Alkohol als Desinfektionsmittel

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von Nergal, 16. April 2015.

  1. Nergal

    Nergal Aktives Mitglied

    Seit wann ist eigentlich die desinfizierende Wirkung von Alkohol bekannt?
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Als älteste Quelle wird Galenus von Pergamon angegeben.
    Galenos ? Wikipedia

    Er soll die "Reinigung" von Wunden durch Wein beschreiben, die bei den Griechen üblich war.

    Vielleicht wissen die Spezialisten für die antiken Quellen hier mehr.
     
  3. Morifea

    Morifea Neues Mitglied

    Ganz Laienhaft gefragt, hat niedrigprozentiger Alkohol (der o.g. Wein) überhaupt Desinfektionswirkung?
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Frage habe ich mir auch gestellt, vermutlich ist das eher auch darauf zu beziehen, dass Wein besser ist als normales Wasser wegen der Keime.
     
  5. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

  6. Morifea

    Morifea Neues Mitglied

    So ganz von der Hand zu weisen ist es scheinbar nicht:http://www.biomess.eu/index.php?id=desinfektionsmittel_wein_

    Mikrobiologen der Oregon State Universität haben herausgefunden, dass Weißwein eine gute Wirkung gegen E. coli-Bakterien, Staphylokokken und Salmonellen zeigt. Die Reaktion der Krankheitserreger auf verschiedene Weinsorten wurde mit Hilfe eines Plastikmagens, der mit Nahrungsmitteln und Verdauungssäften gefüllt war, untersucht. Hierbei erwies sich insbesondere Weißwein als wahrer Bakterienkiller. Salmonellen wurden nach ein paar Gläschen Chardonnay innerhalb einer halben Stunde und E. coli-Bakterien innerhalb einer Stunde vernichtet. Im Gegensatz dazu, kamen Grapefruitsaft und Bier nicht gegen die Bakterien an.
    Die Forscher planen angeblich nun die Entwicklung eines Zerstäubers, mit dem der Wein als Desinfektionsmittel in Küchen eingesetzt werden kann.
    (Quelle: Ärzte Zeitung, 30.10.2002)
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. April 2015
  7. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Hochprozentiger Alkohol konnte erst im Mittelalter durch Destillation (Brennen von Schnaps) gewonnen werden. Anfangs wurde der Alkohol nur medizinisch angewendet - zumal sich die Technik zunächst nur in der islamischen Welt ausbreitete. Als Erfinder gilt der persische Arzt Mohammad Zakaria Razi.
     
  8. gelastes

    gelastes Neues Mitglied

    Ich hoffe, ihr übt Nachsicht mit einem Neuankömmling, der einen alten Post puscht, aber beim Thema Wein kann ich es nicht lassen:

    Hochprozentige Killer:
    Alkohole haben ihr bakterientötendes Wirkungsmaximum bei einem Alkoholgehalt von 60 - 80 % in Wasser. Zur Händedesinfektion nimmt man heute daher Lösungen mit einem Gehalt von etwa 60-65% 2-Propanol. (z.B. Sterilium, Descoderm). Propanol wird verwendet, weil es wirksamer, hautfreundlicher und billiger ist als Ethanol(Trinkalkohol), Ethanol selbst wirkt aber fast genauso gut.

    80%iger Alkohol würde noch ein bisschen besser wirken, beansprucht aber die Haut deutlich stärker.
    Das Alkoholgemisch wirkt durch die Zerstörung der Bakterienhülle. Reiner Alkohol wirkt gegen Bakterien schlechter, da er die Hülle "verhärtet". Bei Viren dagegen ist der reine Alkohol wirksamer, daher verwendet man ihn z.B. bei Noroviren-Ausbrüchen mit einem kleinen Anteil Benzalkoniumchlorid (Sterilium Virugard). Damit kriegt man dann auch Pilzsporen kaputt, gegen die Alkohol sonst nicht hilft.


    Whisky in the jar, Wodka for the skin:
    Unsere Hausbar enthält normalerweise Getränke mit einem Gehalt von 32-50% Alkohol. In dieser Verdünnung ist die desinfizierende Wirkung nicht mehr so umfassend, aber immer noch vorhanden. Wenn man also auf einer Treckingtour in Alaska von einem Bären zerfleischt wurde, nachdem das Erste-Hilfe-Kit von dem TSA-Officer am Flughafen konfisziert wurde, ist die Flasche Wodka ein brauchbarer Ersatz.
    Viel hilft viel - da sich der Schnaps in der Wunde mit Blut, Wundflüssigkeit oder Eiter vermischt, sinkt seine Konzentration unter den wirksamen Bereich, wenn man ihn zu zaghaft einsetzt. Whisky dagegen sollte dafür nicht benutzt werden - mal ehrlich, was ist kostbarer: ein Bein oder ein Glas alter Bruichladdich?

    Leider ist mir unbekannt, in welcher Konzentration Muhammad Razi und Abu ibn Sina den Alkohol angewendet haben - auf jeden Fall haben sie damit einen Wirkstoff entdeckt, der noch heute eine unglaublich wichtige Roille spielt und mit dem sie in dem Bereich der Hygiene den Europäern Jahrhunderte voraus waren.

    Zur Frage von Nerga bzw. Morifea: Damit sind Razi und ibn Sina diejenigen, die die desinfizierende Wirkung von Alkohol als erste ausgenutzt oder zumindest beschrieben haben, denn Wein hat diese normalerweise nicht.

