Luftkrieg: Wieluń, die Bombardierung am 1.9.1939

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von silesia, 16. April 2007.

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  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Böhler erwähnt in seinem Buch „Auftakt zum Vernichtungskrieg“ zur Wehrmacht in Polen, dass eine Studie zu den Angriffen der Luftwaffe auf polnische Städte noch fehlen würde. Ein Fall ist besonders bemerkenswert:

    Am 1.9.1939 bombardierten vorwiegend Sturzkampfbomber (vermutlich des II./StG 2) die polnische Stadt Wielun. Der Angriff und die dadurch verursachten Schäden sowie Opfer unter der Zivilbevölkerung sind vielfältig von polnischer Seite belegt, u. a. aber durch die Berichte der am 2./3.9.1939 durchziehenden deutschen Truppen der 1. leichten Division, in deren Vormarschstreifen die polnische Stadt lag.

    Mich würden die Hintergründe dieses Angriffes interessieren, wobei ich bisher dazu nur Angaben der Luftwaffe gefunden habe, die auf militärische Ziele schließen lassen.

    Danach wären zwei Schlussfolgerungen möglich:
    - ein Versehen, bedingt durch fehlerhafte Aufklärung (der Schlüssel zum Verständnis läge hier bei der involvierten 10. deutschen Armee)
    - die Absicht, quasi unter Verschluss die Wirkung eines Luftangriffes auf eine Stadt zu testen.

    Wenn es interessiert, kann ich einiges vom Material der Luftwaffe dazu angeben, basierend auf der Studie von Speidel, The Luftwaffe in the Polish Campaign, aus Mitte der 50er Jahre, angefertigt für die US Army. Diese Studie wiederum basiert auf den Luftwaffenstudien, angefertigt ab Dezember 1939, also während des Krieges von der militärhistorischen Abteilung.

    P.S. Horst Boog hat dazu einen Artikel veröffentlicht, in Zusammenhang mit der Sendung "Frontal 21" über Wielun, vgl auch diese Diskussion:
    http://www.nfhdata.de/premium/newsboard2/dcboard.php?az=printer_friendly&forum=124&topic_id=103
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    auf Nachfrage per PN:

    Luftflotte 4 in Reihenbach/Schlesien
    2. Flieger-Division in Grottkau/Schlesien
    Stab/KG4 Oels He 111P
    I./KG4 Langenau He 111P
    II./KG4 Oels He 111P
    III./KG4 Langenau He 111P
    Stab/KG76 Breslau Do 17Z
    I./KG76 Breslau Do 17Z
    III./KG76 Rosenborn Do 17Z
    Stab/KG77 Grottkau Do 17E/F
    I./KG77 Brieg Do 17E
    II./KG77 Grottkau Do 17E
    III./KG77 Brieg Do 17E
    I./St.G.2 Nieder-Ellguth Ju 87B
    I./ZG76 Ohlau Bf 110C
    3.(F)/122 Woisselsdorf Do 17P
    8 Kampfgruppen, 1 Stuka-Gruppe
    Die Formation hatte am 1.9.1939 ausschließlich Flugplatzziele/Ziele der polnischen Luftwaffe anzugreifen (strategischer Teil). Die 3 Gruppen des KG 4 blieben vormittags wetterbedingt ohne Einsatz, die übrigen 5 Kampfflieger-Gruppen und die Sturzkampfgruppe hatten erste Ziele im Raum Krakau zugewiesen bekommen.
    Das Ziel Krakau für die I./StG 2 ist u. a. durch den Abschuss eines polnischen Jägers in diesem Bereich durch die Ju87 von Frank Neubert am 1.9.1939, morgens, belegt.

