Mustafa Kemal Atatürk

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten in der Neuzeit" wurde erstellt von Leopold Bloom, 4. September 2005.

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  1. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied


    Die Türkei beruft sich in ihrem Bestreben um Aufnahme in die Europäische Union insbesondere auf jene beiden Prinzipien, die sie ihrem Gründer Mustapha Kemal Atatürk verdankt: Laizismus und Modernität. Der Film zeichnet den politischen Weg des Mannes nach, der sein Land auf diese Grundsätze verpflichtete und damit den Anstoß für die westliche Ausrichtung der Türkei gab.



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    Mustapha Kemal Atatürk wurde 1881 geboren. Von heftigem und leidenschaftlichem Naturell, machte er zuerst beim Militär Karriere. 1908/09 nahm er am Aufstand der Jungtürken teil, und im Ersten Weltkrieg führte er eine Armee. 1920 rief er die erste Große Nationalversammlung ein, deren Präsident er drei Jahre lang war. Seine bahnbrechende Leistung war die Abschaffung des Sultanats. Auf der Grundlage des zerfallenden Osmanischen Reiches schuf er einen neuen, homogenen Staat. Vor allem zwischen 1924 und dem Beginn der 30er Jahre modernisierte Mustapha Kemal Atatürk die noch weitgehend ländliche und stark religiös geprägte Gesellschaft seines Landes. Seine Reformen veränderten den Alltag der Türken von Grund auf. Er duldete keinerlei Protest, und bis zu seinem Tod 1938 nahm sein Regime immer autoritärere Züge an. War er ein genialer Visionär, dem die Türkei ihre Annäherung an die moderne westliche Welt verdankt? Oder war er ein aufgeklärter Despot, dessen politisches Erbe noch heute die Vollendung des Demokratisierungsprozesses der Türkei belastet? Die türkische Gesellschaft ist gespalten: Auf der einen Seite stehen westlich orientierte urbane Schichten, auf der anderen islamistisch geprägte Kreise. Weil die Lehren von Mustapha Kemal Atatürk diese Gegensätze zusammenhalten, wird die Erinnerung an ihn in der Türkei nach wie vor hochgehalten, und Kritik ist tabu. Mustapha Kemal Atatürk gilt ausschließlich als der kühne - und bisher in der arabisch-muslimischen Welt unerreichte - Modernisierer einer religiös strukturierten Gesellschaft.
     
  2. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Zitat: "War er ein genialer Visionär, dem die Türkei ihre Annäherung an die moderne westliche Welt verdankt? Oder war er ein aufgeklärter Despot, dessen politisches Erbe noch heute die Vollendung des Demokratisierungsprozesses der Türkei belastet?"

    Von beidem ein bisschen schätze ich! Man muss dazu sagen, das die türkischen Militärs heute das politische Erbe Atatürks angetreten haben.

    Ob die Türkei zu Europa gehört oder nicht? Da habe ich selbst schon kontroverse Debatten geführt!
    Fakt ist mit Atatürk begann eine neue Zeitrechnung für die Bevölkerung der heutigen Türkei.
    Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Umstellung von der arabischen Schrift zum lateinischen Alphabet. Man stelle sich vor, wir sollen hebräisch lesen und schreiben können. Und das in einer sehr kurzen Zeit, ich denke 2-3 Monate! Auch wenn es länger gedauert hat, geplant war es wohl so.

    Übrigens ist er in Selanik geboren und somit aus Griechenland. Und er entsprach auch nicht dem typischen Bild eines Türken. Atatürk hatte eher blonde Haare und blauäugig (im Sinne der Farbe der Augen)! :rolleyes:
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2005
  3. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied


    Zu deiner Einschätzung tendiere ich auch. Er hat ein gewagtes Spiel gespielt (und das allermeiste gewonnen). Mit Sicherheit kann man sagen: Ohne Atatürk keine moderne Türkei (oder mindestens zig Jahrzehnte später). Dennoch hätte der Mann durchaus auch scheitern können (und seine Politik mit noch so rigiden Mitteln wäre kaum durchsetzbar gewesen). Als Beispiel hier zur etwa gleichen Zeit wie Atatürk (und mit ähnlichem Konzept) Mohammed Reza Schah in Iran, der sich den kompletten Klerus zum Feind machte (die Folgen sind genauso weit reichend wie in der Türkei; nur eben in die komplett andere Richtung)
     
  4. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Seine Verdienste um die Schaffung eines türkischen Nationalstaates mögen groß gewesen sein. Ich hab da aber doch mal eine Frage! Wieviel Menschen darf ich umbringen um als Mörder zu gelten? Reicht hier eine Million nicht oder gibt es da andere Maßstäbe.:motz: :grübel:
     
  5. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Deswegen ja Despot und Befreier gleichermassen.
    Übrigens wenn Du den Genozid an den Armeniern meinst, der war vor seiner
    politischen Karriere! :winke:
     
  6. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Ich habe dir ja schon meine Meinung kund getan, möchte und muss mich allerdings nochmal wiederholen.

    Tatsache ist das jast jede Persönlichkeit, über die hier gesprochen wird, deiner Definizion zu Folge ein Mörder ist! 1 Million, 500.000, oder 50.000 Tote! Letztendlich hatte jeder Herrscher, egal zu welcher Zeit (ausser nach dem zweiten Weltkrieg z.B. Deutschlands Bundeskanzler usw.) Blut an den Händen!
    Im übrigen taucht in den letzten Wochen, die Frage des Genozids an den Armeniern immer häufiger auf. Zweifellos ein dunkles Kapitel in der türkischen Geschichte, allerdings wundert mich immer wieder der Zeitpunkt der Debatte, nämlich der der Beitrittsverhandlungen der Türkei in die EU. 50 Jahre war das kein Thema, als die Türkei die Südost-Flanke der NATO deckte? :grübel:

    Also ist deine Anmerkung in dem Sinne mehr als flüssig = überflüssig :runter:
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. September 2005
  7. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    aus Dürrenmatts "die Physiker"
     
  8. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Zudem muss man sich die Frage stellen gehört die Türkei nach Europa?

    Dazu möchte ich den Mitgliedern "Auf der Suche nach Europa-2000 Jahre Geschichte" auf Eins extra wer es empfangen kann. Da wird m.E. nochmal ganz gut dargestellt von welchem Kulturkreis gesprochen wird!
     
  9. beorna

    beorna Neues Mitglied

    1) Egal was man von Herrschern oder führenden Politikern hält, ich denke nicht, dass alle Mörder sind. Zudem gibt es für Mord gewisse Definitionen, so daß man darüber streiten könnte. Genozid gehört aber mit Sicherheit nicht zu Taten, die man entschuldigen kann.

    2) Kemal wurde zwar erst 1923 Präsident, seine politische Karriere als Führer bzw. einer der Führer der Nationalen Bewegung beginnt schon 1919. Damit ist er für den Völkermord an den Armeniern sehr wohl (mit)verantwortlich.

    3) Ich kann nicht ersehen, wo ich etwas gegen den Beitritt der Türkei zur EU schrieb. Außerdem möchte ich nicht in die Nähe der CDU gerückt werden.

    4) Wenn du mir schon unterstellst ich sei ein Türkenhasser, dann habe bitte den Mut dies öffentlich zu schreiben und wähle nicht den Weg über die persönlichen Nachrichten.

