Aufgabe zur Reichspräsidentenwahl 1932

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Jules3684, 11. Mai 2019.

  1. Jules3684

    Jules3684 Neues Mitglied

    Lesen Sie den folgenden Aufruf der SPD zur Reichspräsidentenwahl (27. 2. 1932): „Das deutsche Volk steht am 13. März vor der Frage, ob Hindenburg bleiben oder ob er durch Hitler ersetzt werden soll. Die Rechte hat vor sieben Jahren Hindenburg auf den Schild gehoben. Sie hoffte, er würde sein Amt parteiisch zu ihren Gunsten führen, seinen Eid verletzen und die Verfassung brechen. Es war selbstverständlich, daß wir Sozialdemokraten einen Bewerber, auf den unsere schlimmsten Feinde solche Hoffnungen setzten, entschieden bekämpften. Hindenburg aber hat seine einstigen Anhänger enttäuscht. Weil er unparteiisch war und es bleiben will, weil er für einen Staatsstreich nicht zu haben ist, darum wollen sie ihn jetzt beseitigen. Hitler statt Hindenburg, das bedeutet Chaos und Panik in Deutschland und ganz Europa, äußerste Verschärfung der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosennot, höchste Gefahr blutiger Auseinandersetzungen im eigenen Volk und mit dem Ausland. Hitler statt Hindenburg, das bedeutet: Sieg des reaktionären Teils der Bourgeoisie über die fortgeschrittenen Teile des Bürgertums und über die Arbeiterklasse, Vernichtung aller staatsbürgerlichen Freiheiten, der Presse, der politischen, gewerkschaftlichen und Kulturorganisationen, verschärfte Ausbeutung und Lohnsklaverei. Gegen Hitler! Das ist die Losung des 13. März. Es gibt kein Ausweichen! Hitler oder Hindenburg? Es gibt kein Drittes! Jede Stimme, die gegen Hindenburg abgegeben wird, ist eine Stimme für Hitler. Jede Stimme, die Thälmann entrissen und Hindenburg zugeführt wird, ist ein Schlag gegen Hitler! Jetzt geht es um alles! Sieg des Faschismus ist namenlose Schande, unabsehbares Unheil. Das darf nicht sein! Setzt alle eure Kräfte ein, damit der entscheidende Schlag schon im ersten Wahlgang fällt! Befreit mit diesem einen Schlag das deutsche Volk vor der faschistischen Bedrohung! Schlagt Hitler! Darum wählt Hindenburg!“ (zit. nach W. MICHALKA: Die ungeliebte Republik, a. a. O., S. 320 f.) Versetzen Sie sich nun bitte in die Situation eines SPD-Funktionärs, der Ende Februar 1932 auf einer Wahlversammlung von Arbeitern seine Zuhörer davon überzeugen will, dass sie jetzt unbedingt HINDENBURG zum Reichspräsidenten wählen müssten. Welche Rede würden Sie in dieser Situation halten, da Ihnen klar ist, dass der (hier wiedergegebene) Wahlaufruf der SPD die Zuhörer noch nicht voll überzeugt hat. (Formulieren Sie bitte nur die Sätze Ihrer Rede, in denen Sie sich argumentativ mit der zu vermutenden Kritik Ihres Publikums an dem Wahlvorschlag auseinander setzen.)

    Hilfe ich verstehe die ganze Aufgabe nicht, bitte um Denkanstöße und vielleicht ein bisschen Erklärung
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Für die SPD gab es keinen Kandidaten. Es ging darum, die eigenen Wähler zu mobilisieren trotzdem wählen zu gehen und zwar das - aus damaliger Sicht - geringste Übel. Bis dato war die SPD immer gegen Hindenburg gewesen. Jetzt wäre alles andere eine Vollkatastrophe gewesen (dass Hindenburg am Ende auch eine Vollkatastrophe war, stand ja noch in den Sternen). Das ist das Dilemma welches in der historischen Situation zu lösen war
     
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  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    War das nicht schon damals die entscheidende Frage?

    Die KPD, für die Thälmann antrat, warb in der Wahl mit dem Slogan: "Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg."

