Kaiser WIlhelm II. - Wegbereiter des Nationalsozialismus

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von DerGeschichtsChris, 20. Juni 2018.


  1. Hallo ihr Geschichtsprofis :)
    ich habe in einer Woche meine Präsentationsprüfung fürs Abitur und habe das im Titel stehende Thema bekommen. Natürlich habe ich mich schon über dieses Thema schlau gemacht, nur finde ich im Internet keinen richtigen Beitrag mit Wilhelm II im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus.
    Folgende Punkte habe ich bereits:

    1.Militarismus unter Wilhelm II (Verharmlosung des Militärs fördert positive Einstellung gegenüber dem Krieg)

    2.Erziehung/Jugend in dieser Zeit (Gedankengut)

    3.Platz an der Sonne (ähnliche Einstellung wie die Nazis, Lebensraumerweiterung und Größenwahn)

    4.Antisemitismus

    Allgemein würde ich eben sagen, dass die mentale Einstellung und das Gedankengut der Bürger in dieser Zeit durch Wilhelm II geprägt wurden und sich so ein gewisser Nationalsozialismus in der NS-Zeit etablieren konnte.

    Ich bin mir nicht ganz sicher ob man überhaupt Wilhelm II verantwortlich für den Nationalsozialismus machen kann.

    Habt ihr noch weitere Vorschläge oder Internetartikel die besser auf das Thema eingehen?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hallo Chris,

    würdest du bitte Ordnungszahlen von Herrschern bitte 1.) lateinisch (in der Originalüberschrift war es arabisch) und 2.) MIT PUNKT schreiben:
    Wilhelm II. ging ins Bad, dort traf er Papst Pius III., der sich die Hände wusch, als Friedrich IV. sprach...

    Was meinst du mit "Verharmlosung des Militärs"?
    Wie stellst du dir eigentlich vor, dass Wilhelm II. die Leute prägte?

    Ein bisschen Futter:
    Deutsche Kaiserzeit: »Er ist durch und durch falsch«
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Wilhelm II. hielt schlimme und blutrünstige Reden. An seinen amerikanischen Freund Bigelow schrieb er:

    "Die Presse, Mücken und Juden sind eine Pest, von der man sich befreien muss... am besten wäre Gas"

    Als die deutschen Soldaten während des Boxerkrieges nach China eingeschifft wurden, hielt er die sogenannte "Hunnenrede", in der er sich dafür aussprach, dass kein Pardon gegeben werde. Die Deutschen sollten sich aufführen wie die Hunnen, dass noch in 100 Jahren kein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.

    1914 nahm die deutsche Armee Zehntausende von Russen gefangen, und Wilhelm schlug vor, sie auf der Nehrung zusammenzutreiben und verhungern zu lassen. "Majestät, das wäre ein Kriegsverbrechen entgegnete ihm Falkenhayn.

    Von nassforschen Sprüchen aus Potsdamer Offizierskasino bis zur Tat bis zum exterminatorischen Judenhass eines Adolf Hitler oder Heinrich Hímmlers ist es aber noch ein Stück.
    Die Nazis, vor allem Hermann Göring versuchten, Wilhelm II. für den NS zu gewinnen. Wilhelm blieb allerdings eher distanziert, war von den Auswüchsen abgestoßen. Seinem Sohn, dem Kronprinzen Wilhelm verbot er regelrecht sich den Nazis anzudienen. Sein Sohn August Wilhelm war allerdings SA und Parteimitglied. Über die Novemberpogrome war Wilhelm II. wohl ehrlich betroffen. es ist ohnehin problematisch, wenn Wilhelm II. oder Martin Luther der noch weit blutrünstigere Hetzreden gegen Juden hielt, für Greuel verantwortlich gemacht werden, an denen sie nicht beteiligt waren. Richtig ist aber sicher, dass durch solche Reden der Boden bereitet wurde und die Akzeptanz für radikale Maßnahmen damit wuchs.

