Warum wurde Napoleon von den Alliierten verschont?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von AmicusCertus, 6. September 2016.



  1. AmicusCertus

    AmicusCertus Neues Mitglied

    Hallo,

    ich frage mich schon seit längerer Zeit, warum die Alliierten bzw. die Gegner Napoleons ihn nach der Völkerschlacht bei Leipzig oder der Schlacht bei Waterloo verschont haben, sodass er abdanken musste. Ich weiß, dass Napoleon - trotz seines strategischen/taktischen Genies - sowieso keine Chance mehr hatte, denn gegen so viele Gegner bzw. feindliche Länder hat selbst der größte Feldherr keine Chance. Trotzdem stellte er noch eine Gefahr dar bzw. konnte man erahnen, dass, wenn er aus dem Exil kommen sollte, wieder viel "Arbeit" auf die Alliierten zukommen würde. Wieso gingen die Alliierten also dieses Risiko ein? Hatten sie zu großen Respekt vor Napoleon? Lag es daran, dass er trotz der Niederlage/n beliebt bei dem französischen Volk war?

    Ich stelle mir diese Frage nämlich deswegen, weil normalerweise Herrscher immer/meistens ermordet wurden, statt begnadet zu werden. Das einzige Gegen-Beispiel, das mir da spontan einfällt, ist der letzte inoffizielle weströmische Kaiser Romulus Augustulus, der ja von Odoaker verschont wurde; aber auch nur, weil Romulus überhaupt keine Gefahr darstellte.

    Ich persönlich bin ja vollkommen gegen die Todesstrafe oder andere Bestrafungen, selbst, wenn derjenige schuldig ist, denn ich bin der Meinung, dass kein Mensch das Recht hat über das Leben eines anderen Menschen zu bestimmen; aber damals waren Todestrafen usw. normal und standen an der Tagesordnung.

    Würde mich über eine Antwort eurerseits freuen!
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eiin nicht quellenbasierter Erklärungsversuch:
    Auch wenn Napoleon ein Emporkömmling war, er war ein Gekröntes Haupt, verschwägert mit den Habsburgern, sein Sohn wuchs daher in Wien auf.
    Wir befinden uns in der Zeit der Restauration, in der es darum ging, die Errungenschaften der Frz. Revolution rückgängig zu machen und das Ancien Régime wiederherzustellen. Es ging aber auch darum, die Auswüchse der Frz. Revolution, den Terreur vergessen zu machen. Eine Hinrichtung Napoleons hätte womöglich den verbliebenen Jakobinern in die Hände gespielt (nur weil sie keine Macht mehr hatten, waren die Anhänger der Jakobiner ja nicht verschwunden).
    Auch Napoleon selbst hat, obwohl er zeitweise Zugriff auf die spanische, österreichische und preußische Monarchenfamilie sowie auf den Papst hatte, diese nie um ihren Hals bedroht oder als Geiseln (etwa gegen die spanische Guerilla) missbraucht. Insofern scheint es mir gar nicht opportun gewesen sein, Napoleon hinzurichten. Man mag seine Möglichkeiten unterschätzt haben. Aber wer sollte denn wissen, dass Napoleon es schaffen würde, von Elba zurückzukehren und wieder Anhänger um sich zu scharen. Frankreich war 1814 geschlagen.
     
  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Nach seiner Niederlage 1814 wurde Napoleon zum Fürst von Elba gemacht. Natürlich war das effektiv eine Verbannung, aber die Form wurde gewahrt: Napoleon blieb ein (formal) souveräner europäischer Fürst, und er behielt eine (kleine) Armee. Nach der Herrschaft der hundert Tage scheinen seine Gegner, voran die Briten, nicht mehr gewillt zu solchen Zugeständnissen. Auf St. Helena war Napoleon mWn tatsächlich ein Gefangener, stand unter britischer Bewachung, und außerdem lag diese Insel weit von Europa entfernt im nirgendwo. Eine Rückkehr wie von Elba war damit auch praktisch augeschlossen.

    Eine Hinrichtung Napoleons hätte aus ihm einen Märtyrer gemacht und hätte mE eher eine Gefahr für die Restauration der bourbonischen Herrschaft bedeutet als ein Gefangener weit draußen im Atlantik.
     
  4. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Nun gut ich finde es auch ein bisschen komisch, dass der kleine Fisch Ney mit dem Leben bezahlen musste, aber Napoleon verschont wurde.