    Es ist praktisch die gleiche Aussage, nur "seitenverkehrt": Wer unterstützt mit seiner Stimme unfreiwillig die Nazis?
     
  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Man sollte dem vielleicht um es verständlicher zu machen eines noch hinzusetzen, nämlich die Tatsache, die die KPD mit ihrer Aufstellung Ernst Thälmanns als Kandidaten für das Reichspräsidentenamt schon einmal 1925 den Wahlsieg des rechten politischen Lagers ermöglicht hatte.
    Der damalige Kandidat der Rechten hieß Hindenburg und wenn anno 1925 die KPD darauf verzichtet hätte einen eigenen Kandidaten zu stellen, der ohnehin keine Aussichten hatte die Wahl zu gewinnen, sondern sich mit der SPD und dem Zentrum auf ein Zweckbündnis zwecks Wahl des Zentrumspolitikers Wilhelm Marx verständigt hätte, hätte sie den verhindern können.
    Insofern würde ich meinen, steckt da etwas mehr dahinter als seitenverkehrte Polemik, sondern viel mehr ein Rekurs auf das Muster von 1925 und die Warnung vor seiner Wiederholung.

    Insofern wird auch die Kurzsichtigkeit und ein Stück weit auch Scheinheiligkeit der KPD deutlich, denn dass man nun Hindenburg wählen musste um Hitler verhindern zu können, war in ganz entscheidendem Maße Ausfluss der Tatsache, dass die KPD bei der vorrangegangenen Wahl Marx die Unterstützung versagt hatte.

    Reichspräsidentenwahl 1925 – Wikipedia
     
  5. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Auf der einen Seite ist ds ein gutes Argument, auf der anderen zeigt es aber mE sowohl die Verschiebung des politischen Spektrums nach rechts, als auch die Zwickmühle respektive Verzweifelung der Sozialdemokraten. Warum der Mann, den man bei den letzten Wahlen noch bekämpft hatte, jetzt der Kandidat der Wahl sein sollte, erschließt sich nicht jedem. Auch stellt sich mir die Frage, ob ein Kandidat, den SPD und KPD unterstützen, eine Chance gegen Hindenburg und Hitler gehabt hätte.

    Aber ich bin, zugegebenermaßen, zu befangen, um mich wirklich in die Situation versetzen zu können. Dafür schrillt in meinem Kopf zu laut das Wissen des Nachgeborenen, dass die Kommunisten zumindest in dem Punkt recht hatten.
     
  6. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Och, das kennen wir doch heute auch. Im Wahlkampf wird laut gegeneinander gebrüllt und dann wird doch koaliert.

    Das Problem damals war zweifach: Zum einen war die Zahl der Extremen links wie rechts in Summe größer, d.h. in der Mitte gab es immer weniger Spielraum für eine demokratische Mehrheit. Die linken, aber demokratischen Teile der SPD wollten sich durchaus in der Opposition profilieren, aber das hätte keine demokratische Regierung mehr zugelassen.

    Und das andere ist die viel stärkere Verhärtung der Parteien gegeneinander. Wo heute eher Profillosigkeit vorgeworfen wird, war damals das Profil in manchen Fragen so scharf, dass Kompromisse schnell nur schwer den eigenen Wählern verkauft werden konnten. Dies in Verbindung mit den verschiedenen, teil paramilitärischen Gruppen und Verbände sorgte für eine deutliche schärfere Stimmung als das heute bei uns erlebbar ist.
     
  7. Jules3684

    Jules3684 Neues Mitglied

    Auch wenn Hindenburg von Reichsblock damals aufgestellt wurde sahen wir in den letzten Jahren, wie er sich von den Rechten abwendet und nun sich für ein geeintes Deutschland einsetzt. Wir alle sehen die blutigen Auseinandersetzungen auf den Straßen und diese werden unter Hitler weitergehen. Wir brauchen Hindenburg um unsere Sicherheit wiederzuerlangen und diese Verbrechen verurteilen zu können. Auch wenn er kein Kanzler aus unseren Reihen ist, ist er doch auch ein Gegner deren die auch unsere sind und kann uns in der Bekämpfung der Gewalt die von diesen ausgeht unterstützen.