    Trotzdem gab es Schnittmengen zwischen dem Militarismus in der wilhelminischen Ära und dem NS und besorgniserregende gesellschaftliche Entwicklungen, die dem NS die Bahn ebneten:

    -eine Überhöhung des Militärs, ein Reserveoffiziersrang wurde innerhalb von Teilen des Bürgertums höher bewertet, als ein akademischer Titel
    -ein Mangel an demokratischer Gesinnung innerhalb großer Teile des Bürgertums
    - autoritäre Strukturen, das Bewusstsein, dass der Befehl heilig ist, dass Befehle nicht in Frage gestellt werden, auch wenn sie gegen Grundsätze der Humanität verstoßen.
    -die Köpenickade zeigte, dass die Uniform mehr zählte, als der Mensch im wilhelminischen Deutschland
    -der Anspruch Deutschlands als hegemoniale Großmacht.
    -Antisemitismus im Kaiserreich
    -Eine Schwäche des politischen Systems, Geringschätzung des Reichstag als "Quasselbude"; Dreiklassenwahlrecht in Preußen; der Reichstag verfügte über einen gewissen Einfluss, ein Reichskanzler, dem das Parlament die Loyalität versagte war extrem geschwächt, der Reichskanzler wurde aber nicht vom Volk gewählt, sondern vom Kaiser ernannt, daraus resultierte eine Schwäche des Parlamentarismus und begünstigte Systeme, die auf den "starken Mann" setzten.

    Hast du eine Literaturliste zum Kaiserreich? Wenn ja, dann stell die doch mal vor, dann können wir sehen, was man als bekannt voraussetzen kann und Ergänzungen und Tipps posten.
     
  4. Waldi61

    Waldi61 Neues Mitglied

    Ich würde nicht zu sehr den Fokus auf das Kaiserreich setzen. Vielleicht in Hinblick auf einen Vergleich der Einstellungen Wilhelms II. und des Nationalsozialismus. Aber um ihn als einen "Wegbereiter" bezeichnen zu können, muss es ja zur Weimarer Republik gewisse Anknüpfungspunkte geben. Frag doch danach, inwiefern Wilhelm II. während seines Exils auf die Weimarer Republik Einfluss genommen hat. Die Reichspräsidentenwahl 1925 spielt hierbei eine exemplarische Rolle, auf der du aufbauen kannst.
     
  5. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Das hat seinen Grund, Chris. Und anschlußfähig mit dem Großkomplex Nationalsozialismus ist zurück blickend sehr vieles....
    Das Thema Deiner Präsentationsarbeit ist gewiss als Fragestellung gemeint, mit ? am Ende. Keiner der führenden NS-Köpfe war Monarchist oder gar Anhänger von Kaiser Wilhelm II., noch wurde nach der Machtübernahme 1933 durch regierungsverantwortliche Nationalsozialisten auch nur daran gedacht, Wilhelm wieder als Monarch einzusetzen oder ihn zu bitten, ins Deutsche Reich zurück zu kehren. Mir ist auch kein Dokument aus der NS-Bewegung erinnerlich, in dem Wilhelm als 'Ahnherr' oder Vorläufer des NS genannt wurde.

    Da es eine Fragestellung ist, könntest Du sie - einigen Mut vorausgesetzt - auf Mussolini als wirksamen Vorläufer umlenken:

    Hitler und Mussolini: Brüder im Geiste (langer Artikel in der ZEIT 2013, der teils Deine vier Punkte berührt)

    Der Faschismus italienischer wie deutscher Herkunft hat ganz typische Elemente/Phasen, die auch Deine vier Punkte berühren, folgt man Sven Reichert, Prof. für Zeitgeschichte an der Uni Konstanz, im großen Artikel von 2017 auf der Website der Bundeszentrale für Politische Bildung:

    Globalgeschichte des Faschismus. Neue Forschungen und Perspektiven

    Da Italien im Vorfeld der faschistischen Regierungseintrittes keinesfalls von Kaiser Wilhelm II. und seiner Herrschaft geprägt worden war, könnte man damit substanziell die Bedeutung Wilhelms für den Nationalsozialismus relativieren und andere, unmittelbare und mittelbare Ursachen/Gründe für die typischen Elemente, den typisierten Verlauf des Faschismus anbringen.



