Wann ging die griechische Religion unter?

Dieses Thema im Forum "Antikes Griechenland" wurde erstellt von Gast, 21. Januar 2011.

  1. Gast

    Gast Gast


    Hallo liebe Geschichtsinteressierte,

    eine Frage: wann ging die griechische religion unter? bzw wann hatte das christentum über die anhänger der griechischen religion gesiegt?
     
  2. tela

    tela Aktives Mitglied

    Ob man zum Zeitpunkes des 'Sieges' des Christentums noch von einer lebendigen griechischen Religion sprechen kann, ist sehr fraglich. Aber im Prinzip hat das Christentum in dem Augenblick gesiegt, als es als alleinige Religion im Römischen Reich anerkannt war, also 391 n. Chr.
     
  3. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied


    Ich hingegen denke , das diese Aussage , zwar gestützt auf Gesetzgebung von
    Theodosius I. , in welchem das Christentum als Staatsreligion des oström.
    Reiches festgelegt wird , nichts zur Weiterexistenz anderer Religionen
    aussagt.

    Auch griechische Götterkulte könnten durchaus noch lange existiert
    haben - überall da, wo es griechische Gemeinden gab zB.
    in Ägypten , Persien etc.

    Ganz genau wissen wir es nicht.
     
  4. tela

    tela Aktives Mitglied

    Da hast du Recht.
     
  5. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Sehr interessant hierzu ist das schmale, aber lesenswerte Büchlein von Peter Brown: "Die letzten Heiden" (dtv).
    Zeitweilig herrschte laut diesem Buch ein erstaunlicher Konkurrenzkampf zwischen den heilsbringenden Religionen in den römischen Provinzen jenseits des Mittelmeers: allerlei Asketen etc. buhlten quasi darum, wer denn am heiligsten erscheine - das soll sich teilweise bis ins 5.Jh. hinein so abgespielt haben. Und die Kulte - darunter auch die verschiedenen und untereinander zerstrittenen Christen - jagten einander die Besonderheiten ab: so gab es nicht nur christl. Asketen, Einsiedler, Säulenheilige, sondern auch andere.
    Hierbei sollte aber nicht davon ausgegangen werden, dass speziell das griechische Pantheon als griechische Religion in dieser Zeit auftrat - vielmehr hatte es wohl eine bunte Mischung aus allerlei oriental.-griech.-röm. Tempeln gegeben.
    Bzgl. der griech. Philosophie dürfte die Schließung der "heidn. Universität" unter Kasier Justinian eine Art Schlußstrich markieren.
     
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  6. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die Manioten - Bewohner einer abgeschiedenen Landschaft im Süden des Peloponnes - waren noch im 9. Jhdt. teilweise Heiden.

    Einer - allerdings tendenziösen - Darstellung zufolge soll der byzantinische Kaiser Alexander (879-913) ein Anhänger des Heidentums gewesen sein und versucht haben, die alten Götter wiedereinzuführen. Z. B. soll er den Statuen im Hippodrom Opfer dargebracht haben, in der Hoffnung, von seinen zunehmenden Potenzproblemen geheilt zu werden. Man kann aber wohl davon ausgehen, dass er, sofern die Darstellung überhaupt stimmt, mit seinem Vorhaben ziemlich allein dastand.
     
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  7. xdown

    xdown Neues Mitglied

    als das Christentum als Religion festgelegt wurde, mussten alle dies dann annehmen? weil in diesen Gebieten haben ja davor auch andere gelebt, die andere Religion hatten..?
     
  8. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Der von Kaiser Theodosius erlassene Codex Theodosianus geht schon wesentliche Schritte als lediglich die Zulassung des Christentums als Stattsreligion weiter:

    aus: IMPERATORIS THEODOSII CODEX liber decimus sextus.

    ich habe noch eine deutsche Übersetzung gefunden:

    Quelle: Aufgabe des GBI

    Aber auch das Römische Reich war groß und der Zar (ähm.. Cäsar) war weit.

    Die nächste Frage, wie weit die drakonischen Anordnungen auch jeweils durchgesetzt worden sind.
     
  9. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

    Die griechische Religion, die ja eigentlich eher eine Götterwelt als ein System war, hatte anders als das Christentum keinen empathischen Charakter und vermittelte kaum Werte. Sie fing den Gläubigen in seiner Schwäche und Ratlosigkeit gegenüber den Widrigkeiten des Lebens nur unzureichend auf und ließ sich auch nicht groß über den Weg zu einem guten oder gerechten Menschen aus. Deswegen brauchte es auch kaum einen Schwerthieb zu seinem Untergang.
     