    Wir möchten alle Frieden, Stabilität und ein Geeintes Deutschland. Ziele die mit Hitler nicht verfolgbar sind.

    Der einzige der uns nun helfen kann ist Hindenburg. Er ist die einzige Möglichkeit aus dieser Krise nun heraus zu kommen

    Ich habe es nun so geschrieben
    Vielen Dank für die Antworten :)
     
  8. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Ich bewundere die Weitsicht der KPD, denn es ist tatsächlich so gekommen. Damit wird für diejenigen, die sagen, man habe das damals nicht ahnen können, noch schwerer, glaubwürdig zu bleiben.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist psychologisch eher ungeschickt. Versetz dich doch mal in a) die Politiker hinein, die gerade ein Kehrtwende vn 180° vollziehen müssen und von dieser Kehrtwende ihre Anhängerschaft überzeugen wollen. Da stößte man doch seine Adressaten nicht darauf, dass man gerade ein Kehrtwende von 180°! vollzieht (auch wenn dem so ist).

    Das ist kein gutes Deutsch. Abgesehen davon ging es um die Wahl des Reichspräsidenten. Der Kanzler wurde vom Reichspräsidenten ernannt (ohne vorherige Wahl durch das Parlament, wie bei uns).
     
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  10. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Öhm, bescheidene Frage:

    Wenn die KPD tatsächlich vorraussah, dass war anschließend passieren würde (absurde Vorstellung), warum erklärten sie sich nicht bereit nötigenfalls Minderheitsregierungen der demokratischen Parteien zu tolerieren (diese Möglichkeit hätten sie ja gehabt) und den Ausbruch aus der Verfassung und das Einsetzen von Präsidialregierungen in gewohnter Manier zu verhindern?

    Hätte sich die KPD ihrerzeit zur Tolerierung neben der SPD bereit erklärt, hätte man die Regierungen Müller oder Brüning als demokratisch legitimierte Regierungen im Amt halten und durch parlamentarisches Zuarbeiten, denn die Weimerer Kolaitionsparteien im Zusammengehen mit der KPD als Zweckgemeinschaft, hätten zu jeder Zeit eine Mehrheit gehabt, Maßnahmen zur Krisenbekämpfung anzuleiern und damit nicht nur Präsidialregierungen, sondern darüber hianaus die Praxis der Notverordnungen insgesamt überflüssig gemacht.

    Hindenburg konnte die Rolle die er am Ende spielte nur deswegen Spielen, weil sich das Parlament selbst blockierte. Das wiederrum tat es nur, weil sich alle drei extremen Parteien, also auch die KPD unwillens zeigten durch zeitweilige Konzessionen diese Bloackade aufzuheben.


    Also noch mal auf die Frage zum Gedankenspiel zurück: Wenn, was ich nach wie vor für reichlich absurd halte, denn das setzte vorraus Geschichte sei determiniert, was sie nicht ist, die KPD geahnt haben würde, dass Hindenburg am Ende zu Hitler führen würde, warum führte sie dann die Krise des Systems herbei, die einen Kanzler Hitler und damit ihre eigene Vernichtung erst möglich machte?
     
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  11. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    KPD und SPD hatten 10 bis 15 Jahre schon ein sehr kompliziertes Verhältnis, beginnend mit der Frage der Kriegsanleihen ab 1914 und weiter dann die mehrfachen Spaltungen bis hin zur Gründung der KPD zum Jahreswechsel 1918/19.
    Es gab starke ideologische und persönliche Differenzen zwischen KPD und SPD, den massiven Druck der Straße und nur wenige Stimmen, die ein gemeinsames "links der Mitte" befürworteten.
    Im Gegensatz zum obigen "die KPD hat es kommen sehen" waren viele Dinge eben nicht so deutlich. Die Entwicklung von den Präsidialkabinetten zur Machtergreifung verlief zum Schluss sehr schnell und ließ Gespräche zwischen KPD und SPD letztlich unrealistisch sein. Und dann darf nicht vergessen werden, die KPD positionierte sich gegen die Weimarer Demokratie und war sich darin mit der Rechten destruktiv einig.
     