     
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  6. Waldi61

    Waldi61 Neues Mitglied

    Die Frage auf Mussolini umlenken ist vielleicht interessant, die Fragestellung ist aber doch eine andere. Und wenn die Frage nach Wilhelm II als wegbereiter des Nationalsozialismus ist, dann kann man sich der durchaus annehmen. Und hierbei kann man nach den zentralen Merkmalen des Faschismus schauen (Nonn 2007: 167-171) und nach den Berührungspunkten mit Wilhelm II. (Breuer 2010: 140-151; Röhl 1991; 2001; 2008). Damit würde man dann eine Ausgangsbasis schaffen, anhand der sich dann die Möglichkeit einer Wegbereitung diskutieren ließ. Die Wegpunkte dahin könnten dann bei den Entscheidungsträgern der Weimarer Republik liegen, wie etwa Hindenburg, der erst nach Absprache mit Wilhelm II. Reichspräsident wurde. Und dann liegt es an der Beurteilung der Beziehung der Eliten der Weimarer Republik zu Wilhelm II., in welchem Maße er ein Wegbereiter des Nationalsozialismus war.

    Breuer, Stefan: Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945.
    Nonn, Christoph: Das 19. und 20. Jahrhundert. Orientierung Geschichte, Paderborn u.a. 2007.
    Röhl, John C.G.: Wilhelm. Der Ort Kaiser Wilhelms II. in der deutschen Geschichte, München 1991.
    Röhl, John C.G.: Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888-1900, München 2001.
    Röhl, John C.G.: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900-941, München 2008.
     
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  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich würde auch bei einer Geschichtspräsentation nicht ausschließlich auf das Internet und Wikipedia setzen. Das Niveau von Wiki ist gestiegen und hält durchaus den ´Vergleich mit der Enzyklopedia Britannica aus. Als Einführung ist das ok, und viele Artikel und Bücher sind online abrufbar. Auch im 21. Jahrhundert kann aber das Internet allein nicht eine solide Bibliothek und Fachliteratur ersetzen. Die Werke, die Waldi angeführt hat, sind recht brauchbar. Es gab natürlich gewisse Kontinuitäten im deutschen Kaiserreich, mindestens ebenso bedeutend sind aber auch die historischen Brüche und die Radikalisierung, die der Weltkrieg zur Folge hatte und natürlich die Verwerfungen, die Krisen, Inflation und vor allem die Weltwirtschaftskrise mit sich brachten.
     
  8. Hallo,
    danke euch schonmal für die Hilfe :)
    ich finde den Ansatz mit Mussolini wirklich gut!
    Ich bin ja der Meinung, dass Kaiser Wilhelm II. keinen überdimensional großen Einfluss auf den Nationalsozialismus hatte.
    Ich würde dann in meiner Präsentation auf jeden Fall den Militarismus, Nationalismus und Antisemitismus erwähnen, welcher sicherlich der NSDAP verholfen hat das Volk hinter sich zu bekommen.
    Meint ihr eigentlich, dass diese antidemokratische und antisemitische Einstellung des Volkes bei den Wahlen Hitlers eine Rolle gespielt haben?

    Anschließend würde ich dann in meiner Präsentation das faschistische Italien erwähnen, welches auch ohne den Einfluss Wilhelms einen Nationalsozialismus entwickelte und würde dann weitere Gründe für den Ausbruch eines Nationalsozialismus erörtern.
    Ich muss ja in meiner Präsentation nicht Wilhelm als Verursacher darstellen ich kann genau so gut andere Gründe für den Ausbruch des Nationalsozialismus präsentieren oder?

    Sollte ich Wilhelms Weltanschauung vom Platz unter der Sonne mit Hitlers Raumerweiterung vergleichen oder gar Wilhelm II. mit Hitler?
    Zum Beispiel könnte ich somit auch Wilhelm aus der Affäre ziehen indem ich sage, dass die beiden einen ausgeprägten Nationalsozialismus, Hitler seine Ziele jedoch viel radikaler durchgesetzt hat.

