Weimarer Republik - Zum Scheitern verurteilt?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von TerrorNashorn, 15. April 2017.



  1. TerrorNashorn

    TerrorNashorn Neues Mitglied

    Guten Tag liebe Leser- und Leserinnen,

    um es kurz und präzise auf den Punkt zu bringen:
    Ich bin zur Zeit dabei eine Facharbeit über das oben genannte Thema zu verfassen und bin nach einiger Recherche ins Stocken gekommen, wie ich das denn nun verpacken solle und ob ich denn nun auch alles beisamen und nichts vergessen habe.
    War sie von Anfang an zum Scheitern verurteilt - Pro und Contra

    Ich habe bereits einige geschriebene Seiten über die Verfassung, Schwierigkeiten etc. der Weimarer Republik.
    Ich habe mir Literatur in Buchform, sowie Internet inkl. dieses Forums, durchgesehen und würde mich freuen Hilfe zu erhalten.

    Konkret:
    1. Pro & Contra
    2. Wie würdet ihr dies in eine Facharbeit verpacken?
    Da hier rein objektive Fakten zu schreiben sind und das Subjektive für das Fazit aufgespart werden sollte.

    So eine Arbeit kann einem echt den Kopf zum Qualmen bringen, obwohl ich sehr an Geschichte interessiert bin und es mir tatsächlich viel Spaß bereitet, diese FA zu schreiben.
    Würde mich über Hilfe sehr freuen!

    Viele Grüße
    Das TerrorNashorn
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nein, sie war nicht zum Scheitern verurteilt.

    Die Rahmenbedingungen für die Weimarer Republik waren denkbar schlecht.

    1. Die traditionellen, monarchischen und nationalistischen Eliten verneinten ihre Verantwortung für das Scheitern im WW1

    2. Sie übertrugen im Rahmen der "Dolchstoßlgende" die Verantwortung auf die demokratischen Parteien, die das demokratische Gerüst von Weimar gebildet haben.

    - die SPD
    - das Zentrum
    - die DDP (in allen Spielarten)

    Und Diskreditierten damit von Anfang an die Gründung eines demokratisch verfaßten Staatswesens. Mit verheerenden Konsequenzen für die Zivilgesellschaft von Weimar, bei der das Militär und die Justiz anti-demokratisch waren und tendenziell gegen die WR arbeiteten.

    3. Die wirtschaftliche Gesundung, auch Dank einer massiven finanziellen Unterstützung durch - private Anleihen - aus der USA, führte zu einer Erholung in den zwanziger Jahren (Goldenen 20er)

    4. Mit der zunehmenden wirtschaftlichen Krise hatten die populistischen Parteien auf den rechten Parteienspektrum eine Chance, die Ängste der Bürger zu verstärken

    5. Aus dieser Situation heraus erklärt sich teilweise das "Abrutschen" der Wähler nach rechts hin zur NSDAP

    Die NSDAP konnte am meisten profitieren von der Verunsicherung der Wähler, die durch die Medien eines deutschnationalen Hugenbergs verstärkt wurde.

    Daneben spielten sich massive Verschiebungen in der Gesellschaft ab, die traditionelle Milieus aufbrachen und so einen neuen Typus von Wähler entstehen ließ.

    Der ideale Wähler - vor allem auch in den Städten - für populistische Parteien wie die NSDAP ist vereinzelt, isoliert und tendenziell orientierungslos (vgl. Arendt etc.) Und eine der primären Motivationen für die Wahl der NSDAP war dann vor allem die Erwartung an eine beschauliche, kleinbürgerliche Idylle. In diesem Sinne wurde vor allem aus dem Umfeld der "Wechselwähler" der "Mitte" erwartet, die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen zu stabilisieren.

    Und das versprach ein Hitler, der ein "harmonisiertes Bild" eines gleichgeschalteten Volkes propagierte. Und sich damit tendenziell, zumindest oberflächlich, bei seinem Verständnis von Wirtschaft und Staat dem Bild einer autoritär gesteuerten Wirtschaft wie bei den Sozialisten annäherte. Und damit gleichzeitig vom egoistischen "Gezänk" der Parteien von Weimar absetzte, zumindest verbal.

