Absurde Alltagsverbote im Nationalsozialismus

Traklson

Aktives Mitglied
Ich suche nach absurden Verboten, Gesetzen und Vorschriften aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Ich lese gerade "Das Dritte Reich des Traums" von Charlotte Beradt. Da taucht das Motiv absurder Verbote und erfundener Ämter öfter auf. Ich lese aus dem Buch jedenfalls eine große Unsicherheit: Was ist erlaubt und wer ist von Verfolgung betrroffen? Diese Unsicherheit manifestiert sich in den Träumen der 1930er Jahr.

Ich habe gefunden, dass Juden ihr Auto nicht benutzen durften, Kaugummi Kauen war regional als undeutsch verboten, Verbot von Schreibmaschinen. Bestimmte Hunderassen durften keine deutschen Namen bekommen. Eben Verordnungen die auf absurde Weise in den Alltag der Menschen eingriffen.

Vielen Dank
 
An absurd wirkenden antijüdischen Rechtsvorschriften gibt es keinen Mangel, da wurde ein Verbot nach dem anderen erlassen: Brieftauben, Schreibmaschinen, Fahrräder, Ferngläser, Haustiere etc. etc.:

Gab es tatsächlich ein Schreibmaschinenverbot für die nichtjüdische Bevölkerung? Wo hast Du Kaugummiverbot oder Vorschriften für Hundenamen gefunden?
 
Schreibmaschinenverbot kann ich mir nicht vorstellen. Schreibmaschinen wurden weiterhin in großer Zahl bis Mai 1943 hergestellt. Ich glaube nicht, dass das allein für Verwaltung, Militär usw geschah. Ab 1943 wurde die Produktion zu Gunsten "kriegswichtiger" Rüstungsgüter zurückgefahren.
(Das makabere Sonderzeichen )

Nachfrage zu meinem Verständnis: Das Buch ist doch im Prinzip eine Sammlung von Träumen. Sind diese Verbote nun Teile dieser Träume (und damit nicht unbedingt real, sondern z.B. unterbewusste Ängste / Gedanken der Träumenden) oder werden sie als Teil der realen Welt dargestellt?
 
Schreibmaschinenverbot kann ich mir nicht vorstellen. Schreibmaschinen wurden weiterhin in großer Zahl bis Mai 1943 hergestellt. Ich glaube nicht, dass das allein für Verwaltung, Militär usw geschah. Ab 1943 wurde die Produktion zu Gunsten "kriegswichtiger" Rüstungsgüter zurückgefahren.
(Das makabere Sonderzeichen )

Nachfrage zu meinem Verständnis: Das Buch ist doch im Prinzip eine Sammlung von Träumen. Sind diese Verbote nun Teile dieser Träume (und damit nicht unbedingt real, sondern z.B. unterbewusste Ängste / Gedanken der Träumenden) oder werden sie als Teil der realen Welt dargestellt?

Hallo Papa Leo, lange nichts von Dir gelesen.

Also Hintergrund miner Frage ist eine künstlerische Beschäftigung mit Träumen. Das Buch von Beradt ist da absolut lesenswert. Ich habe auch andere Traumotate gefunden intwischen. Zum Beispiel gibt es von Horst Bienek das "Traumbuch eines Gefangenen". Meine Frage hier bezog sich jetzt auf einen eigenen Text den ich schreiben wollte.

Beispiel aus dem Buch: Eine Frau träumt eine Tafel mit neuen Verboten. Sie erinnert sich nur an das erste und letzte Verbot der Liste: "Lord" und Ich. (Sie refektiert dann selbst, dass sie sich nicht mal im Traum traute "Gott" zu sagen und stattdessen das englische Lord träumte. Diese Form der Selbstzensur im Traumm taucht in der Sammlung öfter auf).

Eine Mathematik-Lehrerin träumte, es sei verboten mathematische Gleichungen zu schreiben. Sie träumt sich in eine verufene Bar, wo sie dann in einer Ecke mit Geheimtinte Formeln schreibt.

Das war dann mein Ergebnis:

"In der Morgenzeitung eine Liste Verbote: Verbot seinen Mops Adolf zu nennen. Verbot, Gummi zu kauen. Ich denke erleichtert an Tante Ernas Sonntagsbraten. Laut Erlass lautet der Name aller deutschen Frauen Erika. Der Jude kann keinen Vogel haben. Auch keinen Goldfisch. Es ist verboten, dem nächsten die Hand zu reichen. Führergruß Pflicht. Ich zerkaue mein Führerhörnchen und zerknicke die Zeitung sorgfältig. Sie darf nicht ungelesen aussehen. Auch der Müllmann ist ein Mann in Uniform."

Ich habe drei Träume geschrieben. Vollständig hier:





Zu den Schreibmaschinen. Was ich gefunden habe, war ein Verbot für Juden, Schreibmaschinen zu besitzen und eine Registrierungspflicht, die das Verbreiten von Flugblättern erschweren sollte. Mir ging es jetzt nur um Inspiration, da muss ich es historisch nicht so genau nehmen. Die KI hatte einiges was ich nicht verifizieren konnte (regionales Vebrot Kaugummi zu kauen). Da hab ich es hier versucht.
 
Es ist zumindest vorstellbar, dass Kaugummikauen dem ein oder anderen als amerikanisch und "undeutsch" galt, vielleicht gar mit der Swing-Kultur verbunden wurde.
 