    Denkt ihr der Aufbau der Präsentation ist gut oder schätze ich die Rolle der Erziehung im Kaiserreich zu stark ein im Hinblick auf den Nationalsozialismus und der Unterstützung Hitlers durch das Volk?
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Terminologiehinweis: Der Nationalsozialismus ist eine Spielart des Faschismus. Von Nationalsozialimus sprechen wir aber in erster Linie, wenn wir Deutschland meinen, ansonsten von Faschismus, den wir dann auch anderweitig differenzieren können, etwa den Austrofaschismus. Und der bricht auch nicht aus, ist ja keine Infektionskrankheit. Obwohl...

    Deine Aufgabe ist, eine These zu bearbeiten. Es ist okay zu dem Ergebnis zu kommen, dass die These richtig, falsch oder in Teilen nicht aufrecht zu erhalten ist. Du musst eben das Ergebnis, zu welchem DU kommst, gut begründen.

    Bei einem ideologischen Vergleich kannst du die Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Widersprüche herausarbeiten. Das bietet sich also an, ja.

    Willst du denn Willi Zwo "aus der Affäre ziehen"? Warum?

    Arbeite dich doch erst einmal in das Thema ein.
     
  10. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Finde ich einen ganz guten Ansatz.Für eine Schulpräsentation ist das mehr als ausreichend. Schauen, was die Merkmale des Nationalsozialismus sind, um zu zeigen, dass man hier den Schulstoff verstanden hat, und dann diese mit Wilhelm II. vergleichen. Ich würde noch zeigen, wenn es Punkte gab, die beide geteilt haben, inwiefern diese wirklich Wilhelm II. zuzurechnen sind oder eine generelle Einstellung der Gesellschaft war. (Das Streben nach einem Platz an der Sonne entstand ja nicht durch Wilhelm II.).
     
  11. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Ich halte wenig von dieser Aufgabe. KW II stammte aus einer stark hierarchischen Gesellschaft. Diese Gesellschaft hatte wenig durchlässige Schichten. Die Menschen waren stark auf den Adel fixiert. Das Erreichen eines Adelstitels war ein überragender Erfolg. Die Vorstellung, dass sich KW II als mit einem Arbeiter von Blohm & Voss gleichwertig sah, ist vollkommen abwegig. Der Gotha bestimmte, wie wichtig man war.

    Belegt wird dies durch den Satz von Philipp Scheidemann: "das alte und morsche ist zusammengebrochen". Nach dem 1. Weltkrieg wurde das bisherige Gesellschaftsmodell hinweg gefegt. Wohin dies führen würde, war Ende 1918 unklar. Es gibt daher keine Verantwortung von KW II für das 3. Reich.

    Die Nationalsozialisten hatten ein ganz anderes Gesellschaftsbild. Hier konnte ein Kleinbürger Gauleiter werden. Von der Theorie waren die Volksgenossen gleichwertig - wobei es im Führerstaat eine eindeutige Machtstruktur gab.
     
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  12. Waldi61

    Waldi61 Neues Mitglied

    Ich finde den Ansatz nicht gut, da er am Thema vorbei schrammt. Wie El Quijote schon schrieb, war der Nationalsozialismus eine radikale Spielart des Faschismus und sicher waren sich Hitler und Mussolini in gewisser Hinsicht sympathisch. Nur lautete die Frage, ob Wilhelm II. ein Wegbereiter für den Nationalsozialismus war und nicht, nur weil vielleicht mehr Hinweise auf den ersten Blick zu finden sind, ob Mussolini der Vorläufer des Nationalsozialismus war.
    Hinsichtlich deiner Gliederung: Vielleicht wurde der Militarismus aus heutiger Sicht und weil wir das Ende kennen "verharmlost". Allerdings wussten die Zeitgenossen das ja nicht. Für die war das Militär eine privilegierte Schicht und angesehen! Das martialisiche Auftreten war Gang und Gäbe und durch Preußen genoss das eine über 200-jährige Tradition. Über Punkt 3 und 4 kann man auch sprechen. Forderungen wie Lebensraum im Osten und Deutschland als Weltmacht waren auch bei späteren Demokraten wie Stresemann oder Thomas Mann Forderungen. Du kannst diese Forderungen mit Hitler vergleichen, aber beachte dabei, dass das so etwas wie "gesellschaftlicher Konsens" war (das ist bewusst in Anführungszeichen).
    Zu Punkt 4. War Wilhelm so antisemitisch? Sicher begünstigte er die strukturelle Unterdrückung der Juden in Armee und Verwaltung, Kunst und Pressewesen. Allerdings sagte er auch: "Eine Austreibung der Juden aus dem REich sei ganz ausgeschlossen, nicht nur, weil dadurch der deutsche Wohlstand um ein Jahrhundert zurückgeworfen werde werde, sondern auch, weil das Reich damit zugleich aus der Reihe der Kulturnationen ausscheiden würde. (Reden Kaiser Wilhelms II. in den Jahren 1906- Ende 1912, gesammelt und hrsg. von Bogdan Krieger, Leipzieg o.J. 1913, S. 85ff.)