    Fliegerführer z.b.V. in Oppeln (Richthofen)
    Stab/St.G.77Neudorf Ju 87B
    I./St.G.77 Ottmuth Ju 87B
    II./St.G.77 Neudorff Ju 87B
    I./St.G.76 Nieder-Ellguth Ju 87B
    JGr.102 (I./ZG2)Groß-Stein Bf 109D
    Stab (J)/LG2Nieder-Ellguth Bf 109E
    II.(S)/LG2 Altsiedel Hs 123
    1.(F)/124 Schloßwalden Do 17P
    3 Stuka-Gruppen, 1 Schlachtfliegergruppe
    Die Formation hatte am 1.9.1939 ausschließlich die Aufgabe, direkte Heeresunterstützung zu fliegen und stand nicht für die Initialangriffe auf die Flugplätze der polnischen Luftwaffe zur Verfügung (taktischer Teil – „close support missions for the army“)

    Die Wetterbedingungen im Süden waren vorhersagegemäß gut (Wetter-Report 31.8.39). Die 3 Gruppen des KG 4 blieben am Boden, so dass insgesamt 65-75 % der Einheiten ihre Angriffe fliegen konnten (einige allerdings gegen abweichende Ziele). Nachmittags konnten fast alle Verbände erneut eingesetzt werden, durchschnittlich 2-3 Einsätze an diesem Tag pro Gruppe.
    2. Fliegerdivision: 21 Missionen, mit 250 to. Bomben. Schwerpunkt: Krakau (daneben Flugplatzziele Tschenstochau, Kattowitz, Krosno, Moderovka, Lvov, Kielce, Radom und andere).

    Fliegerführer zbV.: flog mit 352 Maschinen (mindestens also 2-3 Tageseinsätze pro Verband) nur gegen 13 Missionsziele, insgesamt mit 139 to Bomben. Die Zielauswahl unterstand direkt der 10. Armee. Hier gab es zuvor eine entscheidende Änderung: Die StG 77, 50% der Angriffsverbände, wurde am auf Befehl der Luftflotte 4 am 31.8.1939 dem Angriffsverband gegen die Flugplätze um Krakau zugeordnet (Begründung: um der primären Angriffsdoktrin nachzukommen). Nur die beiden restlichen Gruppen plus die 1.(F)/124 standen für taktische Unterstützung der 10. Armee zur Verfügung; die Umgruppierung wurde aus dem Mangel taktischer Ziele begründet und galt mindestens für den Vormittag. Nachmittags wurden die Stuka-Verbände gegen polnische Truppenbewegungen im Großraum Tschenstochau eingesetzt, dazu zählt Wielun. Die Stuka-Gruppe (I./StG 76) wurde insbesondere gegen eine vermutete polnische Kavalleriebrigade bei Wielun eingesetzt, die vernichtet worden sein soll. Als Angriffsergebnis der zbV.-Fliegergruppe wurde die komplette Desorganisation der polnischen Truppenbewegungen im Rückraum gemeldet: der Heeresvormarsch soll hierdurch entscheidend befördert worden sein.

    Zusammen: 34 Missionsziele, davon 17 gegen die polnische Luftwaffe auf 12 Flugplätzen.
    Es verbleiben 17 direkte Ziele zur Heeresunterstützung, die zuvor angefordert waren, weil die Einsätze „bestimmungsgemäß“ erfolgten.

    Aufgrund der gemeldeten Erfolge wurde dem Fliegerführer zbV. die Fortsetzung der direkten taktischen Luftunterstützung der 10. Armee für den 2.9.1939 befohlen (Operationsbefehl des OBdL Nr. 3 in der Nacht vom 1./2.9.1939). Teile der 2. Fliegerdivision wurden direkt zur Nahunterstützung des Vormarsches der 14. Armee abgezogen, weil nicht mehr genügend Ziele gegen die polnische Luftwaffe vorhanden waren. Die Verteilung der Luftflotte 4 für den 2.9.1939 zeigt die veränderte Konzentration: 254 Bomber in counter-air-operations, 295 in direkter Bodenunterstützung (Schwerpunkt wieder vor der 10. Armee), 125 in indirekter Bodenunterstützung (Rückraum). Am 3.9. wurden keine speziellen Einsätze gegen die polnische Luftwaffe mehr geflogen. Einsätze zur Bodenunterstützung wurden erneut auch gegen Stadtziele im unmittelbaren Vormarschgebiet der 10. Armee durchgeführt.

