Präindustrielle Kulturen: Umweltzerstörung, Raubbau und Überbevölkerung

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von Idomenio, 19. September 2018.

  1. Idomenio

    Idomenio Mitglied


    Wie wir wissen, sind Raubbau, Zerstörung der Natur und der Klimawandel in der heutigen Zeit ein großes Problem. Allerdings gibt es heute auch fast acht Milliarden Menschen und wir haben eine hochindustrialisierte Zivilisation.

    Nun lese ich oft davon, dass auch viele präindustrielle Kulturen solche Probleme hatten. Doch wie kann das sein, wo es nur wenige Menschen gab und die meisten nur das nötigste besessen haben?

    Im mittelalterlichen Europa soll es während des 14. Jahrhunderts wegen zu dichter Besiedelung zu Nahrungsmittelknappheit gekommen sein, genauso wie in Frankreich kurz vor der großen Revolution. Aber in Europa im Mittelalter hat nur ein Zehntel soviele Menschen gelebt wie heute und im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts weniger als die Hälfte der heutigen Einwohnerzahl.

    Außerdem war im Feudalismus des Mittelalters Land die bestimmende Ressource, am eigenen Landbesitz haben sich Macht und Reichtum der Adelshäuser gezeigt und es wurde oft darum gekämpft. Aber da im Schnitt nur acht Leute auf jedem Quadratkilomter gelebt haben und nicht über 70 wie heute muss es doch genug Platz und freie Flächen gegeben haben?

    Laut manchen Vermutungen wären auch Zivilisationen wie die Sumerier und Maya an Erschöpfung des Ackerbodens kaputtgegangen, ganz ohne Industrie, mechanisierte Landwirtschaft, Millionenstädte und Konsumgesellschaft. Nicht zu vergessen die Osterinsel, die wahrscheinlich von ihren Bewohnern, die nichtmal die Metallbearbeitung gekannt haben, zu stark ausgebeutet und heruntergewirtschaftet wurde.

    Liegt das alles vielleicht daran, dass die Landwirtschaft damals bei gleicher Fläche weniger produziert hat und man viele Ressourcen nicht nutzen oder abbauen konnte?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der "Klimawandel" gehört wohl kaum in den Text rein. Und schon gar nicht in den Kontext präindustrieller Kulturen.

    Keine präindustrielle Kultur verfügte über Möglichkeiten, einen Klimawandel einzuleiten.
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied


    In Frankreich war es ein Problem der Misswirtschaft und der Verschwendung. Hof und Adel warfen die Vorräte aus dem Fenster hinaus, statt das der hungernden Bevölkerung geholfen wurde. Missernten gab es vor modernen Düngemethoden und Schädlingsbekämpfung alle 5 Jahre mindestens eine. Gab es drei hintereinander, was auch ohne Klimawandel vorkam, z.B. eine sehr gute Ernte gefolgt von einer Mäuseplage, gefolgt von zwei Jahren mit schlechtem Wetter, dann war das ein großes Problem. In Preußen gab es Getreidespeicher. In Frankreich nicht. Woanders konnte der Staat Mittel umschichten, mit Zöllen variieren und andere Maßnahmen treffen. In Deutschland war es mehrfach von Bedeutung Korn aus Russland zu bekommen. In Frankreich und vielen anderen Staaten hatte der König diese Macht nicht, weil der Staat hoch verschuldet war, die meisten Interventionsmittel privatisiert und das Handeln mit den Theorien über die Wirtschaft im Widerspruch stand. Jedenfalls war es kein Umweltproblem.

