Osmanisches Reich Schuld am Niedergang der arabischen Welt?

Dieses Thema im Forum "Das Osmanische Reich" wurde erstellt von El Quijote, 29. Juni 2017.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Deine Frage hätte sich erübrigt, wenn du mich nicht verstümmelt zitiert hättest.
     
  2. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Tut mir leid, ich komm nicht drauf. Sollte dein Thread nur ein Scherz sein?
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Wie kommst du zu dieser Schlussfolgerung? Sorry, versteh ich nicht. Du machst mir Vorwürfe, die, wenn du mich voll zitiert hättest nicht greifen würden, und wnn ich darauf hinweise, fragst du, ob der Thread ein Scherz war? Worin liegt da die Logik?
     
  4. ervie

    ervie Mitglied

    Moglar:
    Eine Rebellion an sich ist nicht unbedingt „modern“. Aber durch die Kriegsjahre löste sich ein Modernisierungsschub aus mit strukturellen Auswirkungen. So wurde z.B. die erste Telegraphenleitung eingerichtet und 1856 die Konzessionen für Bahnlinien in Europa und Anatolien vergeben. In Istanbul-Beyoglu wurde eine Modell-Stadtverwaltung geschaffen. Mit dem Bezug des Palais von Dolmabahce stand Abdülmecid eine zeitgemäße Residenz zur Verfügung. Und auch außenpolitisch tat sich was. Der Sultan besuchte einen Ball in der französischen Botschaft und nahm die Verleihung des englischen Hosenbandordens an.

    El Quijote
    Kommt drauf an. In Ihrem Falle ist kein Staat rückständig, indem nur Privilegierte Zugang zu „modernen“ Ressourcen haben.
    Ich finde es allerdings rückständig, wenn vielen Bevölkerungsteilen strukturell der Zugang auf Ressourcen verwehrt bleibt. Denn wenn du das Beispiel Kuba heranziehst musst du berücksichtigen wer Zugang zu höchsten medizinischen Standards genoss, wieso sich das Land dies leisten konnte und weshalb es dennoch rückständig ist.

    Deine zentrale Kategorie in diesem Argument, „Welthandel im Mittelalter“, muss man sich auch genauer ansehen. Denn im Mittelalter, beschwor der Adel eine Subsistenzwirtschaft und eine Einbindung in den Welthandel war eher nicht lukrativ, da die Schifffahrt zu lange dauerte und man sich seiner Ware nicht sicher war. Ergo: nicht lukrativ und zu teuer.
    Aber ich will jetzt nicht das als Totschlagargument benutzen, sondern weiter ausführen. Das Netzwerk städtischer und ländlicher Märkte in Nordanatolien des 16. Jahrhunderts lässt deutlich werden, dass die Integration der Bauern in den Markt in einem großen Ausmaß durch die Besteuerung erfolgte. Die bäuerliche Ökonomie entwickelte sich also dynamisch, wie anhand der steigenden Bevölkerungszahlen und Landwirtschaftserträge in diesem Zeitraum zeigen. (H. Islamoglu-Inan (Hg.), The Ottoman Empire and the World-Economy, Cambridge, Paris 1987)

    Abgesehen davon „boomte“ die osmanische Landwirtscahft im 18. Jahrhundert in einigen exportorientierten Sektoren. Der Tabak übertraf den Ausfuhrwert von Getreide. Und diese Konjunktur ist nicht nur auf die internationale Nachfrage zurückzuführen, sondern auf eine staatliche Agrarförderung (Kredite, Ausbildung, Mechanisierung) sowohl in hamidischer als auch in jungtürkischer Zeit.
    Übrigens bezogen die Osmanen ihr Silber nicht unbedingt aus Böhmen, bzw. waren von Böhmen abhängig, sondern hatte deren frühes Vordringen nach Serbien und Bosnien sie zum Bergbau gebracht, wo sie das Edelmetall selbst anbauen konnten.