    Somit war das Scheitern nicht absehbar, sondern war bewußt und mit viel politischer Macht durch die traditionellen monarchischen Eliten in Zusammenarbeit mit den pseudo-revolutionären neuen "Eliten" der NSDAP aktiv verfolgt worden.

    Hitler war der "Betriebsunfall" in 1933, eigentlich hätte ein monarchistisch gesonnener Konservativer als klassicher Diktator agieren sollen.

    Jetzt ist es an Dir, diese zusätzlichen Aspekte sinnvoll zu integrieren

    vgl. u.a. auch hier bzw. die Beiträge im Unterforum "Weimarer Republik"

    http://www.geschichtsforum.de/f63/weimarer-republik-abklingen-der-wilhelminischen-epoche-oder-neuanfang-42794/#post765922
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. April 2017
  3. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    hinzu kommt sicherlich auch die Paramilitarisierung eines Teils der Gesellschaft (Freikorrps, paramilitärische Kampfbünde) deren sich die Parteien bedienten und die zur Verunsicherung der Bevölkerung ein einerseits aber auch zur Radikalisierung innerhalb der diversen Lager andererseits beitrugen und überdies eine latente Putschgefahr darstellten.

    Die Weimarer Republik hätte eine Chance gehabt, wenn sie ihre Verwaltung und Justiz konsequent umstrukturiert und republikanisch ausgerichtet und eine Demilitarisierung und Entwaffnung nichtstaatlicher Organisationen betrieben hätte
    So lange man jedoch im Bestreben eines "geordneten " Übergangs die überkommenen hierarchischen Strukturen des Kaiserreichs unangetastet fortbestehen ließ und lediglich den parlamentarischen Überbau veränderte war die Gefahr einer systeminternen Konterrevolution nach wie vor gegeben .
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein wichtiger Punkt wie unter dem Link auch ansatzweise versucht zu vertiefen.

    http://www.geschichtsforum.de/f63/die-radikalisierung-der-rechten-der-weimarer-republik-52652/#post783181

    Aber auch ein Punkt, die Leistung der "Parteien von Weimar" nochmal deutlich zu betonen.

    Das Wohl des "Vaterlands" über die eigenen Interessen zu stellen und anstatt Revolution zu spielen, die Rückführung der Armee zu gewährleisten und schnellstmöglichst die Demobilisierung voranzutreiben. Und zu zivilen Zuständen in Deutschland zurück zu kommen.

    Ein "Ludendorff" war derweil auf der Flucht! Sicherlich aus "patriotischen" Gründen.

    Und für diese Ziele haben Männer wie Ebert, Scheidemann oder auch ein Rathenau oder Erzberger gekämpft.

    Und aus diesem Grund sind u.a. ein Rathenau und ein Erzberger von rechtsextremen ultra-Nationalisten getötet werden.

    Und der Tod von Rathenau war wohl eine der zentralen symbolischen Ereignisse, um zumindest kurzfristig alle Demokraten und moderaten Monarchisten stärker an die Republik zu binden.
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich sagte schon in einem anderen Beitrag, dass Historiker das nachträgliche prophezeien nie ganz lassen können, denn sie wissen, wie es ausging. So ist es gekommen- Ja! So- und nicht anders hat es kommen müssen- Nein!

    Weimar war mit vielem belastet- eine Republik ohne Republikaner, von den "staatstragenden Parteien" war im Grunde nur die SPD loyal, große Teile der Honorationen lehnten die Republik und die Freiheiten die sie gebracht hatte ab. Als am 30. Januar 1933 Hitler Reichskanzler wurde, war die Weimarer Republik im Grunde schon längst tot.

    Die Verfassung war eine der modernsten, sie garantierte Bürgerrechte, und es hatte die Weimarer Republik durchaus Erfolge und vielversprechende Projekte zu verweisen. Kulturell entfaltete Deutschland eine noch größere Dynamik, als zu Zeiten des Kaiserreichs, manche Literaten und Künstler wie Gerhard Hauptmann, Heinrich Zille, Thomas Mann und Herman Hesse hatten schon damals Erfolge gehabt, jetzt kamen Kurt Tucholsky, Carl Zuckmayr, Bert Brecht und viele andere zu Wort, riskierten neue Ausdrucksformen und Innovationen. Dass viele Zeitgenossen das nicht verstanden oder als "Kulturbolschewismus" ablehnten, dass einige der Genannten die Verbrennung der eigenen Werke erleben sollten, dass der Glanz der "Goldenen Zwanziger" ein trügerischer war und in Militär, Medizin, Jurisprudenz und Geschichtswissenschaft die alten Eliten sich eingerichtet hatten, heißt nicht, dass die WR damit zum Scheitern verurteilt war.
     
