Araber in Italien

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von askan, 5. April 2007.

  1. askan

    askan Neues Mitglied

    Welche Spuren oder Einflüsse haben eigentlich die Araber in Süditalien hinterlassen? Bisher weiß ich nur das es einige zu Kirchen umfunktionierte Moscheen gibt und das einige Ortsnamen arabischen Ursprungs sind. Aber von der sonstigen Geschichte sind die Spuren recht spärlich. Von der arabischen Eroberung Spaniens gibt es wenigstens einen Epos (Don Rodriego, El Cid usw), gab es ähnliches auch in Italien?
     
  2. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Ich kenne in Süditalien keine in Kirchen umfunktionierte Moscheen wie etwa in Spanien, wo ja zum Teil Kirchen zu Moscheen und dann wieder zu Kirchen wurden.

    Man findet gelegentlich in Kirchen wiederverwendete Säulen mit arabischen Inschriften. Und in Cefalà Diana gibt es arabisches Bad, wobei aber die Datierung nicht ganz sicher ist.

    Wahrscheinlich sind die meisten Zeichen islamischer Architektur beim Zusammenprall der Normannen mit den Arabern zerstört worden.
    Immerhin finden sich aus der normannischen Zeit architektonische Mischformen, die zu belegen scheinen, dass Roger II bei seinen Bauten auch arabische Handwerker beschäftigte. Beispiele sind die Kirche San Giovanni degli Eremiti in Palermo mit den islamisch inspirierten Kuppeln, und die arabische Stalagmiten-Decke in der Capella Palatina.

    Nach dem Aufstand der Sarazenen in Sizilien verbannte der Staufer Friedrich II sie nach Lucera, dass dann ja den Namen Lucera Saracenorum trug. Sie erhielten dort freie Religionsausübung und Selbstverwaltung und wurden zu treuen Anhängern der Staufer, bis auf Betreiben des Papstes die Anjous die Stadt zerstörten und die Bewohner niedermetzelten. Aber auch diese Zeit hat keine bedeutenderen arabischen Architekturbeispiele hinterlassen.

    Manchmal liest man ja, dass die Altstädte Süditaliens, sei es Bari oder Lucera oder andere, einer arabischen Kasbah glichen, mit ihren engen Gassen, aber ich glaube, hier sucht man einfach ein arabisches Relikt, und wenn man keines findet, muss jedenfalls der Gesamteindruck "arabisch" sein.

    Größere literarische Werke, gar epischer Art, aus der Zeit, etwa nach Art des "Cid" kenne ich nicht.
     
  3. askan

    askan Neues Mitglied

    Wer startete die arabische Invasion Süditaliens? Haben die Araber etwas davon überliefert oder das Reich?
     
  4. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Die arabische Invasion fand im IX. Jahrhundert statt. Der byzantinische Statthalter Siziliens, Euphemios, revoltierte gegen seinen Kaiser Michael II. und erbat beim Emir von Tunis um Hilfe.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ziyadat_Allah_I.

    Nachdem die Fatimiden sich in Tunis etablierten setzten sie auf Sizilien einen Emir ein. Dessen Nachkommen beherrschten die Insel bis zur normanischen Eroberung.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kalbiten
     
  5. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Schon seit 652 haben die Araber ständig Razzien, Raubzüge, in Sizilien und Süditalien bis hinauf nach Rom und Centumcellae(Civitavecchia) unternommen.

    Die eigentliche Invasion löste der byzantinische Admiral Euphemios aus, der rebellierte und sich in Syracus zum Kaiser von Sizilien ausrief. Er wurde im Lande jedoch nicht unterstützt und floh daraufhin nach Afrika, das er von früheren Kriegszügen her kannte. Dort versuchte er Unterstützung zu bekommen und löste so 827 eine Großrazzia aus, bei der er selbst jedoch keine Rolle spielte. (dazu im einzelnen E.M. Jamison - Admiral Euphemius of Sicily - Oxford 1957). Euphemios wurde vielmehr bald darauf ermordet.

    Palermo wurde bereits 828 erobert, aber es gelang Byzanz, in Mittelsizilien eine Verteidigungslinie um Enna aufzubauen, die bis 859 standhielt. Dann fiel dieser „Nabel“ Siziliens und damit war Sizilien für Byzanz verloren, wenn auch die Araber die totale Kontrolle der Insel erst nach 900 erreichten.