    Speidel beschreibt den Einsatz des Fliegerführers zbV wie folgt: Die Aufgabe der neuen Gruppierung im Polenfeldzug war die direkte Unterstützung des Zentrums des Vorstoßes der 10. Armee, insbesondere des XIV. und XVI. AK in direkter Unterstützung gegen Panzer- und Infanterieverbände, ergänzend die Unterstützung gegen polnische Luftangriffe. Die Generalrichtung der Unterstützung lief auf der Achse Oppeln-Warschau. Tag und Nacht bestand dabei unmittelbare Verbindung mit den Heeres-Stäben, speziell auch zwischen Richthofen und dem AOK 10, sowie durch Luftwaffen-Verbindungsoffizieren zu den Heerestruppen.

    Quelle: Speidel, The Luftwaffe in the Polish Campaign, aus Mitte der 50er Jahre, angefertigt für die US Army. Diese Studie wiederum basiert auf den diversen Luftwaffenstudien, angefertigt ab Dezember 1939, also während des Krieges von der militärhistorischen Abteilung.
     
  3. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    Um 4:30 hat Polizei-Komisar in Wieluń Bartuzal gemeldet, dass Wehrmacht die Grenz-Brucke in Puszyna greift an. Seit 4:40 bis 13:00 wurde Wieluń bombardiert. Um 75% der Stadt wurde zerstort und um 1200 Zivilisten getotet. In Wieluń gab es keine Truppen oder Militarobjekte. Das war also rein psychologicher Angriff. Diese Aktion wurde in "Unsere Flieger uber Polen" von Albert Kesselring beschreibt. Die Zerstorung war so gross, dass die Deutschen, die Wieluń nach 1939 besiedelt haben, haben diese Stadt "die Stein-Wuste" genannt.
    http://www.1939.pl/epizody/e_wielun.php
    http://www.ipn.gov.pl/portal/pl/203/1596/
    http://pl.wikipedia.org/wiki/Wieluń
     
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  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hallo Bartek,

    vielen Dank für die links, insbesondere das Institut. Dazu hätte ich eine Frage: Könntest Du hier etwas mehr Informationen über das bombardierte Spital/Krankenhaus einstellen?

    Dass der Angriff stattgefunden hat, ist eine historische Tatsache, er ergibt sich auch aus den deutschen Luftlagemeldungen. Von deutscher Seite ist - wie ich oben geschrieben habe - die Frage offen, warum die Angriffe in solcher Intensität geflogen wurden. Auch die Opferzahlen sind plausibel, wenn am Sonntag-Vormittag in Wielun ein Markt stattgefunden haben sollte, wie aus einigen Quellen hervorgeht.

    Das Mysteriöse an der Sache ist, dass der Angriff den vorherigen Anweisungen und Vorbereitungen nicht entspricht und auch bezüglich der übrigen Zielauswahl aus der Rolle fällt. Der Schlüssel liegt hier mE beim Fliegerführer zbV. (Richthofen, übrigens zuvor im Fall Guernica involviert), und bei dem Armeeoberkommando 10. Dieses AOK 10 hatte die Zielauswahl für die taktischen Verbände zu treffen, die - wie schon erwähnt - sogar organisatorisch von der 2. Fliegerdivision/Luftflotte 4 abgetrennt wurden.

    Geht dazu (zu den Zielen) etwas aus den polnischen Quellen oder Nachkriegsrecherchen hervor. Von deutscher Seite wird behauptet, im Nordwesten der Stadt hätten größere Kasernenanlagen bestanden, Wielun und Umgebung sei von einer Kavalleriebrigade besetzt gewesen. Läßt sich dazu etwas aus den polnischen Quellen erschließen?

    Um den Hintergrund zu erläutern: auf einer Frontbreite von 300 km ist am Morgen des 1.9.39 genau eine Stuka-Gruppe (und eine hier zu vernachlässigende Schlachtfliegergruppe) verfügbar - und da wird ein Ziel 25 km hinter der Front als Punktziel ausgewählt.
    Bei dem dokumentierten Lufteinsatz standen der gesamten übrigen 300km-Front, 1 1/2 Armeen und darunter die zwei motorisierten Korps (mit Panzerdivisionen), die auf Warschau vorstpßen sollten, quasi keine taktischen Luftverbände am gesamten (!) 1.9.39 mehr zur Verfügung. Um das zu verstehen, hätte Wielun überragende strategische Bedeutung zB als Engpaß/Brückenkopf etc haben müssen, die Stadt lag aber "nur" in der linken Flanke des Hauptstoßes (1. und 4. Panzerdivision).