    5) Ich kann dir versichern, daß ich kein Türkenhasser bin. Allerdings mag ich keine selektive Geschichtsauffassung. Und in Gesprächen mit türkischen Bekannten mußte ich dies schon sehr oft feststellen. Allerdings stehen viele Türken da wohl nicht allein. Amerikaner z.B. scheinen ebenfalls eine sehr selektive Geschichtsauffassung zu haben.

    6) Recht geben kann ich dir allerdings, daß die Argumente der CDU gegen einen Beitritt eher fadenscheinig sind und unehrlich.
     
  10. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied

    Weil dein Einwurf bzgl. des Despotismus und das mit den Morden sich nicht zuletzt wohl auch auf mein Statement von weiter oben bezogen hat:

    Als "Vermittlungsversuch"....Seldschuk schrieb ja bereits von Atatürk als Despoten. Ich fand an dieser Stelle die heutige Sicht- und Betrachtungsweise der Dinge sehr interessant: Nahezu analog fand da in 2 Ländern eine in etwa ähnliche Bewegung/ Entwicklung statt. Das eine war "erfolgreich", das andere nahm dagegen eine ganz andere Richtung. Spätestens jetzt sind wir beim Thema "selektive Geschichtswahrnehmung": Würden wir über den Iran des Reza Schah anders denken, wenn er erfolgreich gewesen wäre?

    Wenn wir nun aber Bilanz ziehen (und ich weiß, dass Hypothesen und Konjunktive in der Historik schwierig sind) und vergleichen: War nicht vielleicht sogar Atatürk in der damaligen Situation noch ein "kleineres Übel"? (Vielleicht betrachten wir ihn auch deshalb heute positiver denn seinen Nachbarn Reza im Iran). Wenn man sich allein die sehr kritische Situation des Osmanischen Reichs/der Türkei zwischen ca. 1880 und 1925 anschaut, wären sehr wohl auch andere Entwicklungen denkbar gewesen.
    Das soll nun keine Rechtfertigung dafür sein, dass Despotismus geherrscht hat (worüber ja Einigkeit besteht). Nur: Aus heutiger Sicht war der Mann durchaus auch der entscheidende Wegbereiter eines modernen Staats (und auf eine Weise gesehen auch der "Glücksfall" in einer schwierigen Zeit).

    [MOD]Wenn ich mich da mal kurz moderierend einschalten darf:

    Ich möchte euch bitten, sowohl via PN als auch hier in den Diskussionssträngen auf gegenseitige Beschimpfungen oder Provokationen zu verzichten. Polemische Diskussionen sind vielleicht zuweilen ganz spaßig, dennoch sollte das bitte ohne gegenseitige Beleidigung ablaufen. Immer den Beitrag inhaltlich kritisieren, nicht den Verfasser.[/MOD]
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. September 2005
  11. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Für den Nationalstaat Türkei war Kemal sicherlich ein "Glücksfall". Ich weiß aber nicht, ob man es sich so einfach machen kann. Möglicherweise hätte ein zerfallendes Osmanisches Reich noch mehr Tote nach sich gezogen, wer weiß? Ich könnte mir aber vorstellen, das Armenier diesen "Glücksfall" nicht ganz so nachvollziehen können. Und es waren ja beileibe nicht die einzigen Unterdrückten und Ermordeten. Ich denke da z.B. an die syrisch-christliche Minderheit im Süden (Antiochia) oder die Kurden. Auch genügend Türken starben durch Kemal.Beim Schah hast dur Recht. Auch ihn könnte man preisen (ich glaub er Betrieb keinen Völkermord). Er hätte also fast mehr Recht dazu als Kemal, aber wollten und sollten wir das tun.
    Interessant finde ich da z.B. die Sichtweise über Bismarck. Er war auch "Vater" eines Nationalstaates. Er kommt in Beurteilungen meist negativ weg. Gut, da kann man unterschiedlicher Meinung sein, aber die Relationen fehlen da schon manchmal, oder?

    Mir ist an einer polemischen Diskussion auch nicht gelegen und sicherlich hat Seldschuk auch erwähnt, daß Kemal "auch" ein Despot war. Dieses auch bringt mich aber auf die Palme. Das haben wir bei Diskussionen um unsere eigene Vergangenheit auch immer. "Klar war er schlecht, aber er hatte auch Gutes, Autobahnen, Maifertag etc." Der Schwerpunkt solcher Despoten, Diktatoren etc. liegt meiner Meinung immer auf ihren Verbrechen, nicht auf ihren Wohltaten.
     
  12. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Ich wollte mit meinem Einwurf aber keineswegs die Diskussion abwürgen.
     
  13. Architekt Sinan

    Architekt Sinan Gesperrt

    Liess mal , von welchen Volke , dieses "menschliches Genie" ihr Türken zu verdanken habt..
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 24. November 2006
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Atatürks Minderheitenpolitik war sicher, vorsichtig ausgedrückt, zweifelhaft. Nach offizieller kemalistischer Lesart gab, oder gibt es in der Türkei gar keine Kurden, sondern "Bergtürken". Die Etablierung des modernen, laizistischen, säkularen Staates ging nicht ohne Opfer ab, und es gab konservative Türken, die weil sie den Fez nicht ablegen wollten, jahrelange Gefängnisstrafen oder sogar die Todesstrafe riskierten.

    Dennoch kann ich beorna@ nicht beipflichten, die ihn in eine Reihe mit Hitler oder Reza Pahlevi einordnet und sagt "daß der Schwerpunkt bei solchen Despoten immer auf ihren Verbrechen liegt, nicht auf ihren Wohltaten.

    Wir hatten ein ähnliches Thema bereits auf einem anderen Thread "Napoleon und Hitler". Atatürk war ein genialer Staatsmann. Die Form, die er der modernen kemalistischen Türkei gab, hatte bis heute Bestand, ebenso wie Napoleons Departements oder sein Code Civil heute noch existieren. Vor allem sollte man auch nicht vergessen, daß die Türkei unter Atatürk das einzige der vier im I. Weltkrieg geschlagenen Imperien war, daß die Waffen wieder aufnehmen und die Sieger zu einer Revision des Vertrages von Sevres zwingen konnte.
     
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  15. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Hi,
    mal eine kurze Zusammenstellung von vier Artikeln über Mustafa Kemal Atatürk für diejenigen, die mal eine seriöse Kurz-Biographie benötigen.

    Wer mehr über ihn lesen möchte, dem seien diese drei Bücher empfohlen - sie sind auch nicht so lobhudelnd, wie manche populärwissenschaftliche Werke:
    • [FONT=verdana,arial,geneva]Mango, Andrew: Atatürk, London 1999, 666 S.
      [/FONT][FONT=verdana,arial,geneva]Der Autor bietet die bis dato detaillierteste Darstellung des Lebens und Wirkens Atatürks[/FONT]
    • [FONT=verdana,arial,geneva]Dietrich Gronau: Mustafa Kemal Atatürk oder die Geburt der Republik, Frankfurt am Main 1994.[/FONT]
    • B. Rill: Kemal Atatürk. Mit Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten (2004).
    Die Infos gliedern sich von wenig Infos, bis zu ausführlicheren Infos wie folgt:

    GLIEDERUNG:


    1. ganz kurze Info aus: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: Beck 2001

    2. Prof. Dr. Udo Steinbach: Bedeutung Atatürks aus dem BpB mit weiterführendem Link

    3. Prof. Dr. Jürgen Paul aus Vorlesungsmaterial mit
    Karten

    4. [FONT=verdana,arial,geneva] Prof. Dr. Klaus Kreiser in dem Brockhaus[/FONT]






    [FONT=verdana,arial,geneva] 1.