    Aber, dass ist Geschmackssache, wobei es häufig so ist das tote Helden für die Herrschenden noch gefährlicher sind als lebende, hat die Geschichte sehr gezeigt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. September 2016
  5. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Womit sich auch folgende vieldiskutierte Fragen stellen:
    a) nach der Immunität von – amtierenden und ehemaligen – Staatsoberhäuptern,
    b) nach den Rechtsgründen, wie man eine Anklage und Verurteilung Napoleons hätte rechtfertigen können. Weil er ständig Krieg geführt hat? Das hätte nach damaliger Rechtsauffassung nicht ausgereicht.

    Ich beweifle, dass dieses zu Zeiten Napoleons "normal" gewesen sein soll. Welche europäischen Ermordungen von Staatsoberhäuptern aus den letzten drei Jahrhunderten vor Napoleon hast Du dabei im Auge?
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. September 2016
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Die Verbannung war doch damals sehr üblich, weniger die Ermordung, auch wenn Napoléon mit der Tötung des Duc d'Enghien selber einen Präzedenzfall schuf und zumindest in dem Fall ziemlich eindeutig als Mörder hätte juristisch angreifbar gemacht werden können. Cadoudal wurde hingerichtet, Pichegru eventuell ermordet, Toussaint d'Ouverture starb im Gefängnis.

    Zahlreiche von Napoleons politischen Gegner hingegen wurden verbannt. Man denke an Madame de Staël oder Moreau.
     
  7. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    ...weil Blücher seiner nicht habhaft werden konnte.

    Gruss, muheijo
     
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  8. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Denk ich auch mal. So wie z.B. (höhere) Stände im Krieg generell dazu neigen, standesgemäße Behandlung für Gefangene zu fordern. Ein Monarch wirft einen Monarchen nicht dem Volk zum Fraß vor, wo kämen wir da hin.
    Außerdem wollte man natürlich nicht seine Anhänger aufwiegeln, wie Reineke bereits bemerkt hat.
     
  9. Bliblablub

    Bliblablub Neues Mitglied

    Die englische Führung dürfte die Gründe abgewogen haben. Gibt's bestimmt eine Quelle dazu, soweit ich mich erinnere hatten die Engländer vor allem ziemlichen Spundes vor dem Charisma Napoleons. Es liegt auch in der Zeit, den charismatischen Faktor tatsächlich auch zu berücksichtigen. Hinrichtung wurde auch erwogen und Napoleon hatte auf Elba auch heftige Befürchtung, von englischer Seite gemeuchelt zu werden.

    Ferner aber auch um den Wiener Kongress die entstehenden, nun so wichtigen diplomatischen "Prinzipien" von höherem Gewicht, wie das Legitimitätsprinzip als fixe Bestandteile eines Fundaments von Verhandlungen ( Wiener Kongress | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften ).
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. September 2016
  10. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

  11. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Napoleon war trotz der verheerenden Niederlage bei Leipzig nicht in Gefangenschaft geraten, und seine Armee war immer noch stark genug, die Bayern bei Hanau zu schlagen, und der Feldzug 1814 in Frankreich war auch kein Kinderspiel für die Alliierten, im Gegenteil.
    Die hier schon vorher genannten Erklärungen sind plausibel, jedenfalls was die 1. Exilierung nach Elba anbelangt.
    Ich halte insbesondere das Fehlen von echten oder auch an den Haaren herbeigezogenen Anklagepunkten für den stärksten Grund, dass es keine Hinrichtung Napoleons gab.

    Ein wenig anders sehe ich es für die Situation nach verlassen von Elba:
    Immerhin hat ihn der Wiener Kongress für "vogelfrei" erklært, geächtet.
    Insofern hätte es schon sein können, dass er von wem auch immer folgenlos hætte getøtet werden kønnen, dazu hætte es dann nicht einmal mehr Anklagen oder gar Gerichtsverhandlungen geben müssen.
    Insofern hat er da den Status als einer der gekrønten Hæupter Europas verloren, Verwandtschaft zu Habsburg hin oder her.
    Dass haben ihn die Briten ja dann auf St. Helena auch spüren lassen - er war dort nur noch "General Bonaparte", ein Umstand, der ihn sehr verbitterte und zu Streitigkeiten im täglichen Umgang bis hin zur Inschrift auf seinem Grabstein führte (Der blieb dann letztendlich ohne Inschrift, weil man sich nicht einigen konnte).