    Der Schiffshandel mit Venedig wurde erst später etabliert (vielleicht meinten Sie das auch, El Qijote, aber Mittelalter ist ein wenig unscharf). Das Schwarzmeer konnte nur in wenigen Sommermonaten befahren werden, was eine effiziente Organisation des Schiffsverkehrs nötig machte und die Weizenpreise des Istanbuler Marktes wurden durch die Nachfrage der italienischen Hafenstädte stark beeinflusst.
    Allerdings war der osmanische Binnenhandel den Fernhandel an Volumen um ein Vielfaches reicher.
     
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Du scheinst vom Bastista-Kuba zu reden. Ich rede vom Kuba zwischen 1960 und 1990.

    Nö. Fakt ist, dass Kuba lange (auch über 1990 hinaus) als medizinisch entwickeltes Land galt, obwohl das Land sowohl wegen innen- wie auch außenwirtschaftlicher Gründe ökonomisch gar nicht gut stand. Um 2000 entsandte Kuba sogar noch Ärzte in die Slums, Ranchos und Favelas anderer lateinamerikanischer Länder.

    Nun, die italienischen Städte führten im Mittelalter Wirtschaftskriege untereinander, in denen es um den Zugang der Häfen in der Levante und Nordafrika ging. Letztendlich blieben da Genua und Venedig übrig, die sich das Mittelmeer de facto (wenn auch nicht in einem offiziellen Übereinkommen) aufteilten in einen Ostteil, der von Venedig angefahren und tw. auch beherrscht wurde und einen Westteil, wo Genau seine Händlerkolonien etablierte.
    1498 begann das zu bröckeln: Genuas Partnerhäfen waren nun (eigentlich schon fast das ganze Jhdt.) unter portugiesischem und spanischen Druck und für die Venezier baute sich das Problem auf, dass Portugal nun wusste, wie man nach Indien kam. Das führte zwar nicht ad hoc dazu, dass die in Europa begehrtenn Gewürze aus Indien über Portugal geliefert wurden, aber peu a peu übernahm Portugal den Handel und schaltete damit Venedig und die Levante als Zwischenhändler aus. Und die Osmanen wurden auf See immer stärker und machten Venedig Probleme: Zypern, die ägäischen Inseln, Kreta wurden Venedig alle abgejagt. Nach der Schlacht von Lepanto sagte Mehmet Sokollu Pascha, der Sadrazam, zu Marcantonio Barbaro, dass die Niederlage von Lepanto für die Osmanen wie ein ausgerissenes Barthaar sei, der Verlust Zyperns für Venedig aber wie ein ausgerissener Arm.


    Von den Osmanen war gar nicht die Rede.
    Du redest aber von der Frühen Neuzeit und den Osmanen. Ausgangsfrage des Threads war aber, was von der in arabischen Ländern kolportierten These zu halten ist, dass die Osmanenherrschaft zum Niedergang der arabischen Länder führte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Juli 2017
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 12. Juli 2017
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das Problem der Region liegt vermutlich darin, dass die zwei grundsätzlichen Alternativen der Entwicklung von Regionen bzw. Staaten nicht greifen konnten. Zum einen kam es zu keiner funktionsfähigen pan-islamistischen Staatenbildung und zum anderen wurden nationalstaatliche Gründungen entlang ethnischer bzw. religiöser durch postkoloniale Strukturen behindert.

    Die geostrategische Bedeutung der Region aufgrund der Verbindung nach Indien, dem Bosporus als Flaschenhals für den Zugang zum Mittel- bzw. zum Schwarzen Meer und natürlich die zunehmende Bedeutung des Öls erklären, warum der „Nahe Osten“ im Zentrum der Außenpolitik der europäischen Großmächte stand. Und sie im eigenen Interesse jede Form der staatlichen Formierung verhindern mußten, die ihren wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen zuwiderlief.

