Antikoloniale Bewegungen in Indochina 1919/1940

Dieses Thema im Forum "Die Zeit zwischen den Weltkriegen" wurde erstellt von The_wait_is_ova, 30. September 2012.

  1. The_wait_is_ova

    The_wait_is_ova Neues Mitglied

    Hallo,
    ich soll zum Thema "Antikoloniale Bewegungen in der Zwischenkriegszeit" ein Vortrag ausarbeiten (ich möchte keinen vortrag sondern nur ein paar Hilfsstellungen). Mein Lehrer meinte ich solle auf Indochina(Frankreich) eingehen. Nur habe ich leider keine Ahnung von Geschichte :still:, das zweite Problem ist ich soll eine These zu meinem Thema finden. Der Vortrag an sich soll nicht länger als zehn Minuten dauern.

    Ich freue mich über jede Hilfe :)
    Danke schon mal im Voraus :D
     
  2. Afkpu

    Afkpu Aktives Mitglied

    Französisch-Indochina ? Wikipedia

    Falls du der Sprache unseres westlichen Nachbarlandes mächtig bist dürfte der französische Wikipediaartikel nützlich sein. Ansonsten kannst du auf Basis dieses Artikels sicherlich in einer nahen Bibliothek Literatur finden.
     
  3. The_wait_is_ova

    The_wait_is_ova Neues Mitglied

    Bibliotheken habe ich schon aufgesucht und habe meistens nur Werke in der Zeit während des 2.Weltkrieges oder im 19 Jhd. gefunden
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    In der deutschen Literatur ist da nicht viel erschienen. Es gibt aber einen Band von Brötel in der Reihe "Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte" zu Indochina.

    Vielleicht solltest Du den mal über die Fernleihe deiner Bibliothek beschaffen.
     
  5. The_wait_is_ova

    The_wait_is_ova Neues Mitglied

    Danke, ich werde morgen gleich zu meiner Bibliothek gehen und nachfragen :)
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Den sehr guten Beitrag von Brötel zu Indochina 1919-1940, etwa 30 Seiten, findest Du in diesem Buch:

    Rudolf von Albertini, Europäische Kolonialherrschaft 1880-1940, Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte Band 14.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zu der Ereignisgeschichte, wichtigen Personen und Organisationen ist einiges im Internet zu finden. Die Fragestellung hat aber einige interessante Aspekte, die etwas tiefer gehen, als in Wikipedia zu finden ist.

    Indochina galt unter französischer Herrschaft um 1900 als pazifiziert, nur einige "Banden" war nach französischer Ansicht in unwegsamen Gebieten der Kolonie aktiv. Das änderte sich in den nächsten Jahren. Was also waren die Auslöser für antikoloniale Bewegungen, für einen speziell "vietnamesischen Nationalismus"?

    Nachzudenken ist zunächst über die Verwaltungsstruktur und das Gebiet "Indochina". Hier lässt sich bereits keine einheitliche antwort finden, war doch das Gebiet in der Bevölkerung sehr unterschiedlich zusammengesetzt. Es gab die eher indisierten Gebiete des Westens des Kolonialgebiets (Khmer, Laos), Cochinchina im Süden, die annamitischen Gebiete in der Mitte Vietnams, und das stark chinesisch geprägte Tonkin im Norden. Hier muss man reduzieren: die Frage der antikolonialen Bewegungen sollte man zunächst auf die vietnamesischen Gebiete Cochinchina, Annam und Tonkin eingrenzen, die Basis des Widerstandes auf den "vietnamesischen Nationalismus". sonst wird das bild völlig unübersichtlich.

    Allgemein wird dazu das eingeführte franco-annamitische Bildungssystem als wichtiger, wenn nicht oft als entscheidender Faktor gesehen, aus dem sich die antikolonialen Bewegungen bildeten (die später, nach Vertreibung der Kolonialmacht Frankreich einen Brennpunkt des Kalten Krieges darstellten). Das ist aber wohl nur ein Aspekt, die von Frankreich eingeführten "Elementarschulen" erreichten 1937 rd. 400.000 Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 25 Mio., es gab zwei Gymnasien in Saigon und Hanoi, die Universität in Hanoi wurde 1919 wieder eröffnet. Wichtig ist eine verbliebene Ungleichheit: Die Abschlüsse wurden den französischen nicht gleichgesetzt, der Dualismus erlaubte nur einer kleinen Mittel- und Oberschicht des Kolonialsystems, ihre Kinder zu höherer Schulbildung zu führen. Daraus entstand ein kleineres akademisches Proletariat, dessen Lage durch unterschiedliche Besoldungs- und Karrierebedingungen in der Kolonie verschärft wurde.

