Krisenjournalismus nach Tschernobyl

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von silesia, 12. Dezember 2016.



  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Kritik an der Berichterstattung nach Tschernobyl ist inzwischen - siehe www - ein Merkmal der Kritik an den "Staatsmedien", wie auch der sonstigen Presse.

    Die Frage ist, welche Untersuchungen hierzu vorliegen, und ob die Forschungen solche Wahrnehmungen bestätigen, widerlegen, ergänzen, etc.

    Zur Berichterstattung in Fernsehen, Rundfunk und Presse:

    Fernseh-Kritik: Weiterhin Atompolitik |*ZEIT ONLINE
    Chronik der ARD | Tschernobyl. Hörfunk und Fernsehen informieren
    Probleme journalistischer Krisenberichterstattung am Beispiel der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ? BucherWiki
    https://books.google.de/books?id=By...zählungen in den Massenmedien spiegel&f=false


    Siehe auch zur Thematik Krisenjournalismus - vorlaufend für Tschernobyl - hier:
    http://www.geschichtsforum.de/f328/stufe-5-partielle-kernschmelze-harrisburg-m-rz-1979-a-52157/
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dazu eine aus 2002 stammende Meinung, auch hier sind die Berichterstattungen über TMI und Tschnernobyl inkludiert:


    "The abstract criterion of truth is no longer sufficient in the public debate because the media add the criterion of public acceptance. This does not mean that scientific verification is being replaced, but it is being supplemented by other measures."

    Interessant ist der Zwischenschritt "supplemented", "Fakten" ("Wahrheiten"/Ereignisberichterstattung/"Sachverhalte") werden ergänzt durch die öffentliche Akzeptanz und andere Kriterien.

    Dazu folgende Schlussfolgerung:

    "Three Mile Island and Chernobyl became symbols of the loss of public confidence in scientific authority"

    Und völlig konträr dazu das inzwischen inflationierte mediale Auftreten von "Experten", (wobei mein Eindruck ist, dass diese zur Abstützung journalistischer Recherche und zur Erhöhung der "acceptance" präsentiert werden) deren Expertise niemand überprüft. So gibt es inzwischen für alles und nichts der Berichterstattung "Experten".

    http://embopress.org/content/embor/3/8/703.full.pdf

    Offenbar "Spätfolgen" im Sinne einer nachträglich negativen Wertung der tatsächlich erfolgten Krisenberichterstattung?


    __________

    Edit:
    damit die Kritik nicht auf den "technischen Krisenjournalismus" beschränkt erscheint, hier nur OT eine Seitenbemerkung auf den "ökonomischen":

    https://books.google.de/books?id=ZC...epage&q=The Watchdog That Didn't Bark&f=false
    Starkman: The Watchdog That Didn't Bark: The Financial Crisis and the Disappearance of Investigative Journalism
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2016
  3. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Da ich zitiert wurde möchte ich ergänzen dass die Idee des unabhängigen, öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht komplett in die Hose ging.
    Die Berichterstattung zum Jugoslawienkrieg wurde von vielen nicht ganz unbegründbar als fragwürdig empfunden.
    Aus öffentlich-rechtlicher Produktion kam zu diesem Thema (wenn auch deutlich später) dann die ausgesprochen kritische Dokumentation "es begann mit einer Lüge". Nur mal so ein Beispiel, wie es auch laufen kann.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht könntest Du zunächst belegen, was an der Berichterstattung zu Tschernobyl an "gezielten Vorenthaltungen von Informationen" durch die öffentlich-rechtlichen Medien, bei gleichzeitigem Rummel in den sonstigen (siehe zB Spiegel), in die Hose gegangen ist.

    Dein Wackersdorf-Beispiel ist außerdem konträr zu der Monitor-Sendung von Bednarz. Ist das jetzt Vielfalt der Berichterstattung?

    Und das bereits höchst zeitnah - auch über die sonstige Berichterstattung des Fernsehens - kritisch diskutiert wurde, ist dem Zeit-Kommentar zu entnehmen. Auch an zeitnaher Kritik mangelte es nicht.
     
  5. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Ich kann den Fernsehbericht nicht belegen weil er in den Achtzigern im Fernsehen lief. Als kleines Beispiel dafür wie es nicht laufen sollte. Nicht mehr und nicht weniger.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ist das Dein Ernst, dass auf Nachfrage aus dem Rundumschlag die Polemik eines "kleinen Beispiels, wie es nicht laufen sollte" übrig bleibt?

    Selbstverständlich nehme ich an, dass Deine Erinnerung zu diesem Vorfall korrekt ist. Wir haben dann also bestenfalls irgendeinen Blödmann, der irgendeine "ältere Dame" interviewt und einen Oberidioten, der das angeblich in einem konstruierten Kontext der mangelnden Sorge vor Kernkraft sendet. Ergänzend den grinsenden "Feist"ling im Studio, der das auf Wackersdorf überträgt. Andere sinn-suchende Interpretationen mal außen vor gelassen. Sender unbekannt.

