Annahme des Versailler Vertrages?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Saara2, 30. November 2010.

Schlagworte:
  1. Saara2

    Saara2 Neues Mitglied

    also ich hab da mal ne frage, wieso nehmen die deutschen den versailler vertrag einfach so hin? schließlich wurden ihnen alles in die schuhe geschoben und mussten durch diesen vertrag alles bezahlen?
     
  2. Zeitmaschiene

    Zeitmaschiene Mitglied

    Einfach Ausgedrückt:
    Deutschland war militärisch am Ende! Hätten sie den Vertrag nicht unterzeichnet wären die Aliierten ins Reich einmarschiert und hätten Deutschland besetzt!
     
    3 Person(en) gefällt das.
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die kurze und knackige Antwort hat Zeitmaschiene schon gegeben. Reparationen zahlt gewöhnlich der Kriegsverlierer (ganz abgesehen von den immensen aufgehäuften Schulden aus der Kriegsfinanzierung).

    Wenn Dich die Vorgeschichte der Situation (militärisch oder die innere "Revolutionierung" der Wilhelminischen Gesellschaft u.a. als Kriegsfolge) näher interessiert, könntest Du Dir dieses Buch zB über Fernleihe besorgen:

    Kriegsende 1918: Ereignis, Wirkung ... - Google Bücher

    Einige Seiten sind unter google-books verfügbar, insbesondere dort S. 273 (innere Revolutionierung) und S. 165 ff. (Situation Westfront).
     
  4. Scharrukin

    Scharrukin Neues Mitglied

    Die Deutschen haben die "bedingungslose Kapitulation" eingereicht und damit konnten die Sieger de facto reinschreiben was sie wollten in den "Vertrag", die quasi Blankounterschrift hatten sie eh schon im Vorraus...
     
  5. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Das Deutsche Reich hat um Waffenstillstand nachgesucht und dann einen Friedensvertrag bekommen. Das mit der "bedingungslosen Kapitulation" war ein Krieg später.

    M.
     
  6. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Faktisch hat Scharrukin mE schon recht; um die bedingungslosen Kapitulation bzw die Besetzung Dtlds abzuwenden, wurde ein Waffenstillstand geschlossen. In den folgenden Friedensverhandlungen und dem diese abschließenden Vertrag von Versailles war es für die neue dt Regierung praktisch unmöglich, noch Bedingungen zu formulieren bzw durchzusetzen; sie mussten den von den Allierten gemachten Vorschlag entweder akzeptieren, oder der Kriege ginge (mit den oben erwähnten Folgen) weiter. Zu Verhandlungen kam es mWn nicht, zu den Beratungen über den Vertrag war die dt Delegation nicht zugelassen.
     
  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied


    D'accord. Nur, das Deutsche Reich bestand weiter fort, trotz aller Bedingungen des Versailler FV und des vorangegangenen Waffenstillstandes aber es wurde als Völkerrechtssubjekt anerkannt, ansonsten hätte niemand einen Friedensvertrag geschlossen, auch wenn die deutsche Delegation nicht zugelassen war.

    M. :winke:
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Auf die völkerrechtliche Anerkennung des Deutschen Reiches durch den VV hat Melchior schon hingewiesen (war als Ereignis nicht selbstverständlich nach diversen Kriegszieldiskussionen und nach anderweitigen Praktiken).

    Ansonsten möchte ich auf den Widerspruch hinweisen: wer eine bedingungslose Kapitulation durch Bitte um Waffenstillstand abwenden muss, hat nichts mehr zu verhandeln, sondern nur noch mehr zu verlieren.

    Dass der Kriegsverlierer Reparationen zu leisten hat, war herrschende Meinung/Übung und konnte wohl politisch nicht ernsthaft überraschen. Die Aufgabe Elsaß-Lothringens war bereits in den Waffenstillstandsvereinbarungen angedeutet, sofern man die gelesen hatte, ebenfalls die Abrüstung der Kriegspartei Deutsches Reich zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

    Man könnte auch anders herum fragen: welche Erwartungen bestanden nach den Friedensbedingungen für Frankreich 1871, welche Erwartungen in Bezug auf preußische Randgebiete 1918 zB vor dem Hintergrund der preußischen Inszenierung einer Debellatio von Hannover 1866?