  12. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    @Solwac.

    Also anno 1932 existierte die KPD noch keine 15 Jahre und dass sie gegen rechts auch mit der SPD kooperieren konnte, hatte sie 1920 beim Kapp-Lüttwitz-Putsch unter Beweis gestellt.

    Zwischen März 1932, dem Datum der Reichspräsidentenwahl und dem Januar 1933 gab es einen ganz beträchlichen Zeitraum, in dem man sich auf eine Einheitsfront gegen Hitler und auf ein demokratisches, von der KPD toleriertes Kabinett hätte eingen können, wenn man das denn gewollt hätte.

    Unterstellen wir, @Dions Einlassung hinsichtlich präziser Vorraussicht der KPD in Sachen Hindenburg/Hitler sei zutreffend, würde uns das vor das Problem stellen, dass daraus nur ein sinnvoller Schluss zu ziehen wäre.
    Und der lautet an Hand ihres Verhaltens dahin, dass die KPD, Hitler, wenn sie ihn denn vorhergesehen hätte gar nicht verhindern wollte, denn sie hätte es mit dem vergleichsweise kleinen Opfer eines Burgfriedens gekonnt.

    Tolerierungskonstellationen aucb unter Einbeziehung radikaler bis extremer Elemente hatte es in Weimar sowohl durch die damalige USPD, als auch durch die DNVP (allerdings eben vor Hugenberg) durchaus schon gegeben und nicht wenige der ehemaligen USPD-Mitglieder fanden sich am Ende ja dann in der KPD wieder. Wäre also mitunter nichtmal eine neue Übung gewesen.


    Letztendlich gibt es aber zwei Möglichkeiten.

    - Die KPD hat Hitler als derartige Katastrophe und/oder seinen Weg zur Macht über Hindenburg nicht vorhergesehen und einfach nur polemisch paroliert, dazu passt dann das Verhalten der Partei.
    - Die KPD hat es vorhergesehen. Dann allerdings hat sie dem noch zugearbeitet unter Inkaufnahme der eigenen Vernichtung.

    Insofern etwas fehl am Platze hier, wie der angesprochene User das tat die Vorraussicht der KPD herauszuheben. Denn die war entweder nicht vorhanden, oder aber man müsste unterstellen die Kommunisten sein in Wahrheit selbst verkappte Nazis gewesen, die Hitler an der Macht sehen wollten oder waren nicht bereit ihn zu verhindern auf Grund persönlicher Eitelkeiten.
    Ich denke die Idee (auch wenn man in Moskau einen Kanzler Hitler, so lange man keine KPD-Regierung in den Sattel setzen konnte, sicher nicht so extrem ungerne sah, weil das ein Ende der Annäherung Deutschlands an die ehemaligen Entente-Mächte bedeuten musste), die Kommunisten seien in Wahrheit verkappte Nazis geswesen kann man ohne weiteres ad acta legen.
    Bliebe also noch die Möglichkeit die Kommunisten verhinderten Hitler nicht aus Gründen persönlicher Eitelkeit. Unterstellt man präzise Vorahnung, was kommen würde, hätte die KPD damit also aus Gründen der persönlichen Eitelkeit ihre eigene Organisation zerschlagen, ihre Mitglieder ans Messer geliefert und vorsätzlich dem Aufbau des NS-Staates vorschub geleistet.
    Ob ein derartiges Verhalten dass noch zu einer weisen Vorraussicht passt, wie die unterstellt wurde, wird man wohl verneinen müssen, es sei denn, man unterstellte Thälmann und Konsorten, nicht in der Lage zu sein auf Grund sich abzeichnender Folgen rational zu handeln.
    Sämmtliche kommunisten per se mal eben für vollkommen degeneriert zu halten, was das Absehen der Folgen des eigenen Handels angeht, ist zum einen etwas arg billig und zum anderen mit "weiser Vorraussicht" kaum vereinbar.

