Kolonialismus/Imperialismus in Deutschland

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Einhorn, 28. März 2017.



  1. Einhorn

    Einhorn Neues Mitglied

    Hallo,
    ich habe ein paar Zusammenhänge zum Thema : "Kolonialismus und Imperialismus im deutschen Kaiserreich" noch nicht verstanden...

    Was waren die: Ursachen
    Folgen
    Mittel
    Legitimationen

    für den Imperialismus/Kolonialismus in Deutschland?

    Ich hoffe ihr könnt mir ein wenig weiterhelfen....
    LG
     
  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Hallo Einhorn :winke: ,
    was hast du denn schon bislang über "Kolonialismus und Imperialismus im deutschen Kaiserreich" in Erfahrung bringen können?
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Frage nach den Ursachen des Imperialismus finde ich schwierig. Es gab Gründe, aber im Grunde keine richtigen Ursachen. Bzw. die Ursachen lagen in einem irrationalen Nationalstolz, der meinte, das Reich müsse sich "einen Platz an der Sonne" zusammenklauben, wie ihn andere europäische Mächte sich zusammmengeklaubt hatten. Letztendlich war das finanziell unsinnig und es ist nicht so, dass die deutschen Kolonien Siedlungsgebiete wurden. Die meisten Auswanderer gingen eben nicht in die deutschen Kolonien sondern wanderten nach Amerika aus.

    Die Legitimation lag darin, dass die anderen ja auch Kolonien hatten und gegenüber den kolonisierten Bevölkerungen griff man gerne auf KLischees zurück, dass das keine richtigen Menschen seien oder Menschen mit einem kindlichen Gemüt, die Führung aufgeklärter Europäer bräuchten. Evangelikal geprägte Leute* argumentierten mit der Strafe Hams**, der nämlich, weil er seinen betrunkenen Vater Noah*** verlacht hatte, mit einer dunklere Hautfarbe bestraft worden war und der Knecht seiner Brüder sein sollte.

    Was die Mittel angeht: Zur deutschen Kultur gehörte bis vor wenigen Jahren noch die Vereinsmeierei. Darüber hat man u.a. die Mittel beschafft. Flottenverein etc.

    *Leute, welche die Bibel wörtlich nehmen, einschließlich er Schöpfungsgeschichte, gibt es in Dtld. heute nur noch vereinzelt, um 1900 noch häufiger; in den USA im Mittleren Westen, dem Bible Belt ("Bibelgürtel") haben diese Leute teilweise relativ viel Macht.
    **Sem, Ham und Japhet waren die drei Söhne Noahs, die mit ihren Frauen auf der Arche die Sintflut überlebt hatten. Nach biblischer Darstellung stammen alle Menschen von diesen drei Familien ab.
    ***Die Geschichte von der Arche Noah kennst du hoffentlich (kann man ja heute nicht mehr voraussetzen), aber falls du sie nicht kennst, sie steht ziemlich zu Anfang der Bibel.
     
  4. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Das scheint mir ein wiederkehrendes Motiv zu sein. Ob es um die Botschaft Gottes geht, die unwissenden Schafen gebracht werden muss oder um die Feinheiten der Landwirtschaft und Technik, oder um Demokratie und Menschenrechte: Der Einfluss wird immer damit begründet dass man etwas "hat", was die anderen unbedingt auch haben müssen.
    Man könnte meinen, die Geschichte überseeischer Interventionen und versteckter Einflussnahmen ist eine große Geschichte des Gebens.
    Die Korrelation des Bedarfs nach solcherlei Segnungen mit den Rohstoffvorkommen einer Region wäre mal ein interessantes Thema.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. März 2017
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Da ist vermutlich wenig ohne eigenes Interesse und Engagement zu helfen. Das liegt an der Komplexität des Themas, das sich sehr deutlich sperrt, es zu trivialisieren.

    Es gibt mindestens ein halbes Dutzend rivalisierender Erklärungen für den Imperialismus. Von Hobson, Lenin, Hilferding, Schumpeter, Arendt, Wehler bis hin zu Gallagher und Robinson.

    Die Ursachen und der Verlauf werden dabei entweder als Derivat einer außenpolitischen Rivalität, auf militärischen und/ oder ökonomischen Gebiet gesehen.

    Als Konflikt zwischen kapitalistischen Staaten und / oder sie werden als Spiegelung innenpolitischer Probleme angesehen, die externalisiert werden.