    Und im Nationalsozialismus war das anders??? Also allein der Begriff "Führerprinzip" klingt sehr autoritär. Der Nationalsozialismus war auch sehr autokratisch, worin er sich mit dem italienischen Faschismus glich. Die Frage, die dem Chris gestellt wurde zielt darauf ab zu ergründen, inwiefern die alten Eliten Einfluss auf den Wahlerfolg der Nationalsozialisten hatten. Dies ist eine äußerst legitime Frage. Dies sagt auch dein Zitat von Philipp Scheidemann aus, der damit Wilhelm II. sogar relativiert. Gustav Stresemann huldigte Wilhelm II. in seinem Kronprinzenbrief ebenso sehr. Das klingt sehr danach, als ob alle nur auf ihren Kaiser nur warten.
     
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  13. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Bei Forderungen nach Gebieten darf man auch die unterschiedliche Argumentation nicht vergessen
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Gab es ja und zwar sehr massive. Vgl. zur Soziologie und Entwicklung der deutschnationeln Rechten im Kaiserreich und in Weimar.

    http://www.geschichtsforum.de/thema/die-radikalisierung-der-rechten-in-der-weimarer-republik.52652/

    In diesem Sinne war das preußisch-kleindeutsche Kaiserreich eine wichtige Voraussetzung für den NS-Staat. Ausführlich diskutiert in der "Sonderwegdebatte" (vgl. als Kritik Blackbourn etc.)

    Vor diesem Hintergrund ist KW II. nicht als Person verantwortlich, wie es Mommsen (War der Kaiser an allem schuld?) fragt, sondern der Kaiser ist der Repräsentant eines autoritären semi-absolutistischen Staates gewesen, der durch eine spezifische Form des preußischen Militarismus geprägt war (vgl. Beitrag Scorpio #3).

    Sofern man sich lediglich um den "Militarismus" kümmern will, wären die Arbeiten von Bröckling, Förster, Mommsen und Wette eine sinnvolle Beschränkung. Das ließe sich unter dem Gesichtspunkt des Militärs durch Craig, Deist und Kitchen ergänzen, um die spezifische Bedingungen zu erklären, unter denen sich das Militär und somit der "Reserveoffizier" im Kaiserreich sozialisiert wurde. Und welchen massiven Einfluss es auf die zivile Gesellschaft hatte.

    Vor diesem Hintergrund sind zwei Fragen zu stellen:
    - Welche Ideologien waren relevant für die Kaiserzeit und wie prägten diese die politische Kultur der Weimarer Republik.
    - Welche zentralen gesellschaftlichen Gruppen gab es, die als "Agenten" die Träger dieser Ideologien waren und im Zuge ihres Handelns "Geschichte" mit geschrieben haben.

    Es sind eine Vielzahl von Aspekten, die das viel zu ambitionierte Thema für eine Abiturprüfung behandeln müßte. Stichworte. Deutsche Rechte wie Vaterlandspartei bzw. Deutschnationale, Sozialdarwinismus, Preußischer Militarismus und "persönliches Regiment" . Das eingebettet in die historische Entwicklung des kleindeutschen Nationalstaats von ca. 1871 bis 1933.