    Die Distanz der Araber gegenüber dem Osmanischen Reich hat sicherlich viele Gründe. Einen Aspekt möchte ich mit Hilfe von Aydin beleuchten, der das imperiale bzw. religiöse Verhältnis des Osmanischen Reichs und seiner Völker vor allem im 19. Jahrhundert beleuchtet. Die Periode von 1880 bis 1920, so Aydin, kann man als: „high age of both global Westernization and Muslim intellectual modernism and Pan-Islamic nationalism“ bezeichnen undin dieser Phase wurden zentrale Entscheidungen für die Region vorgenommen (Aydin, 2015, S. 160)

    Das Osmanische Reich, so Aydin, verfügte über eine imperiale Identität, die durch viele Einflußgrößen im 19. Jahrhundert geprägt war. Und die Position der osmanischen Eliten faßt Aydin wie folgt zusammen: „Even though the Islamic intellectual tradition and Muslim religious beliefs were important to the imperial elites, their vision of empire and their politics could never be reduced to the Islamic tradition.“ (ebd. S. 161)

    Die imperiale Interessenpolitik des Osmanischen Reichs war vor-während und nach dem „Tanzimat“ vielmehr gekennzeichnet durch den Versuch, die Osmanische Reich umfassend zu Modernisieren und damit die Leistungsfähigkeit gegenüber den europäischen Großmächten zu erhöhen. Gleichzeitig war es eine Positionsbestimmung des Osmanischen Reichs, indem die eurozentrische Sicht der westlichen Großmächte in Frage gestellt wurde. „The Ottoman elite favored diplomacy based on civilizational principles, not on Christian solidarity.“ (ebd. S. 164)

    Nicht zuletzt war diese Strategie der begrenzten Integration bzw. Konfrontation auch notwendig, weil man auf dem Balkan in eine direkte Konfrontationsposition gekommen ist und man diesem machtpolitischen Wettbewerb standhalten wollte. In diesem Sinne versuchte man seit dem Wiener Kongress 1815 eine Anerkennung als europäische Großmacht durch teilweise Übernahme des westlichen „zivilisierten“ Wertesystem durchzusetzen. Die Teilnahme des Osmanischen Reichs am Krim-Krieg (1856) auf der Seite der westeuropäischen Großmächte gegen Russland kann man, so Aydin, als Hinweis für den relativen Erfolg dieser Strategie des Osmanischen Reichs werten. (ebd. S. 164)

    Der Versuch der Integration in das System der europäischen Großmächte erforderte aber auch außenpolitische Entscheidungen, die in Bezug auf die innenpolitische religiösen und ethnischen Wirkungen kontraproduktiv waren.

    Die Entscheidung für die christlichen Großmächte engte den Spielraum des osmanischen Eliten ein, als es in Indien im Jahr 1857 zu umfangreichen Aufständen gegen die britische Besatzungsmacht kam, die wesentlich von der muslimischen Bevölkerung Indiens getragen wurde. In dieser Situation verweigerte das Osmanischen Reich seine Unterstützung für die indischen muslimischen Aufständischen. Im Gegenteil: „The Ottoman Empire, however, suported ist British allies and even congratulated them on their final victory.“ (ebd. S. 165). Diese Unterstützung für eine christliche Macht und gegen die Interessen der Muslime war auch immer eine Schwachstelle, aus der heraus religiös begründete Angriffe auf das Osmanische Reich möglich waren. Und boten vor allem den Vertretern des Wahabismus eine Plattform für eine Abgrenzung zum Osmanischen Reich.

    Trotz der Unterstützung der europäischen Kolonialmächte wurde das Osmanische Reich in dieser Phase durch die Muslime auf der ganzen Welt aufgrund der Anerkennung seiner Großmachtposition durch die europäischen Großmächte als Führer des islamischen Welt wahrgenommen.

    Gleichzeitig wurde es in die Rolle des Vermittlers gedrängt und somit in seiner Bedeutung als globale Großmacht aufgewertet In dieser Phase veränderte sich die Politik der europäischen Mächte gegenüber dem Osmanischen Reich, da es als zunehmende potentielle Bedrohung wahrgenommen wurde: „When the Ottoman Empire came to be seen as the symbolig leader of the colonized Muslims in Asia, the European empires tried to exclude it from European international society, reasoning that because it was a Muslim dynasty, the seccessionist demands of its Christian subjects would it make less civilized.“ (ebd. S. 166).