    Zu diesem Thema gibt es eine Fülle neuer - meistens englischer - Studien, aber Hinweise darauf sind wohl eher sinnfrei. Wenn noch nicht einmal Wiki herangezogen worden ist.

    Deshalb sei auf die nette Serie von Beck verwiesen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. März 2017
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nee, hier wird umgekehrt ein Schuh draus: Weil England, Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, die Niederlande etc. alle Kolonien (gehabt) hatten, musste das Dt. Reich unbedingt - koste was wolle - gleichziehen. Dabei hätte man schlauer sein können und wissen, dass das eine unsinnige Geldausgabe würde.
     
  7. Iceman

    Iceman Mitglied

    Sorry, wenn ich das nochmal hochhole, aber hat Bismarck die Kolonialpolitik nicht aus Innenpolitischen Gründen durchgezogen?
    (Sebastian Haffner Von Bismarck zu Hitler)
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bismarck war ja kein unbedingter Freund der Kolonialbestrebungen. Bismarcks Kolonialpolitik steht im Kontext seiner Europa-Politik des Gleichgewichts der Mächte. Vor allem wollte Bismarck aber bei allen Kolonialbestrebungen nicht Europa aus dem Blick verlieren. Er wusste recht genau, dass die Kolonien zwar intereuropäisches/internationales Prestige brächten, dass sie aber letztlich im Falle eine Konflikts mit Frankreich und Russland, zwischen denen er Deutschland eingeklemmt sah, nichts brächten. Für Bismarck waren die Kolonien eher Mittel zum Zweck und Wilhelm I., der "Kaiser unter Bismarck", ließ seinen Kanzler ja weitesgehend freie Hand. Der 99-Tage-Kaiser hatte kaum die Zeit, irgendetwas zu gestalten und war dazu wohl auch viel zu krank und Willi II. hat Bismarcks relative Zurückhaltung wohl als Schwäche missverstanden.
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das wurde auch bereits schon betont:

    "Als Konflikt zwischen kapitalistischen Staaten und / oder sie werden als Spiegelung innenpolitischer Probleme angesehen, die externalisiert werden."

    Die zentralen Arbeiten, die diese Sicht gegen eine reine außenpolitische oder reine ökonomische Betrachtung betonten, kamen von Kehr. Die Studie von Wehler hat diese These zusätzlich ausgearbeitet.

    In diesem Sinne war der "Schlachtflottenbau" das zentrale Integrationsinstrument die "innere Bildung der Nation" voranzutreiben und dem Bürgertum mit der Marine einen Ort der Identifikation zu geben.

    Dieses fiel zusammen mit dem "Scramble for Africa" und der generellen Ausweitung des Handels nach Asien und Süd- bzw. Mittel-Amerika.

    Und schuf dort auch die Reibungspunkte, die das Deutsche Reich an den Rand von Kolonialkriegen, vor allem mit der USA, führten.


    Kehr, Eckart (1965): Der Primat der Innenpolitik. Gesammelte Aufsätze zur preussisch-deutschen Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben und eingeleitet von Hans-Ulrich Wehler. Berlin: De Gruyter (Veroffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 19).
    Wehler, Hans-Ulrich (1972): Bismarck und der Imperialismus. 3. Aufl. Köln: Kiepenheuer & Witsch
     
  10. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    ..was nicht heißt, dass er durchaus private Interessen verfolgen konnte , die Kolonien wenigstens als willkommene Absatzmärkte ( z.B. Schnaps ) zu erkennen, wenn diese schon wenig selber abwarfen ....
    hierzu : Hamburgs Schnapsfabrikanten und der dt.Kolonialismus in Westafrika
    http://agora.sub.uni-hamburg.de/sub...6A8C069192A2E4E3BE.jvm1?type=pdf&did=c1:48155

    Das Stichwort " Absatzmärkte " sollte m.M. nach nicht fehlen, bei der Suche nach Gründen für den europ. Kolonialismus .
    Der moderne Kolonialismus funktioniert letzlich nach den gleichen Mustern , siehe Tourismusbranche ; erst Nachfrage schaffen im Inland nach exotischen Zielen im Ausland per Billigflieger, danach Abhängigkeit der dort Beschäftigten abschöpfen....das hat Bismarck als Schnapsfabrikant nicht anders gemacht ; Abschöpfen und Schröpfen, nicht Wertschöpfen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. April 2017

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