Siedler in Kolonialafrika

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von jigibu, 11. Mai 2018.

Schlagworte:
  1. jigibu

    jigibu Neues Mitglied


    Hi,

    ich lese mich gerade in den Kolonialismus in Afrika ein. Es wird immer von Siedlern, Kolonialherren und Lokalbehörden gesprochen.

    Nun meine Frage. Was ist genau ein Siedler und was ein Kolonialherr, worin unterscheiden die sich? Ich habe dazu keine genaue Definition gefunden.
     
  2. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Kolonialherren: Bezeichnet wohl in der Regel sowohl abstrakt die europäischen Staaten, die in Afrika (oder sonstwo) Kolonialbesitz hatten, als auch deren Vertreter (Kolonialbehörden, Militär), als auch im übertragenden Sinne alle Europäer vor Ort, die vom Kolonialismus profitierten.

    Siedler: Menschen aus den europäischen Staaten, die in die Kolonien zogen und dort eine "weiße Zivilbevölkerung" bildeten, im Gegensatz zu den Beamten & Soldaten der Kolonialbehörden und den ursprünglichen Einwohnern des jeweiligen Landes. Das Deutsche Reich versuchte bspw nach dem "Erwerb" von Kolonien, deutsche Auswanderer davon zu überzeugen, sich dort anzusiedeln, statt die beliebteren Auswanderungsziele des 19. Jh. (va die USA) anzustreben; hat nur kaum gefunzt, Deutsch-Südwestafrika war scheinbar nicht so attraktiv wie Kalifornien. Allerdings lebt dort (heute Namibia) immer noch eine deutsche Minderheit, die die Nachfahren solcher Siedler aus der Kolonialzeit sind.

    Die Nachwirkungen solcher kolonialer Besiedlung sind in manchen Ländern noch heute feststellbar. Eine kleinen weißen Minderheit gehört auch heute noch in manchen Ländern ein exorbitanter Anteil des wirtschaftlich nutzbaren Landes, das deren Vorfahren sich während der Kolonialisierung angeeignet haben. Das bietet Anlass zu politischem Streit, bspw in Zimbabwe oder Südafrika; aber da wirds dann tagespolitisch...
     
  3. jigibu

    jigibu Neues Mitglied


    Vielen Dank. Das hat mir weiter geholfen.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Auch wenn der Beitrag nun schon über ein halbes Jahr alt ist und jigibu wohl nichts mehr bringt, so muss ich dennoch widersprechen. Siedler ist zunächst einmal jeder, der sich in der Kolonie ansiedelt, unabhängig vom sozialen Status. Wie können davon ausgehen, dass ein Siedler vielleicht jemand ist, der im Herkunftsland als Zweit- oder Drittgeborener kein Erbrecht hatte und nun versucht, auf dem Boden der Kolonie eine Fram zu bewirtschaften. Oder jemand, der einen Krämerladen betreibt etc.
    Als Kolonialherren würde ich einen Siedler beschreiben, der z.B. ein größeres landwirtschaftliches Gut betreibt, selber eigentlich keine körperlichen Arbeiten mehr vollführt und hierfür als billige Arbeitskräfte einheimische Bevölkerung (oder aus anderen Kolonien herbeigeschaffte Bevölkerung (z.B. Kapmalaien)) - euphemistisch ausgedrückt - einsetzt.
     
  5. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Ich erhebe mal sachte Einwände: Auch ein "Siedler", der ganz allein seine 'kleine Farm' bewirtschaftet, hat andererseits einen Status als Kolonialherr - da er nämlich juristisch (sowie auch de facto aufgrund entsprechender Ungleichbehandlung) gegenüber der autochthonen Bevölkerung im Vorteil ist. So wird auch der 'kleine Siedler' zB Landansprüche gegenüber Einheimischen problemlos durchsetzen können - und braucht dazu in vielen Fällen nicht einmal juristische Aktivitäten in Gang bringen, sondern kann dies allein aufgrund seines sozialen Status. Zusätzlich ist auch ein 'kleiner Siedler', der vielleicht 'nur' ein oder zwei einheimische auf seiner Farm einsetzt und selbst mitarbeitet, also auch physische Arbeit verrichtet, ein Kolonialherr. Zusätzlich profitiert er in diesem Rahmen von der kolonialen Ausbeutung, die ihm billigste Arbeitskräfte sichert. Daß er als Siedler wie als Kolonialherr zB in vielen Fällen straflos ausging, wenn er Personen der autochthonen Bevölkerung mißhandelte oder gar tötete, weist auch auf einen deutlich anderen Status hin als ihn ein 'normaler kleiner Siedler' beanspruchen könnte.

    Daß er dann gegenüber anderen Personen (Großgrundbesitzern, Händlern, Verwaltungsbeamten) im Hintertreffen war, steht auf einem anderen Blatt. Es ergibt sich im Grunde eine ähnliche Stellung wie die des weißen Proletariats/ Subproletariats im historischen Süden der USA: zwar innerhalb der weißen Bevölkerung eindeutig unterprivilegiert, aber dennoch gegenüber der schwarzen Bevölkerung mit deutlichen Privilegien versehen und auch ideologisch dieser gegenüber privilegiert
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das sehe ich nicht als Einwand, eher als Präzisierung.
     
  7. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Dann sehe ich keinen wirklichen Widerspruch zu meinem Beitrag.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Sorry, ja, man sollte Sätze zu Ende lesen. Hab in Manier eines pensionierten Beamten mit blondern FRau im Odenwald nur den ersten Halbsatz gelesen. Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.
     

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