Welche Bedeutung hatte die Russische Revolution für Deutschland?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von hansi7000, 31. Oktober 2017.

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  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Genau das ist die breite Kritik in der Fachliteratur (in der ebenfalls - nicht bei Angress - aber auch auf den Abdruck einiger Quellen der RRA* hingewiesen wird, die bei ihm zu finden sind).

    Hans SPETHMANN, Die Rote Armee an Ruhr und Rhein (Berlin, 1930), is a nationalist attack on Severing ; Erwin BRAUER, Der Ruhraufstand von 1920 (Berlin, 1930), presents the view of the German Communist party (KPD); the account given by Ruth FISCHER, Stalin and German communism' (Cambridge, 1948), pp. 126-34, is unreliable.“
    Angress, Weimar Coalition and Ruhr Insurrection, March-April 1920: A Study of Government Policy, S. 1.

    * „An early historical account is Die Rote Armee an Ruhr und Rhein [The Red Army at the Ruhr and Rhein] by Hans Spethmann (Berlin: Hobbing, 1930), which is very biased against the rebels but contains a number of valuable documents.“ Kuhn, All Power To The Councils! - Documentary History of the German Revolution of 1918-1919.
     
  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Dieses Behauptung z.B. lässt sich nur bei Spethmann finden.
     
  3. Minouche

    Minouche Gast


    ...wobei, Ugh Valencia, Spethmann (S.85) seine Behauptung dadurch untermauert, indem er auf die "Geschichte der Stadt Duisburg" von Averdunk- Ring verweist, die auf Quellenmaterial der Stadtverwaltung zurückgehe. Ich versuche einmal eine Recherche.

    Im übrigen habe ich einen weiteren Hinweis im Zusammenhang mit der Entwicklung der Roten Armee im Ruhrgebiet gefunden, der Spethmanns Aussage stützt: " Es konnte an eine weitere Vergrößerung der Roten Garde gedacht werden. Israel Konierski, ein russischer Abgesandter, übernimmt die Rekrutierung. 8 - 10000 Gewehre sind verfügbar für neue Soldaten. Man muß sich ausdehnen, um weitere Werbebezirke in die Hand zu bekommen. Hamm, Beckum, Ahlen werden überrumpelt, bis über die Lippe nach Lünen und Lüdinghausen werden Abteilungen vorgeschoben. Hier, in Unna und Kamen errichtet man "Gefechtsstellen". Überall entstehen "Aushebebüros."

    (Soldan, George, Archivrat a.D., Zeitgeschichte in Wort und Bild, 1931, S. 464 - Seine Kriegsberichte im II. WK mißfielen Hitler, Soldan wiki ) Da er als Archivrat a.D. sicher irgendwie auch interessengebunden, später Kriegsberichter in Ungnaden war, bin ich einigermaßen ratlos, ob er hier zitabel ist.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Heinrich Averdunk und Walter Ring sind zwei Personen.
     
  5. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Mit Soldan wäre ich ebenfalls sehr vorsichtig. Er sagt ja selbst, dass er keine neutrale sondern eine "deutschnationale" Geschichtsschreibung bevorzugt. Aufgaben der Geschichtsschreibung des 1.WK seien
    "ein zusammengebrochenes Volk aufrichten, ihm den Glaube an sich wiedergeben, aus gemeinsam ertragenem Glück und Unglück deutschnationales Empfinden erwachsen lassen, das, die dunkelste Gegenwart durchstrahlend, den Weg zum neuen Aufstieg weist; den großen erzieherischen Wert der Geschichte ausnützen, um ein politisch denkendes und empfindendes Volk zur Reife zu führen.
    Das sind nationale Aufgaben, deren Lösung im Interesse der Zukunft des Staates liegt. Es sind Gesichtspunkte, die bewußt in die Geschichtsschreibung hineinzulegen sind, die aber unbewußt sich dem Leser eingraben müssen.
    George Soldan: Die deutsche Geschichtsschreibung des Weltkrieges. Eine nationale Aufgabe (Mai 1919)" zitiert ebenfalls aus Soldan wiki.
     
  6. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich habe den Namen mal gegoogelt. Da findet sich nichts. Gibt es denn jenseits von Soldan noch Hinweise auf Israel Konierski?
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das ist das Programm, die Geschichtsschreibung für beliebige nationalistische Ausdeutung zu benutzen. Es wurde nach dem WW1 sehr nachhaltig eine bestimmte Deutung der Ereignisse um den WW1 vorgenommen. Da wurden Ereignisse so gedeutet, dass sie dem "nationalen Interesse" entsprachen. Und dieses nationale Interesse war während der Weimarer Republik u.a. definiert durch die ungeliebte Rolle des Aggressors und des Verlierers.

    Und es wurde eine hoher Aufwand getrieben, dieses nationale Interesse als verbindliches Bild der Interpretation von Geschichte vorzunehmen (vgl. beispielsweise die Beiträge in Wilson). Deswegen ist die "nationalistische Geschichtsschreibung" nach dem WW1 auch in der Weimarer Republik mit besonders kritischer Skepsis zu lesen und entsprechend kritisch zu kommentieren.

    Den vorläufigen Endpunkt bildete dann die Interpretation von Geschichte durch Hitler in "Mein Kampf":

    Wilson, Keith (1996): Forging the Collective Memory. Government and International Historians through Two World Wars. New York, NY: Berghahn Books.
     
