Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt

Dieses Thema im Forum "Buchempfehlungen" wurde erstellt von ursi, 19. Februar 2005.

  1. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter


    Es war eine literarische Sensation, als Mihail Sebastians Tagebücher 1935 - 44 Mitte der 90er Jahre in Rumänien und bald darauf in Frankreich, England und den USA erschienen. Das lang vergessene Hauptwerk des rumänischen Dichters ist ein einzigartiges, aufwühlendes Zeugnis der Menschlichkeit, das, den Tagebüchern Victor Klemperers gleich, das Leben in der Verfolgung und unter wachsender Todesgefahr dokumentiert.

    "Wenn ich nicht daran denke, mich umzubringen, überlege ich, ob ich betteln soll." Mihail Sebastian war, als er mit der Niederschrift der Tagebücher begann, 28 Jahre alt und ein bekannter Theater- und Romanautor, der zur Elite des Landes zählte und mit vielen führenden Köpfen - darunter Mircea Eliade, Eugen Ionesco und E.M. Cioran - befreundet war. Zwar hatte er als Jude schon unter den "Eisernen Garden" mit antisemitischen Ausgrenzungen zu kämpfen, aber sein Dasein als Schriftsteller blieb davon weitgehend unberührt.

    Doch schon bald, so bezeugt sein Tagebuch, greift die Bedrohung auch auf ihn über. Viele Freunde, vor allem der bewunderte Mircea Eliade, sympathisieren mit den Faschisten, Sebastian verliert seine Anstellung, seine Theaterstücke können nur unter Pseudonym aufgeführt werden. Das Geld wird knapp, die Wohnung ist nicht mehr zu halten. Sebastian flieht aufs Land, verbringt Jahre in Todesangst, entgeht knapp der Deportation - doch er bleibt stets ein unbestechlicher Zeuge der Ereignisse. Als im August 1944 Bukarest endlich von den Sowjets eingenommen wird, registriert Sebastian fast ungläubig, dass er überlebt hat.

    'Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt' Tagebücher 1935 - 44 • Mihail Sebastian, Josif Hechter, Edward Kanterian (Herausgeber) • Claasen-Verlag • 2005 • 864 Seiten

    Rezension NZZ

    Informationen: http://users.ox.ac.uk/~sjoh0748/Sebastian.htm
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 19. Februar 2005
  2. arch-angelsk

    arch-angelsk Neues Mitglied

    eine rezension von martin schwarz, die einen anderen mitunter erweiterten blickwinkel liefert:

    "[Felix] Aderca [bedeutender jüdischer Schriftsteller und Essayist], den ich gestern im sephardischen Zirkel traf, wo wir beide in einer Art 'festlicher' Runde über [Camil] Baltazar sprachen, sagte mir, er bedauere den Tod Codreanus, der ein großer Mann, eine geniale Erscheinung, eine ethische Naturgewalt ohnegleichen gewesen sei und dessen 'Heiligentod' einen irreparablen Verlust darstelle." (Dienstag, 7. Februar 1939, S. 280)

    Die Tagebuchaufzeichnungen von Mihail Sebastian (eigentlich: Josef Hechter), die nun nach englischen und französischen Übersetzungen auch in deutscher Sprache vorliegen, eröffnen in ihrem ersten Teil - bis Beginn des Weltkrieges - einen intimen Blick auf den Bukarester Kreis junger Literaten und Journalisten, vor allem um die Zeitschrift "Cuvântul", der durch die Namen Eliade und Cioran weltweit bekannt wurde, dessen spezifische Prägung aber außerhalb Rumäniens weitgehend unbekannt und jedenfalls unverstanden blieb.

    Neben den - allerdings selektiven - Erinnerungen Mircea Eliades ist es einzig die Eliade-Biographie von Florin Turcanu (Paris: Éditions La Decouverte, 2003), jedenfalls unter den Büchern die wir gelesen haben, die nicht nur ein vollständiges Porträt ihres Helden, sondern auch einen Eindruck von diesem Milieu der Dreißiger Jahre in Rumänien zu vermitteln vermag. Leider liegt diese jedoch nur auf französisch vor.

