. oh, rüdiger schreibt ja schon in diese richtung, sorry.
    nun, dann relativiert mein beitrag seins: die beamten lehnten sich quasi in sicherheit zurück, da sie sich auf die "korrekte übersetzung der wortstämme" berufen konnten. was nichts an der boshaftigkeit, mit der sie ->manche<- namen zusammenstöpselten, ändert...
    Berühmte nachfolgende Morgenthaus oder Zweigs hatten daran aber nichts auszusetzen (wie es scheint). Und ;): Affenzeller oder Scheussengeier als orig. österr. Nachnamen stünden dem auch "kongenial" entgegen... (was natürlich eine andere herleitungsgeschichte ist...)
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Dezember 2005
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  13. udaipur99

    udaipur99 Neues Mitglied

    Nein nein, ich meine schon Nachnamen. Aber auch nicht so harmlose wie Rosenzweig, sondern eher beleidigende wie "Klospuelung" (auch wenn das jetzt kein konkretes Beispiel ist und ich mir das gerade nur so aus den Fingern gesogen habe). Aber eure Erklaerungen sind schon super. Da war ich ja echt auf dem falschen Pfad.
    Kennt den jemand solche Extremfaelle auch ? Ist da was dran ?
     
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich kenne Beispiele, daß man Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts auch jüdische Vornamen eindeutschte: Statt Moses Ben Mendel Moses Mendelsohn, statt Isaak Friedrich, statt Benjamin Wolf, statt Juda Löw oder Löb. Manchmal wurde ein Spitzname zum Familiennamen. Eine weitverzweigte hessische Judenfamilie, die sich von 1700 bis 1938 nachweisen läßt, hieß Wallach. Vermutlich waren die ersten nach den Pogromen in Polen nach dem Szmelnicki Kosakenaufstand nach Hessen gekommen. Eine andere jüdische Familie nannte sich einfach nach der Region Schwalm, ein Name den es heute noch sehr oft in Nordhessen gibt. Maynzer, Oppenheimer, Wertheimer gab es recht häufig. Die Nachbarn der Wallachs, einer von ihnen wurde um 1812 schwer belastet, weil er einer Räuberbande einen Überfall auf seinen Nachbarn Feist Wallach vorgeschlagen hatte, waren Veterinäre und Heilpraktiker. Sie trugen daher den Namen Leibdoctor. Die Leibdoctors lassen sich namentlich seit 1807 nachweisen. Vom Bürger Auscher Leibdoktor war bekannt, daß er großer Anhänger Napoleons und Jerome Bonapartes war und gerne Spottverse auf den nach England geflüchteten Kurfürsten machte. Zwei direkte Nachfahren waren zwei Schwestern, die 1942 auf einer Namensliste im polnischen Izbica auftauchen. Von dort wurden sie vermutlich nach Auschwitz verschickt. Ein Chaim Leibdoctor lebt aber noch in den USA.
     
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  15. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Ist keine Erfindung der Nazis sondern bereits auf dem 4.Laterankonzil 1215 eingeführt. Auch Muslime mussten sofort erkennbar sein.
    Erst ab 1776 wurde die Kennzeichnung langsam abgeschafft. Napoleons Besatzungen in halb Europa beschleunigte diesen Prozess. Nur die Schweiz brauchte noch bis 1874. Ab 1874 war jeder Jude in Mittel- und Westeuropa auch anerkannter Staatsbürger seines jeweiligen Landes und nicht mehr vogelfrei für Pogrome.
    Die Ideologie der Nazis ist mit Vernunft, Verstand oder Logik nicht zu erklären. Warum auch. Hitler hat in "Mein Kampf" nie einen Hehl gemacht, dass Hass Grundlage seiner Politik ist.

