Wie und wann wurden viele Germanenvölker zu arianischen Christen?

Dieses Thema im Forum "Völkerwanderung und Germanen" wurde erstellt von Schnabbelschnut, 11. April 2012.

Schlagworte:
  1. Schnabbelschnut

    Schnabbelschnut Neues Mitglied


    Hallo, Gemeinde der Geschichtsinteressierten,
    wie die Ostgoten zum Christentum bekehrt wurden, ist mir halbwegs klar. Bei ihnen missionierte der (Bischof?) Wulfila. Er war wohl eine charismatische Persönlichkeit und vielleicht sogar selber gotischer Abstammung.
    Aber auch die Westgoten (waren früher ja ein Teil der Goten) und die Wan-
    dalen, Burgunder, Sweben und Langobarden waren zuerst arianische Christen und keine Katholiken. Später wurden alle Katholiken, teilweise zwangsweise. Die Westgoten wurden wohl freiwillig Katholiken.
    Zu diesem Themenkomplex habe ich einige Fragen:
    1) Warum nahmen diese Germanenvölker überhaupt das Christentum an und warum sagten sie ihren alten Götterglauben (Odin, Freya u.s.w.) ab?
    2) Weshalb waren so viele Germanenvölker (und nicht nur die Ostgoten)
    Arianer und keine Katholiken? (außer den Franken)
    3) Wieso wurden die Westgoten später Katholiken? (Wollten sie keine
    Streitigkeiten mehr mit der romanischen Bevölkerung?)

    Ich bin mir bewusst, hier habe ich keine kleine Frage gestellt, sondern einen
    ganzen Fragenkomplex. Aber vielleicht kann trotzdem jemand was dazu sagen, eventuell zu Teilfragen.
    Viele Grüße
    Schorschi Schnabbelschnut
     
  2. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Zu Christen wurden sie, weil schlicht der Erlösungsgedanke und wohl vorallem auch das "nicht opfern müssen" ziemlich gute Argumente sind.
    Ein Gott, der die Welt erschaffen hat und sich als Vater um alle kümmert,weil er ist, statt als Egoist sich um seine Ehre usw kümmert und dabei vielleicht den Menschen hilft, der hat was.
    Arianer, weil zur Zeit der Mission der Arianismus vorherrschend war. (die Missionare Arianer waren).
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied


    zu 1) Die Konversion der Germanen zum Christentum vollzog sich in zwei Phasen. Als erste konvertierten die Germanen der Reiche der Völkerwanderung, also Ostgoten, Westgoten, Sueben, Burgunder, Langobarden, Vandalen usw. Das geschah im 5./6. Jh. Die germanischen Stämme in Mitteleuropa vollzogen diesen Schritt erst im 8. und 9. Jh. und bekanntlich sträubten sich die Sachsen trotz der gewaltsamen Maßnahmen des Frankenreichs erbittert gegen die Annahme des christlichen Glaubens.

    Für den Übertritt der Germanen zum Christentum gab es verschiedene Gründe. Was die Germanenreiche der Völkerwanderung betrifft, so forderte eine christliche germanische Herrschaft über die romanischen Untertanen weniger Widerstand heraus, als eine heidnische. Somit war die Konversion ein Gebot politischer Klugheit und sicher ist auch Überzeugung nicht ganz von der Hand zu weisen. Vielfach waren die Germanen, die ins Römische Reich wanderten, bereits Christen, allerdings solche der arianischen Lehre.

    Die germanischen Stämme östlich des Rheins wurden zum teil vom Frankenreich unterworfen. Und somit führten die Franken in Alemannien, Bayern und Sachsen sowohl mit Zwang als auch Überzeugung den christlichen Glauben ein. Größerer Widerstand wie in Sachsen wurde gewaltsam gebrochen. Vielfach erkannten aber auch die heidnischen germanischen Eliten, dass ein Übertritt zum Glauben der mächtigen fränkischen Nachbarn politisch nützlich und vorteilhaft war. Vollzog der adlige Führer die Konversion zum Christentum, dann folgte ihm auch das adlige Gefolge und später allmählich die restliche bäuerliche Bevölkerung. Im übrigen gab es zahlreiche christliche Missionare wie Bonifatius, die die heidnischen Germanen überzeugen und bekehren wollten.

    zu 2) Der Arianismus gewann durch den westgotischen Bischof Wulfila, der von dem Arianer Eusebios von Nikomedeia die Taufe erhalten hatte, unter den Goten viele Anhänger und breitete sich später auch unter Vandalen, Langobarden und Burgundern aus. Das Bedürfnis der dünnen germanischen Oberschicht nach religiöser Unterscheidung von dem Katholizismus der unterworfenen Römer, hielt diesen Arianismus über seine Zeit hinaus am Leben.