    Vielen Dank im voraus ...
    Thomas
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    noch gefunden:

    ... was also flying a formation of 62 Ju 87 from I/StG 76 (Hptm Walter Sigel) and I/StG 77 (Hptm Friedrich-Karl Freiherr von Dalwigk zu Lichtenfels). The aim of this bomber force was a town (16.000 inhabitants were living there) where German had expected to find and destroy a Polish cavalry brigade (they had got such information). The whole formation flow over the border at 4.30 a.m. and at 4.42 or 4.40 the crew dropped the bombs on Wieluń (17 Stukas bombed a good marked town hospital, on the roofs were painted big red cross). During this attack German had dropped 380 bombs - about 46 tons of explosive. On the afternoon was the second German air attack against this town. In this both air action Wielun was destroyed in about 70-75% and the Centrum of Wieluń was destroyed in 90% - was almost whipped out and burned to the ground. In fact there were no any Polish military units, no a/a battery – nothing military – in Wieluń. After this attack German had claimed of distraction in Wiluń one Polish cavalry brigade (this was a false information). No any Polish cavalry brigade was destroyed on 1 IX or later by any single or mass air attack. In reality the first Stukas attack had killed about 1.200 (yes 1.200) innocent civilian no armed people (women, children, old people). Wieluń was as we may call it a Polish Guernica only knows for Poles."
    http://forum.12oclockhigh.net/archive/index.php?t-315.html
     
  6. Freund07

    Freund07 Neues Mitglied

    Hallo,
    habe eine interessante These zum möglichen Grund des Angriffes auf Wielun gefunden. Hier ein Zitat aus dem verlinkten Artikel:
    "In Wielun ging es um anderes. Für Fliegergeneral Wolfram von Richthofen war es, wie gesagt, ein willkommener Anlass, die modernisierten Stukas JU 87 B zu testen. Und Stuka-Kommandeur Walter Sigel erschien es als die beste Gelegenheit, eine Scharte auszuwetzen. Sigels Geschwader war nämlich zwei Wochen zuvor, am 15. August 1939, in Anwesenheit hoher Luftwaffengenerale auf dem Fliegerhorst Cottbus angetreten, um die neuen Maschinen auf dem Truppenübungsplatz Neuhammer in der Saganer Heide vorzuführen. Der Befehl: geschlossener Sturzkampfangriff, Abwurfmunition Zementbomben mit Rauchsatz. Durch eine falsche Wetterprognose und Bodennebel war es jedoch zur Katastrophe gekommen: 13 Stukas stürzten ab, 26 junge Piloten kamen ums Leben. Sigel hatte seine Maschine in letzter Minute nach oben ziehen können und überlebte. Ein rasch einberufenes Kriegsgericht sprach den Geschwaderchef frei; kurz vor Kriegsbeginn brauchte man jeden erfahrenen Flieger. So wurde der Einsatz gegen Wielun für Sigel und seine Männer auch zu einer Bewährungsprobe."

    Hier der Link: http://www.zeit.de/2003/07/A-Wielun?page=2
    Der Mangel an "brauchbaren Zielen" verbunden mit der Ansicht, die am 15.8.1939 erlittene Scharte ausmerzen zu müssen, führte vielleicht zu diesem militärisch wie taktisch völlig unnötigen Angriff. An Wielun ließ sich die eigene Schlagkraft und das eigene Können, gerade nach dem 15.8.1939, gut beweisen. Diese These finde ich nicht sonderlich abwägig.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Toll! Als hätte man nicht testen können, ohne das Menschen dabei zu schaden kämen. Das ist wieder mal ein eindrucksvolles Zeugnis des Menschenbildes, welches die Nazis und ihre Paladine entwickelt hatten.

    Entschuldigt diesen mehr emotionalen als sachlichen Einwurf, aber es war mir ein Bedürfnis!
     
  8. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    Thomas@:
    "Alle-Heiligen-Krankenhaus" war das erste zerstorte Gebaude in Wieluń. Wahrend der Bombardierung 32 Personen (26 Patienten) sind gestorben. Es waere sicher viel mehr Opfern, aber Direktor des Krankenhaus Dr. Z. Patryn vermuttet hat, dass in ein paar Tage der Krieg beginnt. Und er hat Mehrheit der Patienten nach Hause geschickt. Wahrscheinlich hat er auch befohlen, um der grossen rotten Kreuz auf dem Dach zu malen. Am meisten Leute sind in den Kellern gestorben, wo sie vor den Bomben geflohen sind.