  8. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    @thanepower Eigentlich sollte man sich bei historischen Quellen immer fragen Wer schreibt was, wann, wie, wo und warum? Klar, lassen sich da nicht immer alle Fragen beantworten. Ich gebe dir recht, dass Quellenkritik bei Schriften aus "nationalistischer Zeit" - egal woher - besonders wichtig ist, eben weil Geschichte gern für "nationale" oder "ideologische" Motive missbraucht wurde, was sich dem Leser unbewußt eingraben sollte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Dezember 2017
  9. Minouche

    Minouche Gast

    Fast ebensobenso platt, aber etwas vorsichtiger: "Die Sowjetarmeen, die zur Unterwerfung Polens ausgezogen waren, wurden allerdings in der Schlacht von Warschau zurückgeworfen, aber Deutschkland und Italien erlagen beinahe der Ptopaganda und den Plänen der Kommunisten:"

    (Churchill, Winston S., Der Zweite Weltkrieg, Scherz, 3. Auflage der Sonderausgabe, 1995, S. 23 )
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 7. Dezember 2017
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Da siehste mal, dass auch der "unfehlbare" Winston sich irren konnte. Ersthaft: Diese Einschätzung ist einfach Unsinn und es fragt sich eher, was er mit der Aussage an Reaktionen hervorrufen wollte.

    Das ist ein politisches Statement, aber keine historische Analyse.

    Und führt diesen - politischen - Unsinn ein paar Sätze fort, indem er behauptet: "Fascism was the shadow or ugly child of Communism." (W. Churchill: The Second World War, Vol. 1, S. 13).

    Ansonsten gibt es im GF ein relativ ausführlichen Thread zu Warschau und den militärischen Implikationen, habe es nur auf die Schnelle nicht gefunden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Dezember 2017
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die gesamte bisherige Darstellung der Entwicklung im Ruhrkampfs in diesem Thread ist ausgesprochen einseitig, indem krampfhaft durch Minouche versucht wird, die Bedeutung der KP zu betonen. Und in Anlehnung an die damaligen ideologischen Reflexe der rechtsnationalen Presse, das Gespenst der "Sowjetisierung" von Deutschland an die Wand zu malen. Zudem belegt durch eher dubiose historische Forschung.

    Der Ruhrkampf war national eine Reaktion auf den Kapp-Putsch und sollte verhindern, dass es in der Weimarer Republik zu einem Putsch von Rechtsextremen bzw. von militanten Monarchisten kommt. Regional war es die Verbitterung gegen das teilweise indifferente Verhalten des Reichswehrkommandanten in Münster, General Watter während des Putsches von Kapp etc.

    Erst das Eingreifen der Freien Gewerkschaften am 13. März durch das Ausrufen des Generalstreiks rettete die Republik, trotz und gerade wegen des Hochverrats der Reichswehrführung, die sich nicht gegen die Putschisten gestellt haben!

    Erfolgreich war der Putsch von Rechts allerdings in Bayern und der sozialdemokratische Ministerpräsident wurde durch Zwang der Reichswehr und von Orgesch durch den Monarchisten v. Kahr ersetzt. Und erhöhte somit den Druck auf die Teile des politischen Spektrums, die sich als Unterstützer einer antimonarchistischen sozialstaatlichen Politik sahen. Also primär: Die Arbeiterschaft.

    Vor diesem Hintergrund des Putsches von Rechts organisierten sich die Arbeiter im Ruhrgebiet. Zur Organisation der Arbeiter, die den vorrückenden Reichwehreinheiten und den Freikorps Widerstand leisteten, gehörten zwischen ca. 50.000 bis 80.000 Arbeiter.

    Die zentrale Rolle bei der Organisation spielte, (so Wehler, DGG, Bd. 4, S. 402ff), die USPD und syndikalistische Gruppen. Die KPD spielte erst relativ spät eine begrenzte Rolle

    Es mutet in diesem Kontext wie eine üble Realsatire an, dass v. Seeckt sich auf Freikorps stützte, die gerade kurz zuvor - hochverräterisch - gegen die Republik marschiert sind. Ebenfalls beabsichtigte er die putschistische Brigade Erhardt gegen die streikenden Arbeiter des Ruhrgebiets zu schicken und erst in letzter Minute ließ v. Seeckt von diesem absurden Plan ab. (Wehler, ebd. S. 403)

    Das Ergebnis war, dass Teile der Arbeiterschaft massiv der neuen Republik entfremdet wurden, da der Sozialdemokrat Bauer, um das Gewaltmonopol des Staates zu schützen, mit putschistischen hochverräterischen Truppen der Reichswehr bzw. der Freikorps kooperiert hatte.

    Eine angemessene Darstellung des Ruhrkampfs findet sich beispielsweise bei Bock in Anlehnung an einen zeitgenössischen geschulten Beobachter von 1919 (ein Schüler von M. Weber), die Studie von Colm

    Hans Manfred Bock: Die Rote Armee der Ruhr-Arbeiterschaft ....
    http://www.trend.infopartisan.net/trd0200/t200200.html

    zitiert aus :
    Bock, H. M. (1969): Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918-192 3. Zur Geschichte und Soziologie der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten), der Allgemeinen Arbeiter-Union Deutschlands und der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands: Anton Hain.
    Colm, Gerhard (1921): Beitrag zur Geschichte und Soziologie des Ruhraufstandes vom März-April 1920. Essen, Freiburg i. Br.: G.B. Baedeker Verlagsbuchhandlung.
     
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