Archaische und ungewöhnliche Feudaltitel im ma. Europa (Captalat usw.)

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von -muck-, 12. April 2016.

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  1. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Hallo zusammen!

    Wen es interessiert, der möge sich an dieser Sammlung archaischer und ungewöhnlicher Feudaltitel beteiligen, die einmal im mittelalterlichen Europa bestanden haben. Nach meiner Ansicht ist es hoch interessant, wie Traditionen und lokale Gebräuche die strikte Uniformität adeliger Strukturen durchbrachen, die sich regelmäßig streng gegen die Rangniederen abzugrenzen (bspw. im deutschsprachigen Raum der Fürsten- gegen den Grafenstand), andererseits aber in die ranghöhere Schicht vorzudringen versuchten.

    Ein gutes Beispiel, mit dem ich den Anfang machen will, ist wohl das Captalat von Buch, gelegen an der Bucht von Arcachon an der französischen Atlantikküste.
    In keinem deutschsprachigen Fachbuch, das ich einsehen konnte, sind Übersetzung und Einordnung gleich; manchmal wird von einer Herrschaft gesprochen, manchmal von einer kleinen Grafschaft.
    Das Captalat muss wohl einer mittelgroßen Herrschaft entsprochen haben, dessen Bedeutung seine strategisch wichtige Lage in den Kriegen zwischen England und Frankreich überhöhte.
    Die zutreffendste Übersetzung des Captals ist wohl Oberherr; teils wird sogar von einem "Häuptling" gesprochen, im Sinne eines Oberhauptes der regionalen Seigneurs, allerdings empfinde ich diese Übersetzung als irreführend, da sie eine Sippen- oder Stammesherrschaft nahelegt.
    Der Ruhm des wohl berühmtesten Titelträgers, Johann III. von Buch, der zu Lebzeiten zusammen mit Bertram von Guesclin als einer der größten Ritter der Christenheit galt und Gründungsmitglied des Hosenbandordens war, verschaffte dem Captalat einen Rang, der mich verblüfft, da er seine Machtreichweite und Reichtum weit übersteigt. In mehreren Wappenrollen der Zeit (z.B. der von Surrey, ca. 1395) wird der Captal von Buch fast unmittelbar nach dem König von England genannt, vor den Grafen aus nicht-königlichem Geschlecht.


    Man könnte aus deutscher Sicht wohl die "überlebenden" Land- und Markgrafen, und den Pfalzgrafen bei Rhein ebenfalls in diese Liste aufnehmen. Mehr will ich auch in Erfahrung bringen über diejenigen Titel aus vorchristlicher Zeit, die in Skandinavien ins Mittelalter überdauerten…
     
  2. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Ein ebenfalls ungewöhnlicher Feudaltitel in Frankreich war der "Dauphin" - bevor er zum Titel für den französischen Thronfolger wurde. "Dauphin" war die Bezeichnung des Herrschers der Dauphiné und geht auf den "Delfin" zurück. Die hochmittelalterlichen Herrscher der Dauphiné waren die Grafen von Albon und der Zuname eines Vertreters der Familie, Guigues IV der Delfin, wurde bei seinen Nachkommen zum Herrschertitel (z.B. Dauphin von Viennois, Dauphin von Auvergne) und der Delfin wurde zum Wappentier der Dauphinée. Der letzte Dauphin von Viennois, Humbert II de la Tour, hatte keine Kinder und verkaufte seine Herrschaft Viennois resp. Dauphinée Karl von Valois, dem späteren König von Frankreich. Von da an wurde der Titel für den französischen Thronfolger verwendet.
     
  3. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Danke! Ganz erstaunlich; ich kann mich daran erinnern, dass mir im gymnasialen (!) Geschichtsunterricht beigebracht wurde, der Titel des "Dauphin" käme von der verspielten Art des Delfins; weil der Thronfolger noch kein König war, könne er sich "austoben". Gewiss, das Mittelalter wird früh behandelt, trotzdem wird dies wohl keine kindgerechte Aufarbeitung des Stoffes für Fünft- bzw. Sechstklässler, sondern die Überzeugung meiner Lehrerin gewesen sein.

    Sehr schade, dass das Mittelalter schulisch nur kurz umrissen wird.
     
  4. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    De l'origine et du sens des mots Dauphin et Dauphiné et de leur rapport avec l'emblème du dauphin en Dauphiné, en Auvergne et en Forez. - Persée

    Nicolas Chorier berichtet, daß der Vater des Guignes IV. (gestorben 1142) ihm den Namen Dauphin bei der Taufe gegeben habe und er forthin als Ehrentitel geführt wurde.
    Ein gewisser Bullet wußte: Die Alobroger, Ahnen der Dauphinois, waren eine griechische Kolonie aus Delphi, andere führen den Namen auf eine Familie Delfino aus Venedig zurück.

    Claude de la Grange bringt eine originelle Erklärung: Die Dauphines hießen früher "le Viennois“ und in der Volkssprache des Landes „le Vienné“. Wenn man die Einwohner fragte, woher sie kämen, antworteten sie in ihrer Mundart „Do Vienné“. Die Alemannen unter deren Herrschaft dieses Land kam, lautmalten das V in ein F und sagten „Do Fienné“. Und im ständigen Gebrauch wurde daraus ein „Dofiné“ und schon hatte man den Namen für den herrschenden Prinzen, den „Dofin“. - Diese Vermutung ist spitzfindig, erklärt gewichtig Bullet, aber sie hat keine gesicherte, feste Grundlage. - Aber sie ist doch hübsch.
     
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  5. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Sehr wissenswert! Die Erfahrung lehrt, dass solch scheinbar triviale Erklärungen meist die zutreffenden sind.
     

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