Barbarossas späterer Ruhm

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten im Mittelalter" wurde erstellt von Sunbeam, 25. Dezember 2019.

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  1. Sunbeam

    Sunbeam Neues Mitglied

    Wie erklärt sich eigentlich Barbarossas spätere Verklärung als „Retter des Reiches“ im 19. Jahrhundert? (Kyffhäuser-Denkmal, etc.)
    Platt gesagt, hat er am Ende seiner Herrschaft doch im Vergleich zu Karl oder Otto dem Großen nicht so viel erreicht..
     
  2. Sunbeam

    Sunbeam Neues Mitglied

    In den Kämpfen gegen den Papst muss er sich am Ende unterwerfen, die Fürsten erscheinen nicht mehr an seinem Hof, die Italienpolitik scheitert.. Aber dennoch wird Barbarossa rasch zum Mythos, geht in die deutsche Geschichte ein. Warum? Nur wegen seines charismatischen Auftretens?!
     
  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Warum er in die Geschichte eingegangen ist, ist recht einfach zu beantworten, eben weil er als bedeutender Herrscher eine zentrale Figur seiner Zeit war und man ihn somit schlecht vollkommen übergehen kann.

    Was nun die Verherung im 19. Jahrundert betrifft, stellst du dir da, meine ich etwas die falsche Frage. Was eine historische Figur faktisch geleistet hat, ist eine Frage, was aber der Rezepient sucht, ist eine gänzlich andere.

    Für die weitere Entwicklung großer Teile Europas war der von dir angeführte Karl der Große sicherlich nicht minder bedeutend, den Rezipienten im 19. Jahrhundert war er aber vielfach schlicht nicht "deutsch" genug.
    Karl versuchte sich seinerzeit daran an das römische Reich anzuknüpfen und die Annahme des Kaisertitels, wie später auch die gesamte Theorie von der "Translatio Imperii" ja darauf rekurierten.
    Das und die Tatsache, dass auf seinem Wirken letztlich auch das Heilige Römische Reich in seiner losen Form, wie auch Frankreich entstanden, machte ihnn natürlich für die Erfüllung der nationalen Sehnsüchte des 19. Jahrhunderts weitgehend unbrauchbar.
    Das sieht mit Friedrich Barabarossa wiederrum völlig anders aus und das würde ich im wesentlichen 3 elementen zuschreiben:

    - Seinen Streitigkeiten mit dem Papsttum, die sich gerade von protestantisch-preußischer Seite, auch vor dem Hintergrund des sich anbahnenden Kulturkampfes mit den katholischen Teilen/Gruppierungen des Kaiserreichs, natürlich gut zur "nationalen Sache" stilisieren und umdeuten ließen.
    - Die Entmachtung Heinrichs des Löwen und die Teilung des Hzm. Sachsen, die sich naträglich natürlich als ein verdienst gegen die machtpolitische Zersplitterung des Reiches deuten ließ. das mag einerseits paradox erscheinen, weil die territoriale Zersplitterung dadurch natürlich verstärkt wurde, andererseits war es ohne Frage ein Schritt zur Stärkung der kaiserlichen Zentralgewalt, was der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die ja im deutschen Raum bekanntlich vielfach mit der Kleinstaaterei haderte, natürlich imponieren konnte, zumal der Name seiner Gegner, der "Welfen" im Hinblick auf die Annexion des Kgr. Hannover durch Preußen 1867 und dem damit verbundenen Widerstand dagegen, zeitgenössisch durchaus Programm war.
    - Sein außenpolitisches Engagement im Hinblick auf den von ihm unternommenen Kreuzzug, war sicherlich auch dazu geeignet in einer vom Kolonialismus/Imperialismus begeisterten Zeit, mit einem einigermaßen festen glauben an eine europäisch-christliche "Mission Civilisatrice", gewisse Großmachts-Phantasien anzusprechen, mit denen sich die damaligen Rezipienten sicherlich gerne identifizierte.