    Jüngst ist mit der Arbeit von Hannelore Müller, "Der frühe Mircea Eliade. Sein rumänischer Hintergrund und die Anfänge seiner universalistischen Religionsphilosophie" (Münster: Lit-Verlag, 2004) jedoch ein weiterer Versuch unternommen worden, uns Einblick in die rein intellektuelle Seite der "Neuen Generation", die sich um den Philosophieprofessor Nae Ionescu und um "Cuvântul" scharte, zu geben. Trotz der etwas umständlichen Ausdrucksweise der Verfasserin ist insbesondere die Übersetzung "gardistischer Zeitungsartikel" Eliades, sowie der Nachweis der intellektuellen Abhängigkeit Eliades von Ionescu in seiner frühen Phase (manche als typisch "eliadisch" angesehene Auffassungen stammen offenbar von Ionescu), sehr verdienstvoll. In diesem Buch wird auch die "Affäre" um das Vorwort Nae Ionescus zu Sebastians Buch "Seit Zweitausend Jahren" (dt.: Paderborn: Igel Verlag, 1997), das als antisemitisches Vorwort zu einer jüdischen Selbstdarlegung mißverstanden wurde, in ihren Grundzügen und ihrer Bedeutung dargestellt, die schon rein zeitlich den Einstieg zum Tagebuch Sebastians liefert.

    Tatsächlich ist das Vorwort Ionescus genauso wenig antisemitisch wie es die von Corneliu Zelea Codreanu gegründete und geführte "Legion des Erzengel Michael", bekannt auch als "Eiserne Garde", zumindest ursprünglich war. Ionescu spricht vom "metaphysischen" Standpunkt, d.h. von dem der Orthodoxie. Für ihn ist das Leiden und die Zerstreuung Israels eine Konsequenz der Verleugnung des Messias. Dies kann aber durch die Konversion aufgehoben werden, wie Mircea Eliade in seinem Zeitungsartikel vom 22. Juli 1934, "Judaismus und Antisemitismus. Präliminarien zu einer Diskussion" (Müller, S. A 27 ff.) herausstreicht: "In der Geschichtsphilosophie hätte Hr. Nae Ionescu Antisemit sein können. Denn es gibt eine gewisse antisemitische Geschichtsphilosophie [Eliade nannte als Beispiele Chamberlain und Rosenberg]. Auf der Ebene der christlichen Theologie kann Hr. Nae Ionescu kein Antisemit sein, selbst wenn er es wollte. Denn was kein 'Antisemitismus' auf der Ebene der christlichen Theologie bedeuten? Die Unmöglichkeit der Erlösung, die Gewissheit der Verdammnis der Juden. Aber dies sagt die Kirche nirgends. (...) Wie kann man die Möglichkeit einer kollektiven 'Konversion' bestreiten, die ein neues messianisches Ferment vorbereiten kann, zum Beispiel durch eine neue prophetische und missionarische Invasion? Die individuelle Konversion ist etwas anderes, denn sie stößt auf die 'Struktur' der Person; aber eine Konversion mit messianischem Ferment, eine kollektive kann Strukturen auflösen." (Müller, S. A. 35 ff.) Daß auch dieser Standpunkt von der jüdischen Seite inakzeptabel ist, steht fest, jedoch steht im traditionellen Judentum ebenfalls außer Zweifel, daß das Exil und die Verfolgung eine gerechtfertigte Strafe Jahwes ist (allerdings natürlich nicht für die Kreuzigung des Messias), und die Assimilation, wie sie Sebastian vertritt, Abfall und Frevel sind. In Wahrheit sind sich jüdische und christliche Orthodoxie trotz ihrer Verfeindung näher als beide dem Liberalismus als Säkularisierungsprodukt beider Religionen.

    Die "Eiserne Garde" nahm nun den gleichen "metaphysischen" und "soteriologischen" Standpunkt wie ihr philosophischer Lehrmeister ein (Zu dem Verhältnis Ionescu/"Eiserne Garde" siehe: Nae Ionescu: Il Fenomeno Legionario, Parma: Edizioni all'insegna del veltro, 1998). Hinzu kommen allerdings noch zwei weitere Faktoren: die Ablehnung des Liberalismus, bei dem ein starkes jüdisch-assimiliertes Element nicht verleugnet werden kann, sowie der ökonomische Faktor. Die Frontstellung der konservativ-revolutionären Gardisten zum Liberalismus kann nicht einfach auf rein ideengeschichtlicher Ebene verhandelt werden. Wie Armin Mohler pointiert geschrieben hat, sind die "Werte der Liberalen schön und gut" - er nennt "Freiheit, Toleranz, das Recht auf Kritik" -, nur die "liberalen" Handlungen, da liegt der Hase im Pfeffer... Und darum vertreten die Liberalen jene Gesinnungsethik, die verlangt - nach Max Weber - "für seine guten Absichten (Gesinnungen) prämiert zu werden" (Armin Mohler: Liberalenbeschimpfung, Essen 1990, S. 133). Und für die Korruptheit der liberalen Praxis ist der rumänische Staatssumpf der Zwanziger und Dreißiger Jahre ein idealtypisches Beispiel. Die "Mafia" in Mohlers Dreiteilung gesellschaftlicher Alternativen "Mafia - Gulag - Agon", das sind die demokratischen Parteien Rumäniens und die von ihnen abhängigen Journalisten und Intellektuellen. Vom "Gulag" sollte Rumänien noch genug abbekommen. Und die Eiserne Garde ist zweifellos die rumänische Ausprägung des "Agon".