    Dr. Z. Patryn schreibt, dass als die Bomben auf Krankenhaus gefallen sind, war er in seiner Wohnung in der nahe des Krankenhauses. Er ist fast ganz nackt aus seiner Wohnung nach Krankenhaus gelaufen und die Hilfe fur Patienten sofort organisiert hat. Zuerst im Krankenhaus-Garten, weil die Flugzeuge zuerst nur das Gebeude angegriffen haben. Die Geburtsfilfe-Teil des Krankenhaus wurde ganz zerstort, aber Dr. Patryn hat Frauen und Kinder mit dem Pferd-Wagen schnell nach Sieradz ewakuirt. Zwei Kinder wurden unter den Bomben geboren.

    Deutsche Offiziere, die in Wieluń eingekommen sind, haben geschrieben:
    "Es gibt meisst 200 Leute in dieser Stadt, die vor dem Krieg von 15 000 Leute bewohtnt wurde. Die Stadt ist in 70% zerstort...,... die toten liegen weiter unter den Steine... Auf dem Neuen Markt stehen nur noch zwei Hauser, auf dem Alten Markt - Post und Rathaus, das Krankenhaus ist ganz zerstort".

    Ein deutscher Journalist schreibt in 1940 : " Es ist schwer zu beschreiben, wie viel Anstrengung braucht mann, um Wieluń zu entschutten".

    Hier hast Du die ganze Relationen von Dr. Patryn und der Deutschen (auch nur auf polnisch) :
    http://konflikty.pl/artykul-iiwojnaswiatowa-350.html Es gibt hier auch die Relation des Stuka-Pilots, der Wieluń bombardiert hat. Er schreibt uber "polnischer Kavallerie-Brigade", die in Wieluń bombardiert wurde, aber heute ist es sicher, dass es in Wieluń keine polnische Soldaten gab. Ich glaube, dass er sicher an diese falsche Information geglaubt hat.


    Und hier http://www.1939.pl/epizody/e_wielun.php schreibt M. Grela am Ende, dass es noch unmoglich heute ist, ob festzustellen, war Wieluń die erste polnische bombardierte Stadt in 1939 oder vielleicht gibt es noch andere, die noch fruher von Luftwaffe angegriffen wurden. Die Bombardierung von Wieluń wird erst seit 2001 untersucht.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Angriffe am frühen Morgen, direkt gegen Wielun:
    I./StG 76 5.30 Uhr, rd 20 to Bomben (Start 5.02 Uhr)
    I./StG 77 6.05/6.10 Uhr, rd 10 to Bomben (das kann nicht die gesamte Gruppe gewesen sein, sondern ca. die Hälfte)
    Begleitschutz: Bf109 der 3./ZG 2 für die I./StG 76 (Start 4.57 Uhr)


    Eine Aufklärungs-Do17 (2 waren für den Bereich gestartet, um 4.50 und 5.02 Uhr) meldete folgende Ergebnisse: polnische Truppenbewegungen
    - Waldgegend 12 km südöstlich Wielun
    (Bombenangriff I./StG 2 gegen 14.00 Uhr)
    - Waldgegend 5 km nordöstlich Wielun
    (Bombenangriff I./StG 76 gegen 14.00 Uhr)
    - 15 km östlich Wielun und Gebiet Krzeczow-Mokra-Chorzyna-Walkow
    (Bombenangriff I./KG 77 gegen 15.40 Uhr)
    Zitate nach KTB der Luftwaffengruppen.