    Eine weitere Frage wäre, warum die KPD wo sie doch angeblich die Nazi-Herrschaft heraufziehen sah keine Schritte unternahm den eigenen Gang in den Untergrund vorzubereiten, denn das diverse Spitzenfunktionäre, darunter Thälmann höchst selbst den Nazis schnell in die Hände fielen und organisierter Wiederstand gegen die Zerschlagung der Partei ebenso nicht zustande kam, zeugt ja nun nicht unbedingt von Vorbereitung.

    Darum ging es mir.
     
  13. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Zu ahnen, Shinigami, dass es mit Hitler als Reichspräsidenten Krieg geben würde, bedeutet nicht, auch den eigenen Untergang zu ahnen. Daher ist deine Schreibe entweder reine Kaffeesatzleserei, oder aber ein Versuch, der KPD die Schuld dafür zuzuschieben, dass Hitler 11 Monate später Reichskanzler geworden ist.
     
  14. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Dann ging man in der KPD also deiner Meinung nach davon aus, dass die Bluttaten der SA, die diese ja bereits vorher zu verantworten hatte von allein verschwinden, die NSDAP das politische System unangetastet lassen und auf einen Missbrauch von Armee und Polizei in denjenigen Ländern, in denen sie die Innenministerien in der Hand hatte verzichtet hätten?

    Die Gewalttaten der Nazi-Partei waren bereits vor der Wahl Realität und davon auszugehen, Hindenburg wäre am Ende bereit Hitler zu stützen nimmt implizit dann acuh die Notwendigkeit vorweg, dass der Reichspräsident dieses Vorgehen zu dulden bereit ist, denn ansonsten könnte er jemanden aus dieser Partei kaum zum Kanzler machen.

    Das eine auf Notverordnungen beruhende, vom Reichspräsidenten Hindenburg gestützte Regierung die politische Arbeit der KPD mindestens in extremer Weise behindern und dass ihr der eine oder andere Exponent dieser Partei auch rein physich zum Opfer fallen würde, war klar zu antizipieren.

    Zwischen der Wiederwahl Hindenburgs und der Ernennung Hitlers, amtierten drei Reichskanzler samt Kabinetten.
    Namentlich das Kabinett Brüning II. und die Kabinette v. Papen und v. Schleicher.

    Brüning gehörte keiner extremistischen Partei an und wenn die KPD hier ihre Tolerierung hinzugesetzt hätte, hätte er mit den Reichstagsfraktionen von Zentrum, BVP, SPD und KPD eine parlamentarische Mehrheit gehabt, das System der Notverordnungen und Präsidialkabinette wäre damit ausgehebelt gewesen.
    Du willst mir nun nicht erzählen, dass eine demokratisch legitimierte, von der KPD selbst gestützte Regierung Brüning für die KPD als Organisation und für ihre Exponenten rein physisch, eine ähnliche Bedrohung dargestellt hätte, als ein von Hindenburg mit Sondervollmachten ausgestattets und unter Umgehung der Verfassung ernanntes, offen extremistsiches Kabinett Hitler?

    Selbst Papen und Schleicher wären, dank fehlender Massenbasis als ungefährlicher zu antizipieren gewesen, zudem hätte es deren Ernennungen nicht gebraucht, wäre die KPD rechtzeitig bereit gewesen einen demokratisch legitimierten Kanzler aus den Reihen der SPD oder des Zentrums zu stützen um Hitler zu verhindern.

    Ich muss sagen du legst eine ganz erstaunliche Fähigkeit an den Tag den Kern meiner Ausführungen nicht zu erfassen.
    Der KPD die Schuld dafür zuzuschieben, dass Hitler Kanzler wurde wäre offensichtlich überzogen. Die KPD trägt einen gewissen Teil der Mitverantwortung, weil sie die Kanzlerschaft eines demokratischen Kandidaten verhinderte, die einen Kanzler Hitler überflüssig gemacht hätte. Da wiederrum trägt Hindenburg mit seinem Handeln, dass darauf gerichtet war die SPD aus der Regierungskoalition zu drängen, der Brüning ohne Not die Unterstützung entzog und außerplanmäßige Reichstagswahlen ansetzte, die nur den Extremisten nutzten, so wie durch seine letztendliche Ernennung Hitlers oder auch sein Mitwirken am "Preußenschlag", schon durchaus ein höheres Maß an Verantwortung, die Wähler der NSDAP selbstverständlich auch.