  10. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ganz so kritisch würde ich die griechische Religion nicht sehen. Dass sie kaum moralische Werte vermittelte und auch nicht wirklich so etwas wie eine Erlösung versprach, ist die eine Seite, die andere ist die, dass sie mehr einen "do, ut des"-Charakter hatte als z. B. das Christentum. Man meinte, durch Opfer quasi einen Anspruch auf Erfüllung der Wünsche erwerben zu können. Dazu kam noch die Möglichkeit, mit den Göttern in Form von Orakeln in direkten Kontakt treten und von ihnen sogar eine Antwort bekommen zu können.
     
  11. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Irgendwann wars offiziell endgültig vorbei.

    Quelle: Justinian I. ? Wikipedia
     
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  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    In den Jahren 380 und 390/91 erklärte Kaiser Theodosius I. das Christentum in mehreren Gesetzen zur Staatsreligion, indem er alle anderen Kulte im Imperium Romanum verbot. Damit war allen Anhängern anderen Glaubens der Boden entzogen, darunter auch der griechisch-römischen Staatsreligion. Als Folge wurden die alten Tempel zerstört, teilweise auch in christliche Kirchen umgewidmet.

    Allerdings muss man festhalten, dass die traditionsreiche römische Staatsreligion mit dem Götterhimmel umd Jupiter/Zeus zu diesem Zeitpunkt längst erstarrt und zu einer äußerlichen Formalität geworden war. Die Mysterienkulte um Mithras, Isis und Osiris oder Kybele und Attis hatten sich längst in der Bevölkerung ausgebreitet und waren scharfe Konkurrenten des Christentums - insbesondere der Mithtaskult.
     
  13. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Es gab einen erfolglosen Versuch Kaiser Julians i.J. 360-363, die alten Religionen wiederzubeleben. Nach dessen Scheitern war Schluss Aber der Kult war schon viel früher hohl geworden. Warum? Wohl hatte der Polytheismus mit den Stadtstaaten zu tun; diese Situation war im Römischen Reich nicht mehr gegeben.

    Es gibt ein sehr prägnantes Wort von Josef Pieper, das die Wende vom antiken (polytheistischen) zum mittelalterlichen (christlichen) Zeitalter verdeutlicht:

    "Im Jahre 529 schließt ein Erlass des christlichen Kaisers Justinian die platonische Akademie in Athen, ... in demselben Jahr gründet der heilige Benedikt das Kloster Monte Cassino."
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. April 2011
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  14. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Ich glaube nicht, daß Polytheismus nur in den Stadtstaaten funktionierte, vielmehr hatten die Menschen Bedürfnisse, die die heidnischen Kulte nicht befriedigen konnten. Es gab eine Reihe von östlichen Kulten, zum Teil mysteriöse, die eine hohe Attraktivität hatten, weil sie den Menschen anders ansprachen. Jupiter/Zeus hatten letztlich nichts, was sie anbieten konnten. Keine Offenbarung, kein Versprechen, keine Hoffnung, keine Antwort.
     
  15. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich sehe das wie hjwien.

    Einen Zusammenhang zwischen Polytheismus und Stadtstaaten kann ich nicht erkennen. Das Alte Ägypten war schließlich auch über Jahrtausende hinweg als meistens geeinter Staat polytheistisch.

    Den alten griechischen und römischen Götter wurde zwar noch geopfert, aber das war eher hohler Formalismus, wirklich an sie geglaubt haben wohl nicht mehr allzu viele. Es gab zwar noch zahlreiche Heiden, aber die hingen verschiedenen spezielleren Kulten, die sich auf einen oder einige wenige Gottheiten aus polytheistischen Religionen konzentrierten, oder philosophisch-religiösen Strömungen wie dem Neuplatonismus an.
    Das Christentum bot genau das, was die Massen brauchten und wollten: Ein Eingottglaube mit gerade der richtigen Dosis Mystizismus, um nicht zu banal, aber auch nicht zu abstrakt zu sein, dazu eine Morallehre und soziales Engagement. Nicht zu vergessen das Erlösungsversprechen, das in diesen schwierigen Zeiten natürlich auch zog.

    Einen gewissen Wiederbelebungsversuch gab es übrigens auch unter dem oströmischen Gegenkaiser Leontius (484-488): Leontius war einfacher Herkunft, machte beim Militär Karriere und wurde schließlich zum Patricius ernannt. 484 wurde er vom Heermeister Illus zum Gegenkaiser gegen Zeno erhoben und residierte in Antiochia. Vor Zenos Armee flohen sie nach Papyrios, eine isaurische Bergfestung, wo sie belagert wurden. Dort konnten sie vier Jahre lang standhalten, bis die Festung 488 durch Verrat fiel. Leontius und Illus wurden geköpft und ihre Köpfe nach Konstantinopel geschickt. Während seiner Herrschaft versuchte er sich vor allem auf die Heiden zu stützen und kam ihnen entsprechend entgegen.
     
  16. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Den Leontius kannt ich gar nicht, danke.