    Davon abgesehen entsprach der Arianismus eher den Vorstellungen der heidnischen Germanen, als der Katholizismus. An ein mächtiges aber nicht ewiges Wesen Jesus, das vom Vater als einzigem Gott geschaffen wurde, vermochten sie eher zu glauben, als an die komplizierte Trinität.

    zu 3) Das Reich der Westgoten in Spanien bestand rund 250 Jahre. Sie bildeten inmitten der altansässigen romanisierten katholischen Bevölkerung eine winzige arianische Minderheit. Das allmähliche hinüberschwenken zum Glauben der unterworfenen Bevölkerung war somit nur eine Frage der Zeit. Die Konversion ebnete religiöse Gegensätze ein und bereitete den Boden für ein Verschmelzen der Westgoten mit der romanischen Bevölkerung Spaniens. Ähnliches vollzog sich auch im Langobardenreich, während die Franken unter Chlodwig um 500 (das Datum ist umstritten) gleich zum katholischen Glauben übertraten. Chlodwig sicherte sich so die Unterstützung der katholischen gallo-romanischen Elite und bereitete die Verschmelzung von Franken und romanischer Bevölkerung vor.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. April 2012
  4. Schnabbelschnut

    Schnabbelschnut Neues Mitglied

    Hallo, Dieter und Wilfried,
    vielen Dank für die ausführlichen Antworten, wieder mal schlauer geworden.
    Schorschi Schnabbelschnut
     
  5. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    naja, Dieter, vielleicht sollte man nicht alles soo politisch sehen. Kilian , Wilfried und Bonifatius arbeiteten ja zum Teil auch ohne die Machtmittel der Franken recht erfolgreich. Und das Christentum war ja als Glaube für die unteren Schichten nicht ganz unattraktiv, gerade in hierarchischen Gesellschaften.

    Und die Abwehr/das Sträuben der Sachsen betraf mehr die Unterwerfung unter die Franken und das Königtum als den Glauben. Und der Zehnte war bestimmt auch mit ein Grund, sich zu wehren.

    Wenn die Tochter von Hassio (den "Verlierer" von Ohrum)das Stift Gandersheim großzügig ausstattet, muß da schon auch Glaube in der Verwandtschaft gewesen sein, denn, lehr mich die Bördebauern kennen, was die haben, geben die ungern wieder her. Und Familiengut (Land) verschenken, DAS mußt Du der Verwandtschaft erstmal schmackhaft machen.

    Trotzdem haben die sich ja heftigst gegen die Franken gewehrt und KdG mußte Täuflinge aus dem Bardengo zum Taufen ranschaffen. Ich denke , es waren nicht alles Heiden, die da Kirchen abgefackelt haben.
     
  6. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Klingt überzeugend. Jedoch ein Detail unterliegt m. W. einer Neu-Interpretation. Die Oberschicht der Alamannen waren wohl schon vor dem 8. Jahrhundert arianische Christen. Die Grabsitte der Blattgoldkreuze finden wir sowohl in Norditalien als auch im heutigen Süddeutschland. Beschränkt ist diese Grabsitte auf germanische Gräber, die romanische Bevölkerung verwendete dieses Symbol nicht. Es scheint sich hierbei um eine langobardische Sitte zu handeln. Und die Langobarden waren Arianer. Für Süddeutschland ist der älteste Fund von Blattgoldkreuzen auf 620 uZ datiert.

    Vor wenigen Jahren habe ich einen archäologischen Vortrag gehört, welche sich mit dem materiellen Austausch zwischen dem Langobarden-Gebiet und Alamannien beschäftigte. Archäologen haben Fundstücke im heutigen B-W ausgegraben, die aus Werkstätten der Langobarden stammten. Umgekehrt findet man Gräber im Langobardengebiet, in welchem man Trachtbestandteile der Alamannen entdeckt. Es scheint also einen personellen Austausch (vermutlich durch Eheschließung) zwischen diesen beiden Stämmen gegeben zu haben. Nach der fränkischen Eroberung Alamanniens bleibt die "normale" Bevölkerung ihrem Wohnort treu. Dagegen kann man sowohl aus Schriftquellen als aus der Archäologie eine starke Abwanderung des alamannischen Adels nach Süden zu den Langobarden erschließen. Der Vortragende in der Veranstaltung interpretierte - meines Erachtens schlüssig - dass die alamannische Oberschicht schon im 7. Jahrhundert arianischen Christen gewesen sind.
     