    Das ist aber nur ein Aspekt der Entwicklung.

    Parallel entwickelte sich die Agrarwirtschaft der Kolonie, insbesondere im Reis- und Kautschukanbau mit großen Plantagen. Das koloniale Wirtschaftssystem speziell im Süden hatte großen Bedarf an Arbeitskräften, bei einem Rekrutierungssystem in den armen Bevölkerungsteilen unter schlimmen Bedingungen und hohen Sterblichkeitsraten (auch wenn das durchaus mit harten Arbeitsbedingungen in anderen asiatischen Ländern vergleichbar war). Gewerkschaften waren verboten, jedoch informell selbst mit Streiks auf den Plantagen aktiv). Aus der Agrarwirtschaft entstand eine Mittell- und Oberschicht, die einerseits unter der kolonialen Diskriminierung litt, andererseits aber ihren wirtschaftlichen Erfolg auf das wirtschaftliche Kolonialsystem stützte.

    Es bildeten sich nach 1900 kleine, elitäre Reformgruppen, die zT ihren Rückhalt außerhalb der Kolonie hatten (China, Japan, Indien). Bezeichnend für diese Eliten war der Ansatz, wirtschaftliche Aktivitäten zu entfalten, zB nach japanischen Vorbild, oder entsprechend der indischen Swadeshi-Bewegung (regionales Wirtschaften). Parallel kam es auch immer wieder zu Agrarunruhen. Wichtige Personen für diese Frühphase:
    Phan Boi Chau - Wikipedia, the free encyclopedia
    Phan Chu Trinh - Wikipedia, the free encyclopedia

    Kriegsende 1918, Wilsons Selbstbestimmungsrechte, Russische Revolution, Nationale Entwicklungen in China prägten dann die Phase der nationalen vietnamesischen Bewegungen in der Zwischenkriegszeit, auf den oben dargestellten wirtschaftlichen und kolonial-gesellschaftlichen Wurzeln. Frankreich schien auch die Kolonialpolitik zu liberalisieren, insbesondere wurde die politische Einbeziehung der Bevölkerung verbessert, die Wählerschaft erweitert und die Zahl der einheimischen Abgeordneten vergrößert. Das war ein wichtiger Vorgang, der die politische Agitationsbasis für den nationalen Widerstand verbreiterte und erweiterte Einflussmöglichkeiten schaffte.

    Frankreich verpasste vor Gründung der Kommunistischen Partei die Chance, mit den Konstitutionalisten zusammenzuarbeiten, die große Teile der agrarischen Oberschicht, der Beamtenschaft, der Bildungselite 1926/30 hinter sich scharrten. Die Politik der Depolitisierung war 1930 gescheitert.

    Die Nationalpartei Vietnams war nun im chinesisch geprägten Norden aktiv (auch von Ideen sun-Yat-Sens beeinflusst, die Kuomintang Vietnams), die Kommunistische Partei entstand 1930 als Zusammenschluss von Splittergruppen in Hongkong. Erfolge gelangen auch im Süden, nachdem sich die revolutionären Nationalisten auch dort neu organisiert hatten.

    Der Sieg der Volksfront in Frankreich 1936 weckte auch Hoffnungen auf Reformen in Vietnam. Tatsächlich entließ der neue Governeur Brévié die Masse der politischen Gefangenen, politische Parteien wurden erlaubt, die Steuerlasten vermindert, Sozial- und Arbeitsgesetzgebung aus Frankreich übernommen. Volksfront, Kommunistische Partei und Bürgerliche Oppositionelle arbeiteten zusammen, obgleich die vietnamesische "Versammlung der Generalstände" bereits weitgehend von den wesentlich aktiveren und besser organisierten kommunistischen Zellen unterwandert war.
    JSTOR: An Error Occurred Setting Your User Cookie
    Gemäßigte Nationalisten zogen sich vom Kongress zurück, der schließlich auch verboten wurde. Der kolonial-repressive Kurs Frankreichs verschärfte sich schließlich wieder 1938, mit der Krise des Vilksfront-Experiments in Frankreich selbst, und nach dem japanischen Angriff 1937 auf China, der den kommunistischen Zellen weiteren starken zulauf verschaffte.

