Wandel in der Wahrnehmung der Kreuzzüge

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von -muck-, 1. September 2017.

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  1. Witiko

    Witiko Mitglied

    Du hast recht. Es ging um die Aussage von Papa_Leo, ausser den Fürsten werde [man] meist nicht gefragt, ob man mitwolle oder nicht.

    Ich stimme dir voll und ganz zu (siehe #26), wenn du sagst :

    Dass nun einige die Chance zum Aufstieg nutzten, wie Ibelin, bedeutet nicht dass die Mehrheit der kleinen Ritterschaft, die auf dem Kreuzzug mit dabei war, die gleichen Ziele verfolgte. Zumal ja auch nicht soviel Besitz zur Verfügung stand, v.a. nach dem Ersten Kreuzzug war ja das allermeiste schon in fester Hand. Und für Beutezüge sucht man sich in der Regel leichte Ziele aus (siehe Wikinger und Klöster): auf der Reise und in Palästina selbst lauerten für den geldgierigen Landräuber erheblich mehr Gefahren, als bspw. für den nordfranzösischen Ritter, der gegen die Katharer zog (denn in dem Fall war klar, wer siegen würde) oder den deutschen Adeligen, die im Baltikum wüteten (auch hier war die Stärke der Gegenwehr im Vergleich zu Palästina nicht sehr abschreckend)

    Ich sehe es so wie du: man sollte an diese Epoche nicht mit unserem heutigen Verständnis von Ethik/ Politik herangehen.

    Holzschnittartig lässt sich also über die Motivationen sagen: religiöse wie auch pragmatische Beweggründe waren von Anfang an der Antrieb der Kreuzfahrten; dabei nahmen pragmatische Motive eher zu, je höher man sich in der Hierarchie befand, und eher ab, je niedriger man sich befand.
     
  2. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Bzgl. anderer Motive: völlig einverstanden, Macht und Beute sind ja auch schon zwei, Religion, meinetwegen sogar Abenteuerlust (Stephan von Blois scheint wenigstens zum Teil wieder auf Kreuzzug gegangen zu sein, damit seine Frau ihn wieder in ihre Kammer lässt).

    Auch ich muss präzisieren: Es geht mir nicht in erster Linie darum, die Kreuzzüge als "gut" oder "schlecht" zu beurteilen (in einem moralisch / ethischen Sinn). Das Urteil, um das es mir geht, ist ein Urteil bzgl. der Motivation - und das relativ wertfrei, soll heißen, dass das Motive der Religion nicht automatisch "gut" und das der Herrschaftserweiterung nicht automatisch "böse" ist. Aber um die Kreuzzüge (und vielleicht sollte ich noch mehr präzisieren: Den Ersten mit Gottfried, Bohemund, Tankred etc) verstehen zu können, muss ich mir auch die Motive der Verantwortlichen anschauen.

    Bzgl. der Moral: Es ist natürlich problematisch, nach modernen ethischen Vorstellungen geschichtliche Ereignisse zu beurteilen ... ich bin mir aber nicht ganz sicher, dass man das niemals sollte. Das führt aber jetzt evtl. zu weit und wird zu philosophisch?
    Aber: man kann Ereignisse auch vor dem Hintergrund der damaligen Moralvorstellungen versuchen zu beurteilen (wurde hier ja auch schon dargelegt, dass die Hinrichtung von Wehrlosen/Gefangenen auch im Mittelalter nicht normal war). Da finde ich die Frage schon interessant, wo die Motive der Menschen tatsächlich lagen und wie das dann mit damaligen Werten vereinbar ist.

    Dass mittelalterliche Religiosität und moderner christlicher Glaube einander nicht entsprechen ist völlig richtig (deshalb verstehe ich auch nicht, warum manche in einer Kritik an den Kreuzzügen auch gleich eine religionsfeindliche Haltung sehen).
     
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  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Über Jahrhunderte hinweg waren die Kreuzzüge Gegenstand ganz unterschiedlicher Interpretationen. Das Spektrum reicht vom Wahnsinn eines religiösen Fanatismus bis zur romantischen Glorifizierung einer christlichen Ritterlichkeit. Bei einigen muslimischen Gruppen gibt es die Tendenz, politische und religiöse Auseinandersetzungen unserer Zeit mit den hochmittelalterlichen Kreuzzügen zu vergleichen.

    Alle diese Vergleiche und scheinbaren Parallelen hinken. Die moralischen Maßstäbe unserer Zeit lassen sich nicht auf die Zeit vor tausend Jahren übertragen, denn man muss Menschen und Ereignisse aus den Bedingungen ihrer Zeit heraus beurteilen. Das Christentum war in Europa tief verankert und im Gegensatz zu heute war die Gesellschaft des 11. Jahrhunderts von einer kaum noch vorstellbaren Spiritualität geprägt. Ob Geburt und Tod, Ehe, Rechtsprechung oder Lebenswandel - die christliche Lehre wirkte sich auf alle Bereiche des menschlichen Lebens aus.

    Die Päpste sahen es als ihre Aufgabe an, die Christenheit zu beschützen. Zugleich festigten sie mit dem Kreuzzugsgedanken ihre päpstliche Macht. Somit war es eine geniale Idee des Papsttums, das Ideal eines heiligen christlichen Kriges zu ersinnen, in dem Akte der Gewalt erlaubt waren, da sie dazu dienten, die Seele des Kreuzritters von Sünde zu befreien. Auf muslimischer Seite gab es dazu im Dschihad zahlreiche Parallelen.
     
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  4. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Mir erschließt sich nicht, welche Bedeutung von ´genial´ du hier intendierst. Laut Duden steht ´genial´ für (1) Genie erkennen lassend (also "schöpferisch genial", Anm. Chan), (2) überragend, (3) großartig. Ich tue mich schwer darin, diese Bedeutungen auf deine Aussage über die "Genialität" der päpstlichen Idee zu übertragen, weil diese Idee - wie du selbst schreibst - "Akte der Gewalt" legitimiert. Mehr noch: Als Parallele zu dieser "genialen" Praxis ziehst du den Dschihad heran, scheinst ihm also ebenfalls einen "genialen" Aspekt beizumessen.

    Wahrscheinlich meinst du ´genial´ so, wie man z.B. eine Geschäftsidee als ´genial´ bezeichnet. Nur wirkt ´genial´ im Kontext von blutiger Gewalt - bedenkt man die normalerweise positive Konnotierung dieses Begriffs, wenn er auf Leute wie Mozart, Goethe und Einstein bezogen wird - ziemlich inadäquat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. September 2017 um 19:43 Uhr

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