    Das dürften jedenfalls wichtige Eckpunkte sein, die eine sehr positive Rezeption Friedrich Barbarossas gerade im Bezug auf das 19. Jahrhundert zu erklären helfen.
    Sicherlich haben auch andere mittelalterlicher Herrscher, wie Karl der Große oder Friedrich II großes geleistet. Aber eben auf Gebieten, die im 19. Jahrhundert nicht unbedingt en voge waren, so dass sie in dieser Zeit etwas unter den tisch fielen.
     
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  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Zumal dem "Franzosen" das Blutbad an der Aller übelgenommen wurde. Da waren die Nationalisten ambivalent, manche sahen ihn als "Deutschen" und wollten ihn den Franzosen wegnehmen, andere als "Franzosen".

    Das sah dann freilich einige Jahrzehnte später anders aus: in nationalsozialistischen Schulgeschichtsbüchern kann man lesen, dass es ein historischer Fehler gewesen sei, die Kraft des deutschen Volkstums nach Süden zu lenken, wo doch die historische Aufgabe der Deutschen im Osten läge. (Z. B. Walther Gehl)
     
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  5. Sunbeam

    Sunbeam Neues Mitglied

    Es ist erstaunlich, was ihr alles wisst, bzw verknüpfen könnt. Vergleiche z.B. "Annexion des Kgr. Hannover durch Preußen 1867".
    Es bleibt m.E. trotzdem verwunderlich warum z.B. nicht Otto der Große im 19.Jhd eine größere Rolle als etwa Barbarossa eingenommen hat.
     
  6. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Dann wäre zu hinterfragen, was an potentiell identitätsstiftenden Leistungen die Rezepienten im 19. Jahrhundert bei Otto hätten finden können?

    Sicherlich, die Schlacht auf dem Lechfeld und damit das sukzzessive Ende der magyarischen Übergriffe im Reich.
    Aber was noch?

    Es kam unter Otto zu Auseinandersetzungen mit elbslawischen Stämmen, die sicher in das geistige Paradigma des Kampfes von "Germanentum" und "Slawentum", das in den sozialdarwinistischen Phantasien des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine Rolle spielte, passte, allerdings auch eben nicht mit dem Ausgang einer dauerhaften Unterwerfung und Integration in den Reichsverband.

    Was würde aus der national-rezeptionistischen Perspektive des 19. Jahrhundert dagegen sprechen Otto zu einer entsprechenden Stilisierung zu verhelfen?


    Zunächst mal erneuerte und vertiefte er die alte karolingische Bindung an Rom.
    Das war seiner Zeit und im Sinne des Reichsverbands, sicherlich eine sinnvolle Maßnahme, nur waren die Hälfte der Rezepienten im deutschsprachigen Raum im 19. Jahrhundert einmal Protestanten, für die ein Zusammengehen mit Rom aus ihrer Perspektive heraus ein Sakrileg darstellen musste, wie der christliche Universalismus sowiso, wenn sie in welcher Schattierung auch immer deutsch-national eingestellt waren, zumal hier der Grundstein einer Politik mit begründet wurde, der in der Zukunft dafür sorgte, dass den Kaisern des Reiches daran gelegen sein musste, sich um der Erhalt der Kaiserwürde wegen mit ihren Ressourcen auch immer wieder in die italienischen Angelegenheiten einzumischen.
    Auch das war vom "mittelalterlichen" Standpunkt her logisch und sinnvoll, konnte aber national orientierten Interpreten natürlich auch Anlass/Vorwand geben, zu behaupten, dass dadurch der "deutsche" Kern des Reiches zu Gunsten der "italienischen" Peripherie vernachlässigt worden sei, was zu dessen Schwächung geführt habe.

    Auch der Sieg gegen über die Magyaren auf dem Lechfeld, weist aus konsequent nationaler Rezeptionsperspektive zwei nicht unerhebliche Schönheitsfehler auf:

    1. Es ist verschiedentlich versucht worden aus dem gemeinsamen Kampf der "deutschen Stämme" gegen die "Ungarn" eine Art geistige Nationsstiftung zu machen. Problematischer Weise kämpfte auf ostfränkischer Seite aber einmal auch ein Böhmisches Kontingent mit, dafür aber keine größeren Verbände aus Lothringen und Friesland.

