Sinn und Unsinn Barocker "Linien"

Dieses Thema im Forum "Kriegsschauplätze" wurde erstellt von Brissotin, 19. Dezember 2018.

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  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied


    Mir geht es hier um die sogenannten "Linien" - langgezogene Verteidigungslinien, welche an vielen Orten insbesondere um 1700 zur Abwehr v.a. der Franzosengefahr angelegt wurden.

    Dieses Jahr habe ich das Vergnügen gehabt einen Vortrag von Dr. Andreas Haasis-Berner zum Thema "Die barockzeitlichen Befestigungen im Schwarzwald" zu hören.
    Hierin analysierte Dr. Haasis-Berner v.a. die Befunde der sogenannten Vorderen und Hinteren Linie, die 1696 bzw. 1679 entstanden. 90% dieser Linien aus dem Schwarzwald waren einfache Verhaue, die Schanzen nehmen nur einen kleinen Teil der Befestigungslinie ein, sind aber natürlich der Teil, den man archäologisch besonders gut erkennen kann. Im Grunde sind die Linien noch heute v.a. gemessen an der kurzen Dauer der Existenz sehr gut erkennbar. Schanzen wie die Prechtaler Schanzen wurden an bestimmten neuralgischen Punkten wie oben auf Pässen oder auch im Tal angelegt, wo der Verhack nicht durch natürliche Hindernisse wie einem Abhang zusätzlich gesichert war. Haasis-Berner stellte verschiedene Abschnitte der gewaltigen mehrere hundert Kilometer langen Anlage vor wie die teilweise noch erhaltene Steinmauer der hinteren Kinzigtallinie oder Erdanlagen bei St. Märgen sowie Überbleibsel von Redons und Redouten auf dem Roßkopf bei Freiburg. Die Prechtaler Schanzen allein erstreckten sich auf über 20km.
    Ich warf in der Fragerunde die Frage nach dem Nutzen auf. Immerhin war der Aufwand zur Errichtung der Anlagen enorm. Eine Gemeinde - den Namen hab ich leider vergessen - hat sogar in Basel einen Kredit für den Bau einer Schanze aufgenommen. Auch mussten die Signalfeuer, die auf zeitgenössischen Karten eingezeichnet waren, auch besetzt sein, damit das Ganze überhaupt Sinn ergab. Die Redouten von denen es anders als bei den größeren Schanzen unzählige gab erforderten immerhin eine Besatzung von 10-15 Mann. Wer sollte nun diese Schanzen besetzen? Die Landesdefension. Dessen militärischer Wert erwies sich eigentlich in fast allen Kriegen als marginal.
    Im Spanischen Erbfolgekrieg, dem Konflikt der direkt auf die Erbauung der Vorderen Linie bspw. folgte, haben die Linien auf dem Schwarzwald offenbar keine Rolle gespielt. Trotz ihnen drangen die Franzosen ziemlich ungehindert an die Donau vor, wo sie in der Schlacht bei Höchstätt entscheidend geschlagen wurden.
    Also eine sinnlose Einrichtung?

    Es wäre interessant Vergleichsobjekte heran zu ziehen.
    Ein mir bekanntes Beispiel ist auch die Ettlinger Linie. Sie stellte 1734/35 genauso wie schon im Spanischen Erbfolgekrieg letztlich keinerlei nennenswertes Hindernis dar. Daher wurde sie danach auch endlich aufgegeben. Siehe auch: Ettlinger Linie – Wikipedia

    Ein anderes Beispiel wäre auch der Durchbruch des Duke of Marlborough durch die Brabanter Linien - bekannt auch als die Schlacht bei Elixheim. Siehe: Battle of Elixheim - Wikipedia Michael McNally hat schon in seinem guten Buch zur Schlacht bei Ramilies darauf hingewiesen, dass die Brabanter Linien nie so substantielle Befestigungen gewesen sind wie sie in zeitgenössischen Stichen bspw. dargestellt wurden.

    Es stellt sich die Frage nicht nur nach dem Wert der Linien in der Landesverteidigung sondern auch nach der Praktikabilität. Wie sollten solche umfangreichen Befestigungen, wo sie nicht hinter einem Fluss postiert waren*, in ein Verteidigungskonzept integriert werden in einer Zeit mit eher langsam beweglichen Heeren, die schwer auf Angriffe in der richtigen Art reagieren konnten?

    * Ein Beispiel einer gelungenen Verteidigung eines Flusses mit Unterstützung durch Milizen wäre die Verteidigung des Elsass durch die Franzosen 1743 gegen Prinz Karl von Lothringen.
     
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zum Vergleich eine "Linie", die erfolgreich 1810 gehalten worden ist. Sie war ca. 40 km lang, aber hatte auch eine entsprechende "Besatzung" und war artilleristisch gut bestückt.