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  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Interessante Informationen!

    Ich bin mir nicht so sicher, dass die Alemannen arianische Christen waren.

    Das benachbarte Baiern war jedenfalls zweifellos katholisch: zunächst wirkte im 6./7. Jh. die iro-schottische Mission, ab dem 7. Jh. die "Apostel Bayerns", nämlich die Abtschöfe Emmeram, Rupert und Korbinian und es kam zu einem Netz von Bistümern. Die bayrische Oberschicht pflegte - wie auch der alemannische Adel - besonders enge Beziehungen zu den Langobarden und es gab einige Heiratsverbindungen. Dennoch war Bayern nicht arianisch.[FONT=Arial, Arial, Helvetica]
    [/FONT]
     
  8. Rephaim

    Rephaim Neues Mitglied

    Gibt es direkt an den Blattgoldkreuzen etwas spezifisch arianisches (Motiv, Verarbeitung, Material...?), daß sie vom Katholizismus unterscheidet (wie z.B. die Ikonen der Orthodoxen) oder leitet man das nur von den Eigentümern her ab?

    Oder weiß man von Katholiken, welche die B.-Kreuze wegen X verboten?
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2012
  9. Orgetorix

    Orgetorix Gesperrt

    Germanen bereits in der Antike Arianer

    .

    1) Warum nahmen Germanenvölker überhaupt das Christentum an?

    Sie wurden von den Missionaren/Kolonisten bzw. von ihren Stammesführern gezwungen.


    2) Weshalb waren so viele Germanenvölker Arianer?

    Ein Großteil der germanischen Stämme wurde zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert, also mitten in der Völkerwanderungszeit der Antike, zum Christentum bekehrt - aber eben nicht zum römischen, sondern zum arianischen.

    Die Germanen übernahmen jedoch nicht direkt die Lehre des Arius, sondern diejenige seines Vorkämpfers Origenes. Der Überbringer war ein Gote mit griechischem Einschlag: Wulfilas (313-383). In der Mitte des 3. Jahrhunderts waren dessen Vorfahren mütterlicherseits von Goten aus Kappadokien (tk) entführt und auf den Balkan gebracht worden. Kappadokien war eine Hochburg der Origenisten; dort war z. B. bis 268 der Origenes-Schüler Firmian Bischof.



    .
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 17. April 2012
  10. tejason

    tejason Neues Mitglied

    [FONT=&quot]
    Zur Ergänzung: Als die Langobarden nach Italien aufbrachen waren sie zu großen Teilen wohl noch heidnisch, ihre christlichen Gruppen gehörten wohl überwiegend dem arianischen Bekenntnis an. Durch den Einfluss des Ostgotenreichs dürfte sich damals auch bei den Bayern ein arianisches Substrat gefunden haben. Ebenfalls im Bereich des ehemaligen Thüringerreiches, welche von Chlodwig erobert wurde. Allerdings wissen wir auch von einer thüringischen Königstochter, welche als Braut ins Frankenreich geführt sich eifrig um den Katholizismus verdient machte und auch von katholischen Ostgoten (selbst unter Theoderich!).

    Man kann davon ausgehen, dass viele Gläubige sich wenig um die theologischen Unterschiede zwischen Arianern und Katholiken gekümmert haben dürften, doch die Polarisierung ist offensichtlich! Archäologisch lassen sich meines Wissens arianische- von katholischen Kirchen nicht unterscheiden. Ein berühmtes Beispiel ist der neuere Fund auf dem kärntner Hemmaberg. Dort wurde wohl aus der Ostgotenzeit eine Doppelkirche ausgegraben. Man weist je eine Hälfte den Arianern, die zweite Anlage den Katholiken zu. Aufgrund weniger Anhaltspunkte glaubt man differenzieren zu können.
    Hemmaberg ? Wikipedia
    Museum Globasnitz | Frühchristliche Ausgrabungen
    (ich hoffe der Link ist ok, auch wenn ich ihn mir nicht durchgelesen habe. Informativ ist Sicherich ein Artikel in „Rom und die Barbaren" zum Thema, aber das kann ich nicht hier reinstellen)

    Es ist auch fraglich bis eher unwahrscheinlich, dass zwischen arianischer und katholischer Lithurgie bemerkenswerte Unterschiede existiert hätten. Selbst bei den Goten, die doch eine Übersetzung der Bibel in ihre Volkssprache besaßen ist man nicht sicher, ob diese Sprache tatsächlich auch auf römischem Reichsboden noch in der Lithurgie verwendet wurde.