    Im 14. Jahrhundert war eben das Problem, dass es nicht mehr genügend Leute in der Landwirtschaft gab und die Meere überfischt waren. Zudem war ein großer Teil der Bevölkerung wegen des Fehdeunwesens auf der Flucht. Übersiedlung in die Städte, die beginnende kleine Eiszeit, die andauernden Plünderungen, der höhere wirtschaftliche Druck durch die Grundherrn und weitere Faktoren führten, modern gesprochen, zu einer gewaltigen Wirtschaftskrise. Ganze Landstriche wurden entvölkert. Im Sintfeld südlich von Paderborn, blieb mit Wünnenberg nur eine Stadt bestehen, die gut befestigt war. In den Nachbargebieten verschwanden zwischen einem und zwei Dritteln der Siedlungen. Kurz danach sind dann auch Adelsfamilien, die es nicht geschafft hatten, ihren Besitz umzuschichten verschwunden und die Klöster der Region befinden sich mangels materieller Mittel in Gefahr. Die Klöster in Dahlheim und Böddeken werden aufgegeben und später an andere Orden verkauft. Selbst Ortsgrenzen geraten in Vergessenheit und werden später neu festgelegt. Die Adelsfamilien, die damals das Geld hatten, die verwilderten Orte und Höfe aufzukaufen, sind heute noch die größten Grundbesitzer in NRW. Auch hier waren es wirtschaftliche Probleme und -abgesehen von der Überfischung- kein Problem der Umweltzerstörung. Früher versuchte man 1 Ursache zu benennen, doch war es ein vielschichtiges Problem, bei dem viele Ursachen zusammenkamen und alte Lösungen versagten. Bei der Überfischung war es ganz schlicht das in der Wirtschaftslehre so genannte Problem der Allmende. (Auch wenn die Allmende geradezu dadurch charakterisiert ist, dass die Nutzung beschränkt ist, damit es zu keiner Überlastung kommt: Es ist nicht das Problem der Allmende, sondern das Problem freier Handelsgesellschaften, die nicht kontrolliert werden und völlig amoralisch agieren. Nicht im Sinne einer Kapitalismus-Kritik, sondern im Sinne einer Kritik des schwachen Staats. In der Allmende war genau bestimmt, welcher Betrieb wie viele Schweine wo mästen durfte, ja sogar, welche Menge an Holzbruch wer sammeln durfte. Abgesehen von der Fischerei ist das bei allen Kulturen zu beobachten, sobald ein freies Gut zurückgeht, auch wenn sich die einzelnen Regelungen unterschieden. Und vor der Krise des 14. Jahrhunderts gab es daher kein ungenutztes Land mehr. Das Problem war, dass es unmöglich wurde, das Land zu bebauen oder anderweitig zu nutzen.)

    Bei den Sumerern soll der Salzgehalt des Bodens durch Mängel bei der Bewässerung über die Zeit zu stark angewachsen sein. Die Maya vergrößerten ihre Siedlungen, teils bis aller fruchtbarer Boden der Umgebung besiedelt war. Da der Siedlungsraum im Süden Yukatans beschränkt war, und der Zwang zu immer neuen Tempeln eine immer anwachsende Bevölkerung bedingte, musste das System geändert werden oder zusammenbrechen.

    Auch heute gibt es nicht "die" Umweltzerstörung oder "den" Klimawandel. Es gibt einen Haufen komplexer, miteinander verzahnter Probleme, deren Symptome in einfachen Formeln zusammengefasst werden und der Bevölkerung oft nur monokausal erklärt werden. Schon in den 70er Jahren wurde als Problem gesehen, das manche Inselstaaten zu niedrige Inseln besiedelten und die Bevölkerung durch Fluten und die Veränderungen der Küste gefährdet wurde. Hervorgerufen war das durch verschiedene Faktoren, wie Tourismusunterkünfte und Bevölkerungswachstum, um zwei zu nennen. Heute wird da alle Verantwortung auf den Klimawandel geschoben. In solchen Fällen muss der Historiker in die Quellen schauen und sich die Ursachen erarbeiten und nicht apriori die Ursachen unserer Zeit monokausal auf die Vergangenheit übertragen.
     
    dekumatland gefällt das.
  4. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Das stimmt nicht. Seien große Brandrodungen im Versuch Felder zu gewinnen oder sei es der Holzbedarf für Schiffe und Brennholz, die Auswirkungen sind natürlich nicht so groß wie durch die heutige Industrie, wohl aber deutlich messbar.

    Der Mensch hat schon immer seine Umwelt aktiv verändert und manches davon ist Zeitgenossen bereits aufgefallen.

    Was den Klimawandel angeht, so wurde er nicht vom Menschen "eingeleitet". Das Klima wandelt sich immer, auch ohne Mensch. Aber der Mensch beschleunigt derzeit die Erwärmung massiv und damit stehen wir vor dem Problem unsere Infrastruktur sehr schnell anzupassen, z.B. Städte an Küsten höher zu legen oder die Landwirtschaft bei voller Leistungsfähigkeit zu verändern. Die Geschwindigkeit ist es, nicht die Änderung per se.
     