    Wollte man nun also aus den Einfällen der Magyaren eine akute Gefahr für den Reichsverband an sich machen, müsste man hier konstatieren, dass die "nichtdeutschen" Böhmen, sich in der Verteidigung des Reiches mehr hervortaten, als die "Deutschen" aus dem Rheinland und von der Nordsee.
    Bei Lichte betrachtet keine allzu geeignete Vorlage für eine nationalistische Lesart. Außerdem müsste man sich dann mit dem Faktum abfinden, dass der "deutsche" König und das Reich so schwach waren, dass sie die "slawischen" Böhmen gegen ihre Feinde um Hilfe rufen mussten.
    Darf das aus deutsch-nationaler Perspektive sein?

    2. Durch den Sieg auf den Lechfeld und dessen Folgen ebbten zwar die magyarischen Einfälle in das Reich ab, gleichzeitig gelang es aber auch nicht, den Magyaren das vormals zum Reichsverband gehörige pannonische Fürstentum wieder zu entreißen und dem Reichsverband wieder anzugliedern.
    Der Einfluss des Reiches im Donau-Raum, wurde dadurch also nicht in seiner vorherigen Form wieder hergestellt. Insofern könnte man auch hier behaupten, wenn man eine solche Perspektive einnehmen wollte, dass es sich bei allem Pathos nur um einen halben Sieg handelte.

    3. Kommt noch erschwerend hinzu, dass wenn man das alte Reich und die Kaiser und Könige vor dem 11. Jahrhundert zu Galionsfiguren erhebt, man auch nicht umhinkommt, zuzugeben und hervorzuheben, dass die östlich der Elbe gelegenen Gebiete, eigentlich gar nicht dazu gehören, von den Gebieten östlich der Oder nicht zu reden.
    Das mochte für die Nationalsozialisten und ihre "Blut-und-Boden"-Ideologie verhältnismäßig unproblematisch sein, denn die gingen ja ohnehin davon aus, dass es historische Mission des deutschen Volkes sei den Osten zu erobern, zu kolonisieren und "einzudeutschen", mit welchen blutigen Mitteln auch immer.

    Für den kleindeutschen Nationalismus liberaler Prägung im 19. Jahrhundert mag das anders ausgesehen haben. Immerhin bedeutet es ja nichts anderes, als die Vereinigung Deutschlands unter Führung eines Staates, dessen Territorium en Gros erst ab dem frühen 2. Jahrtausend n. Chr. (zumal wenn man auch an Pommern und Schlesien denkt) oder überhaupt nie (restliches Ostelbien) zum Reichsverband gehörte und dessen Bevölkerung die "deutsche" Kultur nur allmählich übernommen hatte (oder eben überhaupt nicht einheitlich, siehe Oberschlesien, Posen, Masuren, das Memelgebiet, die Kaschubei und den Netzedistrikt) unter gleichzeitiger Hinausdrängung, des schon viel länger zum Reichsverband gehörenden österreichischen Territorium.
    Ich würde mal meinen, dass der Blick auf die Landkarte des 10. Jahrhunderts und die Grenzen des Reichsverbandes für den Anspruch eines brandenburgisch-preußischen Monarchen auf einen deutschen Kaisertitel im kleindeutschen Sinne und den preußischen Führungsanspruch in Deutschland, in legitimatorischer Sichtweise pures Gift gewesen wäre.
    Denn wenn man sich herausgenommen hätte, dass Reich Ottos und ihn selbst als Kaiser im Sinne eines nationalen Projektes zu glorifizieren, hätte man damit geistig Preußen, das heutige Sachsen und Mecklenburg aus dem Reich und damit der Nation hochkant herausgeworfen, ausgebürgert sozusagen und sich dafür die Slawen in Böhmen und dem römischen Katholizismus hineingeholt.
    Natürlich hätte man auch darauf, man vergleiche das mit der Schweiz, eine Art nationales Projekt aufbauen können. Aber dann allenfalls im Sinne einer auf einer Art Verfassungspatriotismus basierenden Nationsidee und nicht an Hand ethnischer, sprachlicher und konfessioneller Kriterien.
     
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