    Die in dieser Periode zunehmende Forderung, dass Christen nicht von „halbzivilsierten“ Muslimen – hauptsächlich auf dem Balkan - regiert sein sollten fiel zusammen mit der Entwicklung, dass gleichzeitig immer häufiger mehrheitlich muslimische Staaten durch europäische christliche Staaten regiert bzw. dominiert und ausgebeutet wurden.

    Vor diesem Hintergrund polarisierte sich das Meinungsklima in der Welt und sah auf der einen Seite das Osmanische Reich als den rückständigen „Kranken Mann“ am Bosporus und auf der anderen Seite sahen die Muslime in Indien und Süd-Ost Asien im Osmanischen Reich es als zivilisierten Führer der der „global Muslim community, representing their dignity and equality in a globalizing imperial world order.“ (ebd. S. 167)

    Diese pan-islamistische Ausrichtung und ihre potentielle Bedeutung für Freiheitsbewegungen in dieser Region verlangte von den Kolonialmächten entsprechende Antworten, die ethnischen und religiösen Ansprüchen gerecht werden konnten und vor allem kompatibel zu den globalen und imperialen Vorstellungen vor allem von GB und Frankreich war.

    Vor diesem Hintergrund ist dann auch die Strategie von GB zu interpretieren, die Eigenständigkeit ethnische Gruppen gegenüber dem Osmanischen Reich zu fördern. Auch auf der arabischen Halbinsel.

    Die negative Beschreibung des Osmanischen Reichs ist wohl eine „didaktische Notwendigkeit“, um das Narrativ des Gründungsmythos eines arabischen Nationalismus inhaltlich anzureichern. Und der Kampf gegen das Osmanische Reich bildet dabei wohl ein Aspekt dieses Gründungsmythos, um der politischen Identität der jeweiligen Länder eine Kontur zu geben.

    Ob es durch das Osmanische Reich in komparativer Sicht in Realiter zu einer erhöhten Ausbeutung kam, darf bezweifelt werden, Zumindest kann man „Veruntreuung“ in großem Stil für Saudi Arabien in den 1930 Jahren erkennen. So schreibt beispielsweise Owen und Pamuk: „It was this same Abdullah Sulayman who, some years later, is said to have had Saudi Arabia`s oil revenues paid directly into his personal account in New York bank to which he alone had access (ebd. S. 80)

    Es sollte gezeigt werden, wie das Bild des Osmanischen Reichs in der europäischen Öffentlichkeit und in der Folge vermutlich auch in Saudi Arabien entsprechend den nationalistischen Erfordernissen angepaßt wurde. Und im 19. Jahrhundert einer Redefinition unterlag, getrieben von imperialistischen Ambitionen der Großmächte und einen um sich greifenden radikalen ethnisch-religiös inspirierten Nationalismus.

    Und das dieses einer Funktionalisierung unterlag und wohl noch unterliegt und den Hintergrund bildet für das Erzeugen klischeehafte Bilder des früheren Osmanischen Reichs.

    Aydin, Cemil (2015): Globalizing the intellectual History of the Idea of the "Muslim World". In: Samuel Moyn und Andrew Sartori (Hg.): Global intellectual history. paperback ed. New York: Columbia Univ. Press, S. 159–186.
    Aydin, Cemil (2017): The idea of the Muslim world. A global intellectual history. Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press.
    Owen, Roger; Pamuk, Şevket (1998): A history of Middle East economies in the twentieth century. London: I. B. Tauris.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juli 2017
  8. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Das ist eine klare Aussage: die Osmanische Herrschaft ist an der Rückständigkeit des arabischen Raums nicht schuld. Das scheint die Mehrtheitsmeinung im Forum zu sein.

    Ich tu mich damit nach wie vor schwer. Vor allem, weil ich prinzipiell der Meinung bin, dass Strukturen und nicht Nationalität oder Rasse für den Zustand von Gesellschaften verantwortlich sind. Sei's drum.

    Zu deinem Beitrag: wenn in den 1930er Jahren in Saudi Arabien Korruption herrschte, würde ich das auf die lange eingefahrenen korrupten Zustände im Osmanischen Reich, die erst 1918 (!!) endeten, zurück führen. Und nicht argumentieren: vor 1918 war jeder korrupt, seither auch, also sind in der Gegend halt alle korrupt.