    Atatürk

    [/FONT] [FONT=verdana,arial,geneva]A. (türk.: "Vater der Türken", 1881-1938). Mustafa Kemal, der seit 1934 den Familiennamen A. trug, wurde als Sohn eines kleinen Beamten in Saloniki geboren. Nach dem Besuch der Militärakademie (1904) in Istanbul übernahm er Posten in Damaskus und Saloniki, wo er sich dem "Komitee für Einheit und Fortschritt" (Jungtürken) anschloß, zu dem er indes später auf Distanz ging. Zu Ruhm gelangte er im Ersten Weltkrieg durch seine erfolgreiche Verteidigung der Dardanellenfestungen gegen die Alliierten. Nach der Niederlage des Osman. Reiches wurde er von Sultan Mehmed VI. Vahdettin mit der Wiederherstellung der zusammengebrochenen staatlichen Ordnung in Ostanatolien beauftragt. Tatsächlich begann er jedoch mit dem Aufbau einer Widerstandsbewegung mit dem Ziel, Alliierte, Armenier und Griechen, die Teile Anatoliens besetzt hatten, zu vertreiben. Im Unabhängigkeitskrieg (1919-1922) avancierte Mustafa Kemal zum unangefochtenen Führer dieser Bewegung. Seit April 1920 war er Präsident der "Großen Türk. Nationalversammlung", die sich in Ankara als Gegenregierung etabliert hatte. Mit der Gründung der Türk. Republik (1923) wurde der polit. Visionär zu deren erstem Staatspräsidenten gewählt. Die stark auf seine charismat. Persönlichkeit zugeschnittene, autoritäre Führung und das Monopol der von ihm gegründeten Republikan. Volkspartei sicherten A. bis zu seinem Tode eine einzigartige Machtposition. Die geradezu religiös anmutende Verehrung A.s, die in islam. Kreisen seit jeher Anstoß erregte, ist in den letzten Jahren zurückgegangen; gleichzeitig hat eine verhaltene, vorsichtige Diskussion über seine histor. Leistungen eingesetzt.

    Autor: Martin Strohmeier, Prof. Dr., University of Cyprus, Turkologie



    2.

    [/FONT]Grundlagen und Anfänge der Republik

    [​IMG]
    [FONT=verdana,arial,geneva]Udo Steinbach
    [/FONT][FONT=verdana,arial,geneva]Inhalt[/FONT]
    [FONT=verdana,arial,geneva] Einleitung[/FONT]
    [FONT=verdana,arial,geneva] Kampf um einen souveränen Staat[/FONT]
    [FONT=verdana,arial,geneva] Innerstaatliche Reformen[/FONT]
    [FONT=verdana,arial,geneva] Bedeutung Kemal Atatürks[/FONT][FONT=verdana,arial,geneva]

    Bedeutung Kemal Atatürks
    [/FONT][FONT=verdana,arial,geneva]
    Die Reformmaßnahmen bringen drei grundsätzliche Folgerungen zum Ausdruck, die Atatürk aus dem Niedergang des Osmanischen Reiches und dem Scheitern des Modernisierungsprozesses gezogen hatte. Die europäische Zivilisation hatte sich der des Osmanischen Reiches überlegen gezeigt. Um die Türkei aus Unterlegenheit und Abhängigkeit zu befreien, hielt Atatürk eine konsequente Verwestlichung von Staat und Gesellschaft für geboten. Atatürk folgte damit einem Trend unter den Jungtürken, den einer ihrer Vertreter 1913 so beschrieben hatte: „Es gibt keine zweite Zivilisation; Zivilisation bedeutet europäische Zivilisation, und sie muss eingeführt werden - mit ihren Rosen und ihren Dornen.”

    Zum zweiten beendete er die Diskussion um die Identität der Türken und die Grundlagen ihres Staates durch Propagierung eines ausgeprägten Nationalismus. Das Türkentum wurde zur Nationalität der auf dem Gebiet des türkischen Staates lebenden Menschen erklärt. „Ne mutlu Türküm diyene” (wie erhaben ist es zu sagen: Ich bin ein Türke), galt als zentrales Bekenntnis. Noch wenige Jahre zuvor hatte eine sich als „osmanisch” fühlende Elite die „Türken” unter den Untertanen als unwissende Bauern und Hirten verachtet. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts hatten türkische Intellektuelle und Literaten begonnen, Stolz auf ihr Volkstum zu entwickeln - wie es Untertanen anderer Ethnien längst getan hatten.

    Die Entdeckung der „türkischen Kultur” und die Reinigung der türkischen Sprache bildeten Kernelemente der Kulturpolitik des neuen türkischen Staates. Der radikale Anspruch des neuen Nationalismus zeigte sich unter anderem in der 1935 verkündeten Theorie der „Sonnensprache”. Danach sollen alle Sprachen von einer einzigen in Zentralasien gesprochenen Ursprache abgeleitet sein. Ihr sei das Türkische am nächsten, und alle Sprachen hätten sich aus der Ursprache heraus durch das Türkische hindurch gebildet. Trotz ihrer wissenschaftlichen Fragwürdigkeit genoss die Theorie eine Zeitlang politische Unterstützung von allerhöchster Stelle.

    Der dritte Grundsatz war eine konsequente Säkularisierung. Der Islam trat als Identifikationsmerkmal in den Hintergrund. Die Religion hatte den Modernisierungsprozess des Reiches blockiert. Die islamische Reichsidee hatte darüber hinaus das osmanische Staatswesen in immer neue militärische Auseinandersetzungen verwickelt. Nun sollte Religion zur Privatangelegenheit des einzelnen werden. Der Abschaffung des Kalifats entsprach die Abschaffung des Islam als Staatsreligion in der Verfassung von 1928. 1937 wurde das Prinzip des Laizismus - der Trennung von Religion und Staat - in die Verfassung übernommen: „Der Türkische Staat ist republikanisch, nationalistisch, volksverbunden, etatistisch, laizistisch und revolutionär.”

    Der „Kemalismus” ist weder eine Ideologie noch ein detailliertes Programm für gesellschaftliche Umgestaltung, kann jedoch als erster Versuch eines „eigenen Entwicklungsweges” bezeichnet werden, der späteren Reformern und Revolutionären im Nahen und Mittleren Osten als Vorbild gedient hat. Zu ihnen gehören Schah Reza Pahlawi (Persien), Präsident Habib Bourguiba (Tunesien), Präsident Gamal Abdel Nasser (Ägypten) und Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi (Libyen). Nirgendwo sonst aber ist die Transformation so radikal erfolgt, hat sie so anhaltende Wirkung gezeigt und wurde sie so kompromisslos durchgesetzt wie in der Türkei.

    Widerstand und Aufstände, vornehmlich unter den Kurden, wurden unterdrückt. Zwei Experimente mit einem Zwei-Parteien-System wurden rasch beendet (zuletzt 1930/31), als sie außer Kontrolle zu geraten schienen.

