Ab wann wurde im Alltag mit Radioaktivität experimentiert?

Dieses Thema im Forum "Geschichte der Naturwissenschaften" wurde erstellt von Artefakt, 19. Februar 2014.

  1. Artefakt

    Artefakt Mitglied

    Hallo Forum,

    vor Jahren habe ich es in einem Buch gelesen-nun finde ich die Quelle nicht mehr. Vielleicht könnt ihr zumindest bei der zeitlichen Einordnung helfen?

    In einem großen Zirkus- oder Varietéunternehmen gab man den Tänzerinnen mit radioaktiver Farbe bestrichene Kostüme, damit sie leuchten.

    Wann kann das zum ersten Mal gemacht worden sein? -
    Spätestens wann wird das ein Ende gehabt haben?

    Die zweite Frage ist dann eher nicht "Wann hat man gemerkt, dass das krank machte" - sondern "ab wann gab es preiswertere Phosphor-Farbe?

    Freue mich auf eure Gedanken
    Arti
     
  2. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Bei dem radioaktivem Element handelt es sich wahrscheinlich um Thorium. Es wurde 1828 zum ersten mal entdeckt und 1898 wies Marie Curie dessen Radioaktivität nach.
    Als Thorium-X kam es Anfang des letzten Jahrhunderts in den Handel und wurde als Leuchtmittel, Badezusatz und in Zahnpasta (Doramad) verwendet.
    Von dem Zirkus direkt ist mit leider nichts bekannt. Ich würde ihn auf die '20er - '30er datieren wollen. Nach der Atombombe wollte das Zeug natürlich niemand mehr haben.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Text liest sich heute erschreckend:


     
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  4. S.K. Relssek

    S.K. Relssek Neues Mitglied



    Dies ist vielleicht auch noch lesenswert :)
    Un-Safer Sex

    Die "Home Products Company" aus Denver, Colorado, brachte Mitte der Dreißigerjahre Radium-Zäpfchen "für den müden, entmutigten Mann" (so die Firmenbroschüre) auf den Markt. "Schäumen Sie über vor lustvoller Vitalität mit Hilfe von Drüsen und Radium!"
    "Gut funktionierende Drüsen machen sich in einem schnellen, entschlossenen Auftreten, geistiger Wachsamkeit und der Fähigkeit im wahrsten Sinne des Wortes zu leben und zu lieben bemerkbar. Ein Mann muss sich in einer wirklich schlimmen Verfassung befinden, wenn er sich zurücklehnt und ohne die Freuden befriedigt gibt, die sein Geburtsrecht sind! ... Versuchen Sie unsere Radium-Zäpfchen und sehen Sie die guten Ergebnisse!"
    Und um zu verhindern, dass die durch Radioaktivität gegebenenfalls bis zur Raserei gesteigerte Libido unerwünschte Nachfolgewirkungen zeigte ("Wer A sagt, muß auch -limente sagen"), konnte das sicherheitsbewusste Paar kompatibel imprägnierte "Nutex Radium-Kondome" verwenden. Der Gummimischung der Präservative war Radium beigemischt, das damals als Wundermittel gegen alle möglichen Beschwerden galt. Man unterstellte radioaktiven Stoffen wie Radium aber auch eine desinfiziernde und keimtötende Wirkung.
    ---------------

    Erste radioaktive Kosmetik-Artikel gab es schon um 1918... 1925 gab es radioaktive Schokolade =).

    Evt. hift dir das ein wenig?

    U.S. Radium Cooperation

    Von 1917 bis 1926 betrieb die Firma eine Anlage zur Extraktion und Konzentration von Radium aus Carnotit. Damit wurde dann Leuchtfarbe produziert, die unter dem Namen Undark verkauft wurde. Zudem war die Firma ein wichtiger Produzent von Uhren mit Leuchtziffern für das Militär. Die Fabrik in New Jersey beschäftigte über hundert Arbeiter, hauptsächlich Frauen, um Uhren und Instrumente zu bemalen.
     
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  5. Artefakt

    Artefakt Mitglied

    Wahnsinn! Danke, mit so vielen Infos habe ich nicht gerechnet. Wo holt ihr das alles immer nur her?
    Ich liebe dieses Forum. immer wieder schön hier zu sein, zu lesen und zu fragen.

    Es grüßt Arti

    P.S. Man liest die Reklame von früher und staunt über die Naivität der Leute. Doch ist es heute anders? Was werden spätere Generationen über uns sagen? Z.B. über die Gentechnik?- Und diese Folgen lassen sich nicht rückgängig machen.
    Die Werbung für Genmais liest sich genauso wie die alte Werbung für diese Potenzzäpfchen...
    "Alles bestens...und es steht Ihnen doch zu....nie wieder Probleme"
     
  6. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Die Naivität hielt sich relativ lange.
    1956 erschien das Buch: "Wir werden durch Atome leben", Vorwort von Franz Josef Strauß.
    Ein euphorisches und verträumtes Werk über die wundersame Wirkung der Kernkraft.
    Gerade die mysteriöse Kernenergie, geheimnisvoll und doch ein Kind des wissenschaftlichen Fortschritts, bot viel Projektionsfläche für Zukunftsphantasien aller Art. Natürlich auch solche der apokalyptischen Sorte.