    Waren es also (1.) vor 1914 iW Einzelpersonen, aus dem "Bildungsexperiment" Frankreichs in der Kolonie stammend, und (2.) waren es 1919/30 iW Splittergruppen, die antikolonialen Widerstand trugen, Terroraktionen durchführten und Politisierung betrieben, so verschafften (3.) die politischen Reformen und auch der Kontext der Weltwirtschaftskrise in der kolonialen Wirtschaft und Gesellschaft Vietnams die Grundlage für Massenparteien und breiten Zulauf zu den nationalistischen Bewegungen. Erst in dieser Phase wurden die bäuerliche Bevölkerung, rekrutierte Plantagenarbeiter, das kolonial entstandene Kleinbürgertum und das "Bildungsproletariat" durch die nationalistischen Bewegungen angesprochen und breit erfasst. Diese Gruppen warten frustriert durch die koloniale Verwaltung und Politik, wirtschaftlich bedroht durch die Rahmenbedingungen (auch Weltwirtschaftskrise).

    Die nationale Emanzipationsbewegung, anti-kolonial, (wenn man überhaupt von diesem "Dach" sprechen will) war zunächst völlig zersplittert, und sortierte und vereinigte sich unter dem Druck der verschiedenen, oben beschriebenen Entwicklungen. Dabei gab es auch exotische, eher religiöse Separatistenbewegungen, wie den Caodaismus (eine religiöse Erweckungsbewegung, gegen Traditionalismus, die Übernahme westlicher Werteordnungen ablehnend, und 1938 rd. 300.000 Anhänger zählend), die in dieser Darstellung noch garnicht beachtet worden sind.

    Antikolonialismus hatte in Vietnam also viele Facetten. Frankreich war es in der Zwischenkriegszeit nie gelungen, eine gemäßigte Alternative der sozialrevolutionären Bewegungen anzubieten.

    Wenn man nun eine provokative These anschließt:
    Waren die französischen Bildungsreformen, das franco-annamitische Schulsystem die entscheidende Wurzel der antikolonialen, nationalistischen Bewegungen in Vietnam (bzw. der weiteren Gebiete Indochinas)? Brachten sie die entscheidenden Personen hervor, die diese Ereignisgeschichte prägten?

    Oder waren es viele verschiedene Faktoren, die den antikolonialen Widerstand formierten, und die den vietnamesischen Nationalismus prägten?

    Quelle: siehe oben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Oktober 2012
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  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Oben sind im Wesentlichen die Ansätze von Albertini dargestellt worden. Die neuere angelsächsische Literatur befasst sich - über die Frage des Bildungssystems hinausgehend - mit der Zerschlagung der alten gesellschaftlichen Strukturen durch die Kolonialmacht Frankreich. Diese Eliminierung habe die Freiräume für nationalistische, später nach Zerschlagung der VNQDD für die kommunistischen Zellen geschaffen.

    Tatsächlich waren die antikolonialen Bestrebungen noch während des Ersten Weltkrieges relativ bedeutungslos. 1914/18 konnte es sich die Kolonialmacht Frankreich leisten, dass Land mit nur rd. 10.000 Mann an Truppen zu beherrschen (zzgl. rd. 15.000 Mann vietnamesischer Hilfstruppen), während rd. 43.000 Mann im Krieg nach Europa überführt wurden.

    Die Welle der antifranzösischen Aktionen nach 1919 kann nicht ohne Zusammenhang mit dem nun verstärkten Nationalismus, und nicht ohne die Abstützung auf Exilbewegungen von Intellektuellen/Unternehmern/Bürgerlichen/ehemaligen Kolonialbeamten in Frankreich, Japan, China, Hongkong gesehen werden. Sie bündelten sich nach vielen Einzelaktionen 1927 in der VNQDD, die lose mit den chinesischen Kuomintang verbunden war und sich eben vorwiegend aus Verwaltungsangestellten, Lehrern, kleinen Händlern, und Milizionären im zusammensetzte.