    Das neben dem Charisma Atatürks wirksamste Instrument zur Durchsetzung der kemalistischen Reformen wurde die 1923 gegründete „Republikanische Volkspartei” (CHP). In ihr organisierte sich die neue Elite seiner Anhänger. Sie setzten sich zum Teil aus ehemaligen Militärs zusammen. Ein 1923 erlassenes Gesetz verlangte, dass diese den Dienst quittierten, bevor sie sich politisch betätigten. Andere große Gruppen stellten die städtische Schicht von Bürokraten sowie lokale Eliten in Anatolien.

    Kemal Atatürk ist zu seiner Zeit von den meisten Türken tief verehrt worden. Sein Todestag (10. November 1938) wurde bis 1987 als Tag der Staatstrauer und seit 1988 als Atatürk-Gedenktag begangen. Atatürks Büste steht an zahlreichen öffentlichen Plätzen in Stadt und Land, sein Porträt bzw. sein Foto hängen in allen Amtsstuben, und es gibt kaum eine öffentliche Veranstaltung, auf der er nicht in der einen oder anderen Weise bildhaft vertreten ist.

    aus: Grundlagen und Anfänge der Republik - Informationen zur politischen Bildung (Heft 277)

    mehr Infos in:
    Steinbach, Udo: Geschichte der Türkei, München 2000 (C.H. Beck Wissen in der Beck’schen Reihe ; 2143) ISBN 3 406 44743 0



    3.

    Mustafa Kemal
    , genannt Atatürk (durch Beschluss des türkischen Parlaments 1934), auch genannt „der Gazi“ (wegen seiner militärischen Aktivitäten gegen nichtmuslimische Gegner, besonders die Alliierten im 1. Weltkrieg, aber auch die Griechen im Befreiungskrieg), ist geboren 1881 in Selanik und gestorben 1938 (10. November, Staatsfeiertag) im Dolmabahçe-Palast in Istanbul, an den Folgen langjährigen Alkoholabusus (Leberzirrhose). Sein Vater war niederer Zollbeamter. Kemals Schulausbildung fand in Selanik und Monastir statt, er erreichte einen Abschluss 1904 von einer Militärschule. Er schloss sich bald dem Ittihad ve Terakki an, seit 1909 zählte er zum inneren Kreis dieser Gruppe. Er hatte Kriegseinsätze im osmanisch-italienischen Krieg 1911 in Tripolitanien (Libyen), 1912-13 in den Balkankriegen. 1913-14 war er Militärattaché an der osmanischen Botschaft in Sofia. Seine Beteiligung am Ersten Weltkrieg (Gelibolu) war schon erwähnt worden; er wurde 1916 zum Brigadegeneral befördert (daher Titel Paşa). Bei Kriegsende war er Kommandierender der osmanischen Truppen an der syrischen Front. Nach Kriegsende kam er in die Hauptstadt zurück und versuchte erfolglos, eine politische Karriere zu starten. Dann ging er nach Anatolien, zunächst als Inspekteur der Dritten Armee, die kontrolliert zu demobilisieren seine offizielle Aufgabe war; er nutzte dies aber, sich an die Spitze der bereits weitgehend konstituierten nationalistischen Bewegung zu setzen. Seit September 1919 war er Sprecher und Chef dieser Bewegung, ab April 1920 Präsident der Nationalversammlung in Ankara. In dieser Eigenschaft führte er die diversen regionalen nationalistischen Bewegungen in eine einheitliche Struktur zusammen. Dies war eine der wesentlichen Voraussetzungen für den Sieg im Befreiungskrieg (1920-22). 1923-25 etablierte er sich als zunehmend alleiniger Machthaber innerhalb seiner neu gegründeten Partei. Außerdem beseitigte er die konkurrierenden Machtzentren Sultanat (1922), besiegelt durch die Ausrufung der Republik (1923, 29. Oktober) und Kalifat (abgeschafft 1924, 1. März).
    Atatürk war der erste Präsident der Türkischen Republik (1923-38). Unter seiner Präsidentschaft fanden ehrgeizige und weitreichende Reformen statt, dazu später. Atatürk wurde erst 1953 im eigens zu diesem Zweck errichteten „Nationalheiligtum" Anıtkabır (in Ankara) beerdigt. Er wird heute noch als Gründungsvater der Türkischen Republik, als Begründer der modernen türkischen Nation, als Exponent der Prinzipien des Kemalismus verehrt. Sein Bild ziert jede Amtsstube, sein Denkmal befindet sich auf jedem oder annähernd jedem Dorfplatz. Sprüche von ihm sind allgegenwärtig und werden immer wieder auswendig gelernt. Die türkei-typischen Nationalfeiertage (19. Mai, 29. Oktober, 10. November) sind mit seiner Biographie und seinen Taten verknüpft. Atatürk ist daher ein wesentlicher Bestandteil der modernen türkischen nationalen Identität.

    Kemalismus
    Es gibt keine ausformulierte Ideologie „Kemalismus“. Versuche, eine solche zu formulieren, sind gescheitert bzw. waren von der kemalistischen Führung selbst nicht erwünscht. Grob gesprochen ist die kemalistische Politik im Inneren stark, nach außen gemäßigt nationalistisch ausgerichtet; sie hält die Mitte zwischen liberaler und interventionistischer Wirtschaftspolitik, indem sie das Privateigentum und die wirtschaftliche Privatinitiative schätzt, aber staatlichen Interventionismus bei Investitionen, im Außenhandel, in der Devisenbewirtschaftung, in einer Reihe von staatlichen Monopolen durchaus kennt oder doch lange Zeit kannte; staatliche Kontrolle und „Entwicklung von oben“ sind weitere Merkmale, die sich auch auf Demokratie, Menschenrechte usw. beziehen. Die Türkei war lange Zeit (nämlich von der Gründung der Republik bis nach dem Zweiten Weltkrieg) im wesentlichen, ab 1931 tatsächlich ein Ein-Parteien-Staat. Diese Periode endet erst 1946, als am 7. Januar die Demokrat Parti registriert wird.


    [/FONT][FONT=verdana,arial,geneva]Forts. folgt
    [/FONT]
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2007
  16. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    [FONT=verdana,arial,geneva]Forts.:

    Kemalismus ist in seiner Selbstauskunft gegründet auf die sog. „Sechs Pfeile“ (tü. altı ok).
    Diese sind: Republikanismus, Laizismus, Nationalismus, Populismus, Etatismus und Revolutionär-Sein.
    Diese Prinzipien sind nicht alle neu. Vielmehr gehen sie im Politikverständnis insgesamt und in vielen Einzelpunkten auf die „Jungtürken“ und ihre Partei İttihad ve Terakki zurück. Das betrifft die beiden ersten Punkte in besonderer Weise, aber auch das Konzept einer Transformation der Gesellschaft „von oben“. Weder İttihad ve Terakki noch die CHP waren jemals „Massenparteien“ im Sinne der kommunistischen oder faschistischen Parteien der Zwischenkriegszeit, sie waren beide „Staatsparteien“, im Falle von CHP wurde mit Beginn der 30-er Jahre sogar eine weitgehende Fusion von Staats- und Parteifunktionen beschlossen (der Gouverneur einer Provinz war dadurch gleichzeitig der Parteivorsitzende in dieser Provinz usw.).
    Der Nationalismus ist in gewisser Weise neu, er konnte in dieser Form im viel stärker multiethnisch zusammengesetzten Osmanischen Reich auch in seinen letzten Jahren nicht funktionieren. Die Grundidee Atatürks war es, sich vom Osmanischen Reich in dieser Hinsicht zu verabschieden. Die „Identität“, auf welcher der neue Staat errichtet werden sollte, war eben die nationale türkische: das Staatsgebiet wurde auf die turkophonen (und Teile der kurdischen) Gebiete des Osmanischen Reiches beschränkt. Innerhalb dieser Grenzen war das Staatsvolk die türkische Nation. Nach außen hat die Türkei ihre nationalistische Politik nur an wenigen Fragen in Ansprüche auf Territorien usw. umgesetzt. Das betrifft den „Sancak von Alexandrette“, der mit Ablauf des dort zunächst geltenden französischen Mandats 1938 an die Türkei kam; weiter gilt das für die Region Mosul, die dem britischen Mandat in Irak angegliedert wurde, obwohl sie sich zum Zeitpunkt des Waffenstillstands 1918 noch unter Kontrolle der Osmanischen Armee befand. Diese territoriale Frage ist bis heute nicht endgültig geklärt, immer wieder einmal flammen in der Türkei Vorstellungen auf, dass die Türkei Rechte im nördlichen Irak habe.