    Und wie so oft rate ich dazu, einen Schritt zurück zu treten und das bigger Picture im Auge zu behalten: Alle vom Osmanischen Reich beherrschten Regionen haben doch die selben Schwierigkeiten, ihre Gesellschaften zu modernisieren und akzeptable Strukturen einzuführen. Das gilt vom Maghreb bis zum Balkan.

    Long Story short: vielleicht wäre die arabische Welt auch ohne die osmanisch-byzantinischen Strukturen unfähig, sich an die Moderne anzupassen. Ich glaube nach wie vor (ohne Beweis, dass wäre Alternative History), dass sie ohne die Osmanen besser gefahren wären.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juli 2017
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Habe ich so nicht geschrieben. Das Wort "komparativ" war wichtig. Imperien haben die Entwicklungen in ihren Regionen einerseits gefördert, andererseits aber auch durch die Zentralisierung einseitig entwickelt. Pauschal gesprochen und auf Russland, GB, Ö-U oder China bezogen.

    "Mein" Revisionismus bezieht sich darauf, ähnlich wie auch meine - früheren - Beiträge zu Österreich-Ungarn [die die vollste Zustimmung von Rovere gefunden haben] - die Integrationspolitik und Integrationsleistung des Osmanischen Reichs angemessen zu beurteilen.

    Ich habe auch über die Dynamik des sozialen Wandels geschrieben und über den Zwang, sich in die Logik der Großmächte integrieren zu müssen. Und gleichzeitig den innen- und außenpolitischen Anforderungen eines zunehmenden nationalistischen und teils religiösen Trends zu entsprechen.

    Das kann ich nicht beantworten: Der Hinweis, dass die indischen Muslime und die in Süd-Ost-Asien im Osmanischen Reich - freiwillig - ihre hegemoniale Schutzmacht anerkannten, sollte Dich zumindest nachdenklich machen.
     
  10. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Zurück zur Ausgangsfrage:

    Der bekannte Autor realitätsferner Reiseromane sinierte im Vorwort zu seinem Opus Magnum Winnetou I über die ähnliche Situation von Türken und Indianern.
    Sowohl mit den Türken als auch mit den Indianern habe der weiße Mann bereits abgeschlossen. Der Türke sei als der "kranke Mann" bekannt, aber den Indianern als den "sterbenden Mann" bezeichnen.
    So stellt Karl May gleich zu Beginn fest, dass er bedrohte Völker beschreibt, deren Niederlage gegenüber den Bleichgesichtern quasi absehbar ist.

    Was aber hat der Türke laut Karl May den Arabern angetan?

    Karl May kommt im Roman "Am Jenseits" tatsächlich auch auf das Verhältnis zwischen dem osmanischen Sultan und dem haschemitischen Sherifen zu sprechen.
    Der Sherif von Mekka erhalte jährlich reiche Geschenke vom Sultan. May betont, dass der Sherif glaubt vom Propheten Mohammed abzustammen und deshalb sei ihm der Sultan nicht ebenbürtig. Außerdem sei das Heer des Sherifen schlagfertig und könne den Persern die Stirn bieten. Der ferne Sultan habe nur eine Art Nominalherrschaft über Mekka.

    Die Osmanische Besatzung von Mossul wird in "Durch die Wüste" beschrieben. Der türkische Pascha von Mossul versucht sich zu bereichern. Er hetzt die arabischen Stämme gegeneinander auf. Außerdem erscheint er als Trinker. Letztlich scheint der Pascha aber weder den Arabern noch den Jesiden gewachsen zu sein.
    Der Pascha von Mossul bleibt aber eine korrupte Einzelperson, die mit Hilfe der bekannten Helden um Kara ben Nemsi auf legalem Wege nach osmanischem Recht abgesetzt werden kann.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. August 2017
    1 Person gefällt das.
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Gibt es keine, in der Literatur aufbereitete, akzeptable Rezeptionsgeschichte zu Karl Mays Bild vom Osmanischen Reich, insbesondere im Orientzyklus?
     
