1492 ff als Reaktion auf 1453 ?

Dieses Thema im Forum "Südeuropa | Mittelmeerraum" wurde erstellt von Multivista, 16. März 2007.

  1. Multivista

    Multivista Gesperrt

    Die Ereignisse von 1453, also die Eroberung von "Europas Hauptstadt" Konstantinopel durch die "Andersglaubenden"...
    Inwiefern hat das einen (dominanten oder zumindest nicht zu unterschätzenden) Einfluss auf die "Vertreibung" der Muslime aus Spanien 1492 ff gehabt?
    Oder kann/darf man diese Ereignisse nicht zu eng in Beziehung setzen?
    War also die Verfolgung von Nichtchristen in Spanien auch eine Reaktion auf die "Angriffe" der Muslime auf Konstaninopel?
     
  2. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Hi,

    ich denke, man sollte die Ereignisse nicht zu eng in Beziehung setzen. Es wurden seit Jahrhunderten gegenseitig Gebiete erobert.

    1. Historisch betrachtet sind die Eroberungen der Spanier und die der Osmanen meistens gänzlich anders abgelaufen. Ich meine im Bezug auf die eroberten Völker und die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen.
    siehe meinen Zitat aus einem Geschichtsbuch zum Thema Muslime und Nichtmuslime:
    http://www.geschichtsforum.de/showpost.php?p=230582&postcount=9

    2. Wichtiger: Die Reconquista und damit die Vertreibung der Muslime lief ja schon seit ein paar Jahrhunderten, ohne das die Eroberung Konstantinopels ideologisch eine Rolle spielte.
    Eher spielte da schon die Eroberung Konstantinopels 200 Jahre früher durch die "Lateiner" eine Rolle - insofern, als sie uns heute die Geisteshaltung aufzeigt, mit denen die Kreuzzüge und die Reconquista z.T. abliefen.

    3. Richtig ist, dass die osmanische Eroberung Konstantinopels für das Abendland ein Schock war.
    Dieses Ereignis und der Zusammenschluß von Aragón und Kastilien (1479) beschleunigten den Gedanken die Reconquista nach einem Jahrhundert der relativen Pause wieder fortzuführen. Es gab also durchaus einen Schub für die Reconquista, besonders eben für die propagandistische Auswertung. Aber die Eroberung Konstantinopels bildete nur einen der zahlreichen propagandistischen Rahmen, mit denen die Motivation geschürt werden sollte. Wichtiger als die Propaganda war, dass bei der Eroberung häufig soziale Aufsteiger führend waren – man konnte reich werden, Land erobern und in den Adel aufsteigen. Das war die hauptsächliche Motivation vieler.

    http://www.vgws.org/Texte/Kulturtransfer_Islam_Christenheit.pdf

    4. Die Wirkung der Eroberung Konstantinopels und weiterer Gebiete durch die Osmanen war darüber hinaus folgende:

    "Im Osten Europas wurde die Angst vor [...] Eroberungen der Türken immer größer. Die Wichtigkeit dieses Themas in Europa zeigt, daß allein in Frankreich zwischen 1480 und 1609 zweimal mehr Bücher über die Türken und die Türkei als über die eben entdeckten Gebiete in Nord und Südamerika gedruckt wurden. [...]

    Das Thema "Türken", darüber waren sich Adel, Klerus, Händler und Bauernschaft einig, war sozusagen "brandaktuell". In seiner Beurteilung klafften die Meinungen jedoch auseinander. Kaiser, Fürsten und Klerus, Vertreter der sozialen Ordnung, sahen in den Türken mehr als nur einen Feind, der auf Eroberungen aus war. Trotz aller Greueltaten, die man den Türken zuschrieb, [...] übte das Osmanische Reich eine große Anziehungskraft auf Bauern, Handwerker und Soldaten aus. Die hoffnungslose Situation der Bauern, ihre harte Besteuerung in den Feudalgesellschaften, führte um 1520 zu Bauernaufständen und im 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts dazu, daß viele Bauern ins Osmanische Reich abwanderten. Dort mußten sie keine Fronarbeit leisten, die Steuern waren klar definiert, die Ernte wurde nicht durch durchziehende Armeen zerstört und, was schwerer wog, sozialer Aufstieg war möglich. (Vgl. Pfeffermann, 46:12)
    Wie mußte es wohl in den Ohren eines deutschen Bauern jener Zeit geklungen haben, wenn ihm ein Pascha erzählte:
    "Mein Vater wahr ein Sauhirt, ein Paur ein Taglöhner ein Vihirt oder dergleichen. Meine Tugent, Tapferkeit, Redlichkeit, Fleis, Verstandt hat mich zu solchen Ehren und Emptern bracht. (...)" [...]
    Zwischen 1453 und 1623 waren von 48 Großvesiren des Osmanischen Reiches mindestens 33 Reneganten, zum Islam übergetretene Christen.
    "Die Christen, die als Gefangene oder Deserteure ihrem Glauben abschworen
    und zum Islam übertraten, zählten 'Nach Tausenden'." (Vgl. Delumeau, 85:399)
    Geschichten wie die des kalabrischen Fischers Occhiali, der als Euldj Ali "König" von Algier wurde, machten die Runde. Regelrechte "Fahnenflucht- Epidemien" bereiteten den Befehlshabern große Sorgen. (Vgl. ebda)
    1456 sollte eine Flotte, von Papst Kalixt III nach Chios, Lesbos und Imbros gesandt, den Bewohnern/innen unverlangt Hilfe gegen die Türken bringen - die Inselbewohner/innen dachten nicht daran, sich gegen die Türken zu erheben.
    Die Bewohner/innen von Lemnos gar, erhoben sich gegen ihren christlichen Herrn und unterwarfen sich freiwillig dem Sultan, dem sie auch noch bei der Vernichtung der päpstlichen Garnison halfen. (Vgl. Pfeffermann, 46:13f) 1481 liefen 1500 neapolitanische Soldaten zu den Türken über. [...]