    Reformpolitik
    In vielen Punkten sind die von Atatürk und seinen Mitstreitern durchgesetzten Reformen eine Fortsetzung der Politik von İttihad ve Terakki. Und genau wie in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gab es zwei Haupttendenzen unter den Reformern: Eine Gruppe wollte eine eher liberale, nicht so stark zentralisierte, auch Impulse „von unten“ aufnehmende Reformpolitik, die daher auch ein insgesamt langsameres Tempo der Änderungen zu Grunde legte. Diese Tendenz war vor dem Ersten Weltkrieg unterlegen und unterlag auch in der republikanischen Periode. Die andere Gruppe setzte auf Reformen von oben, auf Staat und Zentralismus. Diese Gruppe war repräsentiert in den drei Haupt-Wortführern der Jungtürken (Enver, Talal und Cemal) und auch im Führungskreis um Atatürk, besonders waren es Atatürk und sein engster Mitstreiter İsmet İnönü, die hier maßgeblich waren.
    Alle Oppositions-Figuren lassen sich entweder der genannten liberalen Strömung zuordnen oder einer konservativ-religiösen Strömung, die sich immer dann an die liberale anschloss, wenn diese Möglichkeiten legaler Betätigung bot; durch diese Zustimmung aus dem religiösen Lager wurden die Liberalen jedes Mal diskreditiert – man erkannte ihr Wirkungs- Potenzial – so dass ihre Gründungen auch dann, wenn sie von der kemalistischen Führung abgesegnet oder sogar initiiert waren, schnell verboten wurden.

    Säkularisierung und „Modernisierung“
    1925 werden die Schreine (tü. türbe) und die Derwisch-Häuser (tü. tekke) geschlossen, die Derwisch-Organisationen werden verboten. Dies geschah im Anschluss an einen sowohl religiös als auch ethnisch motivierten Aufstand im Osten (Raum Diyarbakır) unter Führung des Nakşibendi-Scheichs Sait, an dem außer dessen Gefolgsleuten auch nationalistisch gestimmte Kurden teilnahmen. Der Aufstand wurde innerhalb weniger Wochen niedergeschlagen. 1925 wird der Fez verboten; Turban darf nur noch von dafür zuständigen Personen in dafür vorgesehenen Räumlichkeiten getragen werden (Moschee). Fez und Turban waren in bestimmten Kreisen, vor allem der Armee, bereits außer Mode gekommen, und wichtiger für den Alltag war vielleicht die Bestimmung, man solle den Hut in Innenräumen abnehmen. Diese Maßnahme sollte – ähnlich wie Kleidervorschriften in der Tanzimat-Periode – zu einer „Entorientalisierung“ führen, es gab weitere Vorschriften mit ähnlicher Zielsetzung.
    Eine gezielte und staatlich gelenkte „Entschleierung“ von Frauen hat es in der Türkei nie gegeben, und es hat auch nie ein Verbot gegeben, in der Öffentlichkeit den Schleier (in welcher Form auch immer) zu tragen; verboten ist „nur“ das Tragen entsprechender Kleidungsstücke im Öffentlichen Dienst, wozu auch der Schulbesuch und das Studium an Universitäten gehört.
    1935 wird der Sonntag als wöchentlicher Feiertag eingeführt; vorher war das der Freitag. Zur Säkularisierung im weiteren Sinn gehören auch die Einführung der europäischen Uhrzeit, der lateinschriftlichen „arabischen“ Zahlen 1928 und „europäischer“ Maße und Gewichte 1931 (Meter, Gramm, Sekunde als zentrale Maßeinheiten).
    1926 wird der europäische Kalender eingeführt. Gleichzeitig werden Reformen im Rechtssystem durchgesetzt: Man übernimmt den Code civil der Schweiz und das Strafgesetzbuch aus Italien. Mit der Übernahme des Code civil aus der Schweiz und dem Strafgesetzbuch aus Italien verlieren die islamischen Gelehrten eine wichtige Domäne, die letzte, die sie noch hatten (außer dem Gottesdienst selbst), nämlich die Verwaltung von Familienrecht: Ehe, Scheidung, Erbschaft, und damit auch eine zentrale Einnahmequelle. Gegenüber der Vorkriegs-Politik ist neu: die Säkularisierung des Familienrechts und die Maßnahmen zur Unterdrückung der Derwisch-Vereinigungen. Das Verbot dieser Gruppen gilt bis heute, wird aber vielfältig umgangen.

    Kontrolle über die Zivilgesellschaft
    Ab Mitte der 20er Jahre werden alle Vereinigungen verboten und geschlossen, die sich nicht unbedingt dem Diktat der CHP und ihrer Leitung unterwerfen, sie werden durch parteinahe Organisationen ersetzt. Das betrifft die Kulturvereinigung und die Frauenrechtlerinnen. 1925 wird die Presse an die kurze Leine genommen. Keine oppositionellen Blätter sind mehr erlaubt, mit einer einzigen Ausnahme (Yarın), dieses Blatt wird 1931 geschlossen.
    1933 wird die alte Istanbuler Universität Darülfünun geschlossen und als İstanbul Üniversitesi neu gegründet. Bei dieser Gelegenheit findet die erste massive Säuberung des akademischen Lehrkörpers statt, ca. zwei Drittel der Lehrenden werden entlassen und nur das zuverlässigste Drittel bleibt im Amt.
    Im Bereich der Kontrolle über das religiöse Leben werden 1924 bereits die zuständigen Ämter geschaffen: Eines zur Kontrolle der religiösen Bediensteten unter der Bezeichnung Diyanet Işleri Müdürlüğü, eines zur Kontrolle der Stiftungen Evkaf Umum Müdürlüğü. Hier zeigt sich, dass im Kemalismus „Laizismus“ nicht unbedingt die vollständige Trennung von Staat und religiöser Professionalität meint, sondern eben auch staatliche Kontrolle über das religiöse Leben.

    Sprach- und Schriftreform
    Einführung des lateinischen Alphabets (als „türkische Schrift“). 1926 waren die Turksprachen der Sowjetunion auf Lateinalphabet (mit Modifikationen) umgestellt worden. Auch für das Türkei-Türkisch hatte es schon früher Bestrebungen gegeben, die Schrift grundlegend zu reformieren, wobei man zwischen einer Reform des arabischen Alphabets und einer Umstellung auf Lateinschrift schwankte. Die Umstellung des Azeri-Türkischen auf Lateinschrift war ein wichtiger Beweggrund, diesen Weg einzuschlagen. Das Schriftreformgesetz wurde am 1.11.1928 verkündet, und ab 1.1.1929 war die Nutzung des neuen Alphabets obligatorisch.