    Dazu kommen noch komparative Aspekte, auf die "andreassolar", hinweist und Mussolini ins Spiel bringt. Ähnlich wichtig wäre es, wie Bönker es macht, den deutschen Militarismus mit dem amerikanischen zu vergleichen. Und es wurde in der Literatur die Frage aufgeworfen, ob es "zwei Wege" in die Moderne sind, die im Prinzip beide legitim waren.

    Insgesamt jedoch, als Thema für das Abitur: "Kaum zu leisten"

    Eine Literaturliste, die ansatzweise das Thema versucht abzudecken wäre:
    Blackbourn, David; Eley, Geoff (1980): Mythen deutscher Geschichtsschreibung. Die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848. Frankfurt/M, Berlin: Ullstein
    Breuer, Stefan (2010): Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945. Eine politische Ideengeschichte. Ditzingen: Reclam, Philipp (Reclam Sachbuch, 18776).
    Bröckling, Ulrich (1997): Disziplin. Soziologie und Geschichte militärischer Gehorsamsproduktion. 1996. München: Wilhelm Fink Verlag.
    Craig, Gordon Alexander (1955): The politics of the Prussian Army 1640-1945. Oxford: Clarendon Press.
    Deist, Wilhelm (1991): Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preussisch-deutschen Militärgeschichte. München: R. Oldenbourg
    Eley, Geoff (1980): Reshaping the German Right. Radical Nationalism and Political Change After Bismarck. New Haven, London: Yale University Press (Ann Arbor Paperbacks).
    Fischer, Fritz (1979): Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871 - 1945. Düsseldorf: Droste Verl.
    Förster, Stig (1985): Der doppelte Militarismus. Die deutsche Heeresrüstungspolitik zwischen Status-quo-Sicherung und Aggression 1890-1913. Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden
    Kitchen, Martin (1968): The German officer corps 1890 - 1914. Oxford: Clarendon Press.
    McDonough, Frank (2012): Hitler and the Rise of the Nazi Party. Harlow, England: Taylor and Francis
    Mombauer, Annika; Deist, Wilhelm (Hg.) (2003): The Kaiser. New research on Wilhelm II's role in imperial Germany. Cambridge, UK, New York: Cambridge University Press.
    Mommsen, Wolfgang J. (1990): Der autoritäre Nationalstaat. Verfassung Gesellschaft und Kultur des deutschen Kaiserreiches. Orig.-Ausg. Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verl. (Fischer-Taschenbücher, 10525 : Geschichte).
    Mommsen, Wolfgang J. (2002): War der Kaiser an allem schuld? Wilhelm II. und die preußisch-deutschen Machteliten. München: Propyläen.
    Röhl, John C. G. (2007): Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik. . München: Beck
    Wehler, Hans-Ulrich (2008): Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Von der "Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914. 5 Bände. München: C.H. Beck
    Wette, Wolfram (2008): Militarismus in Deutschland. Geschichte einer kriegerischen Kultur. Frankfurt/M: Primus Verlag.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juni 2018
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  15. Waldi61

    Waldi61 Neues Mitglied

    Ja, das herauszufinden ist aber dann nicht unsere Aufgabe, sondern das muss Chris selbst machen. Ist ja seine Arbeit und die Ergebnisse können unterschiedlicher Art sein. Ich finde aber, dass gemessen an dem, was Schulen im Geschichtsunterricht bezüglich des Nationalsozialismusses unterrichten, dass diese Aufgabe durchaus angemessen ist. Es muss ja nicht höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, was die Literaturhinweise betrifft. Schon allein zwei, drei Bücher reichen, um eine vernünftige Präsentation erstellen zu können.
    So wie du das aufziehst, kann man das natürlich machen, ist aber viel zu komplex. Der Hinweis auf den Preußen-Deutschland als notwendige Voraussetzung viel zu deterministisch. Ich würde auch Wilhelm II. und seinen Einfluss auf die Ermöglichung des Nationalsozialismusses durch den Militarismus nur mit Erwähnung, dass dies ein Aspekt sei, erklären. Meiner Ansicht nach aber überwiegt die Treue an das alte System mehr als der Militarismus.
     
