Vom Beutetürken zum Mitbürger - die ersten türk./musl. "Gastarbeiter"

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von lynxxx, 11. Januar 2007.

  1. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied


    Hi,
    habe gerade das folgende Buch in die Finger bekommen und geblättert, und wollte euch das nicht vorenthalten, weil ich zumindest noch kaum was davon gehört habe.
    Das Buch ist übrigens empfehlenswert für den ersten kleinen Überblick.

    Rezension: *

    Faruk Şen / Hayrettin Aydın
    Islam in Deutschland
    München 2003
    Verlag C.H. Beck
    ISBN 3 406 47606 6

    S. 10-12:

    "Vom Beutetürken zum Mitbürger

    Historische Rückschau

    Díe Präsenz von Muslimen in Deutschland in größerer Zahl ist
    ein Phänomen der vergangenen Jahrzehnte. Dennoch reichen die
    Anfänge nunmehr drei Jahrhunderte zurück. Im Verlauf der
    kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Osmanischen
    Reich und den Mächten auf dem Balkan und in Mitteleuropa
    wurden bereits im 17. Jahrhundert Muslime als Kriegsbeute
    (»Beutetürcken«) in das Gebiet des heutigen Deutschland gebracht,
    die sich nach vollzogener »Türckentaufe« dort dauerhaft
    niederließen. Im 18. Jahrhundert kamen erstmalig Muslime ins
    damalige Preußen, denen die Glaubensfreiheit zugestanden
    wurde. 1739 vermachte der Herzog von Kurland dem preußischen
    König Friedrich Wilhelm I. 22 »Türcken«, die als Kriegsgefangene
    aus dem osmanisch-russischen Krieg 1735 – 39 mitgebracht
    worden waren. Diesen wurde von königlicher Seite die
    Glaubensausübung als Muslime zugesichert. Unter Friedrich II.,
    dem Großen, wurden die Kontakte Preußens zum Osmanischen
    Reich intensiviert. Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen
    zu Sultan Mahmud I. (1730 –1754) kam es wenig später
    auch zum Abschluß eines Handelsvertrags zwischen beiden
    Mächten. Als aufgeklärter Monarch sicherte Friedrich Muslimen
    die Glaubensfreiheit zu und formulierte diese mit den Worten:
    »Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die
    sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken
    und Heiden kämen und wollten hier im Land wohnen, dann
    würden wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.«
    Unter Friedrich II. wurden erste Muslime in die preußische
    Armee aufgenommen. 1741 warb er einige hundert tatarische
    Soldaten aus Polen an, deren Vorfahren dort bereits seit dem 14. Jahrhundert lebten. Sie wurden in das »Ulanenregiment« – die
    Bezeichnung »Ulanen« stammt von dem türkischen Wort oğlan
    (= Junge/Soldat) – eingereiht. In dieses Regiment, das bis 1760
    eine Stärke von bis zu 1000 Personen hatte, wurden in der Folge
    weitere Tataren und auch bosnische Muslime eingegliedert.
    Durch die osmanisch-preußischen Kontakte entstand schon im
    18. Jahrhundert in Berlin und Potsdam eine kleine Kolonie von
    etwa 100 Türken.