    [/FONT] Karte:
    Die Aufteilung des Osmanischen Reiches


    Karte:
    Das Osmanische Reich zwischen 1914 und 1920


    Karte:
    Verlauf militärischer Auseinandersetzungen in Kleinasien

    [FONT=verdana,arial,geneva]

    aus:
    [/FONT]Ergebnisse des Ersten Weltkriegs



    [FONT=verdana,arial,geneva]
    4.

    Kemal Atatürk

    Der Sieg Atatürks

    Nach seinem Amtsantritt im Juli 1918 trennte sich der neue Sultan Mehmed VI. Wahideddin von seinem Großwesir Tevfik Pascha und berief Damad Ferid Pascha, einen Repräsentanten der liberalen und dezentralistischen Kräfte, an die Spitze des Kabinetts. Dessen Politik richtete sich an der Erhaltung der Vorrechte des Hauses Osman aus und nahm dafür einen Ausgleich mit britischen Vormachtsinteressen in Kauf. Da die neue Regierung bei anhaltenden Unruhen eine direkte Intervention der Entente befürchtete, erteilte sie dem politisch ehrgeizigen, aber regierungskritisch eingestellten General Mustafa Kemal Pascha den Auftrag, im Schwarzmeerraum griechische und türkische »Banden« aufzulösen.

    In der Zwischenzeit hatten griechische Truppen infolge eines Beschlusses der Pariser Friedenskonferenz die Stadt Izmir und ihr Hinterland besetzt. Das von der britischen Regierung unter Premierminister David Lloyd George gedeckte griechische Vorgehen entfachte den türkischen Widerstand in Anatolien. Die griechische Besatzungsarmee begnügte sich dort nicht mit der Entwaffnung der türkischen Bevölkerung, sondern verteilte darüber hinaus Waffen an die anatolischen Griechen, die sich nach einem Aufruf ihres Patriarchen aus der osmanischen Staatsbürgerschaft »entlassen« sahen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung versammelten sich am 23. Mai 1919 zahlreiche Türken auf dem Sultan-Ahmed-Platz in Istanbul zu einer Protestkundgebung.

    In Nordanatolien angekommen, nahm Mustafa Kemal Pascha Verbindung mit hohen Befehlshabern und Verwaltungsbeamten auf. Von Amasya aus sandte er erste Erklärungen ins Land: Die Regierung in Istanbul sei unfähig, die territoriale Einheit und Unabhängigkeit des Landes zu wahren. In einem geheim gehaltenen Artikel seines Rundschreibens untersagte er die Auflösung von Heeresformationen und entzog sie damit der Befehlsgewalt Istanbuls. Aus Istanbuler Depots wurden Waffen und Munition nach Anatolien geschmuggelt. Auf den beiden Kongressen in Erzurum und Sivas (Juli und September 1919) bemühte sich die kleine Gruppe militärischer Führer in Anatolien um eine breitere Legitimierung ihres Handelns. Der Kongress in Sivas konstituierte sich als »Nationale Versammlung«, auch wenn nur etwa 30 Delegierte an ihm teilnahmen. Dem politischen Geschick Kemal Paschas gelang es in dieser Zeit, Militärs - die im Osten den Ton angaben -, lokale Notabeln - im ägäischen Raum dominierend - und religiöse Amtsträger - Ulema und Derwischscheiche - zusammenzufassen und den Widerstand gegen äußere (Entente, Griechen) und innere Feinde (Sultansregierung) zu koordinieren. Der Kongress von Sivas schuf die »Nationalen Streitkräfte« und damit ein machtpolitisches Gegengewicht zu Istanbul.

    Nach Wahlen gegen Ende 1919 trat am 12. Januar 1920 in Istanbul ein neues osmanisches Parlament zusammen, das - von der Einheit der osmanischen Länder in ihrem Vorkriegsbestand ausgehend - am 20. Januar 1920 einen »Nationalpakt« verabschiedete, die Gleichberechtigung der Muslime in den Nachbarländern mit den Minderheiten auf türkischem Boden forderte und sich bereit erklärte, die osmanischen Staatsschulden anteilig zu zahlen. Unter verstärktem Druck auf die Sultansregierung gingen die Ententemächte am 16. März 1920 von der symbolischen zur tatsächlichen Besetzung Istanbuls über. Unter dem Eindruck dieser Vorgänge in Istanbul versammelte sich am 23. April 1920 in Ankara unter der Präsidentschaft Kemal Paschas eine »Große Türkische Nationalversammlung«. Bei deren Konstituierung wurde zum ersten Mal der Ländername »Türkei« verwendet. Kurz zuvor hatte die Sultansregierung unter dem Großwesir Ferid Pascha ein Gutachten, ein Fetwa, des Scheichülislam Dürris ade Abdullah Efendi veranlasst, das die Nationalbewegung unter Kemal Pascha als Aufstand gegen das Kalifat wertete und alle Beteiligten zu Ungläubigen erklärte. Der Mufti von Ankara veröffentlichte ein Gegen-Fetwa zugunsten der Nationalisten.


    Der Nationalstaat


    Im gewaltsamen Vorgriff auf das ihm zugestandene Gebiet im westlichen Anatolien schritt Griechenland am 22. Juni 1920 zum Angriff auf dieses Gebiet. In den zwei Schlachten von Inönü bei Eskisehir konnte Oberst Ismet, später Ismet Inönü, die griechische Invasionsarmee aufhalten. Die Signalwirkung dieses Sieges war erheblich. Italien und Frankreich zogen sich aus einem Teil ihrer »Einflussgebiete« zurück. Im östlichen Vorfeld Anatoliens zwang General Kasim Karabekir im Abkommen von Gümrü/Alexandropol die junge armenische Republik, auf die ihr im Vertrag von Sèvres zugesagte Unabhängigkeit zu verzichten (2./3. Dezember 1920). Die Regierung in Ankara gewann zunehmend außenpolitische Bewegungsfreiheit. Der Vertrag von Moskau mit der Sowjetunion (16. März 1921) war das erste von Ankara abgeschlossene internationale Abkommen.

    Unter dem Oberbefehl Mustafa Kemals konnten die nationaltürkischen Truppen in der entscheidenden Schlacht am Sakarya (10. Juli 1921) den griechischen Vormarsch nach Ankara stoppen. Nach einjährigem Stellungskrieg in Westanatolien konnten sie die Griechen in der Schlacht von Dumlupnar bei Afyon am 30. August 1922 endgültig schlagen und sie bis Izmir verfolgen. Im Oktober 1922 wurde in Mudanya ein Waffenstillstand geschlossen. Großbritannien musste sich mit dem Ergebnis abfinden, weil Frankreich jetzt eigene Wege beschritt.