  16. Hallo und danke nochmal,
    Ich muss ehrlich gestehen, dass ich gerade leicht überfordert mit diesem Thema bin.
    Die Präsentation darf höchstens 10 Minuten gehen und das sehe ich sehr kritisch wenn man bedenkt was
    man bei diesem Thema alles beachten muss.

    Leider muss man bei diesem Thema extrem viel alleine herausarbeiten und es steht nicht wirklich viel darüber im Internet...

    Könntet ihr mir vielleicht kurz nochmal die Hauptpunkte schreiben wie ihr diese Präsentation gliedern würdet oder meine Gliederung verbessern
    I. Erziehung im Kaiserreich
    -Militarismus
    -Nationalismus
    -Antisemitismus

    II. Im Kaiserrreich konnten sich rechte Parteien ausbreiten, da sie nicht verboten wurden

    III. Dann würde ich auf den Platz an der Sonne eingehen
    Wie er sich bei Hitler unterscheidet, jedoch dem Volk ein Gefühl gibt, dass Deutschland mehr verdient hat

    IV. Wie soll ich nun den Bezug zur Machtergreifung Hitlers machen?
    Es gab ja deutlich bessere Gründe warum Hitler gewählt wurde und Wilhelm hat damit je relativ wenig zu tun. Man könnte höchstens sagen, dass ihn das Volk auch durch ihre frühere antidemokratische und militaristische Erziehung akzeptiert hat.

    Habt ihr noch Ergänzungen oder seid ihr der Meinung, dass ich auf einem komplett falschen Weg bin?
     
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Jedem seine Meinung. Aber wie steht es denn mit der Begründung DEINER Meinung durch entsprechende Darstellung von - halbwegs - seriösen Autoren. Vielleicht solltest Du deine Meinung anhand von Breuer, den Du selber in #6 empfohlen hast, ein wenig überprüfen.

    "Der radikale bürgerliche Rechtsnationalismus mag in der Parteipolitik nur unzureichend Ausdruck gefunden haben. Dort jedoch, wo man keine Parteien zu kennen glaubte, sondern nur noch Deutsche, war er in hochkonzentrierter Form vertreten." (ebd. S. 151)

    Und dieses Milieu ist der Nährboden, aus dem sich die Anhänger des NS-Systems rekrutiert haben (vgl. Literaturliste: wie bei McDonough beschrieben und die ausführliche Schilderung der Entwicklung der extremen Rechten nach 1918 via Link)

    Kurze Anmerkung: Es wäre hilfreich, nicht nur postulieren, dass man die Fragestellungen der Threadersteller ernst nehmen soll. Was richtig ist. Man sollte diese Form des Respekts auch vor dem haben, was andere bereits im Forum geschrieben haben und sich wenigstens die Links ansehen. Es ist nämlich nicht alles nur "deterministisch". Das könnte eine konstruktive Diskussion erleichtern.

    Anmerkung 2: "Komplex". Nein, es gibt nicht mehr den "Master-Narrativ". Es gibt rivalisierende "Narrative", die "apologetischer Natur" sind, extrem kritisch und die vielen unterschiedlichen Interpretationen der "Mainstream" Historiographie beinhalten.

    Das wäre eine zentrale kritische, didaktische Forderung an den Geschichtsunterricht, auch bei Referaten, eine kritische Sicht auf diese unterschiedlichen Interpretation von Geschichte vorzunehmen. Und das ist nicht ohne eine gewisse Masse unterschiedlicher Autoren zu leisten. Deswegen geht es nicht darum, eine lange Liste zu produzieren, sondern gerade zu zeigen, dass das Thema komplex ist.

    Und ich persönlich glaube auch nicht, dass derartige komplexe Themen im Rahmen einer Abiturprüfung eine Rolle spielen können. Das wäre eine Überforderung und man muss sich fragen, was sich die Lehrer dabei denken.

    In diesem Sinne hätte das Thema sehr deutlich eingeschränkt werden müssen. Das hätte die Möglichkeit eröffnet, die Bandbreite rivalisierender Interpretationen darzustellen.