    @Rephaim: Eine Unterscheidung zwischen Katholiken und Orthodoxen kann während der Völkerwanderungszeit nicht getroffen werden. Damals gab es das Schisma zwischen beiden Konfessionen noch nicht. Immer wenn für diesen Zeitraum von Katholiken geschrieben wird, könnte man mit dem gleichen Recht auch von Orthodoxen schreiben, da damals noch synonym![/FONT]

    [FONT=&quot]Kunstgeschichtler glauben erkennen zu können, dass arianische Kunst eher das menschliche Element des Messias herausstellt, das aber auch noch zum Themenkanon der katholischen Christenheit gehörte. Also etwa Themen wie "der gute Hirte"... Als eine Reaktion auf die arianische Herausforderung werden Darstellungen Christi als Pantokrator erörtert.[/FONT]


    Pantokrator ? Wikipedia
    Die eher katholische Darstellungsweise der damaligen Kunst lässt sich relativ gut in den Veränderungen feststellen, welche die oströmisch/byzantinischen Sieger in den durch arianische Ostgoten begonnenen, berühmten Kirchenbauten ihrer italienischen Residenzstadt Ravenna veranlassten. (Siehe bei Wiki unter den UNESCO-Bauten)
    Ravenna ? Wikipedia
    Sant?Apollinare Nuovo ? Wikipedia
    [FONT=&quot]Einiges findet sich zum Thema auch im großen Band zu Konstantin dem Großen aus dem Jahre 2007 unter Federführung von Alexander Demandt und Josef Engemann.[/FONT]
     
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  11. Rephaim

    Rephaim Neues Mitglied

    Mit den Ikonen war nur ein Beispiel um einen möglichen Unterschied darzustellen.

    Von wenigen, kurzen Beispielen her, finde ich Ravenna, für diesen Themenkomplex schwierig.

    arianische Taufkirche
    http://arthist.umn.edu/aict/images/medieval/EC/512/56.jpg

    orthodoxe Taufkirche
    http://arthist.umn.edu/aict/images/medieval/EC/512/88.jpg

    In der Architektur sehe ich keinen großen Unterschied.


    Mosaik aus der arianischen
    http://arthist.umn.edu/aict/images/medieval/EC/512/57.jpg

    Mosaik aus Saint Apollinare en Classe (auch Ravenna)
    http://arthist.umn.edu/aict/images/medieval/EC/512/234.jpg

    S.A. en Classe wurde von Ursicinus (katholisch) Ursicinus von Ravenna - Ökumenisches Heiligenlexikon 533 begonnen, 540-550 (gerade 540 wurde Ravenna von Ostrom erobert) müssen die Katholiken die "Gute-Hirte"-Darstellung, nicht als spezifisch arianisch verstanden haben, oder ist es der Versuch den "Guten Hirten" katholisch/orthodox zu vereinnahmen (die Pantokratorhaltung, segnend mit aufgerichtetem Zeigefinger ist nicht, mehr ,offen´betend)?

    Der "g.-H." soll vor Arian im 3. Jh. das beliebteste Motiv der Christen gewesen sein Frühchristliche Kunst ? Wikipedia
    , hat eine ausschließlichere Verwendung bei Arianern stattgefunden?

    Es ist sehr interessant, danke für die Info, bin aber im Moment etwas skeptisch. Befassen sich Demandt und Engemann eben mit dem "g.H."?


