Baderegeln oder -verbote im mittelalterlichen Christentum

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Dion, 1. Mai 2019.

  1. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Hier wäre auch zunächst die "Ob"-Frage zu stellen. Die villae rusticae, die ich kenne, waren alle in spätantiker Zeit schon aufgegeben. Das muss nichts heißen, aber vielleicht kannst Du mal eine Reihe von römischen Gutshöfen benennen, die im Mittelalter noch als solche genutzt wurden. Dann könnte man sich die Befunde ansehen und nach Antworten suchen.
     
  2. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    So viel ich weiß, ging das Leben auf dem Land südlich der Alpen unter Ostgoten ebenso weiter wie später unter Langobarden und noch später unter Franken.

    Aber okay, die Bemerkung über die Ob-Frage ist zumindest für die ehemaligen römischen Provinzen nördlich der Alpen berechtigt – ich stelle sie also jetzt.
     
  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Grimm Wörterbuch
    also althochdeutsch schon belegt
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Aus dem Lex Baiuvarorum X, III:

    de minoribus aedificiis
    Si quia desertaverit aut culmen eicerit quod sepe contingit, aut incendio tradiderit, uniuscuisque quod firstfalli dicunt, quae per se constructa sunt, id est balnearius pistoria coquina vel cetera huiusmodi cum III Solid(i) conponat et restituat dissipta vel incensa.
    Übersetzung:

    von den kleinen Gebäuden
    Denn wenn (es) verödet wird oder der Giebel herabgeworfen wird, den es oft hat, oder den Flammen übergeben wird jedeseinzelne, was man Firstfalli nennt, die für sich gebaut sind - das ist Bad, Backstube, Küche oder andere derartige Gebäude - wird dies mit drei Goldstücken beglichen und das Zerstreute oder Verbrannte wiederhergestellt.
    9. Jhdt.

     
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  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    So viel ich weiß, ging das Leben auf dem Land auch nördlich und westlich der Alpen und auch auf der Iberischen Halbinsel weiter. Überall wo Romanen lebten, wurde auch Landwirtschaft betrieben, aber was geschah mit den großen, luxuriös ausgestatteten villae? Ich finde kaum Hinweise auf villae, die nach dem 5. Jahrhundert noch in Betrieb waren, und auch dort wurden die Gebäude entweder in kleinere Wohneinheiten aufgeteilt oder zum größten Teil aufgegeben. Kennst Du irgendwo eine Villa, die ohne Zerstörungen und eingreifende Umbauten in der Völkerwanderungszeit noch Bestand hatte?


    Hier ist die Frage, was unter "Badekultur" zu verstehen ist. Die großen römischen Thermen waren eine Kombination aus Badeanstalt, Fitness-Center und Konferenzzentrum einschließlich Bibliothek, Friseursalon, Kosmetiksalon, Massagesalon, Restaurant etc.
    Die stadtrömische Badekultur endete ziemlich abrupt, als die Goten 537 die Aquädukte zerstörten. Das heißt nicht, dass die Leute sich von nun an nicht mehr wuschen oder nicht mehr badeten, sie taten es dann halt meistens in den eigenen vier Wänden.
    Der Niedergang der Badekultur ist auch vor dem Hintergrund des Niedergangs der Städte zu sehen. Die Einwohnerzahl Roms sank zwischen Spätantike und Frühmittelalter von geschätzten 1,2 Millionen auf gerade noch 20.000 Einwohner. Massive Bevölkerungsrückgänge (vielleicht nicht so extrem wie im Fall Roms) kenne ich auch von anderen Großstädten des Römischen Reichs. Für eine Wiederbelebung der Badekultur nach den Zerstörungen und Plünderungen der Völkerwanderungszeit fehlten schlicht die Voraussetzungen.

    Wie neulich schon einmal erwähnt, waren die Zahlen für die Gesamtbevölkerung im Hochmittelalter ganz ähnlich wie zur Römerzeit. Das Stadt-Land-Verhältnis war aber sicherlich ein ganz anderes; die Städte waren vergleichsweise winzig.
    Eine "Badekultur" in dem Sinne, dass die Bäder zum öffentlichen Treffpunkt wurden, an dem mannigfache Dienstleistungen angeboten wurden, etablierte sich erst wieder, als die Städte im Spätmittelalter anwuchsen und sich ein wohlhabendes Stadtbürgertum herausbildete. Einen ursächlichen Zusammenhang mit den Kreuzzügen halte ich ebenso wie @dekumatland für mehr als zweifelhaft.
    Der Niedergang dieser Badekultur begann anscheinend mit der neu eingeschleppten Syphilis und diversen Pestausbrüchen, einen Schlusspunkt setzt dann der Dreißigjährige Krieg.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. August 2022
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  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    hier würde ich im Hinblick auf die großen römischen Thermen das Wiederreichen dieses (sehr luxuriösen) Standards sogar erst ins 19. Jh. (die großen Kurbäder, Kaiserbäder etc) verlegen.

    Die großen luxuriösen Thermen von Trier, Rom, also der Großstädte, waren sozusagen die Spitze der weströmischen Badekultur - vergleichbar cum grano salis mit den heutigen Spaßbädern (mit Wellenbad, Riesenrutsche, Sauna, Restaurant und und und), die nun auch nicht gerade breit gestreut vorhanden sind (je nachdem, wo man ist, muss man 100km Anfahrt und mehr in kauf nehmen) Die Thermen und Latrinen in kleineren Provinzstädten waren entsprechend einfacher dimensioniert, a la Rottenburg oder Badenweiler. Die "Thermen" luxuriöser großer villae (z.B. Hechingen Stein, oder die "4000 Bäder/Thermen in 4000 Villen" in Antiochia) sind auch nicht der Standard überall gewesen.
    (kleine Überlegungen als Ergänzung)
     

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