    Die arabische Herrschaft bedeutete für die einheimische Bevölkerung einige Erleichterungen gegenüber der byzantinischen, insbesondere bei den Steuern, und da Sizilien im Zentrum der islamischen Welt und der Handelswege lag, blühte die Wirtschaft stark auf. Insbesondere Palermo entwickelte sich zu einer größten Städte der damaligen Welt. Der arabische Reisende Ibn Hauqal aus Bagdad schrieb, es gebe in Palermo mehr Moscheen als er je in einer anderen Stadt mit Ausnahme von Cordoba gesehen habe.

    Mohammed Abul-Kassem ibn Hauqal hat über das Sizilien des 10. Jahrhunderts die vielleicht umfangreichste Beschreibung gegeben, in seinem Werk Kitab al mamalik wa al masalik (oder jedenfalls so ungefähr), doch ist sie beschränkt auf Palermo und Umgebung. Er erwähnt hier auch, dass er ein Buch über Sizilien geschrieben habe, das aber unbekannt ist. Der Text Ibn Hauqals ist enthalten in M.J. Goeje - Bibliotheca Geographorum Arabicorum – Leiden 1873, ich kenne allerdings keine Ausgabe in Deutschland.

    Für Sizilien insgesamt war die islamische Eroberung aber auch mit vielen Problemen verbunden. Die Eroberung verursachte große Schäden und schon bald kam es zum Streit, sowohl zwischen den Arabern und den Einheimischen als auch zwischen den verschiedenen Wellen von arabischen Einwanderern, insbesondere dem Raum Agrigent und Palermo. Eine zwischen 938 und 940 aus Afrika neu einfallende Armee, die auch von den Schätzen der Insel profitieren wollte, fand die Beute bereits vergeben und richtete im ganzen Südwesten der Insel schwere Schäden an.

    Negative ökologische Folgen hatte auch, dass die Araber, um Land für Siedler zu gewinnen bei der Landräumung Felder und Wälder von Einheimischen abbrannten.
    Auch holzten sie alle leichter zugänglichen Waldbestände für die Ausfuhr nach Afrika und zum Schiffbau ab.

    Zunächst wurde die arabische Herrschaft nominell durch die Aghlabiden ausgeübt, später durch die Fatimiden. Es kam häufig zu Revolten, die sich zeitweise zum Bürgerkrieg steigerten und kompliziert wurden durch das Aufkommen von Schiiten. 948 ernannte der fatimidische Kalif Hassan al Khalbi zum Emir von Sizilien, der damit eine Dynastie begründete. Als die Fatimiden ihren Herrschaftssitz nach Kairo verlagerten, machten sie die Khalbiten zu ihren formellen Stellvertretern in Sizilien.

    Auf den Umzug der fatimidischen Herrscher von Tunis nach Kairo folgte dann der Zusammenbruch der nordafrikanischen Zivilisation, der den Weg öffnete für ein europäisches Vordringen.

    Das süditalienische Festland konnten die Muslime nicht in ihre Gewalt bringen. Hier rangen vom 9. bis zum Beginn des 11. Jahrhunderts die deutschen Kaiser und Könige, ihre nominellen langobardischen Untertanen, die byzantinischen Kaiser und die Araber um die Macht, und bis zum Auftreten der Normannen konnte sich keiner auf Dauer etablieren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich ein langobardisch-arabischer Mischling für 10 Jahre zum Emir von Bari erheben konnte.

    Dass es keine byzantinischen Quellen über die Eroberung Siziliens durch die Araber zu geben scheint, hängt wohl auch mit der Situation im Reich um diese Zeit zusammen. Kaiser folgte auf Kaiser, nicht durch Erbfolge, sondern durch Absetzung oder Ermordung des Vorgängers. Häufiger waren die Kaiser völlig ungebildet und aus niedersten Verhältnissen. Dazu wurde die Aufmerksamkeit der Kaiser sehr durch die Kirchenpolitik in Anspruch genommen, etwa die Ikonoklasmusbewegung oder die Ausrottung der Paulikianer. So fiel im Reich keine große Aufmerksamkeit auf die Vorgänge in Sizilien.
     

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