    Die Verdrängungsbemühungen kriegstragender Kreise bezogen sich schließlich auf 1815, um auf den europäischen Trümmern noch einen deutschen Anspruch auf einen anständigen Friedensvertrag für den militärischen Verlierer herzuleiten, wobei ihnen uninformierte und uniformierte Schichten empört folgten. Es folgte eine Schlacht mit Tinte und Papier, um einen solchen Anspruch zu beweisen.

    Immerhin hielten sich die realisierten Reparationen schließlich in Grenzen, sie erreichten jedenfalls kaum 1/4 der deutschen Kriegsschulden.
     
  9. Scharrukin

    Scharrukin Neues Mitglied

    Das ist schon eine sehr lockere Auslegung, schließlich brach die deutsche Wirtschaft bereits durch die geleisteten Zahlungen zusammen was schließlich dazu führte, daß die Sieger sich per Direktbeschlagnahmungen holten was noch ging...
    die ursprünglich geforderten Summe sehe ich eher als bewußt viel zu hoch angesetzte Phantasiebeträge, da war wohl schon von Anfang an eingeplant, daß eh nur ein Teil bezahlt werden könnte ;)
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich weiß nicht, worauf Deine Beurteilung von Auslegungen basiert, aber das ist Unsinn. Die Statistischen Daten an sich sind im Übrigen keine "lockere Auslegung"(-sfrage).

    Die Verschuldung 1919 vor Reparationen betrug rund 157 Milliarden Mark, die 1919 bis 1931 geleisteten Zahlungen inkl. Sachleistungen etwa 25-35 Milliarden Reichsmark. Einige Literaturempfehlungen, die wesentlichen Daten zu Sach- und Geldleistungen, zu Verschuldung und Wechselkursen findest Du mit der Such-Funktion auch hier im Forum zitiert:

    Philips, August: Economic Aspects of Reparations and Inter-Allied Debts, 1930.
    Ortner, Ernst: Die Reparations-Sachleistungen, 1933
    Bresciani-Turroni, Constantino: The Economics of Inflation - A study of currency depreciation in post-war germany, 1937.
    Glasemann: Deutschlands Auslandsanleihen 1924-1945. Rückzahlungen nach der Wiedervereinigung von 1990, 1992.
    Peter Krüger: Deutschland und die Reparationen 1918/19. Die Genesis des Reparationsproblems in Deutschland zwischen Waffenstillstand und Versailler Friedensschluß, 1973
    Eichhorn, Bert Wolfgang: Reparation als völkerrechtliche Delikthaftung --rechtliche und praktische Probleme unter besonderer Berücksichtigung Deutschlands (1918-1990), 1992
    James, Harold: Deutschland in der Weltwirtschaftskrise 1924-1936, 1988
    Deutsche Bundesbank: Deutsches Geld- und Bankwesen in Zahlen 1876-1975, 1976.
    Stucken, Rudolf: Deutsche Geld- und Kreditpolitk 1914-1953, 1953.

    http://www.geschichtsforum.de/f62/versailler-vertrag-zu-hart-und-weich-13487/
    http://www.geschichtsforum.de/f63/die-reparationsfrage-der-weimarer-republik-22500/
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Dezember 2010
  11. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Deutschland war nicht nur militärisch und wirtschaftlich an das Ende der Fahnenstange angelangt, es entwickelte sich auch zunehmend eine revolutionäre Situation, wegen der Wilhelm Zwo abdankte und ins Exil ging.

    Mal nur so: Eine alliierte Besetzung eines sich in Revolution befindenden und mit Sowjetrussland verbündeten Deutschlands wäre interessant gewesen.
     
  12. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Geschichte unter Laborbedingungen!

    M. :winke:
     
  13. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ja klar... Entwicklungen sind fast immer, vor allem Kriege und Revolutionen, chaotisch.
    Deutschland war (noch) nicht revolutionsbereit. Die Masse der Menschen wollte einfach nur Frieden.
    Eine Besetzung Deutschlands hätte die Situation allerdings verschärft. Die Alliierten wären als Besatzungsmacht überfordert gewesen. Hungern unter einer Besatzungsmacht bringt Widerstand. Vor allem lagen Sozialismus und Faschismus in der Luft.
    Ich finde die Frage, auch wenn sie nur spekulieren lässt, eben interessant.
     