    Die Gefahr wurde gesehen, weshalb man schon während seines Aufenthaltes auf Elba über eine Verbannung auf eine entferntere Insel diskutierte. Ich meine, es war schon da St. Helena im Gespräch.
    Davon wusste auch Napoleon, und zusammen mit der Unterlassung der vereinbarten Geldzahlungen an ihn haben wir schon 2 Gründe, sein Glück noch einmal zu versuchen.

    Noch ein Wort zu Ney: Das war sicher ein persønliches Anliegen von Ludwig XVIII. Der hat ihm seinen Abfall nicht verziehen. Er hätte sich den Spruch, Napoleon in einem eisernen Käfig nach Paris bringen zu lassen, sparen sollen. Andere Marschälle waren da geschickter, indem sie sich entweder aus dem 100-Tage-Abenteuer ganz heraus hielten, oder man ihnen nicht mehr als die Pflichterfüllung eines Soldaten vorwerfen konnte.
    Aber auch Neys Verurteilung war mit Schwierigkeiten verbunden, es war nicht leicht, überhaupt "Richter" zu finden, die bereit waren, im Sinne Ludwigs zu urteilen. Die Marschall-Kollegen waren dazu jedenfalls nicht bereit.

    Gruss, muheijo
     
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Die Österreicher haben ihm ja immer wieder goldene Brücken gebaut und ihn m.E. 1814 vermutlich sogar noch unterschätzt. Vielleicht hatte man wirklich einfach nicht die detaillierten Kenntnisse der Situation in Frankreich zum einen und der franz. Armee im Besonderen, so dass man von irgendwoher letztlich nur imaginäre Armeen vermutete, die Napi aus dem berühmten Hut zaubern würde. Solche Faktoren mögen zu dem verhältnismäßig großzügigen Umgang mit Napoléon beigetragen haben.

    Dass man ihm dann doch Elba wieder entziehen wollte, war in der Diskussion und ich meine auch, dass damals St. Helena bereits im Gespräch war. Ein gegebenes Wort zu brechen, wäre eigentlich für einen Monarchen ein Unding. Andererseits hatte sich Napoléon in seiner Karriere tausendmal über Gepflogenheiten unter Monarchen hinweggesetzt (der ganze Eingriff in die innerdeutschen Verhältnisse 1801-03 ist ein gutes Beispiel) und somit mag es schon so sein, dass ein gegebenes Wort zu halten eben nur galt, wo man es einem Ehrenmann und Seinesgleichen gegeben hatte. Napoléon als Parvenü fiel da durchs Raster.

    Dass man ihn wie ein Jahrhundertwunder noch 10 Jahre zuvor umschmeichelt hatte und bedeutende Herrscher oder ihre Vertreter extra zur Kaiserkrönung anreisten, wird da lieber so rasch wie möglich vergessen. :cool:

    Wenn dann hätte man ihn wegen politischer Morde in seiner Herrschaft zur Rechenschaft ziehen können. Aus den selben Ursachen war nach der Stuartrückkehr in der Restauration bisweilen harsch gegen Königsmörder vorgegangen worden. Den Führern des Terreur wurden auch ihre scheinbaren und wirklichen Verbrechen 1794-99 zum Verhängnis. Barras als Königsmörder hatte auch nie wieder in Frankreich eine Bedeutung erlangt (gut, zwei Herrscher Frankreichs in Paris wäre auch absurd gewesen).
    Louis XVIII allerdings war ein Mann des Ausgleichs. Charles X wäre ein anderes Kaliber gewesen. Was hätten wohl die Ultraroyalisten, so sie 1815 am Ruder gewesen wären, mit dem Gestürzten gemacht?
     
  13. andreassolar

    andreassolar Mitglied

    Gerd Hankel, Die Leipziger Prozesse (2003), notiert S. 87, dass ein Völkerrechtssatz, der frühere Regierungshandlungen eine Staatsoberhauptes - inklusive Kriegsführung - mit Strafen oder Ächtung verfolgte, seinerzeit nicht nachweisbar gewesen wäre - und bezieht sich dabei sogar noch auf KWII rund 100 Jahre später nach Napoleon.

    In Anm. 56, ebenfalls S. 87, bemerkt Hankel:
    Siehe jschmidt.

    Viele Grüße,

    Andreas
     
  14. Peterchensmond

    Peterchensmond Gesperrt

    Ich sehe das ähnlich wie Reinecke und denke, Napoleon wurde zunächst "verschont", weil man aus ihm keinen Helden oder eine Symbolfigur machen wollte, keine Ikone. Deshalb wurde er nach Elba verbannt - und später nach St. Helena. Es gibt Theorien, er sei dort irgendwann vergiftet worden.
     
