Sprachkonstante und Wanderungsbewegungen

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von Märchenwesen, 8. März 2017.

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  1. Märchenwesen

    Märchenwesen Neues Mitglied

    Hallo Forum,

    Sind euch Theorien bekannt, inwiefern es für die Entwicklung einer Sprache hemmend oder fördernd wirkt, wenn ihre Sprecher wandern?

    Ein Beispiel: Manchmal wird argumentiert, dass die Indoeuropäer aus dem Baltikum stammen, weil die litauische Sprache der rekonstruierten Ursprache am ähnlichsten ist.
    Ein Blick auf das heutige Englisch zeigt aber, dass das Englisch sich in Britannien, Australien und Amerika wesentlich gleicht, während es innerhalb dieser Länder durchaus stärkere Variationen gibt.
    Auch haben sich deutsche Dialekte wie Jiddisch oder Donauschwäbisch im fernen Ausland wesentlich stärker gehalten als im Ursprungsland.

    Was wisst ihr dazu?
     
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  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das liegt allerdings auch daran, dass in GB 1500 Jahre Sprachentwicklung vorüber gegangen sind und in Einwanderungsgebieten sich dialektale Unterschiede notwendigerweise nivellieren, um die volle Kommunikationsfähigkeit zu erhalten.

    Ich denke, du erwartest eine pauschal anwendbare Antwort und ich befürchte, dass man die nicht geben kann. Nehmen wir die Westgoten: Die haben offenbar bereits im 5. Jhdt. ihr Idiom aufgegeben und Latein gesprochen (ist umstritten), vergleicht man das mit dem Judenspanischen, so ist dieses in einigen Punkten sehr konservativ: Es hat weitgehend des Lautstand des 15. Jhdts. erhalten und auch im Lexikon naturgemäß die spanische Sprachgeschichte seit 1492 nicht mehr mitgemacht, d.h. z.B. dass gewisse Worte, welche die Sprachpolitik ausgemerzt hat, im Judenspanischen noch erhalten sind, etwa alkunya. Auf der anderen Seite hat das Judenspanische z.B. Worte aus dem Niederländischen (das Amsterdamer Judenspanische) oder dem Türkischen (das Istanbuler Judenspanisch) aufgegriffen, die das Spanienspanische nicht aufgenommen hat.
    Vergleicht man das Europaspanische mit dem Amerikaspanischen, so hat hier einerseits eine gemeinsame phonetische Entwicklung stattgefunden (die allerdings in Argentinien und Ecuador weiter ging, als in anderen lateinamerikanischen Ländern oder Spanien), andererseits haben fast alle lateinamerikanischen Länder ihren Sonderwortschatz, der vor allem auf indianischen Sprachen oder dem Einfluss anderer europäischer Sprachen basiert. Aber auch im herkömmlich spanischen Lexikon gibt es Unterschiede. So empfindet ein Spanier etwa lindo als archaisch, wohingegen ein Lateinamerikaner guapo als antiquiert wahrnimmt. Im Europaspanischen git es drei Personen in Singular und Plural, im Amerikaspanischen fällt die zweite Person Plural mit der dritten zusammen. In Cádiz und auf den Kanaren gibt es eine Mischform.

    Dann gibt es noch die Kreolisierung, d.h. zwei oder mehr Sprachen treffen aufeinander, es entwickelt sich aus der puren Kommunikationsnotwendigkeit ein zunächst grammatisch stark reduziertes Pidgin, basierend auf Konkreta, das allerdings zunächst nur eine ad-hoc-Sprache ist und nur für den Augenblick der Kommunikation überhaupt existiert. Wiederholt sich der Kontakt, kann sich dieses Pidgin entwickeln, Nachkommen aus Beziehungen lernen entweder die Muttersprache, oder wenn die Eltern in einer Beziehung leben eine mittlerweile zur Kreolsprache sich ausbauende bzw. ausgebaute Pidginsprache, die meist Elemente aus beiden Elternsprachen hat. Insbesondere im amerikanisch-karibischen Raum begegnen wir solchen Kreolsprachen.

    Dass das Jiddische oder das Donauschwäbische besonders konservativ waren, kann daran liegen, dass beide Sprechergruppen sich in einer linguistisch fremden Umgebung befanden, die zudem auch religiös unterschieden war, etwa die katholischen Donauschwaben im orthodoxen Umfeld. Sprache ist dann mehr als nur ein Kommunikationsmittel, es ist dann auch immer ein Mittel der Abgrenzung und Codierung.
     

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