    Hier knüpfen die Theorien an, die den nationalistischen Widerstand in Zusammenhang mit den franco-annamitischen Bildungsreformen sehen. Tatsächlich erfassten diese aber nur kleine Teile der Bevölkerung, dass Bild ist sehr aus der Nachkriegsphase und dem Verlust der Kolonie in den 1950ern geprägt. Bedeutung erlangte es - abgesehen von den einzelnen Aktivisten, oder einzelnen Ereignissen wie die antifrz. Agitation an der Freien Schule von Tonkin - erst später, nachdem in Folge des Krieges in Europa 1940 der Bildungszugang für die Bevölkerung verdoppelt wurde (offenbar erfolgte das zur Sicherung der Kolonie und Bindung an Frankreich nach dem Juni 1940, als die Schülerzahlen von 400.000 auf einen Schlag auf knapp unter eine Million erhöht wurden). Auf die ausländischen Einflüsse ist schon hingewiesen worden, so schmuggelte Phan Boi Chau hunderte von jungen Vietnames 1905/07 nach Japan, um eine intellektuelle nationalistische Basis an Universitäten aufzubauen. Dafür brachte er offenbar auch entsprechendes Kapital auf.

    Oben ist auch schon auf die wirtschaftliche Umgestaltung des Landes hingewiesen worden, die ein "Agrarproletariat" hervorbrachte, dass in den Reis- und Kautschukplantagen entstand. Für die Verbreitung der nationalistischen, später kommunistischen Ideen war außerdem die Strukturen des Landes beachtlich, da im Norden eher geschlossene größere Bevölkerungsstrukturen mit starkem bevölkerungswachstum, im Süden ähnlich einer "frontier-Struktur" kleine, offene Siedlungsstrukturen bestanden (die durch Agitation außerhalb der Großplantagen schwieriger abzudecken waren). Die größten Erfolge in den antikolonialen Bewegungen waren daher zunächst in Annam und Tonkin, weniger in Cochinchina zu erreichen. Dies erfolgte, obwohl in Cochinchina die größten kolonialen Umgestaltungen und Zerschlagung der tradierten sozialen Strukturen erfolgte (über die Hälfte des Landes gelangte in das Eigentum von 2% der Bevölkerung, im Gegensatz zu den alten Dorfstrukturen). Dennoch hatte der Widerstand und antikoloniale Nationalismus im Norden eine breitere Basis.

    Die Zerschlagung der VNQDD wird nun in der angelsächsischen Literatur als verpasste Chance für Frankreich angesehen, da man hier das Potenzial für ein Arrangement mit der Kolonialmacht vermutet hat. In das entstandene Vakuum hinein stießen die Einigungen der zersplitterten kommunistischen Zellen, die dann zum Träger der nationalistischen, antikolonialen Bewegungen wurden.

    Damit ist der Bogen um die vielfältigen ökonomischen und gesellschaftlichen Einflüsse auf den antikolonialen Widerstand gespannt. Als entscheidendes Ereignis, das auf diese Entwicklungen und den Kontext der gesellschaftlichen Strukturen in Vietnam traf, ergab sich nun der Zweite Weltkrieg und die französische Niederlage in Europa.

    Hier geht es weiter:
    http://www.geschichtsforum.de/f68/krieg-im-goldenen-dreieck-burma-laos-thailand-singapur-43776/
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Goscha (Widening the Colonial Encounter, 2008) spricht von den "kolonialen Stereotypen", die die früheren Betrachtungen dominiert haben. Dazu gehörten die oben schon angerissenen Fragen des Bildungssystems, oder die üblichen Zuspitzungen auf die Akteure des antikolonialen Widerstandes.

    In Kontrast dazu spricht die Themenstellung von antikolonialen Bewegungen, im Plural. Oben ist als ein Beispiel der Caodaismus angesprochen worden, als - neben den religiös-spirituellen Wurzeln - nationales Sammlungsbecken mit großer Anhängerschaft. Darunter befanden sich eben auch Teile der einheimischen Bildungselite, die nach Aufgabe der letzten antifranzösischen Ambitionen des Nguyen-Könighauses 1916 mit Abdankung von Duy Tan als "safe haven" antikolonialer Aktivitäten zu einem Teil unter die Caodai-Bewegung flüchtete.

    Die starken und vielfältigen ökonomischen Veränderungen sind schon angesprochen worden, als Kontext dieser nationalen Sammlung. Neben den Strukturen, der scharfen Benachteiligung der kolonisierten Bevölkerung, geraten aber zunehmend auch die asiatischen Querverbindungen in den Fokus der Betrachtung. Die Bedeutung der im Exil in China und in Japan ausgebildeten Menschen - die aus diesem Aufenthalt auch nationale Ambitionen bezogen - ist schon quantitativ innerhalb der Bildungselite mindestens so hoch wie der Teil im Land, der dem französisch geprägten Bildungssystem unterlag. Woran lag das? - dazu ein Vergleich:

