Autoritäre Charaktere im Nationalsozialismus

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Caramel, 2. Juni 2010.

  1. Caramel

    Caramel Neues Mitglied

    Kann man behaupten, dass das nationalsozialistische Regime sich auf autoritäre Charaktäre gestützt hat und ohne eine solche Vielzahl von ihnen nicht hätte funktionieren können? Wie ist es zu begründen?

    Vielen Dank für schnelle Hilfe
     
  2. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vereinfacht gesprochen kann man sicherlich sagen, dass das Auftreten dieser Charaktertypen eine hilfreiche Voraussetzung ist für das Entstehen und den Fortbestand totalitärer Systeme.

    Es ist jedoch auch in Demokratien vorhanden (vgl. Adorno: Studien zum autoritären Charakter oder auch Oesterreich: Autoritarismus un Autonomie).

    Aus der Sicht der Kritischen Theorie hat Fromm versucht das Thema sozialpsychologisch zu erklären (E. Fromm: Sozialpsychologischer Teil, S. 77-135, in: E. Fromm, M. Horkheimer, M. Mayer, H. Marcuse: Autorität und Familie Bd. 1). Er wählt dabei den Sozialisationsprozess als Ausgangspunkt für das Entstehen eines derartigen Syndroms.

    Dieses Konzept hat er im Rahmen der Studie: Arbeiter und Angestellte am Vorabend ds Dritten Reiches übertragen. Er zeigt, dass die Anhängerschaft des NS-Bewegun die höchsten Werte bei der Messung autoritärer Einstellungen aufweist (vgl. ebd. S. 246).

    Insofern kann man die These durchaus als vertretbar ansehen.

    Aus der heutugen Sicht würden wir diese Frage ergänzen um Aspekte, die dem moralischen Handeln zugeordnet sind. In Anlehung an Piaget hat Kohlberg die Frage aufgeworfen, wie das moralische (politische) Urteil in den Kontext der Beurteilung der politischen Kultur eines Staates zu integrieren wäre.

    Hilfreich war diese Orientierung bei der Umsetzung von Befehlen, die gegen Recht und Anstand verstießen. Personen mit diesem Syndrom waren prädestiniert, jede Form von Befehlen umzusetzen, da sie die Verantwortung auf der staatlichen Ebene gesehen haben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Juni 2010
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  4. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied

    Erklärtermaßen stellte das "Führerprinzip", d.h. das Prinip von Befehl und Gehorsam ein wesentliches Element der NS-Ideologie dar.
    Da liegt der Zusammenhang zur Bedeutung autoritärer Charaktere auf der Hand.
    An Hand der Sozialisation des SS-Obersturmballführers und KZ-Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, kann die Entwicklung eines autoritären Charakters m. E. exemplarisch nachvollzogen werden, nachlesbar in Höß' Autobiografie "Kommandant in Auschwitz", bei dtv, und auch literarisch aufbereitet in Robert Merle: "Der Tod ist mein Beruf" sowie filmisch in "Aus einem deutschen Leben" (mit Götz George).
     
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  5. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Höss wurde schon zitiert. Ich gebe noch ein anderes Beispiel, worin der Zusammenhang mit dem Krieg, also einer Ausnahmesituation, stärker artikuliert wird:
    "Darüberhinaus ermuntert der Staat im Kriege mittels einer bereitgehaltenen Serie von Auszeichnungen, seine Befehlsempfänger zur Verübung der vom ihm befohlenen Verbrechen. Er benebelt die Gehirne seiner Befehlsempfänger mit Kreuzzugsphrasen, Befreiungsparolen, Hingabe und Verteidigungsbereitschaft. Die Mordwerkzeuge werden auf beiden Seiten unter Anrufung stärkerer Kräfte und Mächte gesegnet, denn jede Seite verübt seine Verbrechen für eine sogenannte "gerechte" Sache. Und solange werden alle ethischen Wertgefühle sophierend seziert, bis sie in jene Moralstufen eingezwängt werden können, dennen der Staat dann sein Sanktum verleihen kann. Durch solche Umwertung vereist die Staatsführung nun auch den Geist und den Willen seiner Befehlsempfänger, nachdem er dessen Handlungsfreiheit längst paralysiert hat.
    Da scheint also wirklich etwas nicht in Ordnung zu sein."
    Die - richtige! - Aussage, dass autoritäre Charaktere sowohl im NS-Staat als auch in Demokratien "geprägt" werden können, führt natürlich in ein gewisses Dilemma: Worin liegt dann eigentlich der Erklärungswert der Denkfigur "autoritärer Charakter"?