    Es geht viel mehr darum, dass die Handlungsweise der KPD, wäre sie wirklich davon ausgegangen ein Kabinett Hitler und damit verbunden ein Systemumsturz drohe (denn der wäre bei einer Regierung gestützt auf NSDAP, DNVP, eingesetzt durch den erklärten Monarchisten Hindenburg und qua dessen Mitwirkung auch auf Basis der Reichswehr als bewaffneter Macht im Rücken, eine realistisch zu antizipierende Perspektive gewesen), der Verzicht darauf Hindenburgs Handlungsspielraum durch das Tolerieren einer demokratisch legitimierten Regierung unter Führung der SPD oder des Zentrums einzuschränken, offensichtlich nichts anderes gewesen wäre als politischer Selbstmord.
    Hätte die KPD Hitler tatsächlich im Vorhinein als Kanzler antizipiert (mit Holocaust und Weltkrieg hätte sie in dieser Konstellation sicher nicht rechnene müssen, mit Zerschlagung der KPD und der Gewerkschaften, so wie mit politischer Verfolgung dagegen doch, bei dieser Zusammensetzung), wäre diese Vorgehensweise im höchsten Maße irrational gewesen.

    Wahrscheinlicher ist daher, dass die KPD bis zum Januar 1933 nicht ernstlich mit einem Kabinett Hitler rechnete, wofür es ja auch gute Gründe gab.

    - Die Talsohle der Wirtschaftskrise schin überwunden
    - Die Ergebnisse der NSDAP waren rückläufig
    - Hindenburg hatte bisher auf Hitlers Maximalforderungen ablehnend reagiert
    - Hitler als Kanzler hätte je nach Positionierung von Zentrum und BVP dazu zu massiven politischen Unruhen führen können.
    - Hindenburg hatte sich zwar in Teilen über die Weimarer Verfassung hinweggesetzt, aber keine wirklichen Anstalten gezeigt einem Systemumsturz zuzuarbeiten, was Hitler hingegen sehr offen tat.

    Welchen Anlass gab es im März 1932 ernsthaft auf Hitler als Kanzler zu rechnen? Er war als politischer Rivale Hindenburgs und Parvenu nun nicht unbedingt ein Liebling des greisen Marschalls. Zum Zeitpunkt des Wahlkampfes amtierte Brüning, der für die SPD zustimmungsfähig war und damit zwar keine Mehrheit im Parlament hatte, aber doch die zu dem Zeitpunkt breitest mögliche Unterstützung aller denkbarer Kandidaten im Parlament genoss, zumal sich zu diesem Zeitpunkt Hugenberg und damit die DNVP beharrlich weigerte eigene Ambitionen zu Gunsten Hitlers und der Nazi-Bewegung aufzugeben.

    Das unter diesen Umständen der KPD die Obstruktionspolitik, die sie betrieb, relativ ungefährlich erscheinen konnte, wäre ein logischer Ansatz um sie zu erklären.

    Das Problem mit deinem Standpunkt ist nach wie vor, dass du dich an einer Wahlkampfparole hochziehst und nicht im mindesten beachtest inwiefern das Handeln im politischen Tagesgeschäft seitens der KPD damit kongruent gewesen ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Mai 2019
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  15. hatl

    hatl Premiummitglied

    Selbstverständlich war die KPD mit ursächlich für Hitlers Aufstieg.
    Hitler kann ja ohne Lenin nicht gedacht werden.
    Und war es denn nicht etwa so, dass die Sozialdemokraten zum Hauptfeind erklärt wurden, und nicht die Nazis?
     
  16. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Das beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Und nicht die KPD hat Anhänger der anderen Arbeiterpartei zusammenschießen lassen, sondern die SPD.