  12. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Karl May hat sich jedenfalls die Mühe gemacht zwischen den verschiedenen Orientalen zu unterscheiden und selbst für kleinste Ethnien ein Stereotyp zu bilden.

    Die edelsten Menschen sind die fast apachen-gleichen Jesiden. Danach folgen Araber und Türken.

    Die unterste Stufe bilden in Mays Orient die Griechen und Armenier. Laut May handelt es sich bei diesen Völkern um gewissenlose Schurken qua Geburt. Betont wird, die Armenier seien noch schlimmer als die Juden.

    Dass die Griechen Schuld am Niedergang des Orients steht in Mays Orientzyklus fest. Die Türken seien einstmals auch ein edeles Volk gewesen, aber der Grieche habe sie verdorben.

    So ließe sich natürlich leicht erklären, warum der Pascha von Mossul trotz seines türkischen Blutes und mohamedanischer Religion ein korrupter Säufer werden konnte bzw. aus seinem ganzen Volk ein "kranker Mann".

    Die Frage nach dem Niedergang Arabiens kann so natürlich nicht beantwortet werden.
    Es ist jedoch ein gängiger rassistischer Topos, dass die Vermischung von Rassen zwangsläufig zum Untergang und zu Degenierung führt.
    Die Araber erscheinen in Mays Werk anders als die degenerierten Türken noch als edle und unverdorbene Nomaden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. August 2017
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was natürlich auch ein topos ist. Bereits in der vormohammedanischen Zeit (nein, ich bezeichne Muslime nicht als "Mohammedaner", um Missverständnissen gleich vorzubeugen) war die arabische Kultur eine Oasen- und Stadtkultur, die Beduinen stellten bereits in damaliger Zeit eine Minderheit der Bevölkerung auf der arabischen Halbinsel dar. Mit der Arabisierung der übrigen Levanteregionen änderte sich das kaum. Gleichwohl gab (und gibt) es natürlich arabische Beduinen.
     
  14. Mithridates

    Mithridates Aktives Mitglied

    Als Thema ist das natürlich ganz schön komplex, die "einfache" Antwort ist sicherlich, dass das Osmanische Reich definitiv mit dem Niedergang des Nahen Ostens verbunden ist, aber teilweise auch nicht. Ich teile das mal in verschiedene Episoden:

    Episode I: Mongolenherrschaft und Neuordnung

    Der Einfall von Khülegü Khan in den Nahen Osten führt zu zwei elementaren Veränderungen.

    1. Die Umma zerfällt endgültig, d.h die Mongolen "erfinden" den Iran neu und trennen es von der türkisch-arabischen Welt (Sunniten).

    Sie schaffen den identitären Unterbau für den späteren Aufstieg des schiitischen Islams, da sich die Iraner nach der Mongolenherrschaft (Ilkhanat, Timur, Turkmenenzeit) nicht mehr verbunden fühlen, es vorher auch nicht taten, aber ihnen die machtpolitische Trennung vom Kalifat in Bagdad fehlte. Diesen "Gefallen" erfüllte Khülegü mit der Zerstörung des Kalifats. Die Kultur des Irans verändert sich stark, es kommt zur Verschmelzung turkischer, mongolischer, chinesischer und persischer Kultur und Verbindungen zum alten Persien.

    Hiernach ist eine weitere Verbindung zu Bagdad und der Sunna nicht mehr denkbar, weswegen man mit wohlwollen später den schiitischen Islam annimmt.

    2. Selbstzweifel in der islamischen Welt setzen ein. Konservative Kräfte innerhalb des sunnitisch-islamischen Diskurses setzen sich langsam durch gegen die Goldene Zeit.

    Diese wird nun verklärt, als sündhaft und die Mongolen wären die Strafe Gottes für diese "unislamische Zeit". Der Kalif wurde gedemütigt und von den Mongolen zu Tode getreten, symbolisch besser als jeder Hollywoodfilm für die Propagandazwecke. Fortschrittsfreundliche Bewegungen wie die Mu'tazila haben auch in ihrer Form keinen Platz mehr.
    Sie sind nun unwichtig es geht um das Überleben nur mit Frömmigkeit kommt man Gott näher.