  6. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Es scheint mir von der Logik her, als sei sie aufgrund der von euch genannten Umstände und trotz der fortschrittlichen Verfassung durchaus zum Scheitern verurteilt gewesen.
    Oder lag es in der Macht Einzelner (Feinde der WR mal ausgenommen), daran etwas zu ändern ? Wo wäre der Punkt gewesen, an dem einzelne Entscheidungen den Lauf geändert hätten ? Nur wenn man das konkret bennenen kann, kann man die Zwangsläufigkeit bestreiten. Finde ich.
    Bin aber wie immer für Korrekturen dankbar :)
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Dann solltest Du Dich vielleicht mal mit den zahlreichen Threads beschäftigen, die die zentrale Literatur referieren.

    Es ist wohl kaum zumutbar, aufgrund Deiner - aus meiner Sicht falschen - Vermutung, einfach nochmal die zentralen Argumente und die dazugehörige Literatur zu referieren.

    Eine der wichtigsten komparativen empirischen Studien zu dem Thema wurde u.a. auch vorgestellt und zusätzlich die Literatur zu den Wählerbewegungen.

    Dieses auch deshalb, weil Du nicht erst seit gestern im Forum bist.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Gut, dann lassen wir uns mal kurz auf diese Logik ein und unterstellen einen Determinismus hinter der geschichtlichen Entwicklung. Wie kommt denn dieser Determinismus zustande?

    http://www.geschichtsforum.de/f72/das-handelnde-individuum-der-geschichte-43556/

    Sind es die "zwanghaften Charaktäre" der Akteure, die sie zu bestimmten Handlungen "zwanghaft" treiben und sie können nicht anders und müssen die Weimarer Republik vernichten? Nehmen wir Freud, Adler oder Reich als zentralen Bezugspunkt? Vermutlich weder den einen noch den anderen.

    Sicherlich, bei einzelnen trifft vermutlich sogar die Zwanghaftigkeit der Handlungen zu, aber wir reden hier über ein kollektives Phänomen. Auch wenn der "autoritäre Charakter" den Adorno und andere so prägnant als Phänomen für faschistische Bewegungen herausgearbeitet haben. Aber auch diese Erklärung hat eine ausreichende Kritik erfahren.

    Und dann sind wir bei der Frage der "Struktur". Waren die historischen Strukturen so deterministisch, dass das Erbe der Kaiserreichs, der verlorene Krieg, der VV keine andere Lösung wie Putsch von Rechts und eine Militärdiktatur nach 1933 zuließ?

    Ist das ein Bezug auf eine historisch materialistische Sicht, wie beispielweise im Behemoth von Neumann ausformuliert? Oder auf wen bezieht sich der "strukturelle Determinismus"? Welches historische Gesetz hat Hitler an die Macht geführt?

    Nein sicherlich nicht, weil diese Vorstellungen nicht erklären können, warum andere Rahmenbedungen in den zwanziger Jahren die Bedeutung und Ausweitung rechtsextremer Milieus nicht begünstigt haben.

    Jablonski für die frühen 20er Jahre
    https://books.google.de/books?id=RVSOAQAAQBAJ&pg=PR4&dq=david+jablonsky&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=david%20jablonsky&f=false

    Es gibt aber noch eine andere Perspektive, über die "Matze007" vermutlich noch nicht ausreichend nachgedacht hat. Unterstellen wir, er würde Recht haben mit seiner Einschätzung.

    Das bedeutet, die damaligen historischen Akteure vor allem in der SPD/USPD haben sich geirrt. Die Vorstellung der SPD, des Zentrums und der DDP durch die Vermeidung eines Bürgerkriegs die innerpolitischen Gräben zuzuschütten war eine falsche Strategie, weil die reaktionären Revanchisten, die ultramilitanten Monarchisten und die "konservativen Revolutionäre", und die Nationalsozialisten auf eine Revolution abzielten und die Demokratie von Weimar beseitigen wollten.

