Welchen Einfluss hatte der Papst auf den gewöhnlichen Katholiken?

Dieses Thema im Forum "Das Papsttum" wurde erstellt von Alpha, 27. August 2017.



  1. Alpha

    Alpha Neues Mitglied

    Wie wichtig und bekannt waren Äußerungen und Befehle des Papstes für die normalen Gläubigen bzw. den niederen Klerus. Es geht mir vor allem um die frühe Neuzeit. Konkret um mehrere Fälle in denen der Papst versuchte Antijudaismus in Europa (speziell Polen) zu beenden.
     
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  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In der Regel bekam der einzelen Gläubige von dem, was in Rom gesagt wurde, nicht viel mit. Und der Arm des Papstes war auch nur relativ kurz, ging über die Grenzen des Kirchenstaats, der im 19. Jhdt. dann freilich auf den heutigen Vatikanstaat als kläglichen Rest der alten Territorrien reduziert wurde, nicht wirklich hinaus. ​
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Es hing in erster Linie von den Landesherrn und den Bischöfen ab, was unten ankam oder umgesetzt wurde. Und das konnte von Fall zu Fall verschieden sein. Der Himmel ist hoch, der Papst weit.
     
  4. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Die Päpste und ihr Verhältnis zum Judentum ab Mitte des 16. bis Ende des 17. Jahrhunderts, unter Einbeziehung der polnischen Könige ab 1548:

    Paul III. (1534-50) gewährte den Juden im Vergleich zu seinem Vorgänger deutlich mehr Rechte, vor allem schaffte er die Judenhinrichtungen im Colosseum ab und erlaubte das Drucken hebräischer Schriften in Rom.

    Im Zuge der Gegenreformation und der Etablierung der Inquisition in Rom ab 1542 verstärkte sich der anti-jüdische Druck, was u.a. zur Verbrennung des zum Judentum konvertierten Mönches Cornelio da Montalcino im Jahr 1553 unter Papst Julius III. (1550-1555) führte. Im gleichen Jahr wurden in Rom Talmud-Exemplare und andere jüdische Texte am jüdischen Neujahrstag öffentlich verbrannt.

    Unter Paul IV. (1555-1559) wurde die Unterdrückung gleich zu Beginn seiner Amtszeit durch viele Schikanen nochmals verschärft, u.a. durch die Schließung fast aller Synagogen. Dennoch gewährte er den Juden 1556 die Zulassung zu allen Handwerken, ausgenommen die künstlerischen.

    Unter Pius IV. (1559-1566) gab es wieder Lichtblicke. Er sorgte für eine Regulierung des Tiber, was dem Ghetto die bis dahin üblichen Überschwemmungen fortan ersparte. In einer Bulle von 1661 wurden alle Restriktionen widerrufen, die sein Vorgänger den Juden auferlegt hatte. Der Talmud durfte wieder gedruckt werden, wenn auch unter der Bedingung der Namensänderung.

    Der nächste Papst, Pius V. (1566-1572), riss das Steuer wieder herum. Mit Ausnahme von Rom und Ancona wurden die Juden aus dem Kirchenstaat vertrieben und die von Pius IV. widerrufenen Restriktionen wieder in Kraft gesetzt.

    Gregor XIII. (1572-1582) war den Juden etwas freundlicher gesonnen, hatte aber Schwierigkeiten, den antijüdischen Hass der römischen Bevölkerung im Zaum zu halten. So war es in der Karnevalszeit ´Sitte´, Juden zu zwingen, nackt um einen Preis ein Rennen zu laufen, wobei sie mit Schmutz beworfen wurden. 1577 zwang der Papst die Juden per Dekret, an jedem Sabbat christliche Konvertierungsvorlesungen zu besuchen, was aber nicht wirklich en masse zu Übertritten führte.