    Nach langen und zähen Verhandlungen kam am 24. Juli 1923 das umfangreiche Vertragswerk von Lausanne zustande. Die Türkei erreichte wieder ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit. In einem Nebenvertrag wurde der Austausch der muslimischen Bevölkerung Griechenlands mit den griechischen Bewohnern der Türkei beschlossen. Die Muslime West-Thrakiens und die griechischen Bewohner Istanbuls durften bleiben. Nicht verschont wurden die türkischsprachigen Orthodoxen und die griechischsprachigen Muslime der jeweiligen Staaten. Der Austausch betraf etwa 1,25 Millionen Griechen und 0,4 Millionen Türken.

    Forts. folgt

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    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2007
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  17. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Forts.:

    [FONT=verdana,arial,geneva]Wiederaufbau und Reform

    Am 1. November beschloss die »Große Türkische Nationalversammlung«, das Amt des Kalifats vom Sultanat zu trennen. Mehmed VI. Wahideddin, der 36. osmanische Sultan, verließ daraufhin am 17. November mit seiner Familie auf einem britischen Kriegsschiff Istanbul. Abd ül-Medjid, der Kronprinz, wurde als Kalif von Ankaras Gnaden eingesetzt, jedoch wenig später abgesetzt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Schicksal der Türkei in den Händen einer provisorischen, von der Nationalversammlung »bevollmächtigten« Regierung unter Mustafa Kemal gelegen. Mit der Flucht des Sultans war der Weg frei zur Gründung der Republik, nachdem schon am 13. Oktober 1923 Ankara zur Hauptstadt erklärt worden war. Ein entscheidender Schachzug Mustafa Kemals war die Unterdrückung der Opposition in der Nationalversammlung. Nach »Neuwahlen« im Sommer 1923 bestand das Parlament überwiegend aus seinen Gefolgsleuten. Mit der Umwandlung der »Vereinigung für die Verteidigung der Nationalen Rechte in Anatolien und Rumelien« in eine »Republikanische Volkspartei« erreichte er eine solide Machtbasis.

    In den vorausgegangenen Kriegen war die anatolische Bevölkerung um 28 Prozent gesunken, insgesamt hatten 2,5 Millionen anatolische Muslime ihr Leben verloren. Die Opfer unter den Armeniern werden auf mindestens 0,6-0,8 Millionen Menschen beziffert, die der Griechen auf 0,3 Millionen. Der Westen Anatoliens war im Zuge des griechischen Vormarsches und Rückzuges stark zerstört worden. Städte wie Bilecik, Yenisehir, Inegöl, Afyon, Sögüt und Adapazar waren vollständig abgebrannt. Zu den wichtigsten politischen Maßnahmen der Regierung gehörte die Aufhebung des Zehnten, der Naturalsteuer, die der bäuerlichen Bevölkerung jahrhundertelang auferlegt worden war und fast 30 Prozent der Staatseinnahmen ausmachte (1925). Die junge Republik leitete eine begrenzt erfolgreiche Autarkiepolitik ein. Der Verfall der Agrarpreise in der Weltwirtschaftskrise (1928/29) bedeutete einen erheblichen Einbruch. Erst um 1930 wurde das Lebensniveau der Vorkriegszeit wieder erreicht. Ein erster Fünfjahrplan (1934-38) trug die Handschrift sowjetischer Berater.

    Für Mustafa Kemal war eine ganz offensichtlich gegen islamische Institutionen gerichtete Kulturrevolution der Kern seines Programms. Die Wirksamkeit dieser Politik wird sichtbar, wenn man bedenkt, dass die atatürkschen Reformen als unveränderliche Bestandteile in alle jüngeren türkischen Verfassungen (zuletzt 1982) aufgenommen wurden. Mit der Aufhebung des Kalifats (3. März 1924) hatte das Haus Osman den letzten Rückhalt auf türkischem Boden verloren und wurde ausgewiesen. Gleichzeitig wurden alle türkischen Schulen dem Ministerium für Nationale Erziehung unterstellt. Das bedeutete die Auflösung zahlreicher höherer Lehranstalten für die Ausbildung von islamischen Gelehrten (Medresen). Das Ministerium für Angelegenheiten des islamischen Rechts (Scharia) wurde durch eine Generaldirektion für religiöse Fragen ersetzt, analog verfuhr man mit dem Ministerium für fromme Stiftungen. Mustafa Kemal war selbst an der Türkisierung des Gebetsrufs beteiligt, der zuerst am 30. Januar 1932 in seiner arabischen und dann türkischen Form verkündet wurde. Die islamischen Bruderschaften wurden energisch bekämpft. Besonders sichtbar waren die Folgen des »Gesetzes über das Tragen von Hüten«, mit dem der Fes und der Turban aus dem öffentlichen Leben verbannt wurden. Für den Gesichtsschleier der Frauen wurden keine gesetzlichen Regelungen getroffen, doch verschwand er zunehmend aus dem Bild der Städte.

    In einer 36-Stunden-Rede im Oktober 1927 rechtfertigte Mustafa Kemal, seit 1934 Atatürk (»Vater der Türken«) genannt, seine Reformen. Diese nutuk wurde zur »Bibel« des kemalistischen Geschichtsbilds. Die entscheidende Reform in Richtung auf eine Trennung von Religion und Staat war die fast wörtliche Übernahme des Zivilgesetzbuches der Schweiz (1926). Die in den islamischen Rechtsnormen festgeschriebene Minderwertigkeit der Frau wurde damit beseitigt. Bis 1934 erhielten Frauen auf allen städtischen und staatlichen Ebenen das passive und aktive Wahlrecht. 1935 nahmen 17 weibliche Abgeordnete in einer Nationalversammlung von 386 Mitgliedern Platz. Am 10. April 1928 verschwand der Satz der türkischen Verfassung, der den Islam als Religion der Republik Türkei bezeichnet hatte. Gegen alle Voraussagen erfolgreich war die Umstellung auf die lateinische Schrift innerhalb weniger Monate. Die neue Schrift wurde in Alphabetisierungskampagnen, den Nationalschulen, ins ganze Land getragen. Ein staatlich verordnetes Geschichtsbild behauptete eine frühe Einwanderung von Türken in den Vorderen Orient, um den türkischen Nationalismus mit der anatolischen Vergangenheit zu versöhnen. Gleichzeitig wurde die in jungtürkischer Zeit betriebene Purifizierung des Türkischen vorangetrieben: Tausende von Wörtern arabischer oder persischer Herkunft wurden zum Teil mit nachhaltigem Erfolg durch Kunstbildungen ersetzt. Am 3. Februar 1926 wurde der Religionsgelehrte Iskilipli Atf Hodscha zusammen mit zwei anderen Angeklagten vor dem Revolutionsgericht in Ankara zum Tode durch den Strang verurteilt. Man hatte ihm seine gesamte »reaktionäre« Biografie zum Vorwurf gemacht, unter anderem die Verteilung einer Broschüre über »Die Nachäffung der Europäer und den Hut« aus dem Jahr 1924. Der Hodscha habe auch nach Verkündigung des Hutgesetzes seine Propaganda im Untergrund fortgesetzt.


