Woher kamen die preußischen Rekruten im 7-jährigen Krieg?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Brissotin, 25. September 2009.



  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Nachdem ich jetzt bald mit einem ziemlich mit Zahlen vollgestopften Buch durch bin, will ich meine Vorstellungen mal etwas entwirren. Hat jemand Lust mit mir ein bisschen Klarheit in die Sache zu bringen?
    1. Wann kamen welche Rekruten aus welchen Gegenden unter die preußischen Fahnen?
    2.Kann man gut Vergleiche zu der Praxis im Österreichischen Erbfolgekrieg ziehen?
    3. Was waren die Resultate der Pressung von Ausländern wie Sachsen und Mecklenburgern in die preußische Armee?

    Ein gewisser Abenteurer, welcher es bei Friedrich bis zum Oberst brachte, soll laut Groehler während des Krieges 60.000 Rekruten für Preußen geworben haben: Johann Franz von Colignon.* Mir erscheint die Zahl ziemlich hoch, auch wenn er mit weiteren Agenten unter einer Decke steckte und sozusagen eher ein Netzwerk von Rekrutierungsagenten unterhielt.

    * Olaf Groehler: "Die Kriege Friedrich II." Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1986
    S. 116
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ein überaus interessantes Thema, bei dem ich gerne einsteige, auch wenn ich zunächst nicht mit vielen Informationen zum preußischen Militär dienen kann.

    ad 1) Ich kann nicht mit genauen Zahlen dienen, doch scheinen die Preußen im Rheinland und in Franken eine rege Werbetätigkeit entfaltet zu haben, wobei sie offenbar zumindest teilweise auf die Unterstützung der Obrigkeiten zurückgreifen konnten, die mitunter froh waren, Arbeitslose, Arme und gestrandete Existenzen loszuwerden, die man gerne als "Müßiggänger" oder "starke Bettler" bezeichnete. Dabei war man nicht wählerisch, und es wurden mitunter auch Srafgefangene "ad Militiam condemniert".

    ad 2) Was meinst du mit Praktiken während des Österreichischen Erbfolgekrieges? Spielst du auf Praktiken illegalen Kidnappings an, für die besonders die preußischen Werber berüchtigt waren? Ein prominentes Opfer war der russische Universalgelehrte Lomonossow, der während seiner Studienjahre in Marburg von preußischen Werbern zwangsrekrutiert wurde, ehe er in Schlesien desertieren konnte.

    In vielen deutschen Ländern verbot man den daher den Preußen, zu werben so in Ansbach und Kurhannover. Bevorzugte Rekrutierungsgebiete dürften vor allem politisch zersplitterte Territorien gewesen sein, die nicht über eine starke Zentralgewalt verfügten und vor allem Gebiete, in denen keine Konkurrenz mit anderen Militärmächten bestand, die mit höheren Sold- und Handgeldzahlungen aufwarten konnten. So bestand während des Bayrischen Erbfolgekrieges in Mitteldeutschland eine gewisse Konkurrenz zu hessischen Werbern, die eine starke Werbepraxis entfalteten und dank der reichlich sprudelnden britischen Subsidien eine größere Attraktivität bieten konnten. So waren schon im Siebenjährigen Krieg die Soldaten ihrer britischen Majestät dreimal so teuer wie die Söldner des Preußenkönigs.

    ad 3) Von den Sachsen ist zumindest überliefert, dass sie nur sehr unwillig "Beutepreußen" wurden und nicht selten geschlossen wieder zum gegner übergingen, weshalb man die bei Pirna "erbeuteten" Sachsen auf verschiedene Regimenter verteilte.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Zu dem, was Scorpio schrieb:

    1)
    Wen meinst Du mit der Obrigkeit? Ich meine doch, die meisten Reichsfürsten waren doch gegen Preußen im Krieg begriffen oder verhielten sich zumindest neutral. Von daher ging ich eher von einer illegalen Werbung durch die Preußen im mit Preußen verfeindeten Reichsgebiet aus.

    Ich hatte hingegen gelesen, dass die Preußen regelrechte Feldzüge mit kleineren Abteilungen unternahmen, um im Feindesland Kontributionen einzutreiben und zu "rekrutieren".