    KTB I./StG 76 - BA/MA Freiburg, RL 10/342
    KTB I./StG 77 - BA/MA Freiburg, RL 10/345
    KTB I./ZG 2 - BA/MA Freiburg, RL 10/248

    Nun soll die Meldung über die polnische Kavalleriebrigade fehlerhaft sein (die 1. leichte Division meldete am 2.9. bei Einnahme der Stadt, dass die polnischen Truppen bereits nach Norden zurückgezogen seien, möglicherweise ist dieses am vorhergehenden Vormittag erfolgt), dieses läßt sich bis heute nicht aufklären. Von daher halte ich es ebenfalls für wahrscheinlich, dass die drei für den Nachmittag angestetzten Angriffe gegen die Stadt gegangen sind.

    zusammengefaßt aus dieser Diskussion:
    http://forum.12oclockhigh.net/archive/index.php?t-2585.html

    P.S. da in den deutschen KTBs generell (ich kenne nun einige) die Bürokratie wütete, würde ich den Zeitangaben Glauben schenken, zumal sie alle plausibel zueinander passen. Abweichende Uhrzeiten halte ich daher für mündliche Übermittlungsfehler (oder gab es einen Stundenunterschied in der Zeiterfassung zwischen dt. und polnischen Quellen - so etwas analog der "Sommerzeit")?
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. April 2007
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Die Zerstörungen scheinen mir einfach mit dem Aufwand in keiner Realition zu stehen.
    Da war Markttag, OK, aber die Leute gehen doch stiften wenn Bomben fallen. Und der erste Luftangriff war doch noch mitten in der Nacht. Die Marktbesucher waren da gewarnt und werden doch umgekehrt sein. Bombeneinschläge, Fluzeugmotoren und die Stukasirenen hört man über viele Kilometer. Der beginnende Krieg zeichnete sich doch 1939 über Monate ab. Und im Grenzgebiet lag Wielun, so unvorbereitet war man nun doch nicht.
    1200 Tote, 75 % der Stadt zerstört. Ich kann es nicht glauben.
    Wenn man die Berichte über die Bombardierungen deutscher Städte liest, zu 75% zerstörte Städte gab es überhaupt nirgends! Die Ju 87 ist zur Zerstörung einer Stadt ein denkbar ungeeignetes Flugzeug.
    Nein Leute, das passt nicht.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hallo Repo,

    die Zerstörung der Stadt steht fest, die Anzahl der Toten ist nicht einwandfrei ermittelbar, zumal die Stadt am 2.9. mittags eingenommen worden ist.

    Ich habe folgende Hypothese:
    1. Der Ansatz beruhte auf einem Aufklärungsfehler, oder die gesichteten polnischen Verbände haben sich am 1.9. zurückgezogen. Die Lagekarte OKH vom 31.8. zeigt um Wielun eine mysteriöse Division "C", die es nicht gab. Das erklärt den morgentlichen Angriff. Alternative: Der ansatz wurde fälschlich durch AOK 10 bestimmt, es gab hier beträchtliches Chaos in der Zielübermittlung mit der Fliegergruppe zbV., weil nicht eingespielt.
    2. Die eine Gruppe der StG 77 (nur mit Teilen) sollte an sich zur 2. Fliegerdivision abgezogen werden, um bei den strategischen Bombardierungen mitzumachen. Hier ist irgend etwas dazwischen passiert, es gab wechselnde Ziele am 31.8.
    3. Nachmittags machten sie die drei Gruppen auf, um die gemeldeten (DO 17)polnischen Truppen zu bombardieren. Sie fanden: nichts! - so auch die Aufklärung der 1. leichten Division einen Tag später. Selbst bei einer solchen Flankenbedrohung ist der Ansatz von drei Gruppen - Gegenwert 1 komplettes Geschwader - taktisch unerklärbar, auch wenn die Flankenbedrohung gefürchtet sein sollte.
    4. Was machen die drei Gruppen, nachdem sie nichts finden: Sie laden die Bomben auf dem sicher teilweise vom Vormittag (1 1/2 Stuka-Gruppen mit ca. 40-45 Flugzeugen) noch brennenden Wielun ab. Der Raum stimmt ja, die gemeldeten Entfenungen sind innerhalb von 1-3 Flugminuten und die Stadt ist gut sichtbar.

    andere Hypothese: Richthofen hat sein Guernica-Konzept wiederholt, eine Stadt (einen Engpaß) im nahe gelegenen Vormarschstreifen auszuschalten. Dagegen spricht, dass es andere Ziele vor der Front gab: unmittelbar vor Wielun leistete das polnische 27. IR beachtlichen Widerstand gegen den deutschen Vormarsch. Die Stadt mußte auch nicht eingenommen werden, sondern hätte im Prinzip umgangen werden können. Wielun lag in der Tschenstochauer Richtung, der Hauptstoß war rechts davon bei der 1. und 4. PD auf Warschau.
     