    EARLY CHRISTIAN
    (Quelle der Bilder)
     
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  12. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Also, ich weiß nicht ....
    Ob die sich sooo viel Gedanken gemacht haben , wenn sie zur Messe gegangen sind?
    Oder ob ihnen , dem "normalen Volk/Adligen" der Unterschied bewußt war?
    Zumindest bei den Völkern nördlich der Alpen?
    Die Haupbotschaft ist ja bei Arianern und Katholiken gleich:
    Es gibt nur einen Gott, der kümmert sich um alles und das das jeder weiß , dafür hat er seinen Sohn geopfert.
    Dann gibts noch die 10 Gebote , die versteht auch so ziemlich jeder, und wenn man sich daran hält, kommt man in den Himmel. Und macht man das nicht, eben nicht.
    Aber, der verzeiht einem auch die Fehler, wenn man bußfertig ist.

    So, und was da sonst noch ist, dafür gibts nen Priester, soll der sich drum kümmern.

    Der erzählt dann im Wortgottesdienst tolle Geschichten, schimpft die Sünder ordentlich aus, das ganze ist ne prächtige Veranstaltung und es riecht so gut.

    Wenn die denn soviel vom Christentum wußten
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Dem Klerus war es allerdings überhaupt nicht gleichgültig, ob ein Volk zur arianischen Variante des Christentums konvertierte, bei dem Christus die Göttlichkeit abgesprochen wurde. Wie scharf ein solcher religiöser Streit ausgetragen wird, zeigt die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten im 16. und 17. Jh.

    Dass das Volk derlei Spitzfindigkeiten eher kalt ließ, darf man wohl annehmen.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Unterschiede in der Christologie des arianischen und des katholischen bzw. orthodoxen Christentum dürften auch für die Laien durchaus deutlich erkennbar gewesen sein.
     
  15. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Erkennbar mögen sie gewesen sein - aber haben sie die Masse der frisch konvertierten Germanen in spätantiker Zeit interessiert? Das galt denen sicherlich als Priestergezänk.
     
  16. tejason

    tejason Neues Mitglied

    Von der Entwicklung hin zu christlicher Kunst

    Das ist ja genau das Problem, dass es eben keine spezielle, „arianische Kunst“ gibt – soweit ich das bisher mitbekommen habe (und da bin ich generell auf unsicherem Grund und nicht kompetent). Der von mir erwähnte Band zu Konstantin ist eine Sammlung diverser Aufsätze verschiedener Autoren mit unterschiedlichen Themen (und Qualität), darunter etwa 80 Seiten zu Religion (pagan bis christlich, die nicht explizit auf „arianische“ Darstellungen eingehen.
    Das Motiv des „Guten Hirten“ ist auch keineswegs allein christlichen Ursprungs: Die Darstellung an sich war bereits in paganer Zeit ein durchaus bekanntes Motiv. Dies hat zu tun mit bereits seit der römischen Kaiserzeit etablierten, romantisierenden Hirtengedichten, die von einem glücklichen Leben (auch Nachleben!) in „Hirtenidylle“ berichten und die Rückwirkungen auf die darstellende Kunst hatte. Ein scheinbar christlicher, „Guter Hirte“ kann in frühester Zeit also auch als Hirtenidyll gedacht gewesen sein(, da das Bildprogramm bereits seit Jahrhunderten üblich war!). Fast nur gemeinsam mit weiteren, typisch christlichen Darstellungen oder Attributen kann der „Gute Hirte“ daher als sicher christliches Bildprogramm identifiziert werden! Eindeutig Christlich wird die Darstellung etwa durch Heiligenschein oder goldenes Gewand…

    Bei den beliebten Darstellungen aus dem Alten Testament findet sich immer wieder Jonas: Auch Jonas, der entspannt unter der Laube liegt hat Vorbilder in entspanntem „Hirtenidyll“ und in Inhalten zu paganen Dionysos- oder anderen Zyklen… Besonders, wenn dies alleine vorkommt, ohne die bekannteren Szenen mit Walfisch und Sturm auf dem Schiff… Ebenso der Fischer, der sowohl in paganes Idyll passt, wie er später als Sinnbild der Apostel (Berufung des Fischers Petrus/ Apostel als Menschenfischer) verwendet wird.