    Im Urteil späterer Generationen werden wohl einige Dinge schwerer wiegen als die Gentechnik, z.B. Nanopartikel. Das ist eine sehr spannende Thematik, die mich immer wieder an die Schule erinnert, als uns beigebracht wurde dass die alten Römer an Bleivergiftung litten. Was wohl nicht stimmt.
     
  7. Artefakt

    Artefakt Mitglied


    Ich hab die "Gentechnik" eigentlich auch nur angeführt, weil ich da spontan dran denken musste und ich ländlich wohne.

    Die Gentechnik wird massiv beworben, gerade weil sie den Leuten suspekt ist - bei uns. In Brasilien wurden die Bauern mit großen Versprechungen überredet. (Gestern einen Bericht gesehen, über die großen Schäden dadurch und resistente "Schädlinge") Das Gegenteil tritt ein: statt weniger Gifte, müssen nun mehr gespritzt werden, als zuvor. Die Firma, die das Saatgut verkauft handelt auch mit den Giftstoffen.

    Die Nanotechnologie (Ist das die richtige Bezeichnung? Ich bin keine Naturwissenschaftlerin) geht ja einigermaßen still über die Bühne. Ab und zu ein Bericht im Fernsehen. Die allermeisten Leute haben keinen Begriff davon.
    Ich weiß darum nicht, ob man das "naiv" nennen kann. Da scheinen mir ja vor allem die immer wieder genannten Bequemlichkeiten und Vorteile im Vordergrund zu stehen, für die Hersteller der Produkte. Das ist die Haltung: nach uns die Sintflut.


    Kurze Frage, weil ich das mit der Bleivergiftung auch gelernt habe. Ist das widerlegt worden? Die "alten" Römer litten nicht an Bleivergiftungen - oder nicht so massiv?


    Grüße
     
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Interessant auch die "Radium Girls".
    Radium Girls ? Wikipedia

    Daraus:
     
  10. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  11. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Wegen der Wasserrohre litten sie wohl weniger an Bleivergiftung , sonst müssten viele Deutsche auch daran erkrankt sein. Bis Mitte des vorigen Jh. waren auch bei uns die meisten Wasserleitungen aus Blei und in einigen Altbauten findet man noch heute im Keller dieses Bild. http://www.braunschweiger-zeitung.d...565591-cwide-w472/300-008-3432120-blei-1-.jpg
    Die Römer pflegten aber auch sonst einen ziemlich lockeren Umgang mit Blei,ob als Bleiweiß in Farben und Schminke oder als Mennigepulver, mit dem an Festtagen die ganze Arena des Circus Maximus eingestreut wurde weil das so schön orangefarbig aussah. Wenn das durch die Quadrigen aufgewirbelt wurde, dürften sämtliche Zuschauer und die Rennfahrer jede Menge Blei eingeatmet haben. Dem Feldherren wurde im Triumphzug das ganze Gesicht mit Bleimennige gefärbt damit er wie die capitolinische Jupiterstatue aussah. Vielleicht hatte Tiberius seine Hautkrankheit davon.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Februar 2014
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  12. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    OT

    Vielleicht OT sorry..
    Ich hab mir vor gut 10 Jahren einen Dosimeter gekauft (und ihn von einer Freundin, die in einer radiologischen Praxis arbeitet, überprüfen lassen).
    Dann bin ich umeinandergerannt und habs an alles Mögliche gehalten: Kacheln, Fernseher, Leuchtziffern..
    Nix..

    Endlich hab ich dann doch einen Strahler gefunden.
    Es ist der Glühstrumpf meiner Gas-Campinglampe, die es im Beta+Alfa-Bereich, wenn man den Dosimeter direkt darüber platziert, ca. auf den 20-fachen Wert dessen bringt, was das Ding anzeigt wenn es planlos herumliegt.
     
  14. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Vor ca. 15 Jahren war ich in Berlin mal auf dem Flohmarkt und schaute mir die Auslage eines Standes an, an dem Manometer, Kompasse, Uhren und sonstige Anzeigen und Gerätschaften lagen, zumeist aus exsowjetischen Militärfahr- und fliegzeug. Dazwischen ein kleines graues Gerät, das leise aber stetig vor sich hintickte.

    Ich fragte den Verkäufer was das wäre:

    -"Geigerzählerr"

    -und warum tickt es?

    -Wegen Uhrr. Die ist radioaktiv.

    sagte er, während er das Gerät näher an eine Einbau-Uhr eines Panzers oder Hubschraubers hielt und die Anzeige schlagartig in die Höhe ging.
     
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  15. hatl

    hatl Premiummitglied

    Bdaian,

    Der Russe, wie auch der Franzose, hält ja auch sehr viel mehr aus, als der deutsche Hahnemann.
    :rofl:
     
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