    Und aus so einem bullshit wird dann die große Medienkritik ("So was geht heute einfach nicht mehr so direkt")* abgeleitet, während gleichzeitig zum bullshit andere Medien den Zustimmungsschwund zur Kernkraft dokumentierten und die Katastrophenberichterstattung einsetzte.



    *dem Internet sei Dank!: so etwas geht heute nicht mehr so direkt? Im Internet? - Im Ernst? Da gehen ganz andere Sachen.:D
     
  7. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Ich glaube, wir kommen da nicht weiter.
    Du bist offensichtlich davon überzeugt dass das ZDF (den Sender hatte ich genannt) den Beitrag so in keiner Weise gebracht haben kann, und es gibt nun mal keine Option das Gegenteil zu beweisen.
    Lassen wirs dabei.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2016
  8. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Besonders was die damalige Berichterstattung von ARD und ZDF über Tschernobyl betrifft muss ich mal die Ehre der beiden Sender etwas retten. Ohne deren Berichterstattung hätten wir in der DDR außer der dürren Meldung der DDR-Fernsehens und der winzigen Pressemitteilung, dass in einem sowj. Atomkraftwerk eine Havarie stattgefunden hat, überhaupt nichts erfahren. Tschernobyl und wie es in der DDR (nicht) stattfand | MDR.DE
    http://www.deutschlandfunk.de/tsche...harmlosung.697.de.html?dram:article_id=352502

    Matze, warum soll das schlechte Berichterstattung gewesen sein, wenn mal eine Sendung nicht in völliger Hysterie berichtete sondern eine Frau zeigte, die keine Angst hatte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2016
  9. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Anders als Silesia es sich bemüht darzustellen, habe ich die ÖRs auch nicht als "Lügenpresse" oder ähnliches bezeichnet ;), in der DDR wäre ich wohl verrückt geworden. Ich weiß schon was die ÖRs wert sein können. Grade die Arte-Dokus möcht ich nicht missen.
    Dieser ZDF-Beitrag hatte mich aber furchtbar auf die Palme gebracht, weshalb ich mich auch noch so lebhaft erinnere.

    Nachtrag: wie ging eigentlich die GEZ-Nachforderung über ausstehende Rundfunkbeiträge der DDR-Bürger aus ? Das war zwar eine Idee des Magazins "Titanic", aber vielleicht haben die es ja aufgegriffen ... :)
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2016
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Lies doch noch mal:
     
  11. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Da ging ich von Ironie aus. Falls ich falsch liege, bitte ich um Entschuldigung.

    Die Zeiten sind einfach bekloppt. Ich hab mich zuletzt so gefühlt als ich Canetti gelesen hab, und das ist ne Ewigkeit her.
     
  12. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Die Beiträge wurden mit denen der Westzuschauer des , um Längen besseren Kinderfernsehens der DDR verrechnet.;)
     
  13. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    :yes:
    Die Tschechen waren auch nicht übel, und man vergesse die Bücher nicht. Jan Prochazkas "es lebe die Republik" könnt ich heut noch rezitieren (noch heute lachen russen sich tot wenn ich auf die Frage, ob ich russisch könne mit "ne streljat!" antworte).
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2016
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Dieser Krisenjournalismus nach Tschernobyl setzt im Westen deutlich eher ein als etwa im Osten, bzw. der UdSSR.
    Gorbatschow (Glasnost) ist erst kurz im Amt und die Trägheit des Apparats präsent.
    Die UdSSR-Medien sind noch eng gesteuert und die Konsumenten an „Kreml-Astrologie“* gewöhnt.
    Es gibt nahezu keine Informationen vor dem 4. Mai (Fernsehansprache Gorbatschow), also acht Tage nach der Katastrophe.
    (Dann berichten auch Pravda und Tass ausführlicher)
    In der Zwischenzeit werden Busflotten organisiert, das Militär in erheblichem Umfang aktiviert, und Ölbohrtrupps herbeigeschafft,
    die am 4. Mai Kanäle unterhalb des havarierten Blocks bohren, um mit täglich 12t flüssigem Stickstoff (weiß der Teufel wie man das so schnell auftreibt) das Durchschmelzen zu behindern.
    Ich beziehe mich hier auf Rhodes - Arsenals of Folly.

    Sehr bemerkenswert ist acht Tage lang das Fehlen jeglicher Berichterstattung im Osten, bzw. deren nahezu homöopathische Verdünnung,
    während erstaunlich schnell und umfangreich der eingetretene GAU bekämpft wird.