  14. Gast

    Gast Gast

    Das das deutsche Reich weiter fortbestand, ist, meiner Meinung nach, ein wenig ungenau.
    Nach der Abdankung des Kaisers am 9.Nov. 1918 versank das Land erst im Chaos, dann wurde 1919 die Weimarer Republik gegründet und schon 14 Jahre später wurde Deutschland zur Diktatur...
    Das Deutsche Reich gab es dann doch gar nicht so richtig, oder?
     
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Doch, das Gebiet wurde die ganze Zeit hin, auch während der WR als Deutsches Reich geführt. Schau mal in die Überschrift der Weimarer Verfassung: "Die Verfassung des Deutschen Reichs". Und von der kaiserlichen Reichsregierung zur Interimsregierung Ebert wurden die Geschäfte offiziell übergeben. Bei allem Chaos hatte also alles seine Ordnung.
    Das Dritte Reich hat nicht einmal die Weimarer Verfassung abgeschafft, sie wurde nur einfach nicht befolgt bzw. ihr widersprechende Gesetze wurden über die Verfassung gestellt.
     
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist die Sichtweise bis heute:

    "Deutsches Reich ist der Name des deutschen Nationalstaates in den Jahren zwischen 1871 und 1945 (1943) und zugleich auch die staatsrechtliche Bezeichnung Deutschlands"
    Deutsches Reich ? Wikipedia

    Der Staat Deutschland hat zugleich den Waffenstillstand und den Versailler Vertrag unterzeichnet (siehe Präambel des Vertrages).

    Das gilt bis heute:
    "Die Bundesrepublik Deutschland ist also nicht „Rechtsnachfolger“ des Deutschen Reiches, sondern als Staat identisch mit dem Staat „Deutsches Reich“, – in bezug auf seine räumliche Ausdehnung allerdings „teilidentisch“, so daß insoweit die Identität keine Ausschließlichkeit beansprucht. […] Sie beschränkt staatsrechtlich ihre Hoheitsgewalt auf den „Geltungsbereich des Grundgesetzes“."
    (Bundesverfassungsgericht, 31. Juli 1973)
     
  17. Bubbi

    Bubbi Neues Mitglied

    Das deutsche Reich hatte keine andere Wahl. Sie hatten keine Macht mehr und auch kein Militär. Sie mussten den VV unterschreiben, um sich aufrüsten zu können?
     
  18. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @ Bubbi

    Sorry, aber da "purzelt" einiges durcheinander. Zu Deinen drei Sätzen in Deinem Posting: "Das deutsche Reich hatte keine andere Wahl."

    Besser, die Reräsentranten des deutschen Reiches sahen keine Alternative, als 1918 um Waffenstillstand nachzusuchen. Die Niederlage des Deutschen Reiches führte in der Folge letztlich zum VV.

    "Sie hatten keine Macht mehr und auch kein Militär."

    Die OHL (Oberste Heeresleitung) mußte gegenüber der Reichsleitung die militärische Niederlage eingestehen. Die folgenden revolutionären Bewegungen der Arbeiterschaft, der Soldaten und Matrosen endete letzlich in der Novemberrevolution und somit im Ende des deutschen Kaiserreiches und der Gründung der Weimarer Republik.

    "Sie mussten den VV unterschreiben, um sich aufrüsten zu können?"

    Der VV musste unterschrieben werden, weil der Krieg verloren war. Der hat aber nichts mit Aufrüstung zu tun, sondern vielmehr mit der Abrüstung Deutschlands.

    Suchstichworte: "Novemberrevolution", "Arbeiter- und Soldatenräte", "Weimarer Republik", "III. Oberste Heeresleitung", "Pariser Vorort Verträge", "Reichswehr", "Reichsmarine", wenn es Dir um das Militärische geht. "Ebert", "Scheidemann", "Noske", "Hindenburg", "Karl Liebknecht", "Rosa Luxemburg" usw. usf. Die Artikel sind auch alle wiederum verlinkt.


    M.
     

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