  12. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    http://konflikty.pl/artykul-iiwojnaswiatowa-350.html :
    "Mieszkańcy byli przekonani, że to alarm ćwiczebny dla Ligi Obrony Powietrznej i Przeciwgazowej, gdyż już od kilku dni pojawiały się informacje o mającym nastąpić właśnie w piątek alarmie próbnym." - Die Bewohner waren ganz sicher, dass sie mit der Ubung der polnischen Feuerwehr zu tun haben, weil solche Ubungen genau in diesem Freiteg planiert wurde. Alle habe die Flugzeuge einfach ignoriert.
    "1200 Tote, 75 % der Stadt zerstört. Ich kann es nicht glauben." - das sind die deutschen Datai, die noch in 1939 von Nazi-Regierung in Wieluń gesammelt wurden.
    Relation des Stuka-Pilots :
    "A teraz spojrzenie w dół. Bomba upadła dobrze, wprost na ulicę. Wybucha dym, a czarna masa, która sunęła wzdłuż ulicy, zatrzymuje się. Na miejscu, w które trafiłem, powstało ciemne kłębowisko. I w to kłębowisko padają serie bomb z innych samolotów" -
    - "Und jetzt ein Blick unter. Die Bombe ist richtg gefallen. Der Rauch eksplodiert und die schwarze Masse, die entlang der Strasse gegangen ist, haltet sich jetzt. Es gibt jetzt die dunkele Menge, wo ich die Bombe geworfen habe. Und in diese Menge fallen die nachsten Bomben... die Stadt brennt".
    Wieluń wurde verbrannt.
    pozdrawiam
    b.
     
  13. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Die Luftangriffe gab es, keine Frage, Zerstörungen gab es auch, aber Horst Boog schreibt in dem von Dir verlinkten Bericht, dass es Bilder Wieluns aus späteren Kriegsjahren geben würde, die wesentlich geringere Zerstörungen zeigen würden. Vielleicht gab es im Januar 1945 nochmals Kämpfe?

    Eine Stadt von 13.000 Einwohnern, die innerhalb von 1,5 Tagen von 30-40 1-motorigen Flugzeugen derart zerstört wird, dass anschließend nur noch ein paar hundert Menschen darin wohnten????

    Irgend einer hat da eine Story gebraucht.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hallo Repo,

    wenn die KTBs stimmen, gab es 5 ca. gruppenstarke Angriffe, 2 vormittags, 3 nachmittags. Die Zerstörungen müssen beträchtlich gewesen sein, wenn alle Flugzeuge über der Kleinstadt abgeladen haben.

    Die Stadt selber wurde übrigens fast ohne Widerstand eingenommen. Bei Paul, Brennpunkte, 1. Leichte Division (spätere 6. PD) ist vermerkt, dass die durchziehenden deutschen Soldaten dieses Verbandes von den Zerstörungen durch die Luftwaffe (!) schockiert waren.

    Spätere Zerstörungen scheiden danach aus.
     
  15. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Im juli 1944 wurde meine Heimatstadt (etwa so groß wie Wielun, für die Kriegführung gleich unwichtig) bombardiert, 30 bis 40 2-motorige US-Bomber. Die Leute standen auf der Straße und haben den Flugzeugen zugeschaut, wie sie es seit Jahren gewohnt waren. Aufgrund dieser Unvernunft gab es 60 Tote!
    Etlich Häuser der Innenstadt waren zerstört, auch das deutlich gekennzeichnete Krankenhaus, das Rathaus und etliche Kirchen.
    Es haben etliche Häuser gebrannt, die aber gelöscht werden konnten. Zerstört vielleicht 1% der Stadt. Ja der Vergleich hinkt natürlich, Wielun´s Häuser waren vemutlich zum Teil aus Holz, aber schwäbische Fachwerkhäuser haben auch gebrannt wie Zunder.

    Ich kann die Zerstörungen nicht glauben. Und die Anzahl der Toten auch nicht.
     