    1798 wurde für einen verstorbenen osmanischen Gesandten in
    Berlin eine Grabstätte eingerichtet, und 1866 erfolgte auf Anweisung
    Friedrich Wilhelms II. die Errichtung eines Friedhofs für
    osmanische Gesandte und Angehörige des Militärs am Columbiadamm.
    Eigentümer war zunächst das Osmanische Reich, später
    ging er in den Besitz der Republik Türkei über. Bis auf den
    heutigen Tag ist dies der einzige islamische Friedhof in Deutschland.
    Nach der Reichseinigung 1871 bemühte sich Deutschland um
    eine aktive Orient-Politik, die in der »deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft« während des Ersten Weltkriegs ihren Höhepunkt
    erlebte. Im Sinne dieser Politik bereiste Kaiser Wilhelm II. 1898
    das Osmanische Reich und sprach in Damaskus allen »Mohammedanern« seine Freundschaft aus. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs
    wurde bereits 1914 in Wünsdorf bei Zossen, nahe Berlins,
    eine Moschee für dort internierte muslimische Kriegsgefangene
    angelegt.
    Durch die intensiveren Kontakte kamen schon im 19. Jahrhundert
    Muslime aus dem Osmanischen Reich, aber auch aus anderen
    islamischen Ländern nach Deutschland, um zu studieren
    oder Handel zu betreiben. Zu Beginn der Weimarer Republik
    entstanden unter diesen Gruppen erste übergreifende muslimische
    Vereinigungen. Bereits 1922 wurde die Islamische Gemeinde
    Berlin, der 1800 Muslime unterschiedlicher Herkunft –
    darunter 20 Deutsche – angehörten, ins Leben gerufen. Dieser
    Gemeinde, die den Beginn des organisierten Lebens der Muslime
    in Deutschland markiert, sollten in den 1920er und 1930er
    Jahren weitere folgen. Bereits im Herbst 1924 legte die Ahmadiyya-Gemeinde, die erst unter der Bezeichnung Moslemische
    Gemeinschaft agierte und sich 1930 in Deutsch-Muslimische Gesellschaft
    Berlin e.V. umbenannte, den Grundstein für die erste
    Berliner Moschee, der auch heute allen Berlinern bekannten
    Moschee am Fehrbelliner Platz, einem Kuppelbau von 26 m Höhe,
    der von zwei 32 m hohen Minaretten flankiert wird. Möglich
    wurde dieser Bau, da die Gemeinde über eine solide finanzielle
    Basis verfügte. Die Gesellschaft bemühte sich um einen interreligiösen
    Dialog, der durch die Aufnahme von Christen und in
    Form von Veranstaltungen gepflegt wurde, an denen bis 1933
    auch bekannte Persönlichkeiten wie Thomas Mann, Hermann
    Hesse und Albert Einstein teilnahmen.
    Das bis heute aktive Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland
    wurde 1927, ebenfalls in Berlin, gegründet. Nach dem Zweiten
    Weltkrieg und der Teilung Deutschlands erfolgte seine Verlegung
    nach Soest in Nordrhein-Westfalen. Andere Organisationen, die
    in den Jahren der Weimarer Republik entstanden, sind die Deutsche
    Sektion des Islamischen Weltkongresses und das Islam-Kolloqium,
    eine erste islamische Bildungseinrichtung."