    Deutlich wird vor allem, dass sich das Kunsthandwerk ja erst allmählich an die neue, christliche Ikonographie wagte – sie also erst erschaffen musste: Und dies dauerte einige Zeit! Die Entwicklung war sicher auch durch das biblische Darstellungsverbot Gottes für längere Zeit gehemmt! Frühchristliche Symbole waren vor allem der Fisch und (mit Konstantin bekannter,) auch das Christus-Monogramm. Der Rest entwickelte sich teils aus den überkommenen Bildprogrammen. Die Erschaffung des Adam (aus Lehm) wird aus älteren Prometheus-Darstellungen heraus entwickelt geschildert, wo Prometheus in Beisein von Athene den Menschen aus Ton modelliert. Erst aus dem 5.Jht. sind dann Darstellungen bekannt, die nicht auf pagane Vorbilder zurückgreifen können, beim gleichen Thema: Nämlich der Erschaffung der Eva aus der Rippe des Adam (hier gibt es keine möglichen Anlehnungen an antike Mythologien)! Im Louvre findet sich eine „reinrassige Prometheus-„Schöpfung“ auf einem Sarkophag von etwa 270/280 aus Rom. Die „Nutzung“ als christliche „Erschaffung des Adam“-Dekoration stammt dann aus dem Beginn des 4. Jht., etwa auf einem Sarkophag von 325! Das sind sehr lange Kunstzyklen, die über mehrere Generationen hinweggehen, bis sich das Kunsthandwerk voll der neuen Ikonographie widmen konnte. Auf Sarkophagen scheinen sich anfangs vor allem Darstellungen aus Apostelgeschichte und Altem Testament zu finden, vermischt mit einigen Wunderdarstellungen Christi zu finden (auch auf dem Sarkophag von Arles von 325). Oft weiterhin vermischt mit nicht als christlich zu interpretierenden Darstellungen.

    Pagane, geflügelte Eroten und christliche Engel sind ohnehin nicht wirklich zu unterscheiden... Das Ringen um ein christliches Bildprogramm ist noch im Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna nachhallend, wo die weidenden Hirsche wohl kaum nur christlich gedeutet werden können.
    Mausoleum der Galla Placidia ? Wikipedia
     
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  17. tejason

    tejason Neues Mitglied

    Arianische und trinitarische Kunst?

    Damit sind bislang nur grundsätzliche Kunstprobleme angesprochen und wie lange es doch dauerte, bis die christlichen Darstellungen sich stärker von paganen Vorbildern und Inspirationen lösen konnten. Bei der relativ kurzen Dauer der Auseinandersetzungen zwischen arianischen- und katholisch/orthodoxen Konfessionen ist also gar nicht zu erwarten, dass sich wirklich typische Kunstrichtungen entwickelten! Dazu kommt, dass die arianische Konfession letztlich recht plötzlich jede Bedeutung bei den römischen Bevölkerungsschichten verlor und fast nur noch bei germanischen Völkern dominant blieb. Gerade in der Kunst aber waren die neuen Herren (fast) völlig von der römischen Kunst abhängig – sie haben da nichts Neues entwickelt, wie sie auch generell archäologisch im römischen Umfeld immer sehr unauffällig bleiben. Sie bedienten sich römischer Kunst und hatten damit bestenfalls auf die Auswahl der angebotenen Ausdrucksformen für ihre Kirchen einen Einfluss! Das halte ich für die wichtigste Hauptaussage, dem eher nur relativer „Kaffeesatz“ folgen kann.

    Theologisch waren die Arianer, (die man besser als Homöer bezeichnen sollte), nur in relativ wenigen, aber zentralen Details von den Lehren der katholisch/orthodoxen Kirche entfernt. Es war ein Streit um die göttliche Trinität (die Einheit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist). Die Homöer betonten eine Hierarchie zwischen diesen drei Personen sowie die Einmaligkeit von Gottvater als monotheistische Gottheit. Der Sohn war nach ihrer Sichtweise ebenfalls göttlich, aber vor Anbeginn der Zeit durch Gottvater erschaffen worden. Je nach Radikalität der (auch in sich vielfach theologisch unterschiedlichen) homöotischen Lehre(n) wurde der Heilige Geist völlig abgelehnt oder als noch unter dem Sohne stehend, weiter abgewertet. Wie soll sich diese Hierarchie auch künstlerisch von der Dreifaltigkeit wirklich abheben? Der Heilige Geist spielt auch in Darstellungen trinitarischer Kunst eine recht geringe Rolle, kommt bei Taufszenen auch in homöotischer Kunst weiter vor! Die religionspolitische Radikalität der arianischen Vandalen blieb dabei sonst unerreicht bei den übrigen, germanischen Reichsgründungen! Der arianische Streit war auch im römischen Reich für einige Zeit durchaus nicht entschieden worden und die christlichen Missionare bei den Germanen trafen dort zu einer Zeit ein, als die damaligen, römischen Kaiser selbst der arianischen Glaubensrichtung zugeneigt waren.
    Arianischer Streit ? Wikipedia
    Überblick - DAMALS - Geschichte online