    Ich habe Fromms Schrift von 1936 nicht zur Hand, aber thanepower weist ja auf "den Sozialisationsprozess als Ausgangspunkt" hin. Wenn ich mich recht entsinne, geht Fromm - zunächst weitgehend an Freud orientiert - von der maßgeblichen Rolle des Vaters aus als der ersten und größten Autorität, die dem Sozialisanden (Kind) begegnet. Dieser Autorität muss das Kind sich unterwerfen, dessen Maßstäbe verinnerlichen ("Über-Ich-Bildung"), an der Autorität wachsen. Wenn diese Prozesse gelingen, wird daraus ein vernünftiger Mensch wie Du und ich, eine eigene Autorität; wenn sie mißlingen, ist das Ergebnis - nach Fromm - ein "sadomasochistischer" Charakter, bereit, jede ihm aufgetragene Untat auszuführen.

    Ich erinnere an jene, die in den 20er, vor allem aber den 60er und 70er Jahren die Struktur der Familie als solcher in Frage stellten; letztere orientierten sich allerdings mehr an Reich als an Fromm, und im Nachhinein ist wohl erkennbar, dass sie das Kind mit dem Bade ausschütten wollten. Gab es andere Möglichkeiten, und wenn ja, warum wurden sie vertan? Den Hinweis auf Kohlberg finde ich schon mal sehr gut! :winke:
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Aus meiner Sicht sind es eine Reihe von Konsequenzen, die sich aus diesem sozialpsychologischen Konstrukt ergeben:
    1. Es verweist darauf, dass über Erziehungsstile grundsätzlich in jeder Gesellschaft ein gewisser Prozentsatz an Personen innerhalb der Gesellschaft erzeugt wird, die diesem Syndrom zugeordnet werden können.

    Es sollte durch die Studie in den USA auch verhindert werden, in ein zu starkes schablonenhaftes Verhalten abzugleiten und die Täter des NS-Regimes als "Ausnahme-Monster" aus Deutschland zu klassifizieren, die es lediglich zu eleminieren galt und damit waren alle Probleme gelöst.

    Sie wollten vielmehr auf die permante Gefahr hinweisen, dass autoritäre Gesellschaftsstrukturen und damit zusammenhängende Erziehungsstile zu ähnlichen Personen führt wie beispielsweise bei Höss.

    Und dafür kann man vermutlich in allen Geheimdiensten der Welt von Ost bis West genügend Beispiele finden.

    In Abhängigkeit von ihrer Verteilung innerhalb der Gesellschaft werden sie ab einer gewissen Masse zum Problem oder sie werden integriert bzw. ausgegrenzt.

    Hilfreich ist sicherlich auch das Milgram-Experiment, dass ja beschreibt, dass ein "embryonaler Höss" in Vielen stecken könnte.

    Milgram-Experiment ? Wikipedia


    2. Diese Ideen fanden m.E. auch Aufnahme in die reformorientierten Vorstellungen von Sozialisationsprozessen in Schulen und Universitäten Anfang der siebziger Jahre. Nicht zuletzt wurden sie als Forderung, im Sinne von egalitären Diskursstrukturen, mehr oder minder radikal durch die APO thematisiert und von Habermas als das zentrale theoretische Konstrukt in sein Verständnis von Gesellschaft integriert.

    3. In diesem Zusammenhang sollte vielleicht auch auf die Arbeiten von Reich hingewiesen werden, der ebenfalls in Anlehnung an Freud und Marx die Triebsublimierung als Ausgangspunkt für Unterdrückungsprozesse im Kapitalismus betrachtet.

    4. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner Thesen wird deutlich, dass es sich bei der "sexuellen Revolution der 68er", wenn man diesen weiten Bogen ziehen möchte, zumindest vom Anspruch um ein Programm handelte, dass genau diese Form der Triebunterdrückung verhindern sollte.

    Vielleicht sollte man den alten Slogan in diesem Sinne leicht varieren: Make Love and you will get no Höss":pfeif:

    Dass Höss durchaus kein Einzelfall ist, kann man an einer weiteren Schilderung nachvollziehen, vgl. z.B. Hartmann: Lagerleiter in Treblinka. Einge Bedingungen faschistisches Verhaltens, in: Politische Psychologie, Klingemann und Kaase HG, PVS, Sonderheft 12/81, S. 320 ff)
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Juni 2010

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