    Einige Anregungen:

    Anscheinend haben wir es hier mit einem Baustein für die "berühmte" deutsch-türkische Freundschaft zu tun? Wie ist sie entstanden? Wodurch zeichnet(e) sie sich aus? Unterschied sie sich zu anderen "Völkerfreundschaften"?
    Was war noch für diese "deutsch-türkische" Freundschaft maßgeblich?
    Nur Waffenbruderschaft?
    Oder war/ist die "deutsch-türkische" Freundschaft (zumindest heutzutage) eigentlich nur eine Freundschaft der Türken zu den Deutschen, ohne viel Gegenliebe?
    (Wer in der Türkei als Deutscher Urlaub gemacht hat, auch abseits der Touristenpfade, weiß, was ich meine.)

    (Klar ist natürlich, dass heutzutage trotz zahlloser Urlaubsreisen der Deutschen in die Türkei, die Mehrzahl der Deutschen ein schlechtes "Image" von den Türken oder der Türkei haben, wenn man den Umfragen glauben will. Aber wie sieht das bei den Eliten heute und in der Vergangenheit aus?)


    So, dann schauen wir mal.

    Ciao und bis denne, lynxxx.

    --------------------------
    * Rezension:
    Neue Zürcher Zeitung, 12.06.2004

    Für recht gelungen hält Rezensent Volker S. Stahr dieses Buch von Faruk Şen, das er im Rahmen einer Mehrfachrezension von Publikationen zum Thema Islam in Deutschland bespricht. Anders als er die meisten der besprochenen Bücher, die Stahr wenig hilfreich findet, da sie nicht um wirkliche Aufklärung bemüht seien, Ängste schürten und Meinungen statt Fakten servierten, habe Şen, Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, vor allem Fakten zusammengetragen und in knapper Form niedergeschrieben. Als Buch mit einführenden Charakter kann Stahr das Werk nur empfehlen, auch wenn zuweilen mehr Kommentar wünschenswert gewesen wäre.


     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Januar 2007
    1 Person gefällt das.
  2. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Hab gerade mit Interesse den Artikel gelesen und muß sagen, daß ich mich darüber nicht gewundert habe. Aber der Artikel scheint fast ausschießlich für Preußen zuzutreffen, das stets anderen Religionen gegenüber tolerant auftrat. Es gibt auch einen eigenen Pfad dazu, hier nachzulesen.

    Es gab aber auch die andere Seite der Medaille: Die habsburgischen römisch-deutschen Kaiser führten mehrere Jahrhunderte lang viele Kriege gegen das Osmanische Reich, das allerdings als Aggressor auf dem Balkan auftrat und z. B. auch Wien zweimal belagerte. Und auch nach dem Ende des HRRDN führten die Habsburger (nun als Österreicher) diese Kriege fort.

    Vielleicht ist es korrekter, wenn man in diesem Zusammenhang von Preußisch-Türkischer Freundschaft spricht?
     
  3. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied


    Naja, spätestens im ersten WK war es doch deutsch-türkische Freundschaft, und davor auch mit den Kontakten des Kaisers zum Sultan?

    Ich habe zum Thema mal ne interessante Magisterarbeit gefunden!

    THE BEGINNINGS OF OTTOMAN-GERMAN PARTNERSHIP:
    DIPLOMATIC AND MILITARY RELATIONS BETWEEN GERMANY
    AND THE OTTOMAN EMPIRE BEFORE THE FIRST WORLD WAR

    BY
    EDİP ÖNCÜ


    TABLE OF CONTENTS
    ABSTRACT
    ÖZET
    ACKNOWLEDGEMENTS
    TABLE OF CONTENTS
    LIST OF ABBREVIATIONS
    INTRODUCTION
    CHAPTER ONE: THE OTTOMAN EMPIRE BEFORE THE REVOLUTION OF 1908
    A. Political and Military Relations Between the Ottoman Empire and Germany Before the Reign of Abdulhamid II
    B. Political and Military Relations Between the Ottoman Empire And Germany During the Reign of Abdulhamid II
    CHAPTER TWO: THE OTTOMAN EMPIRE AFTER THE REVOLUTION OF 1908
    A. Domestic Affairs
    B. International Affairs
    C. Ottoman-German Relations
    CHAPTER THREE: THE OTTOMAN EMPIRE FROM THE RAID ON THE PORTE TO THE SECRET ALLIANCE OF AUGUST 2, 1914
    A. Developments Before the Arrival of Von Sanders Mission
    B. The Ottoman Empire Before July 1914
    CHAPTER FOUR: FROM THE ALLIANCE TREATY TO THE DECLARATION OF HOLY WAR
    A. Developments Until the Arrival of the Goeben and Breslau
    B. German-Ottoman War Aims and the Ottoman Empire’s Entry into the First World War
    CONCLUSION
    APPENDICES
    BIBLIOGRAPHY


    Hier:
    http://www.thesis.bilkent.edu.tr/0002417.pdf

    interessant, interessant... :)