    Eine „Homöotische Kunst“ konnte also bestenfalls die menschliche Person Jesu Christi hervorheben. Jedes dieser Bildmotive wäre aber wohl auch für Katholiken annehmbar. Christus als Weltenherrscher ist ein guter Ausdruck der Trinität – bleibt aber an sich auch für eine arianisch-homöotische Konfession (in Maßen?) erträglich. Die Darstellungen des Weltenherrschers nehmen offensichtlich seit dem Sieg des Glaubens an die Trinität im Römischen Reich zu, was als Triumph über die homöotische Glaubensrichtung interpretiert werden kann(?). Jede Darstellung Christi als Mensch müsste ein eifriger Gegner der Trinität bevorzugen…

    @Bilder aus Ravenna:
    Wichtig ist, dass nach Untergang des Ostgotenreiches die katholisch/orthodoxen Sieger die Mosaiken der gotischen Kirchen teils umgestaltet haben. Die Hofkirche des Goten Theoderich war „Christus dem Erlöser“ geweiht. DAS zentrale Thema des Christentums eigentlich! Trotzdem wurde die Kirche nach der Gotenzeit einem „gewöhnlichen Heiligen“ umgeweiht: Zuerst Martin von Tours und später dem Appolinaris, als erstem christlichen Bischof von Ravenna (obwohl dieser noch im Namen den paganen Gott Apollo nachhallen lässt!). Christus als Erlöser lässt sich daraus als eine zentrale Botschaft auch der homöotischen Konfession herauslesen. An der Decke wurde später ein Mosaik angebracht (ersetzte/veränderte wohl das vorherige, gotische Programm?), das „Hl. Martin im Goldhimmel“ genannt wurde. Es lässt sich daraus leicht spekulieren, dass dort vorher der triumphierende Christus gewesen sein könnte. Leider ist auch das Martin-Mosaik längst zerstört. Gerade die sonstigen Darstellungen des Hl. Martin sind auch Gegenstand von Interpretationen: Meist ist er in einem purpurnen Mantel zu sehen. Ein purpurner Mantel war in der Antike an sich dem Kaiser vorbehalten, so wie die ganze Farbe ikonographisch dem Kaiser zugeordnet wurde. Da bekannt ist, dass Theoderich von Ostrom einen purpurnen Mantel und ein kaiserliches Diadem zugesandt bekommen hatte, wäre also eine entsprechende Interpretation möglich?
    Sant?Apollinare Nuovo ? Wikipedia

    Wohl ein deutliches Zeichen für die trinitarische Kunst mag die Darstellung von Christus als Weltenherrscher (bartloser Jüngling thronend auf dem Himmelsrund) sein, der Heiligen die Märtyrerkrone reicht. Wenn man zwischen Weltkugel (als Abbild der Erde, wie wir es heute verstehen) und Himmelsrund unterscheiden, wird klarer warum: Das Himmelsrund müsste nach homöotischer Anschauung doch wohl eher Gottvater vorbehalten sein.
    Zuweilen als vom arianischen Glauben beeinflusst wird die Taufszene Jesu im Jordan aus der arianischen Hofkapelle gehandelt, wo ungewöhnlich deutlich die Genitalien (typisch menschliches…) erkennbar sind. Pagan-Antik muss dagegen die bärtige Gestalt im Fluss interpretiert werden: Als Personifikation des Jordan (wie eine pagane Flussgottheit!!). Die Darstellung ist bei Jesus detaillierter als in der gleichzeitigen Kathedrale von Ravenna der katholisch/orthodoxen Christen (Kopfpartien und Heiliger Geist sind spätere Reparaturen dort). Die Taufszene wird jeweils von den 12 Aposteln eingerahmt, angeführt von Petrus und Paulus. In der "homöotischen Taufszene" ist zusätzlich zwischen Petrus und Paulus ein freier Thron: Hetoimasia. Dies räumt als leerer Thron Christi den ersten Platz ein. Anders als spätere Darstellungen eines Hetoimasia wird dieser Thron nur durch ein Kreuz gekennzeichnet und nicht durch Attribute der Dreifaltigkeit.

