Interessant erscheint mir, dass die Invenstitionsfreude in den Ostseebädern in den Jahren ab ca 1910 offenbar von keinerlei Furcht bzgl. der zunehmend angespannten Lage war: aus etlichen Fäden hier kennen wir die vielen diplomatischen Krisen Anfang des 20. Jhs., die oft genug nur knapp an einem Kriegsausbruch vorbeischrammten. Aber der Bauboom in den Bädern scheint das ausgeblendet zu haben, denn wie die in #1 verlinkte NDR Doku (unter Beteiligung einer Historikerin, die ausführlich zu Wort kommt) belegt, waren die Bauträger vielerorts völlig überrascht, als der Krieg 1914 ausbrach und zunächst der Bade/Kurbetrieb empfindlich stockte.
Das Phänomen kannst du auch anderswo beobachten. Ich hatte das schonmal anklingen lassen, die gesamte wesetdeutsche Montanindustrie investierte vor dem Beginn des 1. Weltkriegs noch fleißig in die Erschließung französischer Erzfelder in Lothringen und teilweise der Normandie.
Das geht dann mit Kriegsbeginn natürlich sofort den Bach runter.
Ich denke, dass die Wahrnehmung, wie nah man am europäischen Krieg drann war sich auch insgesamt eher ex-post eingestellt hat, bzw. dass da unser Blick auf die Geschichte einen anderen Blickwinkel eröffnet hat, die einen viel größeren Zeitabschnitt als Krise deutet.
Der Deutungstrack in der deutschsprachigen Geschichtsrezeption geht ja dahin die Krisenserie vor dem 1. Weltkrieg mit der Nichtverlängerung des Rückversicherungs-Vertrags oder spätestens der ersten Marokkokrise beginnen zu lassen.
Das werden aber die meisten Zeitgenossen nicht so wahrgenommen haben.
Das französisch-russische Bündnis war vielleicht unterfrulich, führte aber in keine größere Krise. Bei "Marokko 1" wussten alledass das kein großer europäischer Krieg wird, weil Russland mit Japan und Revolution beschäftigt war, also für einen Flächenbrand auch im Osten des Kontinents (dürfte für die Ostseebäder ein relevanter Umstand gewesen sein) nicht zur Verfügung stand.
Vielleicht bestand hier latente Kriegsgefahr, aber wenn dann nur für einen begrenzten Krieg im Westen, eine Involvierung Österreich-Ungarns war ja auch nicht abzusehen und der wäre wahrscheinlich schnell zu einem Ende gekommen, weil keine Seite Aussicht gehabt hätte weitere Verbündete mit rein zu ziehen. Russland war ausgefallen und Wien und Rom betraf diese Angelegenheit nicht wirklich, zumal sich Rom gegenüber Paris ja mittlerweile in einen Neutralitätspakt eingelassen hatte, der griff, wenn Frankreich nicht offen Deutschland angriff, was es ohne russische Unterstützung in keinem Fall konnte.
Bosnische Annexionskrise 1908 verursacht zwar ein wenig Durcheinander, war aber letztendlich nie gefährlich weil Russland als Hauptakteur noch nicht wieder kriegsbereit war und das konnte Beobachtern damals durchaus klar sein. Ein Land, dass den letzten verlorenen Krieg und eine Revolution erst seit 3 Jahren hinter sich hat, ist in der Regel nicht gut beraten sich direkt in einen neuen Krieg zu stürzen.
Ich schätze mal, wenn man großflächig Tagebücher aus der Zeit auswerten würde, würde man feststellen, dass Wahrnehmung einer tatsächlichen Krisenperiode durch die Zeitgenossen erst irgendwann in 1911 oder 1912 eintreten, als sich mit Marokko 2, dem Italienisch-Osmanischen Krieg und Balkankrieg Nr. 1 auf einmal die Krisenereignisse häufen.
Und ich würde davon ausgehen, dass die meisten Zeitgenossen in Deutschland auch 1914 der Meinung waren, dass die Gefahr erstmal vorbei sei.
Einfach deswegen, weil der Flottenbau auslief und mit dem öffentlichkeitswirksamen Besuch der britischen Flotte in Kiel, bzw. dessen Ankündigung, die Bevölkerung leicht den Eindruck haben konnte Deutschland und Großbritannien seien nach Zerwürfnis wieder auf dem Weg der Annäherung (was mMn auch zutrifft) und dadurch würde ein Krieg unwahrscheinlicher, denn man selbst wolle ihn ja nicht und der britische Flottenbesuch konnte als Signal verstanden werden, dass die Briten ihn auch nicht wollten.
Frankreich und Russland allein wiederrum waren seit fast einem Vierteljahrhundert verbündet und hatten in dieser Zeit keinen Krieg gegen Deutschland gemacht.
Wenn wir das Bild der Einkreisung auf deutscher Seite vor Augen haben, nehmen wir ja viel die Sichtweise der Regierung und der Militärs ein, die registrierten, dass Großbritannien aus der Entente erstmal nicht rausging und dass die Briten mit den Russen über eine Marinekonvention verhandelten. Aber diese Information war zunächst nicht öffentlich und wurde regierungsseitig von deutscher Seite über die Presse nur gerüchteweise lanciert, um die britische Seite aus der Reserve und in Gespräche zu locken, in Wirklichkeit wussten Regierung und die Spitzen des Militärs in dieser Angelegenheit mehr (und auf sichererer Basis, sie hatten ja aber kein Interesse daran ihren Zuträger Benno v. Sibert in der russischen Botschaft in London auffliegen zu lassen), als sie durchblicken ließen.
Insofern würde ich vermuten, dass die Wahrnehmung von Bevölkerung auf der einen, Regierung und Militär auf der anderen Seite, was Großbritannien angeht, in 1914 möglicherweise eher gegenläufig war. Während Militär und Regierung eine Festigung der Entente durch Intensivierung der britisch-russischen Zusammenarbeit, also ihrem potentiellen Bruchpunkt sahen, konnte die Bevölkerung bei ihrer Informationslage eher Annäherung sehen und darauf spekulieren bald zu einem Übereinkommen zu gelangen.
Wenn wir mal annehmen, dass die Bevölkerung weitgehend nur 1912 und 1913, oder vielleicht noch 1911 als direkte wilde Krisenjahre wahrnahmen und sich in Sachen Großbritannien schon wieder auf dem Weg der Entspannung wähnte (Zumal Großbritannien wegen der Lage in Irland ab spätestens 1912 ebenfalls vor massiven Problemen stand und man auch annehmen konnte, die hätten genug mit sich selbst zu tun), würde mich so nicht wundern, dass Investitionen ihren gewohnten Gang gingen.
Wahrscheinlich hat man sich in den 2-3 Jahren einmal kurz erschreckt, gedacht, die Gefahr wäre vorbei und hat dann einfach weiter gewurstelt.