    Ciao, lynxxx
     
  4. Esra

    Esra Neues Mitglied

    "Der letzte Krieg in dem türkische und deutsche Sodaten gegeneinander ins Feld zogen war die zweite Belagerung von Wien im Jahr 1683. Auch Kronprinz Ludwig, der Sohn von Fürst Ernst August von Hannover, gehörte zu denen, die Österreich zu Hilfe eilten. Er kam mit einer militärischen Einheit deutschen Soldaten. Die zwei osmanischen Sipahi (Reiter) Şemdinli Derviş Mehmet und Hasan wurden von dieser „Hannoverianischen Einheit” als Kriegsgefangene nach Hannover gebracht. Sie starben dort acht Jahre später und wurden nach islamischer Tradition beigesetzt. Die Grabstätten wurden restauriert und unter Denkmalsschutz gestellt. Dies geschah durch eine Zusammenarbeit zwischen dem Generalkonsulat der Republik Türkei in Hannover und der Stadtverwaltung.
    Mit Ausnahme von diesem Krieg haben das türkische und das deutsche Volk für mehr als 300 Jahre nicht aufeinander geschossen. In Anbetracht von hunderten blutigen Kriegen, die auf dem europäischen Kontinent stattgefunden haben - darunter zwei Weltkriege – ist es nicht falsch zu sagen, dass die friedlichen türkisch-deutschen Beziehungen in der Geschichte Europas eine Ausnahme sind." ( quelle : http://www.tuerkischebotschaft.de/de/trde/geschichte.htm )
    Von deutscher Seite war es äußerst respektvoll gewesen, dass die Kriegsgefangen nach islamischer Tradition beigesetzt worden waren . Wenn man die Situation bzw. die Lage heute betrachtet, wo teilweise abscheulich und nicht respektvoll religiöse Gruppierungen sich gegenseitig bekämpfen oder wo immer mehr die Toleranz gegenüber anderen Religionen verloren geht, dann zeigt sich in wie weit sich doch die Gesellschaft verändert hat.

     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2007
  5. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

  6. Esra

    Esra Neues Mitglied

  7. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Danke euch auch für die interessanten Links. Werde sie mir nachher mal reinziehen... ;)


    osm. Militärmusik hört man nicht alle Tage... ;)

    Esra: bist du die Autorin des Links von dir? Brauchst auch nicht antworten, wenn du lieber anonym bleiben willst... ;)
     
  8. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied



    Es ist interessant, dass in jenen Zeiten die Religion mehr gezählt hat als die Herkunft. Ein Türke war als Heide verachtet, ein Jude aufgrund seiner Religion. Ließen sich aber die Türken und Juden taufen (wobei sie ihren ursprünglichen Namen ablegten und einen christlichen Namen erhielten), waren sie im Großen und Ganzen ihren christlichen Mitmenschen gleichgestellt.

    Eine solche Heidentaufe war oft eine recht feierliche Handlung. Das Interesse an dem Vorgang war zuweilen so groß, dass die Taufe nicht in der Kirche sodern auf dem Marktplatz stattfinden musste, damit alle Schaulustigen auf ihre Kosten kamen. Als Taufpaten fungierten oft hochgestellte Bürger, Patrizier, Bürgermeister, für die dies eine Ehre war.​

    Ich bin bei meinen Exkursionen durch die Kirchenbücher auf so manch eine "Türcken=Tauff" oder "Juden=Tauff" gestoßen. Das liest sich z.B. so:​

    (Anm.: Ofen = Budapest)

    Gruß​

    Jacobum​
     
  9. Esra

    Esra Neues Mitglied

    @ Iynxxx : Nein, bin leider nicht die Autorin :)
    @ Jacobum . Danke für die Information , nur frage ich mich warum die Taufe der islamischen Türken als ""Türcken=Tauff" , und somit nach der Nationalität und nicht nach der Religion, bezeichnet wurde . Hingegen wird die Taufe der Juden als " Juden Tauff " bezeichnet . Ungewöhnlich.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Tür(c)ke ist in historischen Bezügen vielfach bedeutungsgleich mit Muslim und muss nicht die ethnische Herkunft bezeichnen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Januar 2007

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