    Daß Julian Apostata mit seinen heidnischen Bestrebungen anachronistisch war, zeigte sich auch auf anderen Ebenen. Er versuchte, als Kaiser wieder "bürgernäher" wie ein Princeps des zweiten Jahrhunderts zu sein, scheiterte aber genau damit an seinen Adressaten, den Senatoren, die von einem Kaiser mittlerweile ein ganz anderes Verhalten, nämlich das des gottgleichen Herrschers, erwarteten. Seine Annäherungsversuche wurden als Beschädigung des Ansehens des Kaisers gewertet.
     
  17. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Man könnte grundsätzlich fragen - Stichwort: Götterwelt statt System -, ob es so etwas wie die griechische Religion überhaupt gegeben hat; das ist so ähnlich wie bei der Religion der Germanen. Richtig ist, dass das Christentum als Konkurrenz ein in vieler Beziehung "marktgerechteres" Produkt war, das, wo es notwendig erschien, auch mit entsprechender weltlicher Unterstützung verbreitet wurde. Wie "tief" dieses Angebot (oder welcher Teil davon) von den Menschen rezipiert wurde, muss natürlich offen bleiben; die Realgeschichte liefert dazu widersprüchliche Belege.

    Aber die Erwähnung der anderen Kulte lässt mich an Hegels "Aufhebung im dreifachen Sinne" denken. Man könnte argumentieren, das Christentum habe die griechische Religion

    1. aufgehoben im Sinne von beseitigt, insofern die alte Götterwelt und ihr Kult vernichtet wurde,
    2. aufgehoben im Sinne von bewahrt, insofern als das "Heidenchristentum", das sich anstelle des "Judenchristentums" dauerhaft etablierte, ohne hellenistische Einflüsse gar nicht zu denken ist und auch religiöse Motive inkorporiert hat, die schon die Griechen kannten,
    3. aufgehoben im Sinne von hinaufgehoben auf eine höhere Stufe (mit Konzentration auf einen Gott bzw. auf die Trinität, ausgefeilter Dogmatik, äußerst starkem Sanktionspotential immanenter wie transzendenter Art usw.).
    Als dritter Vorsitzender des Julian-Fanclubs verweise ich auf http://www.geschichtsforum.de/414081-post8.html
    Wo/wann hat er den Versuch unternommen? In der Festung? In der kurzen Zeit davor? Hast Du Literatur dazu?
     
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  18. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Allerdings hat sich das Christentum schon vor seiner endgültigen Duldung durch Konstantin I. gut gehalten und verbreitet - und das trotz wiederholter Verfolgungen. Natürlich war seine Förderung durch den Staat ab dem 4. Jhdt. hilfreich (wobei die kaiserliche Einmischung in Glaubensfragen und innerkirchliche Angelegenheiten aber nicht nur positive Folgen hatte), aber sie war nur ein zusätzlicher Turbo.

    Natürlich schon vor seiner Einschließung. Leontius selbst war allerdings anscheinend schon Christ, die Heiden waren für ihn nur Mittel zum Zweck.
    Bzgl. der Literatur verweise ich auf Norwich: "Byzanz - Der Aufstieg des oströmischen Reiches". Bei Wikipedia steht auch etwas darüber: Persecution of Pagans by the Christian Roman Empire - Wikipedia, the free encyclopedia
     
  19. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Diesen Diskussions-Evergreen will ich nicht aufgreifen, jedenfalls nicht in diesem Thread.:scheinheilig:

    ... gibt es offenbar mehr, als ich in Erinnerung hatte, z.B. Barbarische Bürger: die Isaurier und ... - Google Books (S. 52 unten):
    Dass L. in einer "Liste heidnischer Empörer" auftaucht, sei "irreführend". "Man nahm die Liste sogar zum Anlaß, eine tatsächlich erfolgte heidnische Revolte zu dieser Zeit anzunehmen. Dies ist jedoch schon aufgrund der Tatsache abwegig, dass bei der von dem Christen Illus betriebenen Krönung des Usurpators Leontius im Jahr 484 dessen Rechtgläubigkeit eigens herausgestellt wurde, auch wenn es sich um eine übliche Formel bei Krönungszeremonien gehandelt haben mag." - Von einem "gewissen Wiederbelebungsversuch [des Heidentums]" durch L. zu sprechen, ist nach dieser Darstellung relativ kühn. Aber egal.
     
  20. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Das ist genau die richtige Frage. Sowohl vom Wortsinn im lateinischen Ursprung als auch von der Bedeutung, die das Wort im Laufe der Zeit im allgemeinen Sprachgebrauch genommen hat, geprägt für das europäische Verständnis durch die monotheistischen Religionen, paßt das Wort Religion eigentlich gar nicht zu den antiken griechischen Kulten.
     

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