    Der dritte Faktor des antijüdischen Antagonismus der Garde lag auf dem wirtschaftlichen Gebiet begründet. Joachim von Kürenberg schreibt zum Beispiel über den Einfluß einzelner jüdischer Kapitalisten auf das rumänische Wirtschaftsleben: "Unter Carol II. war das Judentum in Rumänien bereits so erstarkt, daß über 65% des Volkseinkommens auf Juden entfielen, obwohl nur zwei Millionen Juden gegen neunzehn Millionen Rumänen standen. Banken und der größte Teil der Erdöl-Industrie waren in jüdischem Besitz. Was und wie viel verdient wurde, zeigte der Prozeß gegen den Groß-Industriellen Ausschnitt. Dieser unselige Prozeß mit allem, was darin aufgedeckt wurde, führte erst zum Antisemitismus der Eisernen Garde." (Joachim von Kürnberg: Carol II. und Madame Lupescu, Bonn: Athenäum Verlag, 1952, S. 146 f.) Wir können diese ökonomischen Behauptungen nicht nachprüfen, doch dürften sie dem Bild entsprechen, das sich die in tiefem Elend lebende rumänische Bauernschaft und die relativ zahlreichen, ökonomisch nicht sehr gut gestellten Intellektuellen gemacht haben, die die beiden Hauptrekrutierungsfelder für die Garde bildeten.

    Zu den zumindest vorübergehenden Sympathisanten der Garde zählten nun neben dem im Westen zu Unrecht unbekannten Nae Ionescu, auch die weltberühmten Mircea Eliade und Emil Cioran, alle drei zum persönlichen Umgang des jüdischen Roman- und Bühnenautors Mihail Sebastian gehörend, in dessen Tagebuch sich daher die notwendige persönliche Färbung zu den bisher erörterten Gegebenheiten finden läßt, dies allerdings aus der Sicht eines sich immer mehr in die Isolierung gedrängten, sensiblen und zunehmend verbitterten Menschen. Es tauchen selbstverständlich auch eine Menge heute völlig unbekannter Personen auf, zu denen der Herausgeber in der Regel nicht mehr zu vermerken weiß als "bedeutender Schriftsteller" oder "bedeutender Journalist", so daß die Relevanz zahlreicher Bemerkungen und Beobachtungen Sebastians für den Leser leider nicht erkennbar ist. Hier gäbe es sicher generell noch mehr zu tun, um die intellektuelle Landschaft Rumäniens vollständiger auszuleuchten, als dies bisher geschah. So entnehmen wir z.B. einer Fußnote: "Vladimir Donescu, der Herausgeber der Zeitschrift Vremea, schloss Sebastian aus der Redaktion aus, weil dieser in der Rampa einen kritischen Artikel über Vasile Lovinescu, einen mystizistischen Publizisten, veröffentlicht hatte." (FN 57, S. 812) Im Tagebuch selbst lesen wir, daß Eliade "'empört' gewesen [sei], als er im Beisein Donescus meinen Artikel in der Zeitschrift 'Rampa' las. Er fand keine Entschuldigung für mich und stimmte meinem 'Gegner' in allen Punkten zu." (S. 74) Nun war Lovinescu keineswegs ein "mystizistischer" Publizist, sondern der wichtigste Vertreter der "integralen Tradition" in Rumänien, der ein wichtiges Werk über die "dakische hyperboreiche Tradition" verfaßte - und man wüßte gerne warum ihn Sebastian angegriffen hat und wie sein Verhältnis zu Mircea Eliade ausgesehen hat.