  5. hatl

    hatl Premiummitglied

  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Seitdem es Menschen gibt, beeinflussen sie - vermutlich - lokal das Klima. Beispielsweise durch das Abholzen der Waldbestände rund um das Mittelmeer. Und in diesem Sinne belegt der obige Artikel nur, dass es eine historische Entwicklungslinie der Umweltzerstörung gibt. Und er belegt, dass die Dynamik sich verändert hat und die Konsequenzen für die Menschheit anders sind.

    Aber er ist kein Argument gegen meine Sicht.

    Die Dimension, mit der wir derzeit das Klima verändern, inklusive dem Auftauen der Permafrostböden im Polarkreis, nur um eine besonders gefährliche Entwicklung zu nennen, deren multiplikative und interaktive Wirkung wir noch gar nicht richtig einschätzen können, entzieht sich einem Vergleich mit früheren Entwicklungen.

    Und wir können auch nicht beurteilen, wie die Verschmutzug der Weltmeere mit Plastik, sich auf die die Teil-Biotope und das Gesamtbiotop auswirkt.

    Wer argumentiert, das gab es schon immer, der verharmlost aus meiner Sicht gravierend diese extrem gefährlich Entwicklung. Bzw. müßte überhaupt erst einmal den komparativen und empirischen Beleg vorlegen, dass die Bedrohung durch Umweltzerstörung in antiken Zeiten an einem ähnlichen Punkt standen und drohten so sich zu dynamisieren, dass ein kultureller Genozid die folge sein könnte.
     
    schwedenmann, Biturigos, silesia und 2 anderen gefällt das.
  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    Thane,
    ich bin da ganz bei Dir.

    Bemerkenswert dennoch ist, dass einiges dafür spricht, dass selbst der Übergang zur Landwirtschaft das (globale) Klima beeinflusste. Und wenn dem so war, dann folgt daraus nicht etwa eine Verharmlosung des gegenwärtigen menschlichen Tuns.
    Sondern es weist im Gegenteil zusätzlich auf die Empfindlichkeit Klimageschehens hin.
    Und ganz ohne Zweifel bewirken wir heute in sehr kurzen Zeitabschnitten mehr als der Mensch in vorindustrieller Zeit in tausenden von Jahren bewirkte.
    "Ihr Ergebnis: In der Zeit von 6000 v.Chr. bis 1850 gelangten bereits 350 Milliarden Tonnen zusätzliches Kohlendioxid in die Atmosphäre. Zum Vergleich: Von 1850 bis heute hat die Menschheit rund 440 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen."

    Sehr richtig weist Du auch auf die Gefahr der positiven Rückkopplung (Dynamisierung) hin, die vorher nicht gegeben war.
    Und auch da stimme ich Dir zu: "Wer argumentiert, das gab es schon immer, der verharmlost aus meiner Sicht gravierend diese extrem gefährlich Entwicklung." Denn diese Art der Argumentation beruht üblicherweise auf einer irreführenden Missachtung der betrachteten Zeiträume.

    Grüße hatl
     
    schwedenmann, silesia und thanepower gefällt das.
  8. Idomenio

    Idomenio Mitglied

    Kann man eigentlich vereinfacht sagen, dass in allen prä-industriellen Kulturen die allermeisten Menschen nach heutigen Maßstäben in absoluter Armut gelebt haben?
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bei Vereinfachungen sollte man immer erst schauen, was der Sinn oder Zweck derselbigen ist.

    btw: kam da nicht gerade vor wenigen Tagen der interessante Vergleich der dark ages mit der Neuzeit, als Publikation?

    The Dark Ages were relatively healthy - HeritageDaily - Archaeology News

    Da lohnt der Beitrag, das gleich anzubringen. Ich hatte mir schon die Positionierung überlegt.

    Frage ist natürlich ebenso, wie repräsentativ solche Untersuchungen sind. Und was man neuzeitlich sehen kann, wenn man mit offenem Blick durch mindestens drei Kontinente reist.
     
    Riothamus und Lukullus gefällt das.
  10. hatl

    hatl Premiummitglied

    Der Energieverbrauch pro Kopf war sicherlich sehr viel geringer als heute, und ebenso die Zahl der Köpfe.
    Das lässt sich sicher sagen.

    (Sicher ist auch, dass Kulturen mit industrieller Entwicklung weitverbreitete Armut kannten.)
     

Diese Seite empfehlen