    An diesem Beispiel wird deutlich wie sinnfrei derartige lange und letztlich unsystematisch angelegte "Verteidiungslinien" zu der Zeit waren.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Linien_von_Torres_Vedras
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Dezember 2018
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  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied


    @thanepower danke für den Hinweis: die Torre-Linien kannte ich noch nicht! Das muss ich Festungsfreak gestehen.

    Die von Wellington initiierten Befestigungslinien scheinen ja Dank ausreichender Bestückung und Besatzung funktioniert zu haben - folglich kann das Konzept einer stark fortifizierten Defensionslinie militärisch um 1810 nicht falsch gewesen sein.(sofern das Terrain dergleichen zulässt) Aber 1810 sind wir militärisch, artilleristisch und fortifikatorisch weit von den erfragten barocken Linien entfernt...

    Verkürzt und vergröbert: in der "Barockzeit" zählte das aufzeichnen geometrischer Fortifikationen und das rein zeichnerische erfinden idealer Fortifikationsmanieren zum guten Ton! Was hat es nicht alles gegeben an ästhetisch anzuschauenden Planungen... und sogar "fachfremde" Leute wie der Komponist und SchachSpieler Philidor entwarfen ideale Musterfestungen. Die Mode grassierte derart, dass sie literarisch parodiert und vorgeführt wurde: das berühmteste Beispiel ist Onkel Toby in Sternes genialem Roman "Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman" (Onkel Toby baut im Sandkasten Festungen nach, um experimentell Defension und Angriff zu erforschen...)
    ...Schlösser, Representativbauten erhielten kostspielige, rein dekorative Befestigungen (z.B. Moritzburg)

    Es wundert nicht, dass in dieser Zeit die Praxis der passageren Verschanzungen auf wenig taugliche Landkarten projiziert wurden. Die Schwarzwaldlinien bei Freiburg, St. Märgen, St. Peter, Dreisamtal usw sind sowohl topografisch als auch militärisch ziemlich bescheuert... Den topografischen bzw kartografischen Aspekt kann man noch entschuldigen (die Karten dieser Zeit entsprechen keiner modernen top. Karte), die militärischen nicht. Um das Gebirge Schwarzwald für große Truppenbewegungen unpassierbar zu machen, hätte eine sinnvolle Sperrung der Hauptwege genügt. Aber ästhetische Planspiele sind schöner als schnöde Praxis...

    Ich vermute, dass etliche der barocken Linien ihren Ursprung eher in der planerischen Mode hatten als in der realen militärischen Praxis. (dass gleich zwei Defenslinien links und rechts des Dreisamtals mit Schanzen und verbindenden gedeckten Wegen die Höhenlinien abseits der fahrbaren Wege "sperren", ist verblüffend dämlich...)
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Dezember 2018
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  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Danke thanepower für das schöne Beispiel.

    Die Verteidigung Portugals mit solchen Linien scheint allerdings Tradition zu haben.

    Während des Siebenjährigen Krieges befehligte der Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe (1724-1777) die Verteidigung Portugals und stützte sich auch u.a. auf einige von ihm angelegte Festungen, die auf seinem Porträt von Ziesenis im Hintergrund auftauchen. Spanish invasion of Portugal (1762) - Wikipedia Viele Zeitgenossen würdigten die Verteidigung Portugals gegen eine erdrückende Spanische Übermacht als Mustergültig. Wellington soll sich sodann 1810 an dem Vorbild orientiert haben.

    Man hat dann auch nachdem sehr rasch die Verteidigung des Schwarzwaldes aufgegeben wurde - ziemlich bald nach der Fertigstellung der Anlagen, typisch irgendwie für die Zeit - in den 1720ern neue Werke am Schwarzwaldausgang angelegt. Leider hatte ich mir nicht den genauen Ort notiert. Diese Befestigungen waren dann aber auch weniger linear, sondern punktuell und sollten, wenn ich mich recht entsinne, von Grenadieren oder anderem regulären Militär im Ernstfall besetzt werden. Obwohl diese Anlagen logischer klingen, stellt sich dennoch die Frage nach dem Sinn, da in dem Raum niemals bedeutende Kasernen oder dergleichen der Österreicher lagen und eine Fortifikation ohne Besatzung ist ja freilich irgendwie sinnlos. Selten einmal wurden solche Anlagen in den wirklichen Krieg einbezogen und wenn, dann konnten sie ja mit etwas Pech einfach genausogut vom Feind genutzt werden.
    Mir fällt auf Anhieb die Schlacht bei Friedlingen 1702 ein, wo immerhin eine Sternschanze von österreichischer Miliz besetzt wurde. Auf dieser Karte hier sind auch gut Befestigungswerke erkennbar: Schlacht bei Friedlingen – Wikipedia