    Episode II - Osmanen gegen Safaviden/Sunniten gegen Schiiten

    Nach 1501 haben wir nun auch die endgültige machtpolitische Spaltung des Nahen Ostens in den schiitischen Iran und dem sunnitischen Osmanischen Reich.
    Beide beanspruchen die Herrschaft über die islamische Gemeinschaft.

    Hier kommt es zur konträren Sichtweise zwischen den beiden Konfessionen des Islams.

    Der sunnitische Islam sieht sich als traditionsgebunden und versucht jede Frage mit einer Lösung innerhalb des islamischen Korpus zu beantworten, die vier Rechtsschulen begrenzen sich somit auf eine Antwort getreu den Schriften. In der sunnitischen Welt heißt das : "Die Tore der Idschtihad" sind geschlossen.

    Der Begriff "Idschtihad" ist hier als ein Prinzip zu verstehen, das Prinzip der Erneuerung, welches immer ein heikles Thema in der Islamischen Welt war, da der Islam als "perfekt" angesehen wird.

    Während jene "Tore" in der sunnitischen Welt ab dem 12. Jahrhundert geschlossen waren, "öffneten" sich neue Tore in der schiitischen Welt ab dem 17. Jahrhundert.
    Eine rege Debatte brach aus zwischen den Akbari-Schiiten und den Usuli-Schiiten im Iran.

    Die Akbaris sahen sich als Traditionalisten, welche geistig näher den sunnitischen Rechtsschulen waren als die Usulis, die ein neues Prinzip in der Schia aufstellten, die eine Schule anstrebten, die den Koran, die Tradition, aber auch eine Erneuerung der Religion gemäß seiner Zeit vorsah.
    Im engeren Sinne lebt hier die Idee der Mu'tazila weiter, dass der Koran als "unfertig" gilt, zwar würde das nie jemand in der schiitischen Welt sagen, doch in Wirklichkeit bedeutet die "Erneuerung" nichts anderes.

    Für die Osmanen bedeutet das: Westliche Bildung und Fortschritt sind alles andere als gut. Vielmehr liegt der Schlüssel in der Frömmigkeit und Ehrerbietung für Gott, ich meine damit nicht die Führungselite dieser Dynastien, die waren durchaus interessiert an einem Austausch, aber so sollte der Alltag für das einfache Volk aussehen.

    Es kommt also keine Erneuerung, Wissenschaft oder sonst wie eine Partizipation der arabischen Welt im Osmanischen Reich, nicht mal eine Intelligenzija kann dadurch entstehen.

    Als Gegenbeispiel kann man das Russische Zarenreich sehen, welches auch nicht gerade für seine liberale Haltung zur Religion bekannt war, dennoch gab es die Möglichkeit für eine Schicht von Menschen an Bildung heranzukommen und zu verreisen und dadurch neue Impulse auszulösen.

    Episode III: Die Französische Revolution

    Diese Epoche ist als ein Knackpunkt im Nahen Osten zu betrachten.

    Die Französische Revolution und das Nationalstaatsprinzip trafen nun allmählich auch die Imperien des Nahen Ostens, das Osmanische Reich verständlicherweise als Vielvölkerstaat, welches sich nur über Religion und der sunnitischen Gemeinschaft definiert hatte, hat nun keine Antwort auf aufkeimende Nationalismen, keine Antwort auf Zentralismus.

    Das kulturalistische Zeitalter der Europäer begann und brachte den Panslawismus und den Panlatinismus hervor, somit ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit. Das anachronistische Reiche wie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich vor existentielle Probleme stellte.

    Der Balkan zerfällt und diese Ideen werden verspätet auch im Nahen Osten eintreffen.
    Im Iran geriet man unter Russo-Britischen Einfluss, welcher dazu führte, das viele Menschen nach Russland reisten und studierten, der Iran nahm nun eine ähnliche Entwicklung wie das Russland der Zaren, eine privilegierte Schicht von Menschen konnte studieren und veränderte Stück für Stück das Land.