    Eine interessante Bemerkung Sebastians betrifft die Quellen des Lehrers einer Generation, Nae Ionescu: "Ich lese (...) 'Jahre der Entscheidung' von Oswald Spengler. Überrascht, ganze Sätze, Formulierungen, Ideen, Paradoxa aus Naes Vorlesung darin zu finden. Sein ganzer Kurs vom vorigen Jahr (...), seine sämtlichen 'Trümpfe', all das findet sich bei Spengler mit einer verblüffenden Ähnlichkeit der Begriffe. Und ich habe das Buch noch nicht einmal zu Ende gelesen..." (S. 92)

    Natürlich beschäftigt sich Sebastian in seinen Tagebüchern nicht primär mit Beobachtungen über Kollegen, sondern wir erfahren weitaus mehr über den Entstehungsgang seiner eigenen literarischen Werke, sowie über das Auf und Ab seiner Liebesbeziehungen. Mit Beginn der Antonescu-Diktatur verdüstert sich dann das Leben Sebastians zusehends. Die Bedrohung für die Juden wird real, interessanter Weise genau ab jenem Moment, in dem die Eiserne Garde aus dem politischen Leben ausgeschaltet wurde. Beim berüchtigten Pogrom von Bukarest im Januar 1941 kann, trotz der weitgehend ungeklärten Details, eine legionäre Beteiligung nicht geleugnet werden. Jedoch ist Corneliu Zelea Codreanu zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als zwei Jahre tot, ermordet auf eine Weise, die der jüdische Schriftsteller Aderca als einen "Heiligentod" bezeichnet hat, wie wir dem Anfangs angeführten Zitat entnehmen.

    Der oftmals angeführte Massenmord in Iasi im Juni 1941 wird bereits durch rumänisches und deutsches Militär durchgeführt. Tatsächlich kann Antonescu nur im sogenannten "Altreich" (Walachei und Moldau) und in Siebenbürgen der deutschen Forderung nach Deportation der Juden widerstehen. Sebastians Tagebuch das in diesen Jahren seine Angst widerspiegelt, ist in diesen Abschnitten nur mit Erschütterung zu lesen - wenn es auch abwegig ist, es mit dem Tagebuch der Anne Frank zu vergleichen, wie dies am Umschlag geschieht. Ebenso erschütternd sind Sebastians Berichte über die alliierten Bombardements, die tatsächlich für Sebastian selbst eine nähere Bedrohung waren als die in der Zukunft drohende Vernichtung.

    Als im August 1944 die Panzer der Sowjetarmee durch Bukarest rollen, gehört Sebastian zu jenen die sich befreit fühlen. Paradoxerweise wird er nun vereinzelt wegen seiner einstigen Zugehörigkeit zu dem hier behandelten Intellektuellenkreis als Rechter angegriffen. "Traf zufällig Cocea. Er meinte: 'Ihr habt die Deutschen ins Land gebracht, ihr Leute vom 'Cuvântul'.' 'Nein, solche wie Sie waren das', kam meine Antwort postwendend. 'Sie haben mit den Nazis zusammengearbeitet!' Ich muss ihn sehr provoziert haben. Er kochte, fuchtelte aufgeregt. Vielleicht habe ich jetzt einen neuen Feind. Aber genug ist genug, um Gottes willen! Werde ich denn bis an mein Lebensende einer von den Leuten von 'Cuvântul' sein?" (Dienstag, 5. September 1944, S. 790)

    Sebastians letzte hier veröffentlichte Aufzeichnung stammt vom Sonntag, 31. Dezember 1944: "Der letzte Tag des Jahres. Ich schäme mich, so traurig zu sein. Es ist ja doch das Jahr, das unsere Freiheit wiedergeschenkt hat. Trotz aller Bitternisse, Enttäuschungen und Leiden ist an dieser fundamentalen Tatsache nicht zu rütteln." (S. 808) Am 29. Mai 1945 wurde Sebastian von einem Lastwagen niedergefahren und getötet. Ein Tod, dem in dieser Form noch zahlreiche Intellektuelle in den nächsten Jahrzehnten begegnen sollten, gleichsam als Handschrift der "Befreier"; auch wenn es heißt, daß im Falle Sebastians, der sich gerade auf dem Weg zu seiner Antrittsvorlesung als Literaturprofessor befand, wirklich der Zufall am Werk gewesen sein soll.

    Mircea Eliade vermerkte anläßlich von Sebastians Tod in seinem Tagebuch: "Diese Nachricht erschüttert mich, weil sie so absurd ist. (...) In meinen Träumen war er eine der wenigen Gestalten, die mir Bukarest erträglich machten. Selbst auf dem Höhepunkt meines legionären Einsatzes fühlte ich mich ihm nahe. Seine Freundschaft bedeutete mir äußerst viel. Adieu, Mihail!" (S. 26 f.)
     

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