Römische (flavische) Tafelgesetze auf dem Acker

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von El Quijote, 4. Oktober 2015.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    1851 verscherbelten ein paar Landarbeiter mehrere große Bronzetafeln an Schrottverwerter aus Málaga. Dies sprach sich jedoch herum und die Tafeln, die sich als die Lex Flavia Malacitana herausstellten (also als das flavische Gesetz von Málaga) konnten vor der Einschmelzung gerettet werden. Die Arbeiter hatten die Bronzetafeln auf einem Berg nahe Málagas gefunden, dabei auch eine Tafel aus dem weiter entfernten Ort Salpensa (Lex Salpensana), heute Utrera in der Provinz Sevilla. Und auch in El Saucejo fand man - 130 später - die Tafeln von Irni, die als Lex municipii Flavii Irnitanii bekannt sind, ebenfalls auf dem Acker. Wo Irni genau lag, ist bis heute unbekannt.

    Also drei Varianten des flavischen Munizipalgesetzes aus Südspanien, die man auf dem Acker fand, außerhalb der Städte, in denen sie hätten aufgestellt sein sollen. Ich frage mich, wieso dem so ist.

    Thesen/Fragen:
    - Sind die Gesetze bereits nach dem Sturz Domitians aus den Städten verbracht worden? Vielleicht in einer Art damnatio memoriae? Warum hat man sie dann dann nicht eingeschmolzen? Wäre das evtl. ein Sakrileg gewesen? Wurden sie deshalb nur "aus den Städten verbannt"? (Mir sind leider keine weiteren Details zu den Fundumständen bekannnt, etwa, ob sie ggf. vergraben wurden.)
    - Oder sind die Gesetze in späterer Zeit, etwa während der Völkerwanderung oder der muslimischen Eroberung Spaniens aus den Städten verbracht worden, um sie vor dem Zugriff der Eroberer und der turbulenten Zeit zu schützen und später wieder hervorzuholen? Bilden sie gewissermaßen einen "Hortfund"?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Und warum machte man sich die Mühe, die Lex Salpensana die knapp 165 km nach Málaga zu verschleppen, wo sie ein Coniunctum mit der Lex Flavia Malacitana bildete?
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied


    Ist untersucht worden, ob die Äcker heilige Stätten verbergen?
     
  4. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Ich kenne mich da leider nicht aus, aber wieso sollten die Gesetzestexte nach dem Sturz Domitians aus den Städten entfernt werden sollen?
     
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wie gesagt, ich habe keine näheren Infos zum Befund. Gerade beim Fundplatz El Ejido in Málaga dürfte das auch schwierig sein. Das war jahrhundertelang erst der Weideplatz der Stadt und im 19. Jhdt. haben Landarbeiter dort Wohnhöhlen angelegt (ich weiß nicht, ob in diesem Zusammenhang der Fund von 1851 gemacht wurde). Heute liegt dort der Universitätscampus von Málaga. Bei El Saucejo (Gesetz von Irni) könnte man eher Chancen haben, dort hat man bei Nachgrabungen nach dem ersten Fund noch weitere Fragmente gefunden.

    Domitian fiel der damnatio memoriae anheim, also der Auslöschung seines Angedenkens. Da sein Name auf den Gesetzestexten mehrfach als Gesetzgeber auftauchte, wäre dies ein Grund, die Gesetze zu entfernen. Daher die damnatio memoriae-Hypothese.
    Meine Hypothese, dass die Gesetze in turbulenteren Zeiten (Völkerwanderung, muslimische Eroberung) entfernt wurden, basiert auf meiner Idee, dass die Ortschaften nicht auf ihren juristischen Status verzichten wollten und sich erhofften, dass die jeweiligen Ereignisse nur kurzfristig Bedeutung haben würden und sie daher die Gesetzestexte in Sicherheit brachten, um sie vor "Recycling" zu schützen.
     
  6. tela

    tela Aktives Mitglied

    Ich bin gerade nicht sicher, aber sind wirklich immer alle Gesetze von Kaisern, die der damnatio memoriae verfallen sind, automatisch ungültig geworden?
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich habe noch ein wenig herumgegoogelt:

    Es gibt da eine Schrift "Estudios sobre los dos bronces encontrados en Málaga a fines de octubre de 1851” von Manuel Rodríguez de Berlanga y Rosado aus dem Jahr 1853.