    Später wird es dann im Iran eine Revolution geben, die das Parlament 1906 einführt und eine Verfassung, wichtig ist, diese Bewegung kam aus der Bürgerschicht des Landes und nicht wie im Osmanischen Reich von einer Militärkaste und der Obrigkeit, die einfach etwas beschließt und das Volk nicht viel von versteht.

    Das Osmanische Reich in seiner Spätphase übernimmt Stück für Stück den Nationalismus und die Zentralisierung des 19. Jahrhunderts, hat aber einen großen Nachteil.

    Das Volk, welches über Jahrhunderte von diesen Dingen, durch religiösen Konservativismus und einem Einheitsprinzip, welcher sich nur über die Umma definiert, gar nicht wusste was dieser türkische Nationalismus und Zentralismus plötzlich sollte.

    Episode IV: Die Zerschlagung des Osmanischen Reiches

    Mit der Zerschlagung des Osmanischen Reiches kam es zu einer fundamentalen Neuordnung der Region gemäß den Ressourcen, die man vorfand.

    So erfand man die Nationen des Iraks, Syriens, Jordaniens und verhalf Staaten wie Saudi-Arabien zu ihrer Entstehung, mit weitreichenden Folgen bis heute.

    Der von den Autoritäten oktroyierte Nationalismus führte zu viel Ablehnung und Unverständnis in den Bevölkerungen des Nahen Ostens.

    Schnell entwickelte sich innerhalb der sunnitisch-islamischen Welt eine Antwort auf das als Unterdrückung empfundene westliche Gemeinschaftsprinzip, nämlich der Panislamismus.

    Die Muslimbrüder in Ägypten werden dadurch überregionale Bedeutung bekommen.
    Die Ikhwan funktioniert nach dem Prinzip: Jetzt wo die Osmanen weg sind und man versucht eine "moderne Antwort" auf Nationalismus und Republikanismus zu finden, die gleichzeitig islamisch ist und die Umma respektiert.

    Die Umma ist für die arabische Welt enorm wichtig, denn es gab mit dem Arabischen Nationalismus durchaus eine Gegenbewegung, die die Gemeinschaft aller Araber in den Vordergrund stellt, egal ob Atheist, Christ oder Muslim, es ist die erste Gemeinschaft außerhalb der Umma.

    Beides sind Kinder der Moderne gewesen, aber dennoch Feinde und das ist auch der Hauptgrund, weswegen die Welt der Araber unter dem späten Osmanischen Reich auch bis heute so zu leiden hat.

    Mit der Zerstörung des Reiches kamen diese Ideen sehr rasant in den Nahen Osten und stellte den Status quo von Jahrhunderten in Frage, das Vorenthalten der Moderne für das einfache Volk hat die arabische Welt zerrissen.
    Dadurch denke ich auch, dass das Osmanische Reiche eine sehr große Schuld am Niedergang trägt, wiewohl nicht alleine, es spielt auch die stark konservative Auslegung des Islams hier eine große Rolle.
     
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  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Empirische Daten sind ja oben etwas kurz gegen diverse Vermutungen und Anschauungen zur kleinen "divergence" (wenn man die größere auf Indien und China beziehen mag) gekommen.

    Ganz aktuell eine Publikation, die das Thema wirtschaftsgeschichtlich aufgreift (ähnlich wie die Institutionalisten um North und Nachfolger), und die Bedeutung von Innovation und (Groß-)Investition beschreibt. Seite der Uni Utrecht:

    Mills, Cranes and the Great Divergence

    Artikel:
    Mills, cranes, and the great divergence: the use of immovable capital goods in western Europe and the Middle East, ninth to sixteenth centuries
     
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ergänzend:

    ... und schon Schumpeters Innovations-Unternehmer (und ihre Kunden) bedurften außerdem einer ausreichenden Geldversorgung. Diese quantitativ und der Umgang mit dem Schmieröl des Innovationsgetriebes (qualitativ) sind für die divergence ein Aspekt. Man kann sich sozusagen mit den Fakten des Gegenentwurfes beschäftigen:

    Palma: Money and Modernization: Liquidity, Specialization, and Structural Change in Early Modern England

    und der Publikation im EHR im Kontext zum Artikel oben:
    Reconstruction of money supply over the long run: the case of England, 1270–1870
     

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