    Sehr gut gefällt mir an Deinen Ausführungen die Betonung des Spleens vieler hohen Herrschaften kunstvoll Festungswerke zu planen. August der Starke wäre da zu nennen unter dem auch der Ausbau des Königssteins betrieben wurde. Letztlich in kein strategisches Konzept eingebunden, blieb es nicht mehr als eine Fluchtburg, die dann im Ernstfall eher etwas von einer Mausefalle hatte (1756).
    In Württemberg gab es gleich zwei Herzöge, Ludwig Eberhard und Karl Alexander mit einer Leidenschaft fürs Militärische. Das Ringen der Herzöge mit der Reichsstadt Heilbronn um die Verstärkung der zur Kreisfestung ausgebauten Stadt ist dafür symptomatisch. Das verhältnismäßig kleine Kreisheer konnte ja ohnehin nichtmal einen Bruchteil dieser Anlagen besetzen und wäre als Feldheer völlig ausgefallen. Die Heranziehung des Fränkischen Kreises aber auch anderer Kreise zur Besatzung Kehls und Philippsburgs gestaltete sich ja bereits schwierig, da viele Kreisstände die Soldaten als Wachsoldaten zuhause behalten wollten, wo sie lieber Polizeiaufgaben wahrnehmen sollten, statt Festungsdienst an der Grenze zu schieben...
     
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Einen kleinen zeitlichen Sprung machend, sollte auch der Deutsch-Dänische Krieg (1864) angeführt werden.

    Im Verlauf des Krieges war ursprünglich geplant, dass das dänische Heer entlang der Feldbefestigungen am - ursprünglichen auf die Wikinger zurück gehenden - Danewerk eine Verteidigungsposition beziehen sollte.

    Diesen Plan hatte der dänische Oberbefehlshaber verworfen, da aufgrund von Budgetkürzungen die Feldbefestingungen in einem schlechten Zustand waren und er zudem Gefahr lief, umfaßt zu werden.

    Im Ergebnis zog sich die dänische Armee nach Norden in Richtung der Düppeler Schanze zurück. Eine "Befestigungslinie" mit Erdwerken, die von der Topographie an die von Torres Vedras erinnert.

    (vgl. #53)
    http://www.geschichtsforum.de/thema/der-vergessene-deutsch-daenische-krieg-von-1864.46852/page-3

    Obwohl die Erdwerke ausreichend bemannt werden konnten und zusätzlich beispielsweise auf dänischer Seite moderne Geschütze mit gezogenen Läufen zur Verfügung standen, wurde die Verteidigungslinie von den Preußen und Österreichern relativ problemlos durchbrochen. Ein Ergebnis, das sicherlich auch durch die deutliche numerische Überlegenheit der Angreifer zu erklären ist.

    Auch in diesem Fall gilt:
    - Mittel mußten auf zuviele befestigte Kilometer verteilt werden, da der Verteidiger nicht präzise weiss, wo der Angreifer seinen Schwerpunkt setzt
    - Die Erdwerke sind nur so gut wie es eine ausreichende Menge an Artillerie und Infantrie zuläßt.
    - Befestigungen immer der Gefahr ausgesetzt sind, umgangen zu werden und so ihre Sperrfunktion zu verlieren.

    Probleme, die noch für die Maginotlinie galten.

    Wie erfolgreich dennoch Feldbefestigungspositionen sein können zeigt u.a. auch das Beispiel von FdG bei "Lager Bunzelwitz".
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Dezember 2018
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  6. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Mit den langen Linien, meint ihr damit die Landwehren?

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Landwehr

    Zum einen sehe ich in ihnen eine einfache Grenze, die man meist leicht verstärkt hat. Und auch mit Wachttürmen und Zollstationen versehen hat. Das eine Befestigung ohne Bewachung nichts bringt hat es oft genug in der Geschichte gegeben.

    Am Niederrhein hat es im Siebenjährigen Krieg an einer Landwehr, der Hückelsmay, eine Schlacht gegeben. Die Franzosen wurden hier trotz Übermacht geschlagen.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Krefeld
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Nein, die traditionellen Landwehren und Landhegen meinen wir nicht.

    Die Heg oder Wehr war ja meistens im Spätmittelalter aufgekommen und in der Barockzeit nicht selten bereits im Verfall begriffen oder sogar wieder verschwunden. Mit den sich verändernden Grenzen ergaben diese auch irgendwo keinen Sinn mehr. Ihr militärischer Wert war bescheiden.
    Ein Forstwissenschaftler erwähnte mal in einem Buch, sie wären vor allem als Geländehindernis im Falle des Diebstahls von Rinderherden oder dergleichen sinnvoll gewesen oder eben noch im Zeitalter der Feudalkriege, als kleine Heere dadurch behindert wurden auf ihren Raubzügen einfach so in eingehegte Gebiete einzudringen.
     

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