    Naja, Fakt bleibt, nicht Thälmann hat Hitler zum Reichskanzler gemacht, sondern Hindenburg. In dem Fall haben nun mal die Sozialdemokraten aufs falsche Pferd gesetzt. Zumindest im Nachhinein kann man das ruhig anerkennen.
     
  17. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Genau genommen hat das auch die SPD nicht, da Noskes Schießbefehlt, ja durchaus nicht nach einhelligem SPD-Beschluss erging, sondern es wurde nach unvollständiger Informationslage unter Zeitdruck eine Entscheidung getroffen.
    Im Übrigen, was hatten die Anhänger der anderen Arbeiterpartei noch gleich in teilweise bewaffnetem Zustand und in Teilen unter Verletzung fremden Eigentums, der Missachtung fremder Persönlichkeitsrechte etc. In Marstall und Zeitungsviertel in Berlin verloren?

    Hier einfach unkritisch die KPD-Argumentation zu übernehmen, geht meine ich auch etwas an der Sache vorbei. Es wurden nicht Wahllos Anhänger einer Partei zusammengeschossen, sondern bewaffnete Anhänger einer Partei, die sich in Teilen offen gegen den Staat stellten und die Gesetze dieses Staates mit Füßen traten.
    Insofern war in Sachen Spartakus das grundsätzliche Schießen durchaus nicht verwerflich, sondern allenfalls die exakte Wahl der Mittel und die Frage wer exakt mit dem Schießen beauftragt wurde. Das widerrum war aber keine Entscheidung der SPD per se, sondern des Reichswehrministers, der militärischen Führung.
    Auch in Sachen Roter Ruhr-Armee wurde von Seiten der SPD-Regierung nicht wahllos geschossen, sondern zunächstmal verhandelt, was qua Vermittlung Severings im rahmen des Bielefelder Abkommens zur weitgehenden Wiederherrstellung im westfälischen Teil des Industriereviers führte.
    Im rheinischen Teil wurde es dann blutig, nicht zuletzt aber deswegen, weil die dortigen Aufständischen nicht zu einer Einigung mit der legalen Regierung bereit waren und weil der militärische Befehlshaber vor Ort v. Watter, eigenmächtig außerhalb des in Bielefeld zustande gekommenen Abkommens handelte.
    Beides war auch hier nicht orriginäre Schuld der SPD.


    Da würde sich die Frage nach der Alternative stellen.
    Wer hätte das denn sein sollen?

    Thälmann wäre als Kandidat ähnlich gefährlich gewesen wie Hitler und außerdem hätten die Stimmen der SPD dafür nicht gereicht.
    Die SPD konnte keinen Aussichtsreichen Kandidaten aufstellen, weil bei der Kandidatur Thälmanns keine zugewinne auf der linken Seite zu erwarten gewesen wären. Mit Kommunisten und Nazis gegen sich, musste aber die Unterstützung der hochkonservativen und wirtschaftsfreundlichen Elemente der DVP (bzw. was davon übrig war) und des linken DNVP-Flügels gewonnen werden um auf eine Mehrheit zu kommen. Denen wäre ein SPD-Mann nicht zu vermitteln gewesen, ein vergleichsweise linker Zentrumspolitiker, wie etwa Joseph Wirth, vermutlich auch nicht.
    Ein rechtsgerichteter Zentrumspolitiker à la Franz von Papen wäre ebenfalls nicht einfach gewesen. Der wäre auf dem linken Flügel der Sozialdemokratie ebenso angeeckt wie in den radikalprotestantischen Kreisen der Rechtsparteien.

    Die Lage war ziemlich verzwickt. Hindenburg bot sich als Kompromisskandidat insofern an, dass er von seiner Grundeinstellung her in der Lage war die hochkonservativen Elemente auf Linie zu bringen, die es brauchte, er hatte eine gewisse Popularität, die man nutzen konnte und er hatte sich in seiner ersten Amtszeit einigermaßen bewährt.

    Welcher Alternativkandidat hätte ein ähnliches Set mitbringen können, zumal angesichts der Machtverhältnisse?
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Mai 2019
  18. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Genau genommen spielte ich auf Zörgiebel an, und der ließ auf unbewaffnete Demosntranten schießen. Das war 1932 noch deutlich frischer...