  16. tejason

    tejason Neues Mitglied

    ...ein Mysterium. Die Stukas waren für Punktziele konzipiert und für großflächige Zerstörungen denkbar ungeeignet. Wie Zivilisten einen solchen Angriff für eine Feuerwehrübung halten können ist mir auch nicht ganz klar. Eine Feuerwehrsirene und eine Stukasirene (die auf Terror ausgelegt ist) klingen völlig anders, abgesehen von Motorengeräuschen schon VOR dem Angriff und dem Rauschen der Bomben.

    Der Krieg hatte gerade begonnen. Die beteiligten Offiziere und Piloten waren ganz sicher nervös. Ich erinnere nur an die Probleme Guderians am ersten Kriegstag als eine ganze motorisierte Division wegen eingebildeter Feindkräfte zurückblieb und erst nach persönlichem Eingreifen Guderians mit Appel an die Ehre pommerscher Grenadiere wieder in Bewegung gebracht werden konnte. Interessanterweise handelte es sich auch bei diesem imaginären Feind um polnische Kavallerie die zu Recht als Elite des polnischen Heeres galt.

    ...ist alles zwar eher off-topic, sollte aber nicht ganz aus den Augen verloren werden.
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Natürlich stimmen die Kriegstagebücher. Natürlich werden die Soldaten von den Zerstörungen die die Luftwaffe angerichtet hatte beeindruckt gewesen sein (waren ja die ersten die sie sahen)
    Ich meine ob es 1945 nochmals Kämpfe um die Stadt gab.

    70-75 % der Stadt waren zerstört. Das bedeutet, wenn in jedem Haus Wieluns 10 Menschen wohnten, gab es 1.300 (eintausenddreihundert) Häuser, wurden knapp 1.000 (eintausend) zerstört. Eine 250kg Bombe kann ein Haus zerstören, wie viele aber trägt ein Stuka Ju87B? Wenn die Stadt brennt, sieht das natürlich anders aus. Aber brennt die Stadt so schnell ab, die Bodentruppen am anderen Tag reden von keinen Bränden? Haben die Stukas Branntbomben geschmissen?

    Ein Stuka wirft seine Bomben auf Punktziele, nicht auf Flächen.

    Es passt nicht zusammen. Entweder fehlen entscheidende Details, oder, ich wiederhole mich, es hat jemand eine Story gebraucht.
     
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Existiert denn kein zeitnahes (Ende 1939) Fotomaterial? Das klingt wirklich alles myteriös.:grübel:
     
  19. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Ich laß mal andeutungsweise einen Zeigefinger sehen (bei dem Ringen um Fakten sollte man trotzdem um revisionistische Positionen einen gebotenen Bogen machen....)

    Das hat Bartek ja bereits damit beantwortet, daß er schrieb, die Angaben seien aus deutschen Quellen und nach dem Angriff.

    Wenn du Barteks Übersetzung liest - da äußert sich der Pilot, nach dem Abwurf der Bombe(n) Brände zu sehen. Er schreibt auch, daß Wielun abgebrannt ist.
    Die 'Kampf'handlungen haben eineinhalb Tage gedauert, offenbar bei keiner oder kaum Gegenwehr (da erscheint das Wort 'Kampf' schon beschönigend). Es ist da offenbar von deutscher Seite ordentlich was aufgefahren worden, so daß es sehr wahrscheinlich ist, daß die Bevölkerung noch ganz andere Sorgen hatte, als Brände zu löschen - nämlich, in Deckung zu bleiben. Es war ja auch zu lesen, daß unter den zerstörten Häusern noch viele Leichen in den Kellern lagen.

    Eineinhalb Tage Zeit, keine Flugabwehr - da ist es doch eher ein Wunder, daß überhaupt noch Häuser standen.
     
  20. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @ Ingeborg
    Ich habe eher den Eindruck, dass es Repo um eine Erklärung für die physischen Geschehnisse geht. Es wäre schön, wenn jemand etwas zur reelen ballistischen Wirkung dieser Bombardierung sagen könnte, sonst kann kaum jemand die Ursachen des Umfanges der Zerstörungen erhellen.
    An Fotographien kann man an der Art der Trümmer das bisweilen recht gut ermessen, zumindest für Fachleute.( Zu denen ich nicht gehöre.:rotwerd:)
     

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