    Der Kampf Atatürks gegen seine Widersacher


    Im Februar 1925 brach im Herzland der Zaza-Kurden ein Aufstand aus, der sowohl die Merkmale einer religiös motivierten Rebellion als auch einer kurdisch-nationalistischen Erhebung trug. Die Aufständischen konnten sich jedoch nur kurze Zeit behaupten. Scheich Sait, die treibende Kraft des Aufstandes, wurde gefasst und gehängt; zahlreiche Kurden wurden in westliche Landesteile deportiert. In anderen Landesteilen gab es weitere Guerilla-Aktivitäten, von denen nur der Dersim-Aufstand (1937/38) größere militärische Gegenmaßnahmen erforderte. Mustafa Kemal benutzte die Lage, um sich ein Gesetz zur »Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung« genehmigen zu lassen. Es erlaubte der Regierung nicht nur einen harten Zugriff auf Kurden und religiöse Amtsträger, sondern auch eine verschärfte Zensur der unliebsamen Istanbuler Presse. Ein Attentatsversuch in Izmir (15. Juni 1926) auf Mustafa Kemal lieferte den Vorwand, mit prominenten Gegnern abzurechnen.

    Der Übergang zum Einparteiensystem erfolgte nach einem riskanten Experiment mit einer zugelassenen Oppositionspartei im Wahljahr 1931. Weder im Parlament noch vor den Wahlen konnte von einer freien, demokratischen Aussprache die Rede sei. 1931 wurde auch das Netzwerk der Türken-Heime, einer kulturpolitischen Organisation, aufgelöst und nach und nach durch die »Volkshäuser« ersetzt. Eine Anzahl von Organisationen wie die nationale Frauenvereinigung löste sich selbst auf mit der Begründung, ihre Ziele seien mit der Revolution erreicht. Die fortschreitende Deckungsgleichheit von Staat und Republikanischer Volkspartei fand ihren Ausdruck in der Übernahme der kemalistischen Prinzipien von 1931 in den Verfassungstext.

    In den Dreißigerjahren beteiligte sich Ankara nach Abschluss eines Freundschaftsvertrages mit Griechenland erfolgreich an der Bildung regionaler Bündnissysteme mit seinen westlichen (Balkanpakt 1934) und östlichen Nachbarn (Pakt von Sadabad 1937). In Montreux wurde 1936 das bis heute gültige Abkommen über die türkische Kontrolle der Meerengen - gegen den Widerstand der Sowjetunion - unterzeichnet. Noch in Atatürks Todesjahr leiteten Wahlen in dem umstrittenen »Sandschak von Alexandrette« (Iskenderun) die Rückkehr der Provinz aus dem syrischen Mandatsgebiet Frankreichs in die Türkei ein. Kemal Atatürks Sondergesetzen fielen etwa 600 Menschen durch Exekution und weitere 7500 durch Verhaftungen zum Opfer. Das Fehlen einer bemerkenswerten Opposition erlaubt aber den Schluss auf einen breiten Konsens, zumindest der Elite, mit seinen Maßnahmen zur Austrocknung islamischer Einrichtungen und zum Aufbau eines westlichen Schul- und Hochschulsystems.

    Prof. Dr. Klaus Kreiser
    [/FONT]"

    Ende.

    Schönes Wochenende noch. LG lynxxx :winke:
     
  18. Brushian

    Brushian Gast

    Im Vergleich zu anderen autoritär Herrschenden, war ja Atatürk ein politisch Gelehrter und kannte das Handwerk.
    Ich glaube Beorna meinte, dass bei offensichtlichen Schlächtern, die einen Expansionskrieg führen, keine Gegenüberstellung von Pro und Contra geschehen sollte, da solch ein Handeln ja irgendwie ihre Taten rechtfertigen könnte.
    Als Beispiel:
    Die älteren Bauten sind viel robuster, zu Adis Zeiten wurden noch richtige Ziegeln erzeugt.
    oder:
    Zu H.....rs Zeiten war die Arbeitslosigkeit so gering, der sorgte für Arbeitsplätze. (Gack)
    oder er baute ja so unheimlich viele Straßen und anderen Mist.
    Gibt man den Leuten den kleinen Finger, glauben sie, sie müssten gleich jeden möglichen Blödsinn verzapfen, um Massenmörder zu verklären.
    Atatürk darf natürlich nicht mit H....r verglichen werden.
    Obwohl unter dem auch ne Menge Leute draufgingen.
    Bezüglich Verbindungen zum Armenien-Genozid werde ich nachlesen, würde mich interessieren, da ja, soviel ich weiß, ein Teil der Jungtürken durchaus in seiner Partei später mitmachte.
    Außerdem gab es ja während des Unabhängigkeitskrieges auch Massaker.
     
  19. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Beornas Ausführungen rühren daher, dass er annimmt, dass Atatürk irgendwie in den Armenier-Genozid verwickelt war, oder mitschuld war. Wäre er das, ergebe sich ein völlig anderes Bild von ihm, aber mir ist nicht bekannt, dass er irgendwann irgendwas mit dem Völkermord zu tun hätte, insofern sind Beornas Einwände obsolet und zu ignorieren, da er desinformiert war.

    (Ich bin aber kein sooo großer Atatürk-"Experte", sollte sich also irgendwo doch noch ein Beleg finden, dann wäre Beornas Einwand wieder richtig.)
     
  20. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Es ist etwas großes geschehen: Die erste Biographie über Mustafa Kemal Atatürk auf deutsch, von einem deutschen Historiker und Orientalisten, ist erschienen - ein Standardwerk!

    Es gab schon diverse Darstellungen, nur leider nicht auf deutsch, und wenn, dann nicht wissenschaftlichen und vor allem historisch kritischen Qualitätsanforderungen entsprechend.

    Eine der wirkungsmächtigsten Personen des 20. Jahrhunderts ist nun 70 Jahre nach seinem Tode eine adäquate Würdigung fern aller Lobhudelei gewidmet. Wirkungsmächtig? Ja, denn sein Vorbild wirkte von Pakistan bis Tunesien in den islamischen Raum hinein, ja gar bis tief in Afrika hinein, in die Unabhängigkeitsbestrebungen des Postkolonialismus - ohne hingegen seine Nachhaltigkeit in den Folgen je ganz zu erreichen, so dass seine damalige breite Rezeption heute fast unbekannt ist.

    Wer sich beim Türkei-Urlaub fragt, wieso immer noch soviel Respekt, ja beinahe Heiligenverehrung diesem Zeitgenossen Mussolinis, Stalins und Hitlers zugeteilt wird, in zahllosen Statuen, Gemälden, Postern, etc., der findet hier einige seriöse Antworten eines renommierten Osmanisten und Turkologen.

    Wußtet ihr z.B., dass Atatürk zur Kur in Karlsbad war?
    Mehr dazu im dritten Link (den der ZEIT). :)

    Würde übrigens auch unseren Literaturtipps gut zu Gesicht stehen...:fs:

    Klaus Kreiser: Atatürk. Eine Biographie. München (C. H. Beck Verlag) 2008.

    Leseprobe:

    http://www.chbeck.de/downloads/Leseprobe_Atatürk.pdf

    Klaus Kreiser mit kurzer Skizzierung Atatürks 2007:
    Qantara.de - Mustafa Kemal Atatürk - Von Saloniki nach Ankara

    Klaus Kreiser mit kurzer Skizzierung Atatürks 2008:
    Zeitgeschichte: Staatsgründer Kemal Atatürk auf Reisen | Nachrichten auf ZEIT ONLINE

    Rezensionen mit interessanten Auszügen des Buches:

    Neues Buch: Atatürk-Biographie - Sie sollen werden wie ich - Kultur - sueddeutsche.de

    Deutschlandradio Kultur - Lesart - Der türkische Reformer

    Buch der Woche: Saloniki war an allem schuld - DIE WELT - WELT ONLINE


    :winke:
     

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