    Wodrin bestand dann die Fehleinschätzung. Folgt man "Matze007" dann hätten die demokratischen Kräfte in Weimar den Weg der Bolschewicki beschreiten sollen und die innenpolitischen Gegner radikal bekämpfen und entmachten müssen.

    Dann wäre es den reaktionären Kräften nicht mehr möglich gewesen, den Putsch von 1933 zu inszenieren.

    Damit schlägt "Matze007" implizit einen "Polizei-Staat" nach stalinistischem Vorbild vor, bei dem der Zweck, die Demokratie von Weimar zu retten, die Mittel, also einen Polizeistaat, rechtfertigt.

    Man hätte vielleicht einen Putsch von Rechts damit verhindern können, aber das Ziel der Demokratisierung der Gesellschaft wäre man nicht näher gekommen.

    In diesem Sinne war der Weg der Integration durch die "Parteien von Weimar" der richtige Weg und es waren viele ehemalige Monarchisten, wie ein Stresemann oder ein Rathenau, die erkannten, dass der Weg der Republik der richtige war in einer neuen Welt nach dem WW1.

    Und es bleibt das Makel der Monarchisten und Konservativen in der Weimarer Republik, dass sie sich als Steigbügelhalter für einen Hitler haben funktionalisieren lassen. Und erst durch ihre Passivität oder auch durch ihre aktive Unterstützung, Hitler ermöglicht haben. In einer tragischen Rolle findet sich da ein Brüning wieder.

    Aber unausweichlich war dieser Aufstieg sicherlich nicht und 1932 !!!! durchlief die NSDAP eine tiefe Krise, da ihr Momentum gebrochen schien.

    Grant zur Krise in den dreißiger Jahren
    https://books.google.de/books?id=y_wbMDDajRQC&printsec=frontcover&dq=Thomas+d+grant&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiv4ZvB-7DTAhWkF8AKHav0CmwQ6AEILDAB#v=onepage&q=Thomas%20d%20grant&f=false

    Was war also die Initialzündung für den - angeblichen - "deterministischen" Aufstieg von Hitler? Und letztlich führt der Weg einer Beantwortung immer wieder zur Weltwirtschaftkrise, vor dem Hintergrund der Hyperinflation bis 1923. Und das sind Einflußgröße, die definitiv außerhalb der Möglichkeiten eines Hindenburg oder Hitler lagen!!!

    Ergänzt durch die politische Brutalität der NSDAP, der politischen Dummheit der konservativen und monarchistischen Eliten und einer weltfremden SPD, die verlernt hatte, dass politische Kämpfe "Kämpfe um die Macht" sind. Mit der Betonung auf "Kämpfen", auch in einem verfassungsmäßigen Rahmen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. April 2017
  9. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Danke für Erläuterung und Lesestoff :)

    Mir fällt in dem Zusammenhang ein, ich erinnere mich an eine Erwähnung eines preußischen Innenministers, der ein mächtiger Gegner der NSDAP gewesen sein soll. Leider kann ich den nicht nachschlagen da ich seinen Namen nicht mehr weiß. Kann jemand aushelfen ? Es müsste der letzte vor der Machtergreifung gewesen sein.
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Wie wäre es den damit?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9Fenschlag

    Ansonsten, was bleibt von folgender These übrig? Und wie ernsthaft war sie formuliert?

     
    Zuletzt bearbeitet: 19. April 2017
  11. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Danke. Hmm, der Herr von Gayl war es ganz sicher nicht, an den ich mich erinnere. Muss ich nochmal in mich gehen. Es war eine dieser Geschichtsdokus die ohnehin mit Vorsicht zu genießen sind, von daher muss ich mir jetzt einen Innenminister aussuchen der gemeint gewesen sein könnte. Das Studium der Biographien ist aber für sich schon interessant genug.
    Das mit dem Determinismus ist so ne Sache. Eure Erläuterungen, woran die WR gescheitert ist sind nun mal so überzeugend ;) , dass ich mich ebenso schlicht wie ernsthaft fragte wo denn noch jemand im Rahmen seiner Möglichkeiten was hätte verhindern können. Wie gesagt, Feinde der WR dabei explizit ausgenommen.
     
  12. flavius-sterius

    flavius-sterius Neues Mitglied

  13. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Danke, der war es wohl. Ich werd alt.
     

Diese Seite empfehlen