    Online läßt sie sich unter http://www.bibliotecavirtualdeandal...go_imagenes/imagen.cmd?path=150717&posicion=1 finden.

    Ich habe sie noch nicht überflogen, aber vielleicht läßt sich daraus etwas über die Fundumstände herausfinden. Möglicherweise sind da noch andere Funde/Befunde gemacht worden, die erlauben, den Zeitpunkt der Deponierung zu bestimmen.

    Ich meine, dass ich die Tafeln im Original im Archäologischen Museum in Madrid gesehen habe, und eine Kopie in einem Museum in Rom.

    Nachschlag:

    Die spanische Wiki schreibt:


    https://es.wikipedia.org/wiki/Lex_Salpensa

    Es gibt verschiedene Theorien, wieso de Tafeln von Salpensa nach Málaga kamen. Berlanga vermutet, dass die Tafeln mit Flüchtlingen aus Salpensa während der Invasion der Goten nach Málaga kamen, während Mommsen vermutet, dass zur Korrektur eines Fehlers die Tafeln nach Málaga verbracht wurden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Oktober 2015
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das weiß ich auch nicht so sicher. Ich wundere mich nur über die Fundumstände von drei Gesetzen auf dem Acker und biete daher Hypothesen an, in der Hoffnung, dass jemand näheres dazu weiß. U.a. an dich habe ich dabei gedacht, aber auch an ravenik, HJWien, aquilifer oder, wenn auch seine Besuche hier sehr selten geworden sind, Tib. Gabinius. (Reihenfolge rein zufällig; wer nicht genannt wurde ist mir eben gerade nicht eingefallen.)
    Bei der Lex Malacitana haben Fundort und Geltungsbereich immerhin einen unmittelbaren Bezug zueinander, bei der Lex Irnitana und bei der Lex Salpensana dagegen sind die Fundorte weit weg vom Geltungsbereich (130 km Luftlinie, 165 km Wegesentfernung) bzw. der Geltungsbereich ist unbekannt.
     
  9. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Aus den Malaga-Tafeln wurde der Name Domitians herausgekrazt. Da stellt sich die Frage, ob die Tafeln trotzdem entsorgt werden mussten. Dann hätte man sie wohl auch gleich eingeschmolzen.

    Wissen kann man das wohl kaum, aber ich nehme auch eher an, dass man die Teile in Sicherheit gebracht hat, in der Hoffnung sie in ruhigeren Zeiten wieder aufhängen zu können.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ja, da stehen sie. Lange befanden sie sich in Málaga. Heute sind sie in Kopie in die Architektur des Centro de Interpretación del Teatro Romano einbezogen.
     

    Anhänge:

  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Deshalb frage ich ja auch nach einer eventuellen Tabuisierung der vollständigen Vernichtung:

    Ich halte die Fundumstände der drei Gesetzesfragmente für seltsam und erklärungsbedürftig.
     
  12. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Ich würde ja die Tatsache, dass man die Namen Herausgekratzt al Beweis werten, dass die Tafeln nicht so heilig waren, dass man sie nicht auch gleich hätte einschmelzen dürfen.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bist du sicher, dass der Name aus dem Gesetz gelöscht wurde? Im Corpus Inscriptionum finde ich ihn, ohne Hinweis, dass er rekonstruiert wurde.
    et Genium Imp(eratoris) Caesaris Domitiani Augusti

    Edit: Doch, ist tatsächlich so. Bei Armin Stylow wird der Text so wiedergegeben:
    et Genium Imp(eratoris) Caesari[[s Domitiani]] Augusti
    Die doppelte eckige Klammer symbolisiert im sogenannten Leidener Klammersystem die absichtsvolle Rasur eines Textausschnitts.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Oktober 2015
  14. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Vielleicht galten Gesetzestafeln (nur regional?) als heilig und wurden wie Opferreste rituell vergraben, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden. Und eine Tafel mit Namen des aktuellen Kaisers mag als nützlicher gegolten haben. Insbesondere, wenn man anfragte, ob man eine solche aufstellen dürfe. Vielleicht galten nur bestimmte Orte als geeignet für das Vergraben.