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Schwengler (Völkerrecht/Auslieferungsfrage WK I) diskutiert das inkl. der britischen Vorgehensweise eingehend. Es ging dabei um den Status Napoleons (Kriegsgefangener/Kombattant?) die Beurteilung als "Aufstand" oder nicht, Verbannung als "Sicherungshäftling" vs. "Strafe". Die Behandlungsweise ist wohl auch in den niederländischen Gutachten zur Auslieferungsfrage von KaWe2 und den diplomatischen Noten als Verweis benutzt worden.
     
  16. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Während ich auf die Beantwortung meiner Frage (oben #5) warte, hier noch der Versuch einer begrifflichen Differenzierung. Die Gesamtmenge der gewaltsam ums Leben gebrachten regierenden Fürsten setzt sich wie folgt zusammen:

    1. durch Einwirkung äußerer Feinde getötet
      1a) im Kampf gefallen
      1b) nach Gefangennahme hingerichtet
      1c) sonstwie
    2. durch Einwirkung innerer Feinde getötet
      Untergliederung wie bei 1.
    3. ohne Einwirkung Dritter getötet
    Natürlich gibt es zum »Regicide« (Nr. 1+2) auch Statistiken. Eisner [1] hat die Daten von 1.513 Monarchen analysiert und festgestellt, dass 22,4% derselben eines gewaltsamen Todes starben.

    In der ersten Hälfte des betrachteten Zeitraums war das »fürstliche Risiko« also relativ hoch und ging danach stark zurück. Das gilt insbesondere auch für Fallgruppe 1a.

    Für den Rückgang lassen sich einige Gründe anführen, insbesondere auch die »politische Kultur« betreffend: Zum einen wurden Monarchen zunehmend mit einer Aura »der heiligen Autorität und des göttlichen Rechts« ausgestattet [2], welche die Hemmung, sie zu töten, verstärkte. Zum anderen gewann im Code der Elite die Auffassung Boden, dass »ritterliches« Verhalten die unerzwungene Tötung von Personen verbot, jedenfalls soweit man sie als »ihresgleichen« ansah. Beides wirkte sich insbesondere zugunsten der Fallgruppe 1b aus.


    [1] Manuel Eisner: Killing Kings. Pattern of Regicide in Europa AD 600-1800. In: Brit. J. Criminol. 15 (2011), S. 556-577
    [2] Siehe zu diesem Prozess der ›Sakralisierung‹ vor allem Ernst Kantorowicz: The king's two bodies. Princeton 1957
     
  17. andreassolar

    andreassolar Mitglied



    OT:

    Zumindest in den beiden diplomatischen Antwortnoten der niederländischen Regierung vom 21. Januar und 2. März 1920 wird darauf nicht Bezug genommen, soweit der Text zutreffend übertragen und ausreichend vollständig abgedruckt wurde in: Der Vertrag von Versailles. Mit Beträgen von Sebastian Haffner [...], München 1978, S. 392f + 396f.

    Im zweiten Auslieferungsersuchen der Alliierten an die Niederlande vom 14. Februar 1920 hatte Lloyd George als Alliierten-Vertreter die Möglichkeit der erneuten Bedrohung durch KWII. aufgrund dessen Exil nahe des Dt. Reiches angeführt - hier diente wohl Napoleon I. als histor. Vorbild.

    Siehe Der Vertrag von Versailles, 1978, S. 393, und Hankel, Leipziger Prozesse, S. 81.​


    Von niederländischen Gutachten aus Anlass der Auslieferungsersuchen der Alliierten konnte ich bisher nichts in Erfahrung bringen, und die erste Antwortnote der niederländischen Regierung auf das 1. Auslieferungsersuchen erfolgte nach 6 Tage, zumindest hier zu kurz, meine ich, für "Gutachten".
     
  18. andreassolar

    andreassolar Mitglied

    OT:
    Der typische Souverän ab der Neuzeit im Großteil Europas wurde zusehends ein Staatslenker im moderneren Sinne, Regierungs- und Staatsoberhaupt, meine ich.
    Das "öffentliche" wie persönliche Selbstverständnis der Monarchen/Fürsten/Souveräne änderte sich zudem erheblich ab dem 19. Jh in Richtung Säkularisierung/Profanierung. Siehe Napoleon.
    Die Absolutheit der nichtreligiösen Souveräne der nichtreligiösen NS-Zeit oder der Stalin-Ära überragt meiner Meinung nach deutlich die Monarchen und Fürsten vor 1800.

    Liebe Grüße,

    Andreas
     

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