    Meine Mutter hiess Jutta und wurde nur wegen ihres Vornamens "rassisch überprüft".
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 11. Juni 2007
  16. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    Im Polen, wo die meissten Juden der Europa gewohnt haben, haben sie bis XIX Jhdt. keine Nachnamen.
    Erst wahrend der Teilung wurde das geandert. In dem russischen Teil Polens wurden alle Juden in 1845 gezwungen, um die erblichen Nachnamen zu haben.
    In Ostpolen haben also die judischen Nachnamen viele charakteristische Elemente. zB die Nachname wurde hier oft aus Vorname Mutters gebildet : Rywk-in, Ryw-ski (Rywka), Chaw-in, Chaw-es (Chawa), Chan-in (Chana), Chajk-in (Chaja); Margoli-s (Margalit), Minke-s (Mina), Sulk-es (Sulamit); Maryń-ski, Mariań-ski (Maria); Dwork-owicz (Dwora), Dyn-owicz (Dina)

    oder wurden die Nachnamen aus Vorname (Mutters oder Vaters) gebildet aber mit den rein slawischen Sufixen dazu : Berk-owicz, Nechem-owicz, Jankiel-owicz; Chaim-owski, Hirsz-owski, Jankiel-ewski; Jachn-uk, Szalm-uk.

    Im preussischen Teil Polens haben die Preussen das selbe in XIX Jhdrt. gemacht, aber leider ich kann mich nicht Datum errinern.

    Aber hier stammen die judischen Nachnamen uberwiegend aus Ortsname (zB. Poznań-ski, Warszaw-ski, Mazowie-cki).
    Das war nicht die Wahl der Juden sonder die Entscheidung der preussischen Verwaltung, zB der reichste Geschaftsmann in Lodz des XIX Jhdts heiste Izrael Poznański und er ist in 1858 genau aus Posen gekommen.
     
  17. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    In einem seriösen Vortrag sagte man mir, die Nachnamen der deutschen Juden, seien im 19. Jahrhundert entstanden.
    Die neue Bürokratie zwang nun auch den Juden Nachnamen auch. Bisher blieben sie ja von Kirchenbüchern verschont, nun gab es aber Standesämter.
    Da sie die Nachnamen frei wählen konnten, wählten sie jene die sie besonders schick fanden. Das waren eben solche gegenständliche Namen wie Rosenzweig, Goldberg...
     
  18. Hulda

    Hulda Gast

    Dazu möchte ich doch ein paar Ergänzungen anfügen:
    Es gab auch gemeine und lächerliche Namen, die Juden einfach "verpasst" wurden. Wer will schon "Wucherpfennig" oder so ähnlich heißen?

    Namen leiteten sich häufig aber auch einfach
    von der Herkunft ab, wie Frankfurter,
    vom Vater, wie Mendelssohn,
    vom Beruf.

    Es gab auch Gebiete, in denen Namen verkauft wurden. "Goldberg" oder "Rosenzweig" beispielsweise waren teuer, weil diese Namen sich von Edelmetallen und Blumen ableiten ließen. "Bär" als Tierbezeichnung z.B. war kostenlos.
     
  19. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Auffällig ist, dass die Namen der russischen und ukrainischen Juden recht deutsch klingen. Es kann natürlich auch sein, dass es sich um jiddische Bildungen handelt.
    Das ist mir besonders bei Bolschewisten jüdischer Abstammung aufgefallen. Bei ihnen ist aber nur der Gebutsname jiddisch, als kommunistische Politiker trugen sie stattdessen Kampf- und Decknamen.
    So wurde Leo Trotzki als Lew Bronstein geboren.
    Kamenew war ein gebürtiger Rosental. Ob Sinowjew eigentlich Apfelbaum hieß, ist umstritten. Ihre Verhaftung und Ermordung führte widerum NKWD-Chef Jagoda durch; er benutzte noch seinen Geburtsnamen, der übrigens auch in Deutschland vorkommt jedoch slawischen Ursprungs ist.

    Ich frage mich, ob es da einen Zusammenhang gibt. Und wenn ja, ob die deutschen Juden auf osteuropäische Nachnamen zurückgriffen oder die osteuropäischen Juden auf deutsche?
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Februar 2009

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