Kanonen statt Butter

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Ralf.M, 7. April 2016.



  1. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Frage, wurde dieser Begriff erstmalig von R. Hess verwendet, oder hat er diesen aus der Geschichte von irgendwem übernommen.
     
  2. beetle

    beetle Aktives Mitglied

  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  4. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Vielen Dank.
    Brauchte da ein Aussage im Aktienclub.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Unabhängig von der Frage der Bedeutung für den Aktienclub, fiel diese Aussage in die Phase einer rapiden Aufrüstung des 3. Reichs. Sie wurde so forciert vorangetrieben, dass es im Spätjahr 1935 zu einer massiven Versorgungskrise im 3. Reich kam, wie Schanetzky in "Kanonen statt Butter" es formuliert (vgl. Link) Die sonstigen Verwerfungen und Konflikte mit Schacht und der WM-Führung mal außen vor gelassen (vgl. beispsielsweise Meinck: Hitler und die deutsche Aufrüstung 1933-1937)

    Schanetzky stellt es wie folgt dar. Bereits im November wurde Butter rationiert und neben der Butter wurde Fleisch und Brot knapp. In dieser Situation rief Göring die Hamburger Werftarbeiter zum "Kosnumverzicht" auf und empfahl: "Erz hat stets ein Reich stark gemacht, Butter und Schmalz haben höchstens ein Volk fett gemacht."

    Diesen Satz griff John Heartfield im Prager Exil auf und verarbeitete es zu einer international durchaus beachteten Foto-Satire "Hurrah, die Butter ist alle!". (vgl. Link 2)

    Diese Versorgungskrise traf das NS-System relativ unvorbereitet und Goebbels wies die Presse an, etwas zur "Niederschlagung der Psychose" zu tun. Anfang 1936 (Januar) räumte Goebbels auf dem Berliner Gauparteitag ein "Wir werden zur Not auch einmal ohne Butter fertig werden, aber niemals ohne Kanonen." In seinen Tagebüchern findet sich allerdings keine Erwähnung dieser Krise, eher "Banalitäten" aus dem Bereich der "Kulturpolitik" etc..

    Hess griff diese Formel im Oktober 1936 im oberfränkischen Hof im Rahmen der Einweihung der neuen "Adolf Hitler Halle" auf: "Und wir sind bereit, auch zukünftig, wenn notwendig, mal etwas weniger Fett, etwas weiniger Schweinefleisch, ein paar Eier weniger zu verzehren...Wir wissen, dass die Devisen, die wir dadurch sparen, der Aufrüstung zugutekommen. Auch heute gilt die Parole: Kanonen statt Butter."

    Diese Phrase verselbständigte sich und gehörte zu den allgemeinen Parolen wie "Der Führer befiehlt, wir folgen" etc., mit dem ein autoritäres Regime mangelhafte Legitimation überdecken möchte oder andere Defizite kaschieren möchte. Sie zielen zumindest auf die kollektive Mobilisierung ab und machen deutlich, dass abweichende Sichten gegen die Sicht des jeweiligen Regimes stehen. Und natürlich bei Nichtbeachtung bzw. Widerstand, entsprechende Repression nach sich ziehen. Damit kommt den verbalen Parolen eine vergleichbare Bedeutung zu, wie den jeweiligen anderen Symbolen der NS-Bewegung (vgl. Cassierer: Vom Mythos des Staates)

    Die offensichtliche Ironie der Empfehlung durch beispielsweise Göring, weniger zu essen, regte neben Heartfield auch andere an. So formuliert Brecht im Exil darauf hin: "Sonst aber wäre zu sagen/ Kanonen auf leeren Magen/ Nicht jedes Volkes Sache sind.

    Insgesamt wird an dieser Episode deutlich wie stark bereits in der "guten Zeit" des NS-Regimes bis 1939 dem deutschen Volk massive Lasten auferlegt worden sind und bereits massiven Verzicht beim Lebensstandard leisten müßte (vgl. Petzina: Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch. Bd. 3. Materialien zur Statistik des Deutschen Reichs 1914-1945)

    Es galt auch in diesem Fall. "Du bist nichts, Dein Volk ist alles".

    Schanetzky: Kanonen statt Butter
    https://books.google.de/books?id=6RQuCAAAQBAJ&printsec=frontcover&dq=kanonen+statt+butter&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=kanonen%20statt%20butter&f=false

    vgl. Bild unten
    Weiterleitungshinweis
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. April 2016
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielen Dank für die profunde Darstellung und den Literaturhinweis.:winke:

    Zum Umgang noch ergänzend zwei Stichworte, unter denen die NS-Propaganda hier ablief: die "Fettlücke" bzw. "Fettkrise",

    bedingt durch die Importsituation des Deutschen Reiches, die immense Aufrüstung und das Fehlen von Devisen.
     

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