    Vielleicht nur eine Schnapsidee.
     
  15. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Nicht automatisch. Teil der damnatio memoriae war in der Regel auch die "rescissio actorum", die Aufhebung von Verfügungen des betroffenen Kaisers, wozu auch legistische Maßnahmen gehörten. Sie musste jedoch nicht umfassend erfolgen, sondern konnte sich auch auf einzelne Verfügungen beschränken. Bei Domitian erfolgte jedenfalls keine umfassende rescissio actorum, da im Briefwechsel zwischen Traian und Plinius wiederholt auf Verfügungen Domitians als Rechtsgrundlage verwiesen wird.
     
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  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Angesichts der Austilgung des Namens Domitians scheint hier eine rescissio jedoch nicht stattgefunden zu haben.
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nur mal für die statistische Erhebung: sind euch evtl. noch andere Funde römischer Gesetzestafeln bekannt, die entfernt vom ursprünglichen Aufstellungsort gemacht wurden?
    Wer war der jeweilige Gesetzgeber, so bekannt?
    Ist das regional auf die Baetica beschränkt oder gibt es ähnliche Fundumstände auch in anderen Teilen des Reiches?
     
  18. Mummius Picius

    Mummius Picius Premiummitglied

    Also die Tatsache, dass es Tafeln aus verschiedenen Orten waren, klingt eher nach gescheitertem Recycling als nach irgendwas zeremoniellem ...
     
  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es wird doch in Málaga einen Schrottverwerter gegeben haben. Da mutet es doch seltsam an, dass die Tafeln außerhalb der Stadt aufgefunden wurden. Und die Tafeln von Salpensa müssen 160 km durch gebirgiges Gelände nach Malaca transportiert worden sein. Auch die Gesetzestafeln von Irni wurden ja außerhalb jeglichen Siedlungskontextes gefunden. Auch bei Salpensa und Irni, wenn das auch keine Metropolen, wie Malaca waren, muss es doch Altmetallverwerter gegeben haben. Deshalb bin ich der Auffassung, dass die Fundorte einer Erklärung bedürfen. Ob die nun im Ritual zu suchen ist oder anderweitig begründet werden mus.
     
  20. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Ein interessanter Sachverhalt, der aber ohne genaue Fundumstände nur sehr schwer zu rekonstruieren sein wird. Ich kenne mich zwar in Spanien überhaupt nicht aus, kann aber vielleicht einige Gedanken beisteuern.
    Zunächst mal zur Damnatio. Es gibt in der Regel einen gewissen Spagat zwischen ihrem Beschluß und ihrer Umsetzung. Der Kaiser war ja nicht plötzlich im ganzen Reich verhaßt, sondern in der Regel nur bei der römischen Senatsaristokratie, das heißt, es gab oft Anhänger und Parteigänger, die Denkmäler retteten oder aufhoben.
    Es gibt auch viele Beispiele, wo es reicht, den Namen zu entfernen, ohne daß gleich alles zerstört werden mußte.
    Wenn es sich bei den entsprechenden Gesetzen um die Stadtrechte handelt, wie ich mal annehme, ohne sie gelesen zu haben (es ist doch schon recht spät), wird man sie möglichst allgemein zugänglich und wohl auch mehrfach veröffentlicht haben - es besteht also auch die Möglichkeit, sie in ländlichen Heiligtümern extra muros anzubringen. Hier wäre es hilfreich zu wissen, wie groß die Chora, also das zugehörige Umland der jeweiligen Orte war.
    Sollte es sich doch um eine nachantike Metallverwertung handeln, muß man neben lokaler Wiederverwertung auch die Möglichkeit in betracht ziehen, daß ein bestimmter Auftraggeber überregional alles sammeln ließ, was zu kriegen war, und sich daher Transporte ergaben, die über längere Strecken unterwegs waren.

    Aber wie gesagt, wilder Spekulatius, solange man nicht weiß, ob in der Nähe des Fundortes irgendwelche baulichen Reste waren, ob man den Verlauf antiker Überlandwege genau rekonstruieren kann oder ob es Begleitfunde gab, die andeuten, wann die Platten in die Erde kamen.
     
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