    Koloniale Strukturen gab es auch in Malaya, Burma, und in den niederländischen Besitzungen. Vergleichbar sind auch das starke Bevölkerungswachstum, die zaghaften Ansätze zur Industrialisierung, das starke Wachstum der Städte (Agitationsbasis!), die agrarische Entwicklung im Zentrum der Kolonialpolitik. Auch Briten und Niederländer versuchten, mittels der Bildungssysteme eine Fixierung auf die kolonialen "Mutterländer" zu stärken. Gleichzeitig stützte man sich auf eine emigrierte, vorwiegend chinesische Mittelschicht, die in diesen Ländern beachtlichen ökonomischen Einfluss hatte. Neben den traditionell starken Chinesen wurden japanische ökonomische Aktivitäten im Zuge der Weltwirtschaftskrise in diesen Ländern bedeutsam (in Indochina wurden die chinesischen und japanischen Aktivitäten von Frankreich mehr bekämpft als in den Vergleichsländern). Für Indochina ist es daher nicht verwunderlich, dass diese nationalen Ideen gerade über China und Japan unterstützt wurden, einmal über die entsprechenden (weitgehend diskriminierten) Gruppen mit wirtschaftlichen Interessen im Land und zum anderen über die Exilbewegungen in China und Japan.

    Dieser asiatische Kontext ist früher völlig vernachlässigt worden, er bildete aber den Resonanzboden für die von Frankreich offenbar noch beherrschbaren antikolonialen Widerstände in der Zwischenkriegszeit. Der Zweite Weltkrieg brachte hier den tiefen Einschnitt, auch mit der hier wahrgenommenen Niederlage der Kolonialmacht Frankreich 1940. Japanische Besatzung (die nebenbei auch die nationalen Kräfte gegen die Kriegsgegner zu stärken versuchte, sich andererseits als brutale Kolonialmacht erwies), sowie ungeheure zivile Opfer in der Hungerkatastrophe 1944/45 bildeten Ereignisse, die sich mit den oben beschriebenen Wurzeln des antikolonialen Widerstandes der Zwischenkriegszeit verbanden.

    Und um den asiatischen Kontext hier aufzugreifen: im November 1949 standen schließlich kommunistische chinesische Truppen an der Grenze zu Vietnam. Das ist zwar ausserhalb des Betrachtungszeitraumes, ... aber: die starke chinesische Unterstützung der antikolonialen Bewegungen in Vietnam hatte da schon ihre Vorgeschichte auch unter anderem Vorzeichen, die Anknüpfung bekam nun aber eine strategische Komponente.

    EDIT: diese nachweisliche Zäsur von 1940/45 ist für die Einschätzung der Nationalbewegungen sehr bedeutsam, und macht auch den Vergleich zu den Bewegungen vor 1940 wenig ergiebig. Die dagegen ab 1918 behauptete Zäsur durch die "Wilsonian Moments" (Manela, The Wilsonian Moment, 2007, mit rudimentären Hinweisen zu Indochina) steht schon vor dem Problem der Abgrenzung nationaler Bestrebungen vor 1918 (kaum möglich!), dem wichtigeren Einfluss der tradierten chinesischen Beziehungen und dem verstärkten japanischen Einfluss kurz vor und nach der Weltwirtschaftskrise). Wenn es denn ein "Wilsonian Moment" gab, dann ist das regional zu unterscheiden, und auch nach bestimmten Bevölkerungsteilen, da hiervon im Wesentlichen die indisierten westlichen Landesteile Indochinas und der traditionell chinesisch geprägte Norden (Tonkin) erfasst wurden. Es handelt sich somit wohl um ein überschätztes Argument, das auch nur durch die innerasiatischen Querverbindungen in Vietnam überhaupt Beachtung fand. Wer hier Vergleiche mit Indien, China, Ägypten usw. ziehen möchte, steht vor einem Nachweisproblem.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Oktober 2012
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  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zur vietnamesischen Hungerkatastrophe im letzten Jahr der japanischen Besetzung gibt es eine neue Publikation:
    Vallishayee/Delgo: Rice and Revolution - The Great Famine of Vietnam during the Second World War, 1944-1945, 2021

    Dazu ergänzend:
    Huff: Causes and consequences of the Great Vietnam Famine, 1944–5, Economic History Review 2019, S. 286-316.
    digital verfügbar
    http://viet-studies.net/kinhte/VietNamFamine1945_HR.pdf
     

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