    Ungefähr zeitgleich mit Gregor XIII. regierte in Polen der den Juden sehr wohlgesonnene Stephan Bathory (1576-1586). Seit 1573 herrschte in Polen-Litauen, wo die Protestanten den politischen Kurs bestimmten, das toleranteste Klima in ganz Europa, was die jüdische Bevölkerung einschloss, die 80 % aller Juden weltweit ausmachte. Schon vorher hatte Sigismund II Augustus (1548-1572) dafür gesorgt, dass die Anweisung einiger päpstlicher Bullen, denen zufolge Vorwürfe gegen Juden, ´perverse´ Rituale zu begehen, ausschließlich von jüdischen Gerichten überprüft werden sollten (um antijüdischen Missbrauch auszuschließen), in seinem Königreich strikt eingehalten wurde.

    In Rom sorgte Sixtus V. (1585-1590) für verbesserten Rechtschutz der Juden und schaffte die antijüdischen Unsitten beim römischen Karneval ab. In seiner Amtszeit blühte das Geschäftsleben im Ghetto wie nie zuvor.

    Etwa gleichzeitig (ab 1587) führte in Polen eine unter König Sigismund III Vasa einsetzende Entwicklung zu einer erheblichen Verschlechterung der jüdischen Situation. Grund war seine Loyalität zur katholischen Gegenreformation, die unter der Führung der Jesuiten auch Polen erreichte und den dortigen ´demokratischen´ und toleranten Geist nachhaltig unterminierte. Ob der den Juden, wie gesagt, freundlich gesonnene Papst Sixtus V. konkret zugunsten der polnischen Juden intervenierte, ist mir nicht bekannt, fest steht aber, dass er den Jesuiten gegenüber generell sehr misstrauisch war und sich sogar bemühte, ihre Ordensverfassung radikal zu ändern, wozu es wegen seines Todes aber nicht kam.

    Da die Jesuiten in Polen nur propagandistisch aktiv sein durften, also über keine konkrete Macht verfügten, war der vom überwiegend protestantischen Adel abhängige Sigismund gezwungen, den Schein eines Protektors der Juden zu wahren. Allerdings tat er nichts gegen die neu auflebenden falschen Anschuldigungen wegen ´perverser´ jüdischer Rituale, so dass die pro-jüdischen päpstlichen Bullen, die unter Sigismund II Anwendung gefunden hatten, kaum noch Schutz vor willkürlichen Hinrichtungen boten.

    Unter dem nächsten König Wladisaw IV Vasa änderte sich das nicht.

    Im Jahr 1648 wurde das Königreich Polen-Litauen durch mehrere kriegerische Konflikte schwer verwüstet und ein Drittel der Population getötet, darunter Hundertausende von Juden. König Johann II Kasimir, der in diesem unglücklichen Jahr seine Amtszeit antrat, war zuvor Jesuit und Kardinal unter Papst Innozenz X. (1644-1655) gewesen, in Polen aber wieder in den Laienstand übergewechselt. Den Juden gegenüber nicht minder freundlich gesonnen als Innozenz X., gewährte er ihnen, um ihrer landesweiten Verarmung entgegenzuwirken, mehr Handelsfreiheit (1661) und neue Privilegien. Seine Nachfolger, Michael Korybut Wisniowiecki (1669-1673) und Johann III Sobieski (1674-1696), setzten den judenfreundlichen Kurs fort, trotz des Widerstandes von Seiten des katholischen Klerus und des katholischen Adels. Sobieski sorgte auch für die Revitalisierung der päpstlichen Bullen gegen falsche Anschuldigung wegen ´perverser´ jüdischer Rituale.

    Seine herausragende historische Bedeutung erlangte Sobieski durch den Sieg über die türkischen Truppen unter Kara Mustafa bei Wien im Jahr 1683. Zuvor hatten die Invasoren große Teile der österreichischen Bevölkerung massakriert und Tausende als Sklaven ins Osmanische Reich deportiert.

    Der am längsten amtierende Papst in diese Zeit war Innozenz XI. (1676-1689), der eine prinzipiell wohlwollende Politik gegenüber den Juden betrieb. Die Militäraktion Sobieskis gegen die Türken hatte er finanziell unterstützt und den polnischen König wegen seines Sieges als „Retter des Abendlandes“ gefeiert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. August 2017
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