    Tja. Würden wir in einer Welt leben, in der Thälmann RP geworden wäre, könnte man das beurteilen. Tun wir aber nicht. Ich urteile im Nachhineine über die Geschichte, die geschehen ist, und in dieser hat der Kompromißkandidat Hindenburg nun mal Hitler zum Reichskanzler gemacht. Deal with it.
     
  19. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das war nicht 1932 sondern 1929.
    Dabei unterschlägst du, dass die KPD die Situation wissentlich eskalierte, weil sie die Fehlinformation streute, das bestehende Demonstrationsverbot zum 1. Mai in Preußen, Reaktion auf vorherige blutige Eskalation wäre auggehoben worden, was zu Zusammenstößen zwischen im Sinne der KPD demnstrierenden und der Polizei führte, die ihrerseits eskalierten.

    Hier war sicherlich die Vorgehensweise der Polizei unangemessen, auch die war aber nicht Parteiangelegenheit der SPD, sondern i n Zörgiebels persönlicher Verantwortung als Polizeipräsident.

    Insofern ist die Behauptung die SPD hätte auf unbewaffnete Demonstranten schießen lassen ebenfalls nicht richtig. Richtig ist, dass die einem der SPD angehörenden Polizeipräsidenten unterstellen Polizeikräfte zu unangemessenen Mitteln griffen.
    Richtig ist aber auch, dass die KPD durch Aufforderung zu glattem Rechtsbruch und Irreleitung der Öffentlichkeit die Grundlagen für diese Sieuation schuf. Wenn also von KPD-Seite einseitig der SPD die Schuld zugeschoeben wird ist das in dieser Form a) nicht korrekt und b) hätte es an diesem Tag möglicherweise nicht einen einzigen Toten gegeben, hätte die KPD ihrerseits nicht zum offenen Rechtsbruch aufgerufen.
    Blutmai – Wikipedia


    Das Thälmann für die Demokratie und auch die öffentliche Sicherheit der KPD unliebsamer Elemente eine ähnlich große Bedrohung darstellte wie Hitler, bedarf wohl nicht ernsthafter Diskussion. Anno 1932 war die KPD nicht weniger offen bestrebt die Weimarer Demokratie abzuschaffen wie die NSDAP oder die DNVP nur eben mit anderer Zielrichtung.
    Auch muss man nicht so tun, als wäre analog zur SA der Rote Frontkämpferbund eine Art friedliebender Kleingartenverein gewesen.
    Ein Ernst Thälmann mit der verfassungsmäßigen Macht den Reichstag nach Belieben aufzulösen, als Oberbefehshaber der Streitkräfte (ob die gespuhrt hätten ist freilch eine andere Frage), gestützt auf eigene militante Verbände und im zweifel auf Moskau. Das hätte auch das Potential gehabt blutig zu werden, den Mann konnte man nicht guten Gewissens unterstützen, davon ab, dass es selbst dann nicht gereicht hätte, hätten alle SPD-Wähler geschlossen für ihn gestimmt.


    Wenn du sagst die SPD habe auf das falsche Pferd gesetzt ist das mehr, als eine Beurteilung von Geschichte im Nachhinein, sondern es ist ein persönliches Werturteil, weil das Vorhandensein eines falschen Pferdes naturgemäß auch das eines Richtigen vorraussetzt, dass du an der Stelle gerne einmal benennen darfst.

    Natürlich, Hindenburg machte Hitler am Ende zum Kanzler.
    Das war aber weder 1932 absehbar noch notwendig.
    Eine faire Beurteilung der damals politisch Handelnden kann sich nur vom Wissensstand der betreffenden Personen zum Zeitpunkt ihrer Entscheidungen herleiten, alles Andere ist vom hohen Ross des Nachgeborenen ex post herunter geurteilt.
     
  20. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Ach? Ich meine, ich hätte sowohl den Gründungszeitpunkt der KPD wie auch die personelle Kontinuität erwähnt. ;)
     

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