    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0a/Baptistery.Arians.Entire.Mosaic.jpg
    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bd/Baptisery_of_Neon_Ceiling_Mosaic.jpg
    Hetoimasia ? Wikipedia


    Fazit:
    Man sieht: Es muss schon sehr genau hingesehen und weitgehend interpretiert werden, bis sich auch nur Anhaltspunkte für eine unterschiedliche, darstellende Kunst ergeben! Dabei bleibt gerade im letzten Beispiel die spätantik-pagane Anleihe der Kunst in Form der Personifikation des Flusses weit offensichtlicher. Letztlich ist alles weitgehend spekulativ.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. April 2012
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  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Naja... wenn man sich die bekannten Jenseitsvorstellungen anschaut wie Walhalla, die sind auch - zumindest aus Perspektive der Kriegernobilität nicht schlecht. Was das Opfern angeht, so steht dahinter doch die Sichtweise, dass man für eine Gegenleistung auch etwas bekommt, im Sinne eines reziproken Tausches.

    Das ist leicht dahingeschrieben. Dabei ist die christliche Theologie in ihrem Gottesbild alles andere, als in sich logisch. Da ist einerseits ein Gott, der - im Gegensatz zu den heidnischen Göttern, die den Naturgesetzen wenigstens teilweise unterworfen sind - allmächtig sein soll. Das ist sicher faszinierender, als die begrenzten Mächte der heidnischen Götter, wenn diese auch tolle Gimmicks haben.
    Aber ein Gott, der sich - zumindest nach katholischer/rechtgläubiger Lehre, in der arianischen Christologie ist das ja dann nicht der Fall - ohne sich zu wehren ans Kreuz schlagen lässt, um zu sterben, das ist zunächst ein Schwächling, der in einer Kriegergesellschaft keinen Platz hat.

    Insofern ist die angebotene Erklärung, warum die Germanen (aber genauso auch die Bewohner des römischen Reiches) nach und nach zum Christentum kamen, eher unbefriedigend.

    Die Frage ist ja auch, ob man von unten oder von oben christianisierte. Für das römische Reich gibt es z.B. die Annahme, dass die Christianisierung zunächst die unteren Schichten erfasste, es gibt aber - bei genauerer Betrachtung der Sachlage - auch Gegenargumente dazu.
     
  19. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die hier schon oft erwähnten Goldblattkreuze ebenso aus Oberflacht sind zwar eindeutige Indizien für die Verbreitung des Christentums, aber eindeutig auch der Grabbrauch einer Kriegernobilität.
    Goldene Grabbeigaben (ebenso wie das Kreuz aus Seidenbrokat aus Oberflacht) werden wohl der Unterschicht sicherlich nicht möglich gewesen sein.
    Die Beigabensitte an sich ist jedoch als heidnisches Relikt zu betrachten, außerhalb eines synkretischen Kontexts ergeben solche Grabbeigaben keinen Sinn. Speziell arianisch erscheint mir erstmals nicht. Die Goldblattkreuze folgen eindeutig einem langobardischen Vorbild und fehlen widerum bei Vandalen, Westgoten etc.

    Problematisch ist die fehlende schriftliche Überlieferung für Süd- und Mitteldeutschland. Von den iro-schottischen und angelsächsichen Missionaren wird das Existieren arianischer Gemeinden in der Regel geleugnet.
    Wichtig erscheint mir, dass die Arianer Jahrhunderte vor der Römischen Kirche über Missionare mit entsprechenden Sprachkenntnissen verfügten. Hinweis auf eine mögliche Bedeutung der Sprache liefert ja die gotische Bibelübersetzung.
    Gotische Missionare dürften schon im 4. Jahrhundert unter zahlreichen Stämmen außerhalb des Imperiums schon Einzelne oder Gruppen bekehrt haben.
     
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  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Frage bleibt dennoch bestehen, ob die Goldblattkreuze wirklich auf die Christianisierung ihrer letzten Träger hinweisen, oder ob diese einfach zu einem Schmuck- und Statussymbol wurden, ähnlich den zinkverzierten Friesenkannen, die einige Jahrhunderte später eindeutig nach Skandinavien gehandelt wurden, um den Bedarf der wenigen Christen dort zu decken, die dann aber als Trinkgeschirr ebenfalls Eingang in die Gräber von Heiden fanden.
     

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