    Galenus und der Samariter auf der Straße nach Jericho:
    Bei einem Alkoholgehalt von 16 - 25% ist zwar keine deutliche desinfizierende Wirkung mehr vorhanden, aber das Bakterienwachstum wird gestoppt. Heutiger Wein erreicht diesen Alkoholgehalt normalerweise nicht mehr. Aber Galenus lebte im 2. Jahrhundert u.Z. vorwiegend in Pergamon und Rom, arbeitete also vermutlich mit römischen Modeweinen. Und die hatten angeblich einen Alkoholgehalt von 16% oder mehr.
    Damit hatte auch der barmherzige Samariter, der sich im Neuen Testament so rührend um das Hooliganopfer kümmerte, etwas bei sich, das auf der Straße nach Jericho vermutlich eine Kostbarkeit war: keimarmes Wasser, in dem selbst nach mehreren Wandertagen keine Bakterien wachsen konnten.

    Zu den Mibis von der Oregon State Uni:
    Wie schon gesagt, eigentlich zeigen die meisten Untersuchungen, dass heutiger Wein nicht "scharf" genug ist, um Bakterien zu killen. Andererseits gibt es Stoffe, die zusammen mit niedrigkonzentriertem Alkohol plötzlich eine Wirkung zeigen, die über die der einzeln verwendeten Stoffe hinausgeht. Dazu gehören zum Beispiel quartäre Ammoniumverbindungen.

    Zu den quartären Ammoniumverbindungen gehören Stoffe wie Cholin (enthalten z.B. in Schweinegalle), Muscarin (der Wirkstoff des Fliegenpilzes), Sanguinarin (zu finden in Mohn, noch heute als Bakterizid verwendet)...

    (Was jetzt kommt, ist pure Spekulation):
    Wir wissen ja, dass die Römer üble Panscher waren und alles ausprobierten, was nicht bei drei auf den Bäumen war. In ihren Weinen fanden sich alle möglichen Kräuter und Harze. Könnte es sein, dass sie einen Glücklichmacher wie den Fliegenpilz in den Wein mischten? Dass ein römischer Kaufmannslehrling sich dachte: "Ich habe Langeweile, sechzig Amphoren Wein und drei Schweinegallen. Was könnte man ...?"

    Viele natürlich vorkommende Alkaloide sind quartäre Ammoniumverbindungen und haben eine rauschfördernde Wirkung. Der Beginn der Alkoholdesinfektion könnte also doch in einem antiken Weinkeller zu finden sein, in dem ein römischer Tavernenbesitzer seinen Gästen einen echten Knaller servieren wollte.
     
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  9. Morifea

    Morifea Neues Mitglied

    :rofl:wahre Worte!

    Insgesamt ein sehr informativer Beitrag!
     
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  10. gelastes

    gelastes Neues Mitglied

    Ihr habt mich neugierig gemacht, ich werde mal schauen, ob ich zu den römischen Weinen mehr finde. Da ich mich mit dem Thema vor 6 Jahren als Hygienezuständiger befassen durfte, standen die nicht weit oben auf meiner Rechercheliste.

    ...

    Und ich will diesen Chardonnayzerstäuber!
     
  11. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Ein großartiger Beitrag!

    Bezüglich der Beimischungen zu alkoholischen Getränken: Ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass das Deutsche Reinheitsgebot ursprünglich nicht gegen Cranberries und Limettensaft aufgestellt wurde, wie man berechtigterweise annehmen dürfte, sondern gegen irgendwelche Alkaloide die man damals gerne dem Bier beigemischt hat.

    Zu den von Morifea erwähnten Experimenten mit Plastikmägen: In einer spanischen Zeitung war vor einigen Monaten ein Bericht über eine Studie die Ärzte anhand einer Salmonellenvergiftung bei einem Fest gemacht haben. Die stärkeren Trinker sind dabei wesentlich besser davon gekommen als die kein oder wenig Alkohol zu sich genommen hatten. Sowohl die Schnäpse am Ende des Essens wie auch der Rotwein hatten eine deutliche Schutzwirkung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Juni 2015
  12. gelastes

    gelastes Neues Mitglied

    Es wurden, soweit ich mich erinnere, alle möglichen Kräuter beigemischt, einige davon enthalten Alkaloide oder andere psychotrope Wirkstoffe. Das machte die Einschätzung der Wirkung schwierig, vermute ich.
     
  13. Morifea

    Morifea Neues Mitglied

    @Bdaian: Ich glaube in der ZEIT spielen sie auf dieses Ereignis an:
    Alkohol: Verhindert der Genuss von Alkohol Magen- und Darminfektionen? | ZEIT ONLINE

    Bei meinem alljährlichen Whisky-Tasting erzählt der Moderator (sagt man das so?) gerne die Geschichte, wie er mit seiner Frau Urlaub in einem Afrikanischen Land gemacht hat..... er hatte wie immer seinen Notfall-Whisky dabei und hat sich jeden Tag ein paar ordentliche Gläser gegönnt.
    Seine Frau wiederum tat das nicht. Beide haben vom örtlichen Wasser getrunken, sie bekam eine Mageninfektion, er blieb Putzmunter.....

    Sollte ich jemals nach Afrika fahren weiß ich was ich mitnehme :yes:
     
  14. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Es heisst, dass bei den Dreharbeiten zu "African Queen" alle Teilnehmer an der Ruhr o.Ä. erkrankt wären...ausser Humphrey Bogart. Der hätte sogar zum Zähneputzen Whisky genommen.
     
  15. Nergal

    Nergal Aktives Mitglied

    Alles hochinteressant, danke!
    Dass damals auch Weihrauch zur desinfektion genutzt wurde habe ich auch mal gelesen, wäre interessant zu wissen ob Sonnenlicht auch derart genutzt wurde, die "reinigende Wirkung von Licht" die oft erwähnt wird könnte ja auch mit der keimtötenden Eigenschaft ultravioletter Strahlung zusammenhängen.
     

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