    Unterricht ist wohl kaum, in einem demokratischen Staat, der geeignete Ort für "Indoktrination" anhand eines einzelnen Narrativs.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juni 2018
  18. Was haltet ihr eigentlich von der These des Deutschen Sonderwegs?
    Mit dieser These wird ja dieser Zusammenhang zwischen Kaiserreich und 3.Reich gemacht
     
  19. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Wahrscheinlich dürften die Ansprüche, die an den Threadersteller gestellt werden deutlich geringer sein als das, was du darstellst. Nichtsdestotrotz ist es richtig, dass in der Komplexität darzustellen, wie du es tust.

    Um ehrlich zu sein, habe ich mich mit der Sonderwegsthese zu wenig beschäftigt. Wenn ich deine Beiträge aber richtig verstehe, siehst du Wilhelm II. als Figur von Strömungen im Kaiserreich, die Voraussetzungen für die späteren Entstehung des NA-Staates waren, richtig?

    Aber kann man nicht sagen, dass einige dieser Aspekte, die du aufführst, auch in anderen Staaten zu finden waren? Oder trug eher die Gesamtheit dazu bei?
     
  20. Waldi61

    Waldi61 Neues Mitglied

    Zunächst als Anmerkung: Die Bewertung von seriösen Autoren ist nun nicht allein dir zugeschrieben. Und falls du wieder mal meinst, ich unterstell dir das: Allein dadurch, dass du meinst, "halbwegs" hinzuzufügen, unterstellst du anderen, dass die es nicht können. So à la: "nette Literatur, aber kommt nicht unbedingt an meine heran".
    Dein Zitat von Breuer ist aus dem Artikel über das Kaiserreich und VOR dem Ersten Weltkrieg. Ich glaube, ich muss hier nicht belegen, dass der Weltkrieg sowas wie eine Zäsur darstellt. Ein paar Seiten weiter, nämlich gleich auf S. 154 schreibt Breuer dann auch, dass sich die Vertreter des alten Nationalismus zurückzogen. Bismarcks Staatsgebilde stürzte ein und dein Milieu zog sich zurück oder mäßigte sich zuerst. Die NSDAP hatte nur 1919 6,5% Stimmen, danach waren sie immer um 3%.
    Die strikte Kontinuitätslinie vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus ist ja gerade dass, was kritisiert wurde. (Vgl. Grebing 1986: 124; Nipperdey 1982: 18; Zmarzlik: 1975;). Diese Analogie verkennt alle Entwicklungen, welche seit 1890 im Kaiserreich stattfanden. Kultureller Aufbruch, Parlamentarisierung, Modernisierung....Und um daran anzuknüpfen: Es ist nicht einfach zu behaupten, dass der bürgerliche Rechtsnationalismus derselbe ist, wie diejenigen, die Hitler wählten. Wie erklären sich dadurch dann die geringen Wahlergebnisse bis 1930. Und die NSDAP galt in dem Sinne als Volkspartei, in dem man den Begriff neutral verwendet. Die NSDAP war eine Volkspartei des Protests, die die Ressentiments aller sozialen Schichten aktivierte. Aber sie wurde vor allem von Vertretern der Eliten sowie der unteren Mittelschicht gewählt. (Wirsching 2008: 103; Kater: 51-71).

    Deinen Link habe ich gesehen. Das ist ein interessanter Thread mit viel Literaturhinweisen. Aber es ist schon verwunderlich, pikiert darauf hinzuweisen, dass ein Link nicht beachtet wird, wo der Pikierte selbst die Diskussion führt. Ich will nicht respektlos sein, aber du hast die Wahrheit nicht für dich gepachtet und es gibt durchaus auch mal andere Ansichten!
    Hab ich doch glatt vergessen, wie eine Diskussion geht. Danke dafür.

    In der Schule muss nun nicht gelernt werden, wie man wissenschaftlich arbeitet, zitiert usw. Darum geht es nicht. Ich weiß ja nicht, wie der Unterricht von Chris war, aber sicher wurde auch eine gewisse Vorarbeit geleistet und eine Absprache gehalten. Das Thema lässt sich einfach bearbeiten und der Anspruch eines Schülers muss nicht sein, die komplette Literatur im Blick zu haben, die ja in dieser Thematik Legion ist und wahrscheinlich von dir überblickt wird.
     

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