    Wenn man das mit Harrisburg, nur sieben Jahre vorher, in den USA vergleicht, welches nicht geplatzt ist, zeigt sich ein ganz anderes Bild.
    Die Medien sind nicht nur von Anfang an permanent präsent, sondern veranlassen 200.000 Bürger zur Flucht, ohne dass es dazu eine offizielle Aufforderung oder Organisation gibt.

    Also Matze, ich tät mal sagen, der Krisenjournalismus im Westen findet sich im fraglichen Zeitraum auf der Höhe, wenn nicht darüber, und unterscheidet sich ganz wesentlich von dem der anderen Seite der postulierten Wirklichkeit.


    * Hab ich mir vom Zizek geliehen.. schöner Begriff.
     
  15. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Ja, wenn ich nur irgend einen Vergleich mit russischen oder DDR-Medien getroffen hätte :p

    Aber danke trotzdem für die Ausführungen, wieder was vom Baum der Erkenntnis gefallen. Kollateralnutzen.:fruchtgrapscher:<-ich :)
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2016
  16. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Der Strahlenschutz in der DDR hat seine Arbeit erst durch die Informationen aus dem Westen so gut machen können. Schließlich wurden viele Probleme intern aufgedeckt, aber eine Panik der Bevölkerung konnte vermieden werden. Letzteres lag natürlich vor allem an den gelenkten Medien, aber auch an einer für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich großen Offenheit. In der DDR wuchs das Vertrauen in den eigenen Strahlenschutz gerade weil deren Informationen den allgemeineren aus dem Westen nicht widersprachen.

    Im Westen haben die Berichte dann auch zu solchem Blödsinn wie mit dem Milchpulver geführt...
     
  17. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Das scheint erstmal widersprüchlich zu sein.
    Wie muss man das verstehen - es wurde wenig berichtet, aber das stimmte mit dem Westfernsehen überein ?
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Dezember 2016
  18. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Von welcher DDR sprichst Du da. Kein denkender Mensch hatte das geringste Vertrauen in die Maßnahmen, die auch kaum stattfanden. Es gab nicht die geringsten Empfehlungen für das Verhalten, beim Umgang mit der nuklearen Gefahr. Die Panik wurde doch nicht durch die DDR-Medien vermieden. Die meisten, (die es empfangen konnten) informierten sich doch im Westfernsehen und nicht an den, monoton verlesenen Meldungen der "aktuellen Kamera" . Jeder wusste doch, dass Kritik am großen Bruder ein absolutes Tabu darstellte und Unfälle und begangene Fehler prinzipiell bagatellisiert B.z.W. vertuscht wurden. Zu dieser Zeit war Gorbatschow noch nicht lange im Amt und das Zerwürfnis mit der DDR-Führungsriege noch nicht eingetreten.
    Dass die Bevölkerung nicht so panisch wie die im Westen reagierte lag an einer gewissen Resignation . Eine Überflussgesellschaft wie die BRD konnte es sich leisten, massenweise Nahrungsmittel zu entsorgen. In der DDR ging das überhaupt nicht. Das hätte zu einem echten Mangel an lebenswichtigen Gütern geführt.
     
  19. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Die DDR-Medien haben über (die wenigen) eigenen Messungen der DDR-Organe berichtet und wie diese im Verhältnis zu den Grenzwerten lagen. Darüber hinaus wurden die Einschränkungen z.B. bei Wild und Pilzen bekannt gegeben und begründeten warum die Lebensmittel aus der DDR kaum betroffen waren.

    Dies wäre sicher nicht so schnell geglaubt worden, hätten nicht die Westmedien mit ihren Wetterfilmen und Angaben im Bereich der Grenze die DDR-Angaben in der Größenordnung bestätigt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Dezember 2016
  20. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Von der real vegetierenden. ;)

    Es gab Maßnahmen wie eigene Kontrollmessungen usw. Vor fünf Jahren hat das Bundesamt für Strahlenschutz recht ausführlich aus Anlass 25 Jahre Tschernobyl die damalige Arbeit zusammen getragen. Dabei wurde deutlich, was die DDR konnte (nämlich eine schwache Kontamination durch Messungen zu begleiten) und was nicht (bei einer stärkeren Kontamination hätten Mittel (Transport, Dekontamination, Jodtabletten usw.) und Notfallpläne gefehlt. Die Mängel wurden gerade wegen der Nichtinformationspolitik des großen Bruders sehr ernst genommen und akribisch zusammen getragen. Es gab dann auch Verbesserungen, ob sie bei im Ernstfall aber gegriffen hätten weiß ich nicht.

    Die Entsorgung von manchem Salatkopf im Westen war pure Panik, geschürt von nicht einheitlichen Meldungen in der Presse und der nicht einheitlichen Reaktion der verschiedenen Behörden.
     
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