    2)
    Ich meine das Rekrutieren in Feindesland wie es Friedrich II. scheinbar sehr exessiv schon im 1. Schlesischen Krieg betrieb. Der Kreis Olmütz allein musste neben 100.000 Gulden noch 1023 Rekruten während des Feldzuges in Mähren von 1742 stellen.

    3)
    1757 sollen sich 3 sächsische Bataillone aus der preußischen Armee geschlossen von Guben, Lübben und Cottbus bis in die Hauptstadt Warschau ihres Kurfürst-Königs durchgeschlagen haben.

    Es wurden ja nicht nur die Reste der kursächsischen Armee, welche sich auf 17.000 Mann beliefen, mit der Kapitulation vom 16.Oktober 1756 in die preußische Armee gesteckt, sondern obendrein 9075 Rekruten von Kursachsen gefordert.
    Schlimmer als Sachsen traf es aber wahrscheinlich Mecklenburg-Schwerin, das mit Österreich verbündet war und 16.000 Rekruten angeblich zu erbringen hatten, woraufhin eine Landflucht eingesetzt haben soll.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Ich dachte dabei auch mehr an Werbung in Friedenszeiten und hatte dabei auch die Praktiken hessischer Werber im Sinn, die vor allem im Verlauf des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges im "Ausland" Soldaten warben, um die Arbeitskräfte des eigenen Landes zu schonen. Bevorzugte Reviere lagen in Thüringen, Westfalen und in der Nachbarschaft der freien Reichsstadt Frankfurt. Dabei konnten sie oft auf Mithilfe der Obrigkeiten rechnen, die unliebsame Zeitgenossen auf diese Weise loswurden.

    Mit der Kriegsdauer und dem starken Bedarf an Soldaten sanken dabei auch die Hemmungen, auf dubiose Methoden zurückzugreifen, wenn nicht gar zu reiner Gewalt und Kidnapping. Es war eine gängige Praxis, zwangsrekrutierte Soldaten eine Erklärung unterschreiben zu lassen, dass es sich um freiwillige Werbung handelte.

    Die Militärs pochten zwar sehr stark auf ihren Ehrenkodex, und wenn Angehörige aus "unehrlichen Berufen" rekrutiert wurden, bedarfte es sogar eines eigenen Rituals der Ehrlichmachung, doch die Armeen des alten Europas bestanden aus einem Sammelbecken von abenteuerlichen Existenzen und Desperados.

    Das sogenannte "herrenlose Gesindel" hatte keinerlei Rechtsschutz, selbst dann nicht, wenn- wie bei den Hessen- gewaltsame Werbung verboten war. Die Zahl der Nichtsesshaften, Vaganten, Bettler etc. war recht hoch. Moderne Schätzungen reichen je nach Konjunkturlage von 5-15% an der Gesamtbevölkerung, und es krähte kein Hahn danach, wenn solche Pariahs zwangsrekrutiert wurden- im Gegenteil: Behörden arbeiteten sogar oft mit den Werbern zusammen. Bei steigendem Truppenbedarf sank dann auch die Hemmschwelle, Kriminelle zu rekrutieren, deren Strafe kurzerhand in Militärdienst umgewandelt wurde.

    Vor diesem Hintergrund ist dann auch das Angebot von Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre" verständlich, der seinen Landesherren um Pardon bittet und sich diesen durch "Frontbewährung" im Siebenjährigen Krieg verdienen will.

    Liest man Kriminalakten aus dieser Zeit, fällt auf, dass erstaunlich viele Galgenvögel kurzerhand "ad militiam condemnieret" wurden.

    Hast du eventuell Quellen und Literatur zur Hand, die belegen können, ob und in welchem quantitativen Umfang die Preußen Strafgefangene rekrutierten?
     
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Im Moment nicht wissentlich, aber ich überfliege wegen dem Thema hier ja ohnehin meine Unterlagen.

    Ich hatte ein bisschen auf silesia gehofft, der oft schön übersichtliche Tabellen zur Hand hat.

    Ergänzend zu 1. in meinem ersten Beitrag von heute 12:18 Uhr würden mich insbesondere die Zahl der Mecklenburger und Sachsen interessieren, welche insgesamt den Dienst bei den Preußen während des Siebenjährigen Krieges durchliefen.
     
  6. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Guddat, Martin, Des Königs treuer Diener. Als Soldat unter Friedrich dem Großen, S. 21: "Nach dem Siebenjährigen Krieg wird die Zahl der Geworbenen 90 000 (57%) [...] betragen. Die Anwerbungen erfolgten vornehmlich in Mittel- und Süddeutschland [...]. Im Infanterieregiment Nr. 10 dienten 1751 unter 552 Nichtpreußen 526 Deutsche, sechs Franzosen, zwei Italiener, zehn Ungarn, vier Polen und vier Engländer.
    [...] Hessen pflegte zum Tode verurteilte Verbrecher durch Dienst in seinem preußischen Regiment zu begnadigen."

    Im Groehler (Ausgabe von 1990) hast Du auf S. 170 ff. doch einen sehr schönen Überblick (gelesen hab ich ihn zuletzt vor über 15 Jahren, fand ihn damals aber recht brauchbar.
    Auf S. 172 beschreibt er auch, dass das Verhältnis von Preußen zu Deutschen zu Nicht-Deutschen vom Standort des einzelnen Regiments stark geprägt war und von den Nicht-Deutschen die Polen den größten nationalen Anteil stellten.

    Zu der Geschichte mit den 60 000 Geworbenen: Die Anzahl Geworbener entsprach nicht so recht der Anzahl effektiv zusätzlicher Kämpfer, da es etliche Spezl gab, die ihren persönlichen Broterwerb gefunden hatten, indem sie sich werben ließen, das Handgeld einsteckten, bei nächster Gelegenheit desertierten, sich wieder werben ließen usw. usw. . Zahlen sind mir dazu allerdings nicht bekannt, so 5 - 10% tät ich aber schon annehmen. Ich lese die Passage mit dem Colignon (bei mir auf S. 119) außerdem tatsächlich so, dass er für die gesamte, oder zumindest einen großen Teil der preußischen Werberorganisation verantwortlich war.
     
  7. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Merkwürdig.

    Ich verstehe, wenn ein Land "störende Elemente" (Bettler, Vaganten ...) oder "überflüssige Esser" per Rekrutierung in ein Nachbarland abschiebt bzw. aus dieser Motivation Werbung zuläßt.

    Und ich verstehe, wenn ein Land verurteilte Verbrecher zum Dienst in der eigenen Armee begnadigt (war in England sehr üblich).

    Aber wieso eine Begnadigung, die die Militärmacht eines anderen Landes stärkt?
     
  8. ak_2107

    ak_2107 Gast


    In Guben stationierte das 2 - te Batallion des Regiments von Loen,
    Die Mannschaften bestanden weitgehend aus den ehemaligen Soldaten
    des sächsischen Regiments "Prinz Friedrich August" sowie Rekruten, die
    in Guben und in der Umgebung ausgehoben wurden - allein die Stadt
    Guben stellte 52 Mann. Während des Ausbildung muss es zu schweren
    Mißhandlungen der sächsischen Rekruten gekommen sein, so daß der
    Friedrich persönlich eingegrifen hat und einen der Leutnants von seinem
    Posten entfernte - " sein Platz wäre eher im Schlachthaus".
    Am 28 März 1757 bekam die Einheit Marschbefehl. An einer der Kreuzungen, kurz hinter der Stadt ertönten plötzlich Rufe - "Es lebe König von Polen, gehen wir zu ihm". Offiziere wurden bedroht, einer ist angeschossen worden. Letztendlich waren sie gezwungen zu flüchten. Soldaten plünderten die Regimentskasse und marschierten in Richtung
    polnischer Grenze. Unterwegs - auf dem preußischen Gebiet - unternahmen preußische Bauern, Forstbeamte und örtliche Adlige mehrere Versuche die Fahnenflüchtigen aufzuhalten. Bei diesen Scharmützeln töten die Soldaten etwa 20 - 30 der bewaffneten Bauern, 6 Sachsen sind gefallen.

    Am 29 März erreichte das Batallion die polnische Grenze und in einigen
    Tagen Warschau.

    Ähnlich verlief die Flucht des ersten Batallions, stationiert in Lübben,
    Diese Einheit ereichte die polnische Grenze am 1.4.1757.

    In Cottbus und Peiz lag das erste Batallion des Regiments von Brevern,
    seine Mannschaften bestanden aus ehemaligen Soldaten des sächsischen
    Regiments "Prinz Xsawer", und waren am 29 März unterwegs in Richtung
    Schlesien als die Nachricht über die Fahnenflucht
    der Soldaten aus Lübben und Guben das Batallion erreichte. Der Oberst von Brevern
    vesuchte die Stimmung zu beruhigen, es wurde zusätzlicher Sold ausgezahlt.
    Als man jedoch am nächsten Tag versuchte, die ausgegebene Munition
    einzuziehen kam es zu Schiesserei. Einer der Offiziere wurde verletzt,
    Es wurde auch auf den Oberst geschossen. 500 Sachsen machten sich
    anschliessend auf den Weg nach Polen. 150 Soldaten blieben beim Regimentskommandeur. Die Fahnenflüchtigen erreichten die Grenze
    ohne größere Zwischenfälle. Ledeglich 2 Soldaten wurden verletzt, als
    die Einheit kurz vor der Grenze beschossen wurde.

    Fast zeitgleich ist eine Schwadron, bestehend aus ehemaligen "Rutkowski
    Dragonern" aus Forst und Pförten in Richtung Mähren desertiert.

    Davor - noch im Winter - sollten zwei Schwadrone nach Böhmen übergelaufen sein. (hierzu fehlen mir die genauen Angaben)

    Nach der Kapitulation in Pirna wurden die sächsischen Truppen etweder
    auf die preußischen aufgeteilt - betraf die Regimenter, die sich
    geweigert haben das Eid auf den König von Preußen abzulegen,
    oder komplett mit preußischen Offizieren in die Armee des Friedrichs
    eingegliedert. (Infanterieregimenter)

    Die sächsischen Regimenter sollten folgende Nummer erhalten

    Nr. 50 Wietersheim
    Nr. 51 Wylich
    Nr. 52 Blanckensee
    Nr. 53 Manstein
    Nr. 54 Saldern
    Nr. 55 Hauss
    Nr. 56 Loen
    Nr. 57 Jung-Braunschweig-Bevern
    Nr. 58 Flemming
    Nr. 59 Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen

    Mit den Grenadierbatallionen:

    Nr. 52/55 Kahlenberg
    Nr. 50/58 Bähr
    Nr. 51/59 Bornstädt
    Nr. 53/57 Diezelsky
    Nr. 54/56 Köller

    De facto kam dazu nicht.

    Zwei Jahre später - 1758 - existierten nur noch zwei von den
    geplanten Regimentern ( welche - ????)

    Das Regiment von Loen ( Guben) ist aufgelöst worden, allerdings
    habe ich gelesen, daß es erst später erfolgte. Es sieht so aus
    als ob man diese Einheit erneut aufgestellt hat, denn als Grund
    für die Auflösung ist ist die Fahnenflucht der kompletten Manschaft,
    während des östrerreichischen Vorstoßes nach Berlin....Und dieser
    hat viel später stattgefunden als die in "Gubner Chronik" geschilderten
    Ereignisse.

    Die sächschischen Rekruten brachten dem Friedrich nicht allzuviel
    Nutzen. Es muß auch eine Episode in Zusammenhang mit der Belagerung
    von Schweidnitz gegeben haben. Die Österreicher sollten die Festung
    hauptsächlich dank der Mitwirkung der sächsischen Soldaten
    aus den Reihen der Verteidiger erobert haben

    gruß
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 17. Oktober 2009
  9. ak_2107

    ak_2107 Gast

    Z. Netzmer - Ulanen, die fast ausschliesslich aus Polen
    (mit Migrationshintergrund) bestanden......

    Die Preußen hatten 1756 Prägestempel des polnisch - sächsischen
    Königs erobert und übten sich seitdem fleissig in der Herstellung falscher Münze. Diese wurde in erster Linie dafür aufgewendet, die Rekruten in Polen zu gewinnen, (aber nicht nur.)

    Obwohl manchmal gings auch ohne (Geld) - in der Beschwerde der Einwohner der Grenzgebiete ist auch die Rede von ca. 30 000 veschleppten Untertanen der polnischen Krone. Preußen ihrerseits
    behaupteten, daß sich hier um entflohene brandenburgische Leibeigene
    mit ihren Familien gehandelt hat. Die geeigneten wurden natürlich in
    Uniformen gesteckt.
     

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