Ich weiß gar nicht, inwiefern Kaugummi in Deutschland zur Zeit der Nazis überhaupt verbreitet war. Der Zeitzeuge hier kam erst durch den Vormarsch der Amerikaner damit in Kontakt:

 
Ich weiß gar nicht, inwiefern Kaugummi in Deutschland zur Zeit der Nazis überhaupt verbreitet war. Der Zeitzeuge hier kam erst durch den Vormarsch der Amerikaner damit in Kontakt:

Wrighley hatte in den 1920er Jahren eine Dependance in Frankfurt. Allerdings existierte diese in der Nazizeit schon nicht mehr. In der britischen ZS German History Ausgabe 19.2 2021 gibt es einen Artikel über Konsumgeschichte in Dtld. (den amerikanischen Autoren zufolge ein überraschend vernachlässigtes Forschungsfeld), das den Bogen über die Weimarer Republik, die Nazi-Zeit und BRD und DDR bis in die 1970er Jahre spannt und Kaugummi als Rahmen benutzt (leider aber ohne dann wirklich vertiefend auf die Geschichte des Kaugummis einzugehen).
 
Es muss nach nach der Schließung Wrigleys in Frankfurt noch eine lokale Produktion gegeben haben, denn Pervitin und Cocain wurden u.a. in Kaugummi-Form an Wehrmachtsangehörige abgegeben
WMM-Online | Wehrmedizinische Monatsschrift
und sollen zur Notration bei Schlauchbooten und Fallschirmen der Luftwaffe gehört habe.

Dass Kaugummi nicht nur Amerikaner produzieren konnten, zeigt diese Zeitungswerbung von 1938 in der Schweiz:
Screenshot 2026-03-14 110641.png
 
In einem älteren Zeitungsartikel fand ich folgende Aussage zu Wrigley in Frankfurt:

„Die Erfolgsgeschichte fand jedoch bald ein jähes Ende. 1932 wurde die von Betriebsleiter H. Schulz und Direktor T. Feld geführte Fabrik im Ostend dichtgemacht. Grund dafür waren jedoch nicht schlechte Verkaufszahlen oder die verflogene Begeisterung an dem Kaubonbon aus Amerika. Der 1919 geschlossene Friedensvertrag von Versaille machte es für Wrigley immer schwerer, bestimmte Zutaten nach Deutschland zu importieren, die für die Herstellung der Kaubonbons aber unabdingbar sind. Verbunden damit waren auch finanzielle Probleme, wegen denen der Konzern sich dann entschied, die Fabrik in Frankfurt zu schließen.“

Verkauf wurde die Fabrik erst 9/1940.
 
An absurd wirkenden antijüdischen Rechtsvorschriften gibt es keinen Mangel, da wurde ein Verbot nach dem anderen erlassen: Brieftauben, Schreibmaschinen, Fahrräder, Ferngläser, Haustiere etc. etc.:

Gab es tatsächlich ein Schreibmaschinenverbot für die nichtjüdische Bevölkerung? Wo hast Du Kaugummiverbot oder Vorschriften für Hundenamen gefunden?

Was immer kleinliche, bösartige sich Geister ausdenken konnten, seit 1933 wurde es in Paragraphen gegossen.

Es durften Juden keine Namen wie "Siegfried" oder "Thusnelda" führen und die Namen "Israel" und "Sara" annehmen.

Die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron stammte aus einer sozialdemokratisch orientierten Familie, die niemals die mosaische Religion praktiziert hatte und eigentlich mit dem Judentum gar nichts am Hut hatte.

In ihrer Biographie "Und plötzlich war ich Jüdin" schilderte Deutschkron ihre Erfahrungen.
 
Wrighley hatte in den 1920er Jahren eine Dependance in Frankfurt. Allerdings existierte diese in der Nazizeit schon nicht mehr. In der britischen ZS German History Ausgabe 19.2 2021 gibt es einen Artikel über Konsumgeschichte in Dtld. (den amerikanischen Autoren zufolge ein überraschend vernachlässigtes Forschungsfeld), das den Bogen über die Weimarer Republik, die Nazi-Zeit und BRD und DDR bis in die 1970er Jahre spannt und Kaugummi als Rahmen benutzt (leider aber ohne dann wirklich vertiefend auf die Geschichte des Kaugummis einzugehen).

Die ersten Kaugummis dürften die Deutschen wohl im Ersten Weltkrieg kennengelernt haben.
Paul Ettighoffer erwähnt in seiner Kriegs-Autobiographie Gespenster am Toten Mann ein Erlebnis von Anfang 1918 als seine Einheit auf die ersten Amerikaner traf und bei der Einnahme eines amerikanischen Grabens erbeuteten sie auch Kaugummi, und das war anscheinend den Soldaten etwas völlig Neues.
 
Sehr richtig Ralf. Hatte ich jetzt nicht unter absurd eingeordnet. Aber eigentlich ist es das.
Letztlich ist das Verbot von Jazz und Swing rassistisch begründet, insofern ist ein solches Verbot in einem offen rassistischen Konzept durchaus folgerichtig. Deshalb wirkt es vielleicht nicht so absurd, wie andere Verbote.

Sepiola hatte oben eine Liste von Verboten, die Juden betrafen verlinkt. Das ist ganz interessant in den Tagebüchern von Viktor Klemperer zu lesen.
 
diese galt den Nazis als "entartet":

(das ist insofern etwas kurios oder auch inkonsequent, da die Jazzelemente in den Operetten der 20er Jahre, die weiterhin aufgeführt wurden, nicht verboten, ja vielleicht gar nicht bemerkt wurden)

Nicht nur Jazz-Elemente, sondern stilreinen Swing, sofern er von "arischen" Musikern gespielt und ggf. mit deutschem Text gesungen wurde. (Für Propagandasendungen ins Ausland wurden auch englische Songs eingespielt.)
Auf Youtube findet man etliche Stücke von Willy Berking und seiner ("Tanzorchester" genannten) Big Band die noch 1943 aufgenommen wirden:
 
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