    Die soziale Anziehungskraft des Osmanischen Reiches gefährdete demzufolge nicht nur europäisches Territorium, sondern stellte vielmehr eine Bedrohung der sozialen Feudalordnung dar. Martin LUTHER war einer derjenigen, denen diese Gefahr bewußt war:
    "Dazu, wie unser deutsches Volk ein wüstes, wildes Volk ist, ja schier halb Teufel, halb Menschen sind, begehren etliche der Türken Zukunft und Regiment."
    "Weiter höre ich sagen, daß man findet in deutschen Landen, so des Türken und seines Regiments Zukunft begehren, als lieber unter dem Türken, denn unter dem Kaiser und Fürsten sein wollen. Mit solchen Leuten sollt` böse streiten sein wider den Türken."
    In dieser Situation, in der sich Adel, Kaiser und Klerus durch das Osmanische Reich in ihrer Existenz bedroht sahen, ergriff die römische Kirche die Initiative und begann die öffentliche Meinung zu beeinflussen und zu manipulieren.
    "Die öffentliche Meinung bestimmt das gedankliche Verhältnis des Einzelnen zu Ereignissen und zu Zuständen des öffentlichen Lebens (...)"
    Der Kirche lag viel daran, dieses gedankliche Verhältnis zu steuern. In einem ersten Schritt wird deshalb die Propaganda der römischen Kirche untersucht und analysiert werden. Daran anschließend steht das Verhältnis der Reformation gegenüber der "Türkenfrage" im Mittelpunkt. Schließlich wird in einem letzten Schritt auf ein fast vergessenes Kapitel der deutsch-türkischen Geschichte eingegangen werden, in dem wiederum die Kirche eine große Rolle spielte.
    "
    aus:
    Dr. Margret Spohn
    Alles getürkt
    500 Jahre (Vor)Urteile der Deutschen über die Türken
    1993
    siehe hier:
    http://www.geschichtsforum.de/showpost.php?p=233274&postcount=16

    Du siehst an diesem kleinen Auszug, dass die Eroberungen der Spanier und Osmanen unterschiedlich verliefen. Es ist also wichtig festzuhalten, dass insgesamt das Auftauchen der Osmanen in Europa wichtige abendländische innere und äußere Bereiche beeinflussten, aber speziell die Reconquista nicht dadurch ihre Legitimation und Propaganda erhielt, die hatte sie auch vorher, sondern einen weiteren Schub erhielt.

    5. Die tatsächlichen Auswirkungen der osmanischen Expansion muss man zudem immer kritisch begutachten, denn es halten sich bis in jüngste Zeit immer noch tradierte historische Urteile, die man inzwischen ein wenig differenzierter sehen müsste.
    Z. B. den Beginn der Entdeckungsfahrten der Portugiesen und Spanier, vor allem damit zu erklären, dass der abendländische Handel mit Asien durch den Orient, aufgrund der osmanischen Eroberungen abgeschnitten wurde. Dieser Faktor ist weit weniger wichtig, als andere.

    So steht z.B. in S. Faroqhi: Geschichte des Osmanischen Reiches:

    "
    In Venedig erkannte man schon früh, daß die Osmanen die kommende Macht im Gebiet des Roten Meeres waren, von deren Wohlwollen der Gewürzhandel in Zukunft abhängen würde; dies erklärt, daß die Signoria trotz aller vorausgegangenen Verluste an Stützpunkten im östlichen Mittelmeer vorsichtig taktierte. Überdies teilten venezianische und osmanische Kaufleute, und damit – in anbetracht der Steuereinnahmen – der Sultan selbst ein Interesse an der Wiederbelebung des Gewürzhandels durch das Rote Meer. Beide Seiten hatten deshalb ihren Vorteil davon, daß die portugiesischen Versuche, den Gewürzhandel über den Indischen Ozean zu monopolisieren, scheiterten und der traditionelle Handelsweg bis zum Ende des 16. Jahrhunderts seine volle Bedeutung bewahrte.
    "
    Der Handelsweg der Gewürze über den Orient war also (wieder) sehr virulent. Und das Abendland war daran beteiligt.


    So, muss noch was anderes tun... :)

    Adios und LG, lynxxx
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich denke auch wie lynxx, dass man die Wechselwirkung nicht überschätzen sollte. Konstantinopel lag nicht im näheren Interessenraum Spaniens. Die Habsburger hatten ja noch nicht den Einfluss über die iberische Halbinsel gewonnen, womit dann später dieser Konflikt im gesamten Mittelmeerraum umfangreich zu Zeiten Andrea Dorias geführt wurde.
    Das Bewusstsein einer gemeinsamen Aufgabe, die Rettung des byzantinischen Reiches gehießen hätte, existierte nicht wirklich in der Christenheit. Das wird ja durch die (fehlende) Reaktion auf die Hilferufe vom Bosporus unterstrichen. Natürlich gab es auch Ausnahmen im 15.Jh. wie Kaiser Sigismund, der einen Kreuzzug in die Richtung plante, aber diese Idee wie so viele von seinen Projekten nur halbherzig verfolgte.
    Im 15.Jh. hatte Spanien jedenfalls auf seiner Seite des Mittelmeeres genug zu tun, außerdem darf man die Muslime auf der iberischen Halbinsel und die am Bosporus nicht in einen Topf werfen. Erst zur Zeit eines Chaireddin Barbarossa gewann der Sultan der Osmanen einen erheblichen Einfluss im direkten Konflikt zu Spanien im westlichen Teil des Meeres.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Also erstmal vorneweg: ich lehne den Begriff Reconquista für den Eroberungsprozess der iberischen Halbinsel durch die christlichen Königreiche ab. Reconquista würde nämlich eine Wiedereroberung durch das Hispanogotentum bedeuten, was letztlich aber nur als Legitimation der Herrscherhäuser zu verstehen ist (nicht der Eroberung, aber ihrer Macht). Reconquista ist also ein propagandistischer Begriff, der zudem noch die Rechtmäßigkeit der Eroberung unterstreicht (dabei waren die muwalladun, also islamisierte authochtone Bevölkerung, die größte andalusische Bevölkerungsgruppe, nicht Araber oder Berber!). Vertrieben wurden 1492 erst mal nur die Juden, nicht die Muslime und es gab noch eine ganze zeitlang die sogenannten morerías, also Stadtviertel der Mauren (aber auch 1453 hatte es m.W. in Konstantinopel keine Vertreibungen gegeben). Es gab allerdings eine Diskriminierungspolitik, die zu Aufständen, besonders 1570/1 in den Alpujarras (Südhang der Sierra Nevada) und Auswanderungswellen führte. Große Auswanderungswellen waren 1492, 1499, 1571 und schließlich die Vertreibung der übrigen muslimischen Bevölkerung 1608/9. Hier waren die Türken allerdings schon wichtig, man denke an, Tunis, Algier, Malta, Lepanto 1571 und die habsburgischen Probleme an der habsburgisch-osmanischen Grenze (Habsburg war ja seit 1516 auch spanisches Herrscherhaus) Das hat sich besonders im lateinamerikanischen Sprachgebrauch niedergeschlagen, wo man, was aus dieser Zeit stammen dürfte, eher das für Spanien untypische Schimpfwort turcos hört, als moros (in der Karibik dagegen ist moros nach wie vor verbreitet).
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. März 2007
  5. Schnuppe

    Schnuppe Neues Mitglied

    Hallo,
    eigentlich wurden zuerst die "conversos", d.h. vom Judentum zum Christentum übergetretene Leute verfolgt, dann die Juden und dann erst die Mauren.
    Man glaubte nämlich, dass die conversos nicht ehrlich an Gott glaubten, sondern nur so taten, als wären sie Christen.
    Und dann wurde gleich ganz Spanien von "Andersgläubigen" "gereinigt".
    Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon nannte man auch die "Katholischen Könige".
    Luis de Santangél, der Schatzmeister des Königs, hat dann Kolumbus´ Fahrt mitfinanziert, um die Könige von diesen Vertreibungen abzulenken und ihre Gedanken auf die "Neue Welt" zu richten.
    Ich würde also die beiden Dinge nicht allzu eng miteinander verbinden.
    Liebe Grüße und ein Lächeln,
    Schnuppe:pfeif:
     
  6. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Wie schon dargestellt bilden die Eroberungen von Konstantinopel und Granada den Endpunkt einer langen Entwicklung, die auch 50 Jahre vorher oder nachher hätten zum Abschluss kommen können. Beide waren machtpolitisch unbedeutsame Gebilde geworden; beide allerdings hochkarätige Symbole.

    Granade wird übrigens nicht erobert, sonder kapituliert UNTER BEDINGUNGEN. Ich habe leider nur die englische Fassung